Quelle: Blätter 1973 Heft 11 (November)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       APPELL DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI CHILES AN DAS CHILENISCHE VOLK
       ================================================================
       VOM 11. OKTOBER 1973
       ====================
       
       (Wortlaut)
       
       Der Militärputsch  vom 11. September verbreitete im Land eine At-
       mosphäre des  Terrors und  der Brutalität,  die in der Geschichte
       unseres Landes  ohnegleichen ist.  Es gibt  weder in unserem Land
       noch in  Lateinamerika ein  Beispiel für  die Hartnäckigkeit  und
       Grausamkeit, mit  der die gesamte demokratische Bewegung und ins-
       besondere die  Arbeiterbewegung unterdrückt  wurden. Das  einzige
       Beispiel, mit  dem man sie vergleichen könnte, wäre das Massaker,
       das mit dem Staatsstreich in Indonesien im Jahre 1965 eingeleitet
       wurde.
       Jede Maßnahme  der Militärjunta  steht in direktem Widerspruch zu
       all dem, was die Volksregierung vertrat. Sie sprachen von der De-
       mokratie und errichteten die Diktatur.
       Sie sprachen  von Freiheit  und errichteten  Konzentrationslager.
       Sie sprachen von der Achtung der Persönlichkeit und machten stan-
       desrechtliche Erschießungen  zu ihrem  täglichen Brot.  Sie gaben
       sich als  Verfechter des  Pluralismus und der Autonomie der Hoch-
       schulen aus, um sie zu militarisieren.
       Kurz gesagt,  es wurde  in unserem  Land eine Militärdiktatur er-
       richtet, die die Spur der Verbrechen und der Ausschreitungen hin-
       ter sich  läßt, wie  sie solchen Regimen eigen sind. Der Plan für
       den Putsch,  seine Ausführung und die bestialischen Methoden, die
       er anwendet, wurden im Ausland erdacht. Sie entstanden in den Bü-
       ros der  CIA in  direktem Zusammenwirken  mit International Tele-
       graph and Telephone und Kennecott.
       Zur Verwirklichung  dieses Planes wurde im Pentagon und im Weißen
       Haus sogar eine spezielle Arbeitsgruppe gegründet.
       Die faschistische Junta läßt sich nicht von dem geringsten natio-
       nalen oder  patriotischen Interesse leiten. Sie ist von Grund auf
       antipatriotisch und  gegen die  Interessen Chiles als einer unab-
       hängigen Nation  gerichtet. Sie  arbeitet wie  ein faschistischer
       Arm im Dienste des Imperialismus und der inneren Reaktion.
       Noch am  gleichen Tage  des Putsches  wurde vor den Küsten Chiles
       die "Operation  Unitas"  in  Anwesenheit  von  nordamerikanischen
       Schiffen und  Flugzeugen durchgeführt.  Die Militärjunta hat kurz
       nach ihrer  Konstituierung  den  Ausnahmezustand  ausgerufen  und
       stützte sich  dabei auf  die Verfassung  und das  Parlament. Kurz
       darauf erklärte  sie den Rücktritt des Kongresses, bis ein "neuer
       Befehl" erteilt  würde. Dieser  ließ nicht lange auf sich warten.
       Beide Abgeordnetenkammern  wurden geschlossen  und das Mandat von
       Senatoren und Abgeordneten für beendet erklärt. Jene, die bis ge-
       stern -  ganz gleich,  ob es angebracht war oder nicht - lauthals
       verkündeten, daß  sie die legislative Gewalt verteidigten, berie-
       fen sich  diesmal nicht  im geringsten  darauf. Das trifft zu auf
       Herrn Frei,  den Senatspräsidenten,  und Herrn Pareto, den Präsi-
       denten der  Abgeordnetenkammer, die  den  Gewaltstreich  gehorsam
       hinnahmen.
       Am 24.  September kündigte  die Junta die Auflösung der örtlichen
       Verwaltungen an, die - ebenso wie das Parlament - von den Bürgern
       gewählt worden waren. Die Städte- und Gemeinderäte werden nun von
       ihr "gewählt".
       Danach faßte  sie den Beschluß, ausnahmslos Militärs zu Universi-
       tätsrektoren zu ernennen. Ebenso verfügte sie, alle marxistischen
       Professoren aus der Hochschulbildung zu entfernen und den Marxis-
       mus an  den Universitäten zu verbieten. Die Universitätsautonomie
       hat aufgehört  zu existieren. An ihre Stelle ist die Razzia rein-
       sten faschistischen Stils getreten.
       Alle öffentlichen  Freiheiten wurden  liquidiert. Es  gibt  keine
       Versammlungs-,  keine  Vereinigungs-  und  keine  mündliche  oder
       schriftliche Meinungsfreiheit.
       Die Strafoperationen  haben einen unglaublichen Grad der Brutali-
       tät erreicht.  Zivile Ortschaften,  vor allem die Wohnviertel des
       Volkes, wurden  jeder Art  von Schikanen ausgesetzt, die auch die
       Unbeteiligtesten in Wut geraten lassen. Häuser wurden überfallen,
       Menschen geschlagen  und haufenweise Bücher verbrannt, als befän-
       den wir  uns mitten in Hitlerdeutschland. Die Erschießungen gehen
       bereits in die Hunderte.
       Der Ausnahmezustand  wurde jetzt durch ein weiteres willkürliches
       Dekret ergänzt,  das den  Freibrief für  die Todesstrafe erteilt.
       Das Recht  auf Forderungen  und Streik  der  Arbeiter  ist  abge-
       schafft. Die  Versprechungen der Militärjunta, keine Repressalien
       anzuwenden, wurden  nicht im  geringsten eingehalten. Die Verfol-
       gung von Mitgliedern aller linksgerichteten Parteien, von Gewerk-
       schaftsführern und einfachen Arbeitern, von denen viele politisch
       nicht organisiert  sind, ist  an der  Tagesordnung. Tausende  und
       aber Tausende chilenische Patrioten, angefangen von einfachen Ar-
       beitern bis  zu bekannten Persönlichkeiten wie dem Nationalpreis-
       träger für  Wissenschaften von 1973, Dr. Asenjo, wurden von ihren
       Arbeitsplätzen vertrieben, nur weil sie das "Verbrechen" begangen
       haben, fortschrittliche  Ideen zu  verteidigen oder  mit ihnen zu
       sympathisieren. Die Hexenjagd läuft auf vollen Touren. Über zehn-
       tausend Chilenen sind in wahrhaften Konzentrationslagern - im Na-
       tionalstadion oder  auf fernen  Inseln - eingeschlossen oder ver-
       bannt.
       In der  Außenpolitik ist  eine Wende um 180 Grad eingetreten, der
       in Chile  vorher nie  gekannte Tatsachen vorangingen, wie der be-
       waffnete Angriff  auf den Sitz der kubanischen Botschaft und eine
       Reihe von  Provokationen gegen  sowjetische, kubanische und deut-
       sche Schiffe und deren Besatzungen, gegen Techniker und Speziali-
       sten aus  diesen Ländern  und gegen  das technische Personal, das
       sie in ihren diplomatischen Vertretungen hatten. Hinzu kommt, daß
       eine chauvinistische  Hysterie gegen ausländische Bürger entfacht
       wurde, von  denen viele qualifizierte Fachkräfte sind, die an der
       Lösung der chilenischen Probleme mitarbeiteten, und gegen im Exil
       lebende Bürger,  die im  Einklang mit  unseren Gesetzen  im Lande
       lebten oder  sich in  einigen Fällen  auf Bitten  der Regierungen
       Brasiliens oder  Uruguays -  da sie  im Austausch gegen bestimmte
       entführte Personen in Freiheit gesetzt wurden - im Lande aufhiel-
       ten.
       Was sagt  die Christ-Demokratie  angesichts dieser Tatsachen, die
       die Herrschaft  einer Diktatur  faschistischen Typs kennzeichnen?
       Wo ist  ihre frühere  Haltung gegen jeden antidemokratischen Aus-
       weg? Was  ist mit  ihrer Konzeption vom ideologischen und politi-
       schen Pluralismus geschehen?
       Uns ist die Meinung andersdenkender Parlamentarier und Führer be-
       kannt, an  deren  Spitze  Persönlichkeiten  wie  Radomiro  Tomic,
       Bernardo Leighton,  Renan Fuentealba u.a. stehen, die ihren Prin-
       zipien treu geblieben sind und den Militärputsch und seine Folgen
       in einer  öffentlichen Erklärung ablehnten. Das ehrt sie, und wir
       sind sicher, daß sie die Mehrheit der christlichen Demokraten des
       Volkes interpretieren,  die von  ihren offiziellen,  mit der Ver-
       schwörung verbündeten Führern eindeutig verraten wurden.
       Der Kardinal  Raul Silva  Henriquez und  das Ständige Komitee des
       Bistums gaben  eine Erklärung ab, in der es u.a. heißt: "Wir for-
       dern Achtung vor den im Kampf Gefallenen und an erster Stelle vor
       dem, der bis zum 11. September Präsident der Republik war." Diese
       Achtung vor  dem Leben  und den  Menschenrechten war  nirgends zu
       spüren. Im  Gegenteil, die Militärjunta hat mit Hilfe aller reak-
       tionären Publikationsmittel  eine erbärmliche  Kampagne lanciert,
       um seine  Persönlichkeit zu  verleumden. Die Geier haben sich auf
       den Leichnam  des Präsidenten  gestürzt, um  ihn zu verschlingen.
       Aber wie sehr sind sie im Irrtum. Niemals werden sie das Andenken
       eines Mannes wie Allende aus dem Herzen des Volkes reißen können,
       der seine  Heimat über  alles liebte,  der jahrzehntelang für die
       Befreiung der Unterdrückten und Ausgebeuteten kämpfte und der wie
       ein Held im Kampf gefallen ist.
       Diese schwarzen Tage werden vorübergehen und die Gestalt Salvador
       Allendes, des  Präsidenten, der  für Chile  das Kupfer  wiederer-
       langte, der  sich dem  Imperialismus und der Oligarchie entgegen-
       stellte, der sich weder den Schmeicheleien noch den Drohungen des
       Feindes beugte  und der  seinen Prinzipien  bis in  den Tod  treu
       blieb, wird  in die  Geschichte unseres Landes und Lateinamerikas
       zusammen mit  O'Higgins,  Balmaceda,  Recabarren,  Pedro  Aguirre
       Cerda und vielen anderen Chilenen eingehen, die alles für das Va-
       terland und für das Volk hingaben.
       Ihre Verleumder  werden dagegen  nicht einmal als Zwerge erschei-
       nen. Kaltblütig  und systematisch wurde das beschlossen, was spä-
       ter getan  wurde, angefangen von der Bombardierung und Zerstörung
       des Regierungspalastes  - ein  barbarischer Akt, der niemals ver-
       ziehen werden  wird. Die  völlig unnötige Bombardierung der Resi-
       denz von  Thomas Moro  und El Cañaveral, die militärischen Opera-
       tionen in  Fabriken und  Ortschaften, die  Horden der  Junta, die
       Verhaftung Tausender  Bürger waren  von langer  Hand vorbereitet.
       Wie "El  Mercurio" zugab,  wurde die  faschistische  Technik  des
       Blitzkrieges, des  plötzlichen Staatsstreichs  auf allen Gebieten
       angewendet, um u.a. Panik unter der Zivilbevölkerung zu säen.
       Die ganze  Welt weiß auch, daß die großen ökonomischen und finan-
       ziellen Schwierigkeiten  ihren Ursprung  nicht in den Fehlern der
       Regierung haben, wenngleich diese sich bemerkbar machten, sondern
       in der  schwer belastenden  Auslandsschuld, mit  der wir das Land
       übernahmen, in  seiner Rückständigkeit in der Land- und Viehwirt-
       schaft, in  seiner armen  Infrastruktur, im niedrigen Kupferpreis
       während zweier  Jahre, in der Abwertung des Dollars, in der Sper-
       rung der  Kredite durch  die Vereinigten  Staaten, in  der  Wirt-
       schaftssabolage, in  den zahlreichen  durch  die  Stillegung  des
       Transportes verursachten  Schäden, in  der Verabschiedung von Ge-
       setzen zum  Staatshaushalt, die  keinerlei Deckung hatten, in der
       Lohnangleichung usw. usw.
       Der Imperialismus  und die Oligarchie haben Präsident Allende und
       der UP  nicht verziehen,  was auf dem Gebiet der Nationalisierung
       der Grundstoffindustrie,  der Weiterführung  der Agrarreform, der
       Verstaatlichung des  Bankwesens, der  Bildung des gesellschaftli-
       chen Sektors der Ökonomie getan wurde.
       Darum haben sie sich vorgenommen, die Regierung mit allen Mitteln
       zu stürzen. Niemand kann das bestreiten. Sie haben es oftmals er-
       klärt, und  so ist  es auch geschehen. Mit diesem Ziel vor Augen,
       scheuten sie  nicht davor  zurück,  der  chilenischen  Wirtschaft
       schlimmsten Schaden zuzufügen.
       Im vergeblichen  Bemühen, sich  vor der  chilenischen und Weltöf-
       fentlichkeit zu  rechtfertigen, hat  man die haarsträubendste Ge-
       schichte erfunden: man hat glauben machen wollen, daß die Streit-
       kräfte vor der Wahl standen, entweder einzugreifen oder angegrif-
       fen zu  werden und  als erstes  von angeblichen paramilitärischen
       Einheiten der Unidad Popular ihrer Führung beraubt zu werden.
       Diesem Märchen  zufolge hätte  die Unidad  Popular am Montag, dem
       17. September,  diesen teuflischen Plan verwirklichen wollen. Ein
       solcher Plan ist eine plumpe Erfindung des Imperialismus und sei-
       ner faschistischen  Handlanger im  Inland. Sie setzten sie in die
       Welt, als  sie den Grad des weltweiten Abscheus vor ihren Verbre-
       chen, die das Weltgewissen herausfordern, zu spüren begannen.
       Diese Version  ist so lächerlich, daß General Pinochet selbst auf
       Befragen in  den Zeitungen  vom 18.  September erklärte:  "Es ist
       sehr gut  möglich, daß  man wirklich  einen solchen Staatsstreich
       geplant hatte.  Es waren  so viele  Gerüchte im Umlauf", fügte er
       hinzu. "So  viele Leute  waren bemüht, Zweifel oder Unruhe in der
       Bevölkerung hervorzurufen."
       Aber der  gegenwärtige Stand  der Dinge wird nicht ewig andauern.
       Die Lüge wird nicht den Sieg über die Wahrheit davontragen, eben-
       sowenig wie  die Unterdrückung  über die Freiheit, der Faschismus
       über die  Demokratie siegen wird. Früher oder später, eher früher
       als später,  wird sich  das Land  aus dieser dunklen Zeit und dem
       Rückfall befreien. Es gibt keine Kräfte - und wird sie auch nicht
       geben -, die in der Lage wären, unser Volk für lange Zeit in Ket-
       ten zu  legen oder  die erneuernden  Strömungen der  Gesellschaft
       auszulöschen.
       Die neuen  Machthaber fürchten das Volk. Darum halten sie den Be-
       lagerungszustand und  die Ausgangssperre  aufrecht, säen  Terror,
       übernehmen die völlige Kontrolle von Fernsehen und Rundfunk, ver-
       bieten  die  linksgerichtete  Presse,  unterdrücken  die  Gewerk-
       schaftsrechte, verfolgen  Andersdenkende und  erklären die marxi-
       stischen Parteien  für ungesetzlich.  All das  geschieht mit  dem
       Wohlwollen und der Komplizenschaft vieler falscher Demokraten.
       Die Werktätigen  und die  Volksmassen werden  sich von dem Schlag
       erholen und  zweifellos die  Geschicke des  Vaterlandes wieder in
       die Hand nehmen.
       Wie immer  legen wir das Hauptaugenmerk auf die Organisation, die
       Einheit und  den Kampf  der Massen  und die wachsende Entwicklung
       ihres politischen  Bewußtseins. Die  Verwirrung und  Entmutigung,
       die es  gegenwärtig in  gewissen Kreisen  des Volkes  geben kann,
       sind eine  vor allem vorübergehende Geisteshaltung. Die Arbeiter-
       klasse und  das Volk im allgemeinen werden aus den kommenden Prü-
       fungen und Kämpfen gestärkt hervorgehen.
       Der Militärputsch  hat die staatlichen Institutionen hinweggefegt
       und nur  den alten  und willfährigen Justizapparat und das mario-
       nettenartige Kontrollorgan  bestehen lassen.  Er hat  die Rechts-
       staatlichkeit beseitigt.  Chile ist  zu einem Polizeistaat gewor-
       den, in dem weder die Verfassung noch das Gesetz, sondern nur die
       Militärbanden aus Kriegszeiten herrschen. Das Blut des Volkes ist
       brutal vergossen worden, es gibt praktisch nicht eine einzige Fa-
       milie des Volkes, die sich nicht um das Schicksal eines der Ihren
       ängstigt. Aber  das Volk wird wieder an die Regierung kommen, und
       es wird natürlich nicht verpflichtet sein, die bis gestern beste-
       hende institutionelle Situation wiederherzustellen.
       Es wird  demokratisch eine  neue Verfassung, neue Gesetzesbücher,
       neue Gesetze  erlassen, neue  Machtinstitutionen schaffen,  einen
       besseren Rechtsstaat  als den,  den  der  Militärputsch  zugrunde
       richtete. In diesem Rechtsstaat werden alle religiösen Konfessio-
       nen geachtet  werden, ideologischer  Pluralismus  und  Humanismus
       vorhanden sein, aber es wird für den Faschismus, für Wirtschafts-
       vergehen und  aufrührerische Tätigkeit keinen gesetzlichen Schutz
       geben.
       Nach dem  Vorgefallenen hat  das Volk  ein Recht,  sich auch  die
       Schaffung von  Streitkräften und  einer Polizei  neuen Typus  zum
       Ziel zu setzen, oder mindestens das Recht, faschistische Elemente
       aus den  Militärinstituten, Polizei-  und Forschungsinstituten zu
       entfernen, um  zu sichern,  daß sich  derartige Vorfälle in Chile
       niemals mehr wiederholen.
       Das Land  wird nicht  vergebens diese  schmerzensreiche Erfahrung
       durchmachen, die  es gegenwärtig  erlebt. Falsche  Werte, an  die
       viele Menschen aufrichtig glaubten, wurden auf den Müllhaufen der
       Geschichte geworfen.  Wer wird  morgen eine Justiz wie die gegen-
       wärtige oder  ein Parlament  verteidigen, das  durch seine eigene
       Untätigkeit und Komplizenschaft mit dem Militärputsch unterging?
       Dieses Problem  und andere Probleme erfordern ein erneutes Durch-
       denken von seiten aller revolutionären und demokratischen Kräfte,
       um in  dieser Frage  und in  anderen Fragen  zu einer gemeinsamen
       Auffassung zu gelangen.
       Es wird  notwendig und  unabdingbar sein, daß auch eine kritische
       und selbstkritische  Einschätzung der  fast drei  Jahre wirkenden
       Volksregierung erfolgt.  In dieser  Zeit wurden große Dinge voll-
       bracht, aber auch schwere Irrtümer begangen.
       Einen sehr großen Schaden verursachten die ultralinken Positionen
       und Handlungen  sowie die reformistischen Tendenzen, die hier und
       dort selbst  in der Tätigkeit der Volksregierung zum Ausdruck ka-
       men. Die  Kommunistische Partei  ist absolut davon überzeugt, daß
       ihre Haltung  der uneingeschränkten  Verteidigung der Volksregie-
       rung, ihr  auf die Verständigung mit anderen demokratischen Krei-
       sen, vor  allem der  Basis, gerichtetes Bemühen, ihre Anstrengun-
       gen, den mittleren Schichten der Bevölkerung Sicherheit zu geben,
       ihre Aktion, das Feuer auf die Hauptfeinde, den Imperialismus und
       die Ultrareaktion,  zu konzentrieren,  ihre  Hartnäckigkeit,  die
       kommunistisch-sozialistische Einheit  zu stärken, die Einheit der
       Arbeiterklasse und  die Verständigung zwischen allen Parteien der
       UP, ihr Bemühen um eine Erhöhung der Produktion und der Produkti-
       vität, die  Eigenfinanzierung der Betriebe des gesellschaftlichen
       Sektors und  die höchste Disziplin in der Arbeit, eine vollkommen
       richtige allgemeine  Politik ist. Trotzdem weist sie nicht Schwä-
       chen oder Fehler in ihrem Handeln von sich.
       Andererseits meint  sie, daß dies nicht der geeignete Moment sei,
       die von  der Regierung und der Unidad Popular in ihrer Gesamtheit
       oder von  jedem einzelnen politischen Sektor begangenen Fehler zu
       diskutieren. Alles  zu seiner  Zeit. Das Hauptaugenmerk jetzt auf
       diese Diskussion zu lenken, könnte die Geschlossenheit der Volks-
       parteien beeinträchtigen,  während es  doch  jetzt  hauptsächlich
       darauf ankommt,  ihre Einheit zu wahren und zu entwickeln, um der
       Militärdiktatur entgegenzutreten  und die neuen vor der Arbeiter-
       klasse und  vor dem Volk stehenden Aufgaben im Geiste der Einheit
       in Angriff zu nehmen.
       Die Kommunistische  Partei und  die Kommunistische  Jugend werden
       unter den  neuen Bedingungen ihre Pflicht zu erfüllen wissen. Die
       Militärjunta erklärt  uns und in gleicher Weise den Marxismus und
       alle Gruppen, die auf der Lehre von Marx, Engels und Lenin basie-
       ren, für  geächtet. Sie  stellt uns außerdem als ein der chileni-
       schen Nation fremdes Element hin.
       Die Kommunistische  Partei besteht schon seit 53 Jahren, und ihre
       Ursprünge gehen auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück, als
       der große  revolutionäre und  konsequent patriotische Führer Luis
       Emilio Recabarren  1912 im  Salpetergebiet die Sozialistische Ar-
       beiterpartei gründete.
       Mehr noch,  wer etwas von der gesellschaftlichen Entwicklung Chi-
       les kennt,  weiß, daß mit jeder gesellschaftlichen Klasse, die in
       der Geschichte  erscheint, eine oder mehrere politische Organisa-
       tionen als Ausdruck ihrer Interessen und Bestrebungen auftauchen.
       Die Kommunistische  Partei ist der politische Ausdruck der Arbei-
       terklasse. Der Marxismus ist die wissenschaftliche Ideologie die-
       ser Klasse.  Infolgedessen kann die Kommunistische Partei niemals
       mehr zerstört  werden, sie wird immer bestehen, solange es in der
       einen oder anderen Form Klassenkampf gibt.
       Der Marxismus  als wissenschaftliche Weltanschauung, als Philoso-
       phie der  Erkenntnis, als Lehre, die die Aufgabe hat, die Welt zu
       interpretieren und  sie unaufhörlich  zu verändern,  wird bis  in
       alle Ewigkeit fortbestehen.
       Nicht wenige  unserer Vorkämpfer  und Führer  haben die Härte der
       wütenden Verfolgungen  zu spüren bekommen. Jedoch sind die Kommu-
       nistische Partei  und die ruhmreiche Organisation ihrer Jugendli-
       chen in  der Lage, sich zu behaupten und das Kampfesbanner in ih-
       ren Händen  zu halten.  Einmal mehr wird sich unsere Partei unter
       den neuen  harten Bedingungen, unter denen sie in der Zukunft ar-
       beiten muß, behaupten. Sie wird stärker und gestählter aus dieser
       Situation hervorgehen,  obwohl sie im Augenblick teilweise ausge-
       schaltet ist.
       Wir vertreten vor allen Dingen die Interessen der Arbeiterklasse,
       denen wir  bis zur  letzten Konsequenz  treu waren, sind und sein
       werden. Wir  vertreten gleichzeitig die Interessen des Volkes und
       des Vaterlandes,  mit denen  die Interessen  der  Werktätigen  in
       Übereinstimmung stehen.
       Wir mußten viele Schläge hinnehmen, jedoch wir kommen wieder.
       In diesen unheilvollen Tagen starb Pablo Neruda, der ohne Zweifel
       von den  Verbrechen angegriffen  war, die  sich in Chile häuften.
       Pablo Neruda war nicht nur ein großer Dichter, der größte Dichter
       überhaupt in unserer Epoche, er war ein hundertprozentiger kommu-
       nistischer Kämpfer  und Mitglied des Zentralkomitees unserer Par-
       tei. Er besang in unsterblichen Versen die Helden der Unabhängig-
       keitsbewegung, die Helden des Kampfes der Arbeiter wie Recabarren
       und Lafertte,  er besang Fauna und Flora unseres Landes, das Meer
       und die  Steine unserer langen Küste. Ein Mann hoher Kultur, tie-
       fer Intelligenz,  großer Denkkraft,  der die  Dichtkunst  in  den
       Dienst der  großen Sache  stellte, der Sache des Friedens und des
       Sozialismus auf  der ganzen  Welt. Sein  Herz schlug für die Men-
       schen aus  allen Ländern, für die Menschen aller Rassen und Spra-
       chen. Vor  allem bewahrte  er eine  tiefe Zuneigung und Liebe für
       sein Volk und sein Land in sich, für sein Vaterland, für den wil-
       den ungebändigten  Norden, für die regenreichen Grenzen, für Val-
       paraiso, seine Berge und Menschen.
       Der Patriotismus  Nerudas ist der Patriotismus aller Kommunisten,
       obwohl, und  das ist natürlich, diese ihm nicht mit der Schönheit
       eines Dichters  Ausdruck verleihen  können. Der  Patriotismus der
       Kommunisten und  ihr Internationalismus  sind  wesenseigene  Ele-
       mente. O'Higgins  war Patriot  und Internationalist. Er ließ sich
       von den  fortschrittlichen Ideen  seiner Epoche leiten und unter-
       stützte enge  freundschaftliche Beziehungen  und Beziehungen  der
       Zusammenarbeit im  Kampf für  die Unabhängigkeit Amerikas mit den
       Patrioten und Revolutionären anderer amerikanischer Staaten.
       An den  Tod Nerudas  schloß sich einige Tage später die Gefangen-
       nahme unseres Generalsekretärs Luis Corvalán durch die unrechtmä-
       ßige Regierung an.
       Luis Corvalán  ist ein kampferprobter Revolutionär, ein kämpferi-
       scher Patriot, der sein ganzes kämpferisches Leben hindurch viele
       Male der Gewalt, Folter und Repressalien ausgesetzt war.
       Es ist  für uns  eine hohe  revolutionäre Pflicht,  sein Leben zu
       verteidigen, seine  Freiheit zu  erlangen und  ihn den Händen der
       Putschisten zu entreißen.
       Das erfordert  die dringende  Mobilisierung aller  demokratischen
       Kräfte, um  seine physische  Kraft zu erhalten und seine Freilas-
       sung zu erreichen, ebenso wie die Freilassung von Tausenden Revo-
       lutionären und  Demokraten, die  sich in den Konzentrationslagern
       der Junta befinden.
       Durch die  Mobilisierung der  Massen muß den Repressalien und dem
       Verbrechen ein Ende gesetzt werden!
       Es dürfen  keine aufrechten Chilenen mehr sterben. Schluß mit dem
       Blutvergießen. Tausende  sind schon gefallen. Schluß mit den Mor-
       den, wie  an Victor  Jara, dem bedeutenden Künstler, und an Litro
       Quiroga, Generaldirektor der Gefängnisse, und vielen anderen, de-
       ren Namen bekannt oder nicht bekannt sind.
       Das Leben  Luis Corvaláns  muß gerettet  werden. Seine  sofortige
       Freilassung muß vom Volk erkämpft werden. Trotz der strengen Zen-
       sur aller  Informationen, die die Militärjunta über das Land ver-
       hängt hat  und aufrechterhält,  hat das Volk die weltweite Ableh-
       nung gegenüber dem faschistischen Militärputsch erfahren.
       Alle Völker  der Erde  verdammen die Verbrechen des Faschismus in
       Chile. Die  Menschheit fordert, daß mit dem Blutvergießen und den
       Verfolgungen Schluß gemacht wird. Diese große weltweite Solidari-
       tät, die  nur wenige Male in der Geschichte eine derartige Breite
       erreichte, macht  uns Mut  in unserem Kampf, weil wir wissen, daß
       das Volk Chiles nicht allein ist.
       Wir müssen  mit dem  Terror gegen  das Volk Schluß machen und den
       Weg für neue revolutionäre Ziele frei machen.
       Hierzu ist zu dieser Stunde die breite Einheit des Volkes notwen-
       dig. Die  Einheit zur  Verteidigung des Rechtes auf das Leben und
       die Einheit, um der Unterdrückung und dem Tod ein Ende zu setzen.
       Die Einheit,  um das  Recht auf Arbeit zu verteidigen und mit den
       Entlassungen und Repressalien Schluß zu machen.
       Die Einheit,  um die  Siege der Arbeiterklasse zu verteidigen, um
       Aufbesserungen der  Löhne und  Gehälter zu erreichen, die den Le-
       bensstandard sichern,  der bei  der Regierung  der Unidad Popular
       erreicht wurde,  um die  Gewerkschaftsorganisationen zu  schützen
       und zu verhindern, daß die Ausbeuter wieder an die Spitze der Be-
       triebe gelangen.
       Die Einheit,  um die  Freiheiten des  Volkes zurückzuerobern. Die
       Einheit, um  wieder den  Weg der  revolutionären Veränderungen zu
       beschreiten.
       In dieser  Einheit hat jeder Mann, jede Frau oder jeder Jugendli-
       che unseres  Volkes einen  Platz, gleich, ob er gestern gegen uns
       war, verwirrt  durch die Propaganda der reaktionären Kräfte. Mil-
       lionen haben  dem Faschismus ins Gesicht gesehen und sind bereit,
       gegen ihn zu kämpfen.
       Mit den Menschen, dem gesamten Volk, wird Chile voranschreiten.
       "Das Volk  läßt sich nicht aufhalten, nicht einmal in der Nacht",
       sagt Volodia  Teitelboim in einem seiner Bücher. Er weist in die-
       sem Buch  auf die  Nacht des Faschismus in der Hitler-Ära hin. So
       ist es tatsächlich.
       Der Kampf  der Massen wird den endgültigen Sieg des Volkes in der
       bewußten schöpferischen  Arbeit, in  den Foren der Studenten, die
       dem fruchtbaren  Dialog und  dem revolutionären  Geist der Jugend
       offenstehen, in Frieden und Ruhe in den Familien erreichen.
       Kommunistische Partei Chiles, Santiago de Chile
       

       zurück