Quelle: Blätter 1974 Heft 01 (Januar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       OFFENER BRIEF AN DEN HESSISCHEN KULTUSMINISTER ZUR UNTERSTÜTZUNG
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       DER BERUFUNG HORST HOLZERS AN DIE UNIVERSITÄT MARBURG
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       VOM 6. DEZEMBER 1973
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       (Wortlaut)
       
       Im Sommersemester 1973 schlug der Fachbereich 09 (Neuere deutsche
       Literatur  und   Kunstwissenschaften)  der   Philipps-Universität
       Marburg dem  hessischen Kultusminister  den Münchener  Soziologen
       Prof. Dr. Horst Holzer zur Berufung auf eine Professur für Neuere
       deutsche Literatur,  Theater- und  Medienwissenschaft vor.  Diese
       Nominierung wurde  durch Gutachten  der Professoren  Karl  Martin
       Bolte (München),  Urs Jaeggi (Berlin), Walter Jens (Tübingen) und
       Friedrich Knilli (Berlin) unterstützt. Im Fachbereich 09 der Mar-
       burger Universität  arbeiten Germanisten, Kunst- und Musikwissen-
       schaftler. Die  wachsende Bedeutung,  welche die Massenmedien für
       diese Disziplinen  und insbesondere für die Tätigkeit von künfti-
       gen Deutschlehrern  gewinnen, hatte die Kommission bewogen, einen
       Kommunikationssoziologen vorzuschlagen.
       Unmittelbar nach  der Nominierung  leitete der "Bund Freiheit der
       Wissenschaft" gegen Holzer eine Kampagne ein. Im Juli 1973 lehnte
       der hessische Kultusminister dessen Berufung ab.
       Der Fachbereich  hat daraufhin  weitere Gutachten  eingeholt: von
       den Professoren Roland Barthes (Paris), Stuart Hall (Birmingham),
       Jost Hermand (Madison/USA), Hans-Wolf Jäger (Bremen), Robert Min-
       der (Paris)  und Michael Nerlich (Berlin). Sämtliche Stellungnah-
       men lauteten  positiv. Am 5. Dezember 1973 schlug der Fachbereich
       Neuere deutsche Literatur und Kunstwissenschaften Holzer dem Kul-
       tusminister ein  zweitesmal vor.  Gleichzeitig wandten sich zahl-
       reiche Kulturschaffende - Schriftsteller, bildende Künstler, Wis-
       senschaftler, Journalisten  aus den  Massenmedien u.a. - in einem
       Offenen Brief  an den  Minister und  wiesen auf die Notwendigkeit
       einer Berufung Holzers hin.
       Dieser Vorgang  ist in  mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Einmal
       erscheint die  Berufung  eines  Medienwissenschaftlers  in  einen
       Fachbereich, in  dem in  erster Linie  Deutschlehrer  ausgebildet
       werden, als  Fortschritt über die bislang noch vorherrschende li-
       terarische Einseitigkeit  dieses Studiengangs. Ferner findet sich
       hier erstmals  ein Universitätsorgan nicht mit verbalen Protesten
       gegen staatliche  Fachaufsicht ab, sondern setzt dieser seine ei-
       gene wissenschaftliche  Kompetenz in  voller Übereinstimmung  mit
       Artikel 5  Abs. 3  GG entgegen. Drittens schließlich ergreift ein
       Teil der mittelbar Betroffenen - nämlich Kulturschaffende, die an
       einer wissenschaftlichen  Erhelfung ihrer  Arbeitsbedingungen  in
       demokratisierender Absicht  interessiert sind  - in  einer  Beru-
       fungsangelegenheit öffentlich  Partei und erklärt einen Universi-
       tätsstreit zur eigenen Sache.
       Wir veröffentlichen  nachstehend den Wortlaut des Offenen Briefes
       an den hessischen Kultusminister. D. Red.
       
       Marburg, den 6. Dezember 1973
       An den
       hessischen Kultusminister
       Herrn Prof. Dr. Ludwig v. Friedeburg
       6200 Wiesbaden
       Luisenplatz 10
       Sehr geehrter Herr Minister!
       Der Fachbereich Neuere Deutsche Literatur und Kunstwissenschaften
       der Philipps-Universität Marburg hat Ihnen Prof. Dr. Horst Holzer
       zur Berufung  auf eine  Professur für  Neuere Deutsche Literatur,
       Theater- und Medienwissenschaft vorgeschlagen.
       Wir begrüßen und befürworten diese Nominierung.
       In unserer  Arbeit sind  wir auf Verlage und Zeitungen, auf Thea-
       ter, Funk  oder Fernsehen angewiesen und werden fast täglich kon-
       frontiert mit  der Notwendigkeit einer Reform der Massenmedien im
       Interesse des  Publikums, aber auch im Interesse der Kulturprodu-
       zenten und derjenigen, die Objekte von Berichterstattung und Mei-
       nungsbildung sind.
       Die wissenschaftlichen  Analysen von  Prof. Holzer,  der u.a. die
       Realität der  Massenkommunikation in  der Bundesrepublik am Demo-
       kratieanspruch des  Grundgesetzes mißt,  dienen zweifellos  einer
       demokratischen Reform.  Über die  akademische  Qualifikation  von
       Herrn Holzer  liegen Ihnen Fachgutachten vor. Es ist uns bekannt,
       daß er  als einer der fähigsten Medienwissenschaftler in der Bun-
       desrepublik gilt.  Unter denjenigen,  die bisher  noch keinen Ruf
       auf eine  Professur erhalten  haben, ist er wahrscheinlich der am
       stärksten ausgewiesene.
       Wir wissen allerdings auch, daß Sie bereits im Sommer dieses Jah-
       res, als  Ihnen der  Fachbereich Neuere  Deutsche  Literatur  und
       Kunstwissenschaften in  Marburg Holzer  ein erstesmal  vorschlug,
       starkem öffentlichen  Druck -  vor allem  durch den konservativen
       "Bund Freiheit der Wissenschaft" - gegen eine Berufung ausgesetzt
       waren. Die  Vorurteile, die  sich gegen Holzers Mitgliedschaft in
       der Deutschen Kommunistischen Partei richten, waren der Grund da-
       für, daß seine Bewerbungen an den Universitäten Bremen und Olden-
       burg 1971 und 1972 scheiterten.
       Wir sind  der Ansicht,  daß niemand wegen seiner Zugehörigkeit zu
       einer legalen  Partei dem öffentlichen Dienst ferngehalten werden
       darf. Selbst  die Gegner  Holzers haben  ihm bis  heute nicht ein
       einzigesmal grundgesetzwidriges  oder verfassungsfeindliches Ver-
       halten vorwerfen können.
       Mit einer  Berufung Holzers würden Sie der wissenschaftlichen Er-
       forschung der  Massenmedien, ihrer  demokratischen Reform und den
       Interessen derer, die in diesen Medien arbeiten oder ihnen ausge-
       setzt sind, ebenso einen wertvollen Dienst erweisen wie dem Kampf
       gegen die  Diskriminierung kritischer Minderheiten in der Bundes-
       republik.
       Deshalb bitten  wir Sie,  sehr geehrter  Herr Minister,  den Vor-
       schlag des  Fachbereichs Neuere  Deutsche Literatur und Kunstwis-
       senschaften der Philipps-Universität zu akzeptieren.
       Hochachtungsvoll!
                                    *
       Den vorstehenden  Offenen Brief  unterzeichneten bisher  über 500
       Persönlichkeiten,  darunter  Wolfgang  Abendroth  (Politikwissen-
       schaftler) -  Arnfried Astel  (Schriftsteller) -  Jörg Auffermann
       (Medienwissenschaftler) - Jörg Barczynski (dju-Landesvorsitzender
       Hessen)  -   Erdmuthe  Beha   (Journalistin)  -  Wolfgang  Beutin
       (Hochschullehrer) -  Horst Bingel  (Schriftsteller) - Ernst Bloch
       (Philosoph) -  Wolf Brannasky (Liedermacher) - Dieter Brumm (dju-
       Landesvorsitzender Nordmark)  - Peter O. Chotjewitz (Schriftstel-
       ler) -  Emil Carlebach  (dju-Bundesvorstandsmitglied) -  Dankwart
       Dankwerts (Hochschullehrer)   - Franz-Josef Degenhardt (Rechtsan-
       walt und  Liedermacher)  -  Kurt  Desch  (Verleger)  -  Karlheinz
       Deschner (Schriftsteller) - Ingeborg Drewitz (Schriftstellerin) -
       Jörg  Drews  (Journalist)  -  Tankred  Dorst  (Schriftsteller)  -
       Wolfgang Ebert  (Schriftsteller) -  Rolf  Eckart  (GEW-Landesvor-
       sitzender Bayern)  - Bernt  Engelmann  (Vize-Präsident  des  Pen-
       Clubs) -  Günter Erken  (Theaterwissenschaftler) -  Rainer Werner
       Fassbinder (Regisseur,  Filmemacher) - Inge Feltrinelli (Verlege-
       rin) - Max Frisch (Schriftsteller) - Uwe Friesel (Schriftsteller)
       - Gerd  Fuchs (Schriftsteller)  - Günter  Bruno  Fuchs  (Schrift-
       steller) -  Christian Geissler  (Schriftsteller) - Ernesto Grassi
       (Hochschullehrer) - Barbara Grunert-Bronnen - Karl Guggomos (dju-
       Landesvorsitzender Westberlin) - Anton Andreas Guha (Redakteur) -
       Jens Hagen  (Publizist) -  Günter  Herburger  (Schriftsteller)  -
       Wolfgang Fritz Haug (Hochschullehrer) - Gerhard F. Hering (Inten-
       dant) -  Uwe Herms  (Schriftsteller) -  Rolv Heuer (Journalist) -
       Richard Hiepe  (Kunsthistoriker) - Friedrich Hitzer (Publizist) -
       Urs Jaeggi  (Sozialwissenschaftler) -  Josef W.  Janker (Schrift-
       steller) -  Walter Jens  (Literaturwissenschaftler) - Uwe Johnson
       (Schriftsteller)  -   Robert  Jungk   (Publizist)  -  Marie-Luise
       Kaschnitz (Schriftstellerin)  - Heinar Kipphardt (Schriftsteller)
       -  Friedrich   Knilli  (Medienwissenschaftler)   -  Otto   Köhler
       (Publizist) -  Klaus Konietzky (Schriftsteller) - Theodor Kotulla
       (Filmemacher) -  Franz Xaver  Kroetz (Schriftsteller)  - Reinhard
       Lettau (Schriftsteller)  - Angelika  Mechtel (Schriftstellerin) -
       Ulf Miehe  (Schriftsteller) - Uwe Nettelbeck (Journalist) - Oscar
       Neumann (Dipl.-Ing.,  Publizist) -  Hans-Erich Nossack  (Schrift-
       steller) -  Enno Patalas  (Filmkritiker) -  Hermann Peter  Piwitt
       (Schriftsteller) -  Harry Pross (Hochschullehrer) - Ernst-Alexan-
       der Rauter  (Publizist) -  Josef Reding  (Schriftsteller) - Luise
       Rinser (Schriftstellerin) - Roman Ritter (Schriftsteller) - Josef
       Rothmann (Schauspieler) - Peter Rühmkorf (Schriftsteller) - Erika
       Runge (Schriftstellerin)  - Johannes Schaaf (Filmemacher) - Carlo
       Schellemann (Maler)  - Volker Schlöndorff (Filmemacher) - Erasmus
       Schöfer (Schriftsteller) - Peter Schütt (Schriftsteller) - Ulrich
       Sonnemann (Publizist)  - Kurt Sontheimer (Politikwissenschaftler)
       -Monika Sperr  (Redakteurin) -  Eckart Spoo (dju-Bundesvorsitzen-
       der) - Dorothee Steffensky-Sölle (Theologin) - Jürgen P. Stoessel
       (Schriftsteller) -  Uwe Timm  (Schriftsteller) -  Thaddäus  Troll
       (Schriftsteller) -  Vera  Tschechowa  (Schauspielerin)  -  Günter
       Wallraff (Schriftsteller)  - Martin  Walser (Schriftsteller) -Jo-
       hannes Weidenheim  (Schriftsteller) -  Clemens  Wlokas  (Schrift-
       steller, Werkkreis Literatur der Arbeitswelt) - Wolf Wondratschek
       (Schriftsteller)  -  Guido  Zingerl  (Maler)  -  Gerhard  Zwerenz
       (Schriftsteller).
       

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