Quelle: Blätter 1973 Heft 11 (November)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       APPELL DES WELTKONGRESSES DER FRIEDENSKRÄFTE IN MOSKAU
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       VOM 31. OKTOBER 1973
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       (Wortlaut)
       
       Vom 25.  bis 31. Oktober 1973 tagte in Moskau der Weltkongreß der
       Friedenskräfte, über  dessen Vorbereitung  die "Blätter"  in Heft
       4/1973 berichteten  (S. 348  ff. und  S. 442 ff., Dokumente). Der
       Kongreß, an dessen 14 Arbeitsgruppen sich über 3000 Vertreter von
       internationalen Organisationen,  von Gewerkschaften  und  politi-
       schen Parteien  der verschiedenen  Richtungen, Parlamentarier und
       Wissenschaftler aus  143 Ländern  beteiligten, beschloß in seiner
       Abschlußsitzung am  31. Oktober 1973 den nachstehenden Appell. D.
       Red.
       
       Wir, die  Teilnehmer des  Weltkongresses der  Friedenskräfte, die
       wir in  Moskau versammelt sind, rufen alle Männer und Frauen auf,
       sich zu  vereinen in ihrem Bemühen, einen gerechten und dauerhaf-
       ten Frieden auf der Erde zu sichern.
       Unser Appell  ist das  Ergebnis von  Überlegungen und  Beratungen
       über den Weg zu dauerhaftem Frieden. Mögen sich unsere Auffassun-
       gen auch in vielem unterscheiden,
       so sind  wir uns  doch alle  in dem  wichtigsten Punkt einig: der
       Notwendigkeit, den  Krieg aus  der menschlichen  Gesellschaft  zu
       verbannen, jedem  Volk das  Recht zu  sichern, frei seinen Weg zu
       wählen, und  die großen  Errungenschaften  der  Wissenschaft  und
       Technik in den Dienst des sozialen Fortschritts zu stellen.
       Die internationale  politische Atmosphäre  hat sich, dank der Er-
       folge der Friedenskräfte, in der letzten Zeit zu klären begonnen.
       Der kostspielige  und bedrückende Kalte Krieg beginnt in den Hin-
       tergrund zu treten. Es besteht jetzt die begründete Hoffnung, daß
       die jetzige  und künftige Generationen für immer von dem Alpdruck
       einer nuklearen Katastrophe befreit werden können. Die Verhärtung
       und  Konfrontation   in  den   internationalen  Beziehungen  wird
       schrittweise einer  friedlichen Zusammenarbeit  zum gegenseitigen
       Vorteil und  einem größeren  Vertrauen zwischen  den Staaten wei-
       chen.
       Viel ist  erreicht worden. Aber bei weitem noch nicht alles. Noch
       gibt es Gebiete in der Welt, in denen die Spannungen unvermindert
       anhalten, in denen für die gesamte Menschheit gefahrvolle Aggres-
       sionsherde noch  nicht beseitigt  worden sind. Während die Grund-
       lage für  Beziehungen der friedlichen Koexistenz zwischen Staaten
       unterschiedlicher Gesellschaftsordnung geschaffen wird, sind noch
       immer diejenigen am Werk, die das bereits Aufgebaute niederreißen
       und die  Welt in  das Zeitalter  des Kalten  Krieges zurückzerren
       möchten. Noch  ist das  Wettrüsten nicht  gestoppt. Noch sind die
       Atombomben nicht vernichtet. Noch wächst das Militärbudget vieler
       Länder. Noch sind die Militärblöcke nicht abgelöst.
       Noch halten  die Kräfte des Imperialismus, der Aggression und der
       Reaktion die  letzten Bollwerke des Kolonialismus. Sie organisie-
       ren faschistische  Putsche. Sie  säen Zwietracht  und Feindschaft
       unter den Völkern. Solange es noch einen Fußbreit Boden gibt, auf
       dem Blut vergossen und Aggressionen begangen werden, solange noch
       einem Volk  das Recht  auf Entscheidung über das eigene Schicksal
       vorenthalten wird, solange es noch faschistische und rassistische
       Regime gibt,  die den demokratischen Willen des Volkes unterdrüc-
       ken -  solange kann das Gewissen der Menschheit nicht ruhig blei-
       ben, steht das Gebäude des Friedens nicht auf sicherem Fundament.
       Die Völker der Welt dürfen nicht länger eine Situation dulden, in
       der ein  riesiger Teil  der Ressourcen der Welt für die Vorberei-
       tung eines  weiteren Krieges verwendet wird. Sie müssen sich wei-
       gern, die ständige Gefahr einer Vernichtung durch Krieg hinzuneh-
       men. Der Krieg ist nicht unvermeidlich, aber der Frieden gerät in
       Gefahr, wenn  es uns nicht gelingt, die Ungerechtigkeit zu besei-
       tigen, die  vierzig Prozent der Weltbevölkerung dazu verdammt, am
       Rande des Hungertodes und in entwürdigenden ökonomischen Verhält-
       nissen zu  leben. Die  Weltausgaben für militärische Zwecke über-
       steigen die Ausgaben für das Gesundheitswesen um das Zweieinhalb-
       fache und die Ausgaben für Bildungszwecke um das Eineinhalbfache.
       In großen Gebieten Afrikas und anderen Teilen der Welt werden die
       Menschen durch  Rassendiskriminierung und Kolonialismus zum Skla-
       vendasein verdammt.  Demokratisch gewählte Regierungen werden ge-
       stürzt oder eingeschüchtert, multinationale Gesellschaften bedro-
       hen die  wirtschaftliche Unabhängigkeit  schwächerer Staaten  und
       hemmen deren Entwicklung.
       In vielen  Ländern werden  die Menschenrechte mißachtet, Menschen
       werden ihrer politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen
       und Bürgerrechte  beraubt. Während  Lippenbekenntnisse  über  die
       Gleichberechtigung der  Frau geleistet  werden,  werden  ihr  oft
       keine realen  Möglichkeiten dazu eingeräumt. Auf nationaler Ebene
       genießen Arbeiter  oft unzureichenden Schutz. Auf internationaler
       Ebene muß  zum besseren  Schutz der  Menschenrechte ein wirksamer
       Apparat vorgesehen  werden, und es sind Anstrengungen zur Gewähr-
       leistung der  Ratifizierung und  Durchsetzung der Menschenrechts-
       konventionen zu unternehmen.
       Schwere Verbrechen  gegen die  Menschlichkeit, die schwer auf dem
       Gewissen der  Menschheit lasten, wurden in den letzten Jahren und
       sogar in  den letzten  Wochen begangen.  Aggressionen und grauen-
       hafte Massaker  fanden und finden nach wie vor statt. Völkermord,
       Zerstörung der Umwelt, Foltern von Gefangenen und der Einsatz von
       wahllos tötenden Waffen wie Napalm und Splitterbomben sind leider
       in manchen  Teilen der  Welt an der Tagesordnung, und jeder kennt
       nur zu  gut die schlimmsten Fälle. Wir dürfen niemals dulden, daß
       das durch diese Ereignisse hervorgerufene Gefühl des Abscheus und
       der Empörung dadurch abgestumpft wird, daß solche Verbrechen all-
       täglich geworden  sind. Die  Verbrechen gegen  die Menschlichkeit
       müssen als solche gekennzeichnet und geächtet werden.
       Der Weltkongreß  der Friedenskräfte stellt die Antwort der einfa-
       chen Menschen  der Welt  auf diese Gefahren und Ungerechtigkeiten
       dar. Er ruft zu neuen Anstrengungen auf, um zu gewährleisten, daß
       das vorhandene  Wissen, das Arbeitspotential und der Reichtum der
       Menschheit zum  Wohl der  Menschen und  nicht zur Zerstörung oder
       Versklavung menschlicher Wesen verwendet wird.
       Gemeinsam fordern wir, die Völker:
       - Die Anerkennung und Durchsetzung der Prinzipien der friedlichen
       Koexistenz in Einklang mit der internationalen Sicherheit und auf
       der Grundlage  gegenseitig vorteilhafter  internationaler  Zusam-
       menarbeit zwischen  den Staaten  auf allen Gebieten, der territo-
       rialen Integrität,  nationaler Unabhängigkeit,  Souveränität, der
       Gleichberechtigung aller Staaten, der Nichteinmischung in die in-
       neren Angelegenheiten  und des Verzichts auf Androhung und Anwen-
       dung von Gewalt.
       - Die Beseitigung von Rassismus, Kolonialismus und Neokolonialis-
       mus in allen ihren Formen.
       - Allgemeine und  vollständige Abrüstung, Auflösung aller militä-
       rischen Stützpunkte und Abzug aller ausländischen Truppen, Besei-
       tigung aller militärischen Bündnisse.
       - Abschluß einer  internationalen Konvention, die den Einsatz von
       nuklearen Waffen,  ihre Herstellung,  Erprobung und Lagerung ver-
       bietet.
       - Die Beendigung  aller Formen der Aggression und die Einstellung
       aller Versuche,  sich das  Territorium anderer  Staaten gewaltsam
       einzuverleiben.
       - Die Anwendung der bisher für kriegerische Zwecke benutzten Res-
       sourcen zur Beseitigung von Armut, Unwissenheit und Krankheit und
       zur Schaffung  besserer Bildungsmöglichkeiten,  besserer  Gesund-
       heits- und sozialer Einrichtungen.
       - Die  Beseitigung  von  Ungerechtigkeiten  und  einen  wirksamen
       Schutz der Menschenrechte.
       - Das Recht  aller Völker,  selbst über  ihre Naturreichtümer  zu
       verfügen und  nach eigenem  Ermessen soziale  und wirtschaftliche
       Reformen durchzuführen.
       - Die Durchsetzung  der UN-Beschlüsse  ist für  die Sicherung von
       Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit erforderlich.
       Diese Forderungen  stehen im Einklang mit den Prinzipien der UNO-
       Charta, den  Prinzipien der Bandung-Konferenz und der Konferenzen
       der nichtpaktgebundenen  Staaten sowie  jenen Prinzipien,  die in
       den verschiedenen  Abkommen und  Erklärungen  zur  Erhaltung  des
       Friedens niedergelegt  sind, die  jüngst führende  Repräsentanten
       von Staaten  unterschiedlicher Gesellschaftsordnung unterzeichnet
       haben.
       Zu diesem Zweck müssen die nationalen und internationalen Organi-
       sationen ihre Bemühungen koordinieren und die Weltmeinung als ein
       wirksames Instrument  für den Frieden mobilisieren. Die Bildungs-
       politik muß  speziell auf  die Erreichung dieser Ziele orientiert
       werden.
       Wir rufen  die internationale  Gemeinschaft auf,  Standpunkte des
       Kalten Krieges  aufzugeben und - wie es in der UNO-Charta heißt -
       "Toleranz zu üben und als gute Nachbarn miteinander in Frieden zu
       leben".
       Wir sind  entschlossen, unsere  und kommende Generationen von der
       Geißel des Krieges zu befreien, und wir bekräftigen unseren Glau-
       ben an  die Menschenrechte  und den Fortschritt auf allen Ebenen.
       Auf dieser  Grundlage kann das Gebäude des Friedens durch die Be-
       mühungen eines  jeden Mannes  und einer jeden Frau errichtet wer-
       den.
       All jenen, denen der Friede teuer ist, rufen wir zu, daß Vernunft
       und Vertrauen  in die Welt einziehen müssen. Sie können Wirklich-
       keit werden. Das hängt von einem jeden von uns ab.
       

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