Quelle: Blätter 1973 Heft 09 (September)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       INTERVIEW MIT THOMAS MACGIOLLA, PRÄSIDENT DER SINN-FEIN PARTEI *)
       =================================================================
       
       (Wortlaut)
       
       Auch nach  den Wahlen vom 28. Juni 1973, mit denen das Pazifizie-
       rungsprogramm des  britischen Weißbuchs  für  Nordirland  in  ein
       neues Stadium getreten ist, kommt es immer wieder zu offenen Aus-
       brüchen des Konflikts. Im Unterschied zur herrschenden Übung hal-
       ten wir  es für  unerläßlich, über  den Standpunkt der Opposition
       gegen die  britische Irland-Politik  zu informieren.  (Vgl.  auch
       Cathal Goulding,  Entwicklung und Ziele der Irish Republicon Army
       (IRA), in:  "Blätter" 4/73,  S. 415-427.) Das nachstehende Inter-
       view mit dem Vorsitzenden von Sinn Fein, der der Official IRA na-
       hestehenden irischen  Partei, wurde im August d.J. von Vertretern
       des Büros  für Internationale  Beziehungen des  "Irish Republicon
       Movement" geführt. Antonias Lind übersetzte das Interview für die
       "Blätter". D. Red.
       
       Frage: Mr. MacGiolla,  können Sie  die gegenwärtige  Situation in
       Nordirland in  bezug auf die Lösung nach Großbritanniens Weißbuch
       kommentieren?
       Antwort: Während der vergangenen zwei Jahre haben wir uns bemüht,
       zu umreißen,  was die  britische Regierung wohl genau als politi-
       sche Lösung  der Lage  im Norden  im  Sinne  hatte.  Schrittweise
       stellt es  sich nun heraus, daß die Dinge sich entsprechend unse-
       ren Gedankengängen  entwickeln. Ein  Gesichtspunkt, den  wir  als
       sehr bedeutsam  herausgestellt hatten,  war der,  daß schon bevor
       die Bürgerrechtsbewegung begann oder bevor irgendwelche Unruhe im
       Norden entstand, Großbritannien bereits entschieden hatte, daß es
       für eine  neue Struktur  in Irland  an der Zeit sei. Irlands Ver-
       hältnis zu Großbritannien sollte geändert werden.
       Sinn Fein  wies damals  darauf hin, daß Großbritannien eine voll-
       ständige wirtschaftliche  Integration zwischen  sowohl Nord-  wie
       Südirland und  Großbritannien im Sinn hatte und ebenso eine poli-
       tische Struktur  etwa ähnlich einer bundesstaatlichen Lösung, mit
       einer Bundesregierung in London und ihr unterstellten Regierungen
       in Belfast  und Dublin.  Als jedoch  der Bürderrechtskampf begann
       und die  gesamte unionistische Struktur im Norden zerbrach, mußte
       England seine  Absichten etwas  revidieren. Das  im letzten  März
       veröffentlichte Weißbuch  enthüllte ganz  offensichtlich, daß  es
       englische Absicht  war, die  "gemäßigten" mittelständischen  Ele-
       mente im  Norden sowohl auf katholischer wie auf protestantischer
       Seite zu  stärken, damit  sie die politische Lage fest unter ihre
       Kontrolle bekämen.  Danach würde  England zu einem späteren Zeit-
       punkt seine Truppen zurückziehen können und eine Lage ähnlich der
       im Süden schaffen, wo es keine britischen Truppen, wohl aber eine
       britische Marionettenregierung  gibt, die  immer bereit ist, iri-
       sche Truppen  und irische  Polizei einzusetzen,  um die britische
       imperialistische Politik in Irland durchzusetzen. Das ist für sie
       eine ideale  Situation und  das ist die Lösung, die im Norden als
       Ergebnis entsprechend  dem Weißbuch  angesteuert wird.  Das jetzt
       gewählte Parlament  spiegelt die  Aufsplitterung der  Unionisten-
       Partei in zwei, möglicherweise in drei verschiedene Gruppierungen
       wider. Es entstehen jedoch nun Schwierigkeiten, sowohl für unsere
       Position wie  auch für die britische, weil es sich um eine grund-
       legend reaktionäre  Struktur handelt.  Die meisten,  die  gewählt
       wurden, sind  überhaupt nicht  repräsentativ  für  die  Arbeiter-
       klasse.
       Frage: Können Sie eine Stellungnahme abgeben über die neue Regie-
       rung in  Südirland, die  eine Koalition zwischen Labourpartei und
       Fine Gael ist?
       Antwort: Die Vertretung  der Labourpartei  in der  neuen Dubliner
       Regierung befindet sich in einer schwachen Position. In Wirklich-
       keit ist  es keine Koalitionsregierung. Es ist eine Fine-Gael-Re-
       gierung nach  Cosgrave-Muster, hart  und reaktionär,  nur mit der
       Unterstützung durch  die Labourpartei.  Um die  Unterstützung der
       Labourpartei zu  erhalten, bewilligte die Fine-Gael-Regierung re-
       lativ unbedeutende Konzessionen auf dem Gebiet von erhöhten Sozi-
       alleistungen im  Budget. Das ist aber auch alles, was die Labour-
       partei bekommen  wird. Unverzüglich danach wurde der Arbeitsmini-
       ster gezwungen,  einen gegen  die Arbeiterklasse  gerichteten Ge-
       setzentwurf einzubringen,  wonach das Recht der Arbeiter auf Ver-
       handlungen zwecks  Lohnerhöhungen drastisch  eingeschränkt werden
       soll. Damit wurde die Labourpartei in eine Anti-Haltung gegen die
       Arbeiterklasse gezwungen  und muß  die arbeiterfeindliche Politik
       der Fine-Gael-Partei unterstützen. Man sollte in diesem Zusammen-
       hang vermerken, daß diese selbe Regierung keinerlei Stellungnahme
       abgab, als  im vergangenen  Monat die  Profite der  Banken um 30%
       stiegen. Sie  trat nur  in Aktion,  als die Arbeiter aktiv wurden
       und sich  nach ihrem  Anteil an den gestiegenen Bank-Profiten er-
       kundigten.
       Diese Fine-Gael-Regierung,  welche mit  Hilfe der Labourpartei an
       der Macht gehalten wird, ist jedoch nicht nur gegen die Arbeiter-
       klasse eingestellt,  sondern sie  ist auch  noch  anti-republika-
       nisch, sie ist eine Regierung, die bereit ist, in noch viel enge-
       rer Kollaboration  mit der britischen imperialistischen Regierung
       zusammenzuarbeiten,  als  das  die  vorhergehende  Regierung  der
       Fianna-Fail getan  hatte. Die Aufgabe dieser Cosgraveschen Regie-
       rung besteht  nun im Hinblick auf den Norden darin, die britische
       Regierung in  jeder möglichen  Beziehung zu  unterstützen, um dem
       Norden die  britische Lösung  aufzuzwingen und um die Unionisten,
       die Republikaner  und die S.D.L.P. zu nötigen, sich irgendwie mit
       dieser Lösung abzufinden.
       Die Cosgrave'sche  Regierung ist  total an  die EWG  und  deshalb
       ebenso total  an eine  noch engere Zusammenarbeit mit Großbritan-
       nien in  der EWG  gebunden. In unserer Sicht ist die gegenwärtige
       Regierung noch weit gefährlicher als die vorangegangene. Dies hat
       sich bereits in stufenweisem Anwachsen von Repression gezeigt und
       in der Entschlossenheit der Regierung Cosgrave, alle Proteste von
       Republikanern, Sozialisten und auch der Labourbewegung, sowie der
       Gewerkschaftsbewegung, der  Arbeiter usw. gewaltsam zu unterdrüc-
       ken. Im  kommenden Jahr  dürfte diese Regierung zu wachsender Re-
       pression im Süden schreiten. Dies steht im Zusammenhang mit ihrer
       Kollaboration mit der wachsenden britischen Repression im Norden.
       Frage: Können Sie  uns spezifische  Beispiele dieser engen Zusam-
       menarbeit zwischen den Regierungen Südirlands und Großbritanniens
       geben?
       Antwort: In erster  Linie gibt  es heute weit größere Zusammenar-
       beit zwischen  den Polizeikräften im Norden und Süden, der briti-
       schen Armee und der des Freistaats, als es jemals zuvor, auch so-
       gar unter  der Regierung  Lynch, gegeben hat. Da gibt es das Bei-
       spiel der  britischen Armeepatrouille in Zivil, die in einem Lie-
       ferwagen mit  voller Bewaffnung  in die  Stadt Clones, Grafschaft
       Monaghan, kam,  auf südirischem Territorium von der Polizei ange-
       halten wurde  und nach einer Stunde mit ihrer gesamten Ausrüstung
       und dem  Fahrzeug über  die Grenze  zurückfahren durfte. Das sind
       jene Zivilisten,  die als  MRF-Gruppe der britischen Streitkräfte
       für zahlreiche  Morde an  Angehörigen der Bevölkerung verantwort-
       lich sind,  welche sie  bei Bemühungen, in Nordirland sektiereri-
       sche Strömungen  hervorzurufen, auf der Straße erschossen; offen-
       sichtlich kamen  sie in  den Süden,  um dort einen ihrer Mordauf-
       träge auszuführen. Es ist ebenfalls Tatsache, daß sie beabsichti-
       gen, das,  was sie "common law enforcement" nennen (etwa: "Durch-
       setzung der  allgemeinen Gesetze",  d. Übers.),  einzuführen  und
       damit die  Beschränkungen bezüglich der Auslieferung von Menschen
       von hier  nach Großbritannien  zu beseitigen.  Selbstverständlich
       bedeutet Auslieferung  von hier  nach  Großbritannien  eine  Aus-
       lieferung vom  Süden an den Norden Irlands, welchen die Regierung
       Cosgraves in Dublin als Teil Großbritanniens anerkennt.
       Der Kampf  gegen die Auslieferungen wird in den nächsten paar Mo-
       naten sehr  an Bedeutung  gewinnen. Wir haben da den Fall von Mi-
       chael Willis,  der eine  zehnjährige Strafe  verbüßte und aus dem
       Gefängnis in  Belfast nach  Dublin entfloh. Hier wurde er festge-
       nommen, und  er erwartet  nun ein  Gerichtsverfahren, in dem über
       seine Auslieferung an den Norden entschieden werden soll. Es gibt
       eine Anzahl von etwa sechs oder sieben weiteren Fällen von Perso-
       nen, die  ebenfalls im  Süden festgenommen  wurden und welche die
       Regierung an den Norden auszuliefern beabsichtigt.
       Es gibt  heute auch  eine viel engere Zusammenarbeit zwischen Mr.
       Cosgrave und  Mr. Heath, dem britischen Premierminister. Seit dem
       Amtsantritt von Mr. Cosgrave haben sie sich bereits bei zwei oder
       drei Gelegenheiten getroffen; es wird jetzt vermutet, daß die Du-
       bliner Regierung beabsichtigt, entweder Mr. Heath selbst oder ein
       Mitglied seines Kabinetts zu einem offiziellen Besuch nach Dublin
       einzuladen. Sollte das geschehen, so kann ich versichern, daß wir
       und jede  andere republikanische  und sozialistische  Gruppe  und
       Partei mit  Zähnen und  Klauen jeglichen  Besuchen von  Mr. Heath
       oder Vertretern seiner Regierung in Irland erbitterten Widerstand
       entgegensetzen werden.
       Die Regierung  Cosgraves versucht  dem irischen Volk die Überzeu-
       gung beizubringen, die britische Regierung sei eine faire und un-
       parteiische Regierung,  die selbstlos  versuche, eine  friedliche
       Lösung in  Nordirland zustandezubringen.  Mr. Cosgrave unternimmt
       den  Versuch,  Mr.  Heath  dabei  zu  unterstützen,  eine  solche
       "friedliche" Lösung zu erreichen. Jeder will Frieden, jedoch will
       Großbritannien seine  friedliche Lösung mittels eines Maximums an
       Krieg, maximaler  Gewaltanwendung und  eines Maximums an Mord und
       Totschlag, die  seit der  Einsetzung des  "direct rule"  ("unmit-
       telbare Regierung  des Landes  von London  aus", d. Übers.) durch
       die  Regierung   Heath  im   vorigen  März  zum  Alltagsleben  in
       Nordirland gehörten,  erzwingen. Sie  sind dabei, ihre Lösung mit
       Gewalt durchzusetzen,  um, wie  sie sagen, eine friedliche Lösung
       zu bewerkstelligen.  Dem stimmt Mr Cosgrave zu. Er stimmt der ma-
       ximalen Anwendung  von Gewalt  durch jede  Regierung zu, wenn da-
       durch die Angehörigen der Opposition unterdrückt werden.
       Frage: Sinn Fein  hat sehr  nachdrücklich gegen  den Beitritt zum
       Geneinsamen Markt gekämpft, und Sie führten vor einiger Zeit aus,
       daß die  EWG ein weiteres Beispiel der Kollaboration zwischen der
       südirischen Regierung  und Großbritannien  darstellt. Könnten Sie
       sich etwas  mehr dazu  äußern, was  seit dem Beitritt Irlands zum
       Gemeinsamen Markt geschehen ist und wie Sinn Fein die Probleme zu
       handhaben gedenkt,  die durch  den Gemeinsamen Markt für das Land
       entstanden sind?
       Antwort: Der Gemeinsame  Markt wurde  der Bevölkerung  Südirlands
       offeriert als  Basis großer  Vorteile, die  er der Gesamtheit der
       Landwirtschaft bringen  würde, nachdem sie über Jahrzehnte hinweg
       in Irland  unter wirtschaftlicher  Depression gelitten hatte. Die
       gemeinsame Agrarpolitik  der EWG  schien für  die Landwirte große
       Aussichten auf  Besserung zu  bieten, welche  sich, so  wurde be-
       hauptet, in größerem Wohlstand ringsum niederschlagen würde.
       Fünf oder sechs Monate nach dem EWG-Beitritt wird, sogar auch den
       Landwirten, offenbar,  daß dies  eine sehr  flüchtige Sache  sein
       wird.
       Sie haben bisher weitgehend von den erhöhten Preisen für ihre ge-
       samte Produktion  profitiert. Jetzt  sehen sie aber, daß die EWG-
       Kommission diese gemeinsame Agrarpolitik fallen lassen würde, so-
       bald sie erkennt, daß die Opposition der Landwirte überwunden ist
       und man  eine Politik  der billigen  Lebensmittel einführen kann,
       wie sie  Grundlage der  Politik der hochindustrialisierten Länder
       ist. Dieser  Prozeß hat  inzwischen bereits  begonnen, und  jetzt
       versuchen die  irischen Landwirte  in einem  heftigen Kampf,  die
       Fortsetzung der  gemeinsamen Agrarpolitik  für die Gesamtheit der
       EWG durchzusetzen.  Das wird  ihnen selbstverständlich mißlingen,
       weil die Mehrheit gegen sie steht und weil innerhalb eines Jahres
       diese gemeinsame Agrarpolitik kein wesentliches Thema des Gemein-
       samen Marktes  mehr sein wird. Wir glauben, daß dies außerordent-
       lich heftige  Reaktionen gegen  den  Gemeinsamen  Markt  auslösen
       wird; dieser  Prozeß hat  unter den kleinen Bauern bereits einge-
       setzt, zumal  sie Berichte  aus Dänemark über eine ähnliche Reak-
       tion gegen  den Beitritt hörten (eine kürzliche Umfrage zeigt ein
       spektakuläres Ansteigen  der Äußerungen  gegen die  EWG), und das
       zeigt wiederum  Auswirkungen bei  der gesamten  Landwirtschaft in
       Irland.
       In Hinsicht auf die Industriearbeiterschaft werden die wirklichen
       Gefahren und  Katastrophen erst  anfangen, da  das Einströmen von
       Waren -  die Zollschranken sind noch nicht herabgesetzt - weitere
       drei oder  vier Jahre  nicht aufhören  wird und dieser Warenstrom
       bereits eingesetzt  hat. Fabrikschließungen,  Einschränkungen der
       Produktion und  Entlassungen von Arbeitern haben bereits in einer
       Anzahl von Bezirken begonnen. Es scheint, daß dies zunehmen wird,
       und wir  glauben, daß  der Sachverhalt,  wie wir  ihn dem Volk im
       Verlauf der Auseinandersetzungen um die EWG vor Augen führten, in
       den nächsten  zwei bis drei Jahren ganz klar und noch offenkundi-
       ger werden wird.
       In Nordirland  gab es  infolge der  politischen Unruhen keine ir-
       gendwie geartete  Debatte über den Beitritt zur EWG. Die Leute im
       Norden ärgern  sich darüber  sehr. Dort ist ein weit größerer An-
       teil der  Bevölkerung gegen  die EWG  und das gesamte EWG-Konzept
       eingestellt als  im Süden.  Wenn die  Lage im  Norden sich wieder
       mehr politisch-orientiert entwickelt, statt in Form militärischer
       Konfrontationen wie  gegenwärtig, wird  sich die Debatte über die
       EWG, ihren  Wert und  ihre Nachteile für das Volk dort vermutlich
       intensivieren. Damit  werden die  Arbeiter im Norden und im Süden
       viel stärker in die Richtung politischer Aktionen kommen, die der
       britischen und der EWG-Politik diametral entgegenlaufen.
       Das Wachsen  multinationaler Konzerne  und ihr steigender Einfluß
       nicht allein  auf das  wirtschaftliche Leben, sondern auf den ge-
       samten sozialen Umkreis im Lande, verursacht immer größere Sorge.
       Die EWG  wird einen  einigenden Effekt  auf die  Linke haben - im
       Süden auf alle Arbeiterorganisationen in der gesamten Arbeiterbe-
       wegung und  im Norden  auf alle katholischen und protestantischen
       Arbeiter. Sie  werden die  gleichen Kämpfe auszutragen haben, sei
       es in  den Schiffswerften  von Belfast  oder irgendwo  unter  den
       Kleinbauern. Sie  werden alle,  im Norden und im Süden, den glei-
       chen Kampf gegen das EWG-Konzept zu führen haben.
       Frage: Wir möchten  uns wieder  der Situation im Norden zuwenden.
       Können Sie  über die  Provisionals, die 1969 von der Republikani-
       schen Bewegung  absplitterten, etwas  sagen, Sie fanden große Pu-
       blizität in der Presse, und in einer kürzlichen Erklärung verkün-
       deten die  Provisionals, daß  sie ihre Bomben-Kampagne fortsetzen
       wollen. Können  Sie uns sagen, wie sie entstanden und welche Wir-
       kung auf die Lage im Norden Sie ihnen zuschreiben?
       Antwort: Die Provisionals bildeten sich aus einer Gruppe von Leu-
       ten, die  sich Ende  1969 /  Anfang 1970 von unserer Organisation
       absplitterten. Im  wesentlichen sind es Leute, die sich gegen die
       sozialistische Politik  der Bewegung  gewandt hatten, den Bürger-
       rechtskampf ablehnten  und sich  als Militaristen aufführten. Sie
       hatten sich  im Gefolge der Verfolgungen im August 1969, als Häu-
       ser in  Brand gesteckt worden waren und Totschlagsfälle vorkamen,
       gebildet. Sie  nutzten die  höchst emotional  gespannte Lage  und
       bildeten eine  militaristische Gruppe,  die sie Provisional Repu-
       blican Movement  nannten. Die Provisionals wurden angeregt, viel-
       mehr sogar  angestiftet  und  unterstützt  durch  Mitglieder  der
       Fianna Fail Partei, die damals Geld und Waffen anboten, falls sie
       sich von unserer Bewegung trennten oder gar, als Alternative, un-
       sere Bewegung  übernehmen würden.  Man legte ihnen nahe, eine An-
       zahl von  Leuten in  der Führung  unserer Bewegung zu beseitigen,
       die sozialistische  Politik abzuschaffen und sich vollständig auf
       den bewaffneten  Kampf im  Norden zu konzentrieren. Man gab Geld,
       und tatsächlich  wurde über mehr als 70 000 Pfund aus Regierungs-
       mitteln, mithin Geld der Steuerzahler, niemals Rechenschaft abge-
       legt, wie  aus dem  berühmten Waffen-Prozeß  später im Jahre 1970
       hervorging. Die Absicht der südirischen Regierung war es, die re-
       publikanische Bewegung zu vernichten sowie zu versuchen, die Bür-
       gerrechtsbewegung in ihrem Kampf zu schlagen, ebenso die Soziali-
       sten, deren Kampf im Süden sich auszubreiten begann. Das Ergebnis
       war insofern erfolgreich, als die Provisionals die gesamte Situa-
       tion veränderten, indem sie den Massenkampf zunichtemachten.
       Während der  Jahre 1969  und 1970  war offenkundig, daß weder die
       britische Regierung  noch  alle  Unterdrückungs-Streitkräfte  des
       unionistischen Stormont-Regimes imstande waren, die Entschlossen-
       heit und  den Widerstand des Volkes zu brechen, das damals einmü-
       tig und einig war und genau wußte, was es wollte. Die Leute waren
       in jenen  Jahren nicht  nur imstande,  die richtigen  politischen
       Forderungen aufzustellen,  sondern ebenso,  ihre Wohngebiete  vor
       Angriffen durch  britische Streitkräfte oder die RUC zu verteidi-
       gen. Die  Leute bemannten  die Barrikaden, ohne sich mit Gewehren
       zu bewaffnen,  wodurch es den Streitkräften der Repression unmög-
       lich gemacht  wurde, Waffen gegen sie einzusetzen; aus dieser Pe-
       riode rührte  die starke  internationale Unterstützung des Volks-
       kampfes her.
       Sobald die Gruppe der Provisionals gegen Ende 1970 in Belfast an-
       fing, Schußwaffen  zu benutzen  und 1971 ihre Bomben-Kampagne be-
       gann, warfen  die britischen Streitkräfte ihre überlegene Bewaff-
       nung ins  Feld und  vertrieben mit Erfolg die Bevölkerung von den
       Straßen. Die Provisionals verschlimmerten dies, indem sie verkün-
       deten: "Wir  werden euch verteidigen. Es besteht keine Notwendig-
       keit dafür,  daß die  Menschen auf  die Straßen herauskommen. Wir
       werden die  Wohngebiete verteidigen."  Hierzu  waren  sie  jedoch
       nicht imstande.  Nur das  Volk selbst kann seine Wohngebiete ver-
       teidigen. Seither  hatte das Volk schwere Repression zu erdulden.
       Die britischen Truppen haben freie Hand, Häuser zu zerstören, die
       Menschen darin  zu mißhandeln  und Menschen in den Straßen zu tö-
       ten. Die  einst bestehende  Einigkeit des  Volkes war  inzwischen
       gründlich zerbrochen. Die britischen Streitkräfte hatten das Volk
       durch wachsende  Repressionen und  Brutalität in eine solche Hal-
       tung getrieben,  in der  es sich  nur noch nach Frieden sehnt und
       nach einem  Ende dessen, was sie die "sinnlose Schlächterei" nen-
       nen.
       Der Kampf im Norden erscheint den Menschen jetzt sinnlos. Es gibt
       keine allgemeine  Forderung, auf  die sie sich alle geeinigt hät-
       ten. Sie  sehen keine  unmittelbaren Erfolge  oder Siege. Während
       der Jahre  1968-69 und 1970 sahen sie einen Sieg nach dem anderen
       ihnen zufallen, einfach aufgrund ihrer Einigkeit, Stärke und Ent-
       schlossenheit. Sobald  diese aber  einmal gebrochen  war, gab  es
       nicht nur  keine Siege  mehr, sondern sie verloren darüber hinaus
       alles, was sie vorher gewonnen hatten.
       Der Bürgerrechts-Kampagne  war es mittels ihrer eigenen unbewaff-
       neten Aktion  gelungen, daß  die RUC  entwaffnet wurde. Jetzt ist
       die RUC  noch viel stärker bewaffnet, als sie es jemals im Norden
       war. Es  war der Bürgerrechtsbewegung gelungen, die Auflösung der
       berüchtigten, fanatischen  "B-Specials" zu  bewirken. Jetzt  sind
       diese unter neuem Namen reorganisiert worden, der UDR (Ulster De-
       fence Regiment  - Ulster Verteidigungs-Regiment, d. Übers.), wie-
       der voll bewaffnet, wieder mit dem gleichen sektiererischen Fana-
       tismus erfüllt.  Jeglicher Anschein von Demokratie ist vernichtet
       worden. Die  Lage ist  jetzt so,  daß keine örtliche Behörde auch
       nur irgendwelche  Macht besitzt. Jegliche Macht ruht bei Mr. Whi-
       telaw, der  der Agent  der britischen Regierung in Irland ist. Er
       ist ein totaler und umfassender Diktator. Das Parlament tritt zu-
       sammen, wenn  er es  zusammenruft. Es ernennt einen Beamten, wenn
       er es  anordnet. Es  führt die  Befehle aus, die er gibt. Es gibt
       keine Bürgerrechte.  Das Volk  ist in  einer schlimmeren Lage als
       vor dem  Beginn der  großen Bürgerrechtsbewegung,  und  praktisch
       geht all dies auf die Möglichkeiten zurück, die die britische Re-
       gierung durch  die Bewegung  der Provisionals, mit der Unterstüt-
       zung seitens der Fianna-Fail-Regierung im Süden, erhielt.
       Frage: Mr. MacGiolla, können Sie uns sagen, was Sinn Fein ist und
       welche Pläne Sinn Fein hat.
       Antwort: Unser Ziel  ist es,  den britischen Imperialismus in Ir-
       land zu  stürzen und  in ganz Irland eine sozialistische Republik
       zu errichten.  Der britische  Imperialismus bedeutet ja viel mehr
       als nur  die Anwesenheit  britischer Truppen. Der britische Impe-
       rialismus ist im Süden Irlands ebenso zügellos wie im Norden. Wir
       befinden uns  in Wirklichkeit  in der  Kategorie eines Landes der
       Dritten Welt,  nur eben mitten im Herzen des hochindustrialisier-
       ten westeuropäischen Gebiets.
       Unsere Absicht  ist es,  das Volk an den verschiedenen Fronten zu
       einigen, um  den britischen  Imperialismus im Norden und Süden zu
       stürzen. Wenn  ich verschiedene Fronten sage, so meine ich sowohl
       die soziale  wie die ökonomische Front, die politische Front, die
       kulturellen Fronten und die militärische Front. Wie ich zu Beginn
       schon ausführte,  ist die  britische Regierung  durchaus gewillt,
       ihre  Truppen   zurückzuziehen,  sobald  sie  erreicht,  daß  die
       "korrekten" politischen  Verhältnisse in Irland durchgesetzt wer-
       den. Sie  hat dies vor fünfzig Jahren im Süden Irlands getan, in-
       dem in Dublin eine Marionettenregierung eingesetzt wurde, die ih-
       rem Willen  seither unentwegt  vollständig unterwürfig war und es
       dem britischen  Imperialismus erlaubte,  Leben und  Schicksal des
       irischen Volkes  zu kontrollieren. Erhielte Großbritannien ähnli-
       che Verhältnisse  im Norden, so gäbe es keinen Grund, seine Trup-
       pen nicht abzuziehen. Tatsächlich würde es dies mit Rücksicht auf
       seine Stellung  in der  EWG zum gegenwärtigen Zeitpunkt gern tun.
       London würde  es politisch zweifellos für wünschenswerter halten,
       nicht eine  solch direkte koloniale Situation in Irland zu haben.
       Großbritannien beabsichtigt  jedoch, seine vollständige Kontrolle
       der Wirtschaft  sowohl im  Norden wie im Süden aufrechtzuerhalten
       und das  Volk zu  britischem Nutzen auszubeuten. Dies ist die Ab-
       sicht des britischen Imperialismus, und dies ist die Absicht, die
       wir bekämpfen und überwinden müssen.
       Sinn Fein  will das  Volk im Lauf des Kampfes gegen die britische
       physische Anwesenheit  einigen, um  fortzufahren, den Kampf gegen
       die britische  ökonomische Anwesenheit  und die  totale britische
       Ausbeutung durchzusetzen. Wenn wir von Freiheit reden, meinen wir
       die totale  Freiheit des irischen Volkes und seine volle Souverä-
       nität, Eigentum und Kontrolle des Reichtums dieses Landes für die
       Menschen der Arbeiterklasse zurückzugewinnen. Dies wurde deutlich
       von James  Connolly in  der Proklamation der Irischen Republik im
       Jahre 1916 gefordert, als er als Recht des Volkes von Irland ver-
       kündete, sein  Eigentumsrecht an  Irland und seine Kontrolle über
       das irische Schicksal sei souverän und unveräußerlich.
       Sinn Fein  will die britische politische, militärische und ökono-
       mische Kontrolle über dieses Land stürzen. Wir wollen den Kapita-
       lismus stürzen  und eine  sozialistische Republik  errichten. Die
       britische militärische  Präsenz ist  ein wesentliches Merkmal der
       augenblicklichen Lage, und wir glauben, daß internationale Unter-
       stützung der Forderung nach Abzug der britischen Truppen aus Nor-
       dirland in hohem Maße helfen würde, den Kampf voranzutreiben. Wir
       glauben, daß  dies viel weiter fortgesetzt werden muß, daß es vom
       irischen Volk  nicht als ein Ende, sondern als ein Beginn des ei-
       gentlichen Kampfes  um eine vollständige Niederlage Großbritanni-
       ens in  Irland angesehen werden muß, ein Ende der britischen Aus-
       beutung, der  britischen imperialistischen  Interessen ebenso wie
       der Interessen  der multinationalen Konzerne. Nur auf diese Weise
       können der  Wohlstand und  die Produktionsmittel,  die Verteilung
       und der  Austausch der Güter fest in die Hand der irischen Arbei-
       ter gelegt werden.
       
       _____
       *) Erläuterungen (Namen  und Abkürzungen):  Fianna Fall = irische
       Partei, die  die vorige  Regierung in  Südirland stellte.  - Fine
       Gael =  ultrakonservative Partei,  führend in der derzeitigen Ko-
       alitionsregierung in  Südirland. -  Liam Cosgrave  =  derzeitiger
       Premierminister in  Südirland (kons.).  - Jack Lynch = der vorige
       Premierminister Südirlands. - SDLP = Social Democratic und Labour
       Party. -  RUC =  Royal  Ulster  Constabulary  (Polizeikräfte).  -
       B-Sperials =  sektiererisch eingestellte Polizei Reservekräfte. -
       UDR = Ulster-Defense Regiment. - MRF = Mititary Reactive Force. -
       Stormont = nordirisches Parlament.
       

       zurück