Quelle: Blätter 1974 Heft 05 (Mai)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG DES BUNDES DEMOKRATISCHER WISSENSCHAFTLER (BDWI)
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       ÜBER DIE HOCHSCHULEN DER BUNDESWEHR VOM 19. APRIL 1974
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       (Wortlaut)
       
       Am 1.  Oktober 1973 haben in Hamburg und München zwei Hochschulen
       der Bundeswehr  den Lehrbetrieb  aufgenommen. Der  Bundesvorstand
       des BdWi erklärt hierzu:
       Planung und  Aufbau der  Bundeswehrhochschulen geschahen  und ge-
       schehen unter  Ausschluß der  Öffentlichkeit. Eine Diskussion der
       projektierten  Bundeswehrhochschulen,  wesentlicher  Einzelheiten
       und vor allem der gesellschaftspolitischen Folgen der Neueinrich-
       tung wurde  vorsätzlich hintangehalten.  Dies gilt  auch für eine
       ausreichende Behandlung der Thematik im Bundestag und in den Län-
       derparlamenten.
       Der Kampfauftrag  der Bundeswehr und die von den Planern der Bun-
       deswehrhochschulen ausdrücklich geforderten Soldatenpflichten wie
       "Gehorsam" usw.  einerseits und Wissenschaftlichkeit andererseits
       sind tatsächlich  unvereinbar. Die  kasernierte Freiheit der Wis-
       senschaft stellt  eine Freiheit  nur der Redensart nach dar. Wis-
       senschaftlichkeit würde bedeuten, daß auch Gegenstände einbezogen
       und Resultate  ermöglicht würden,  die dem Kampfauftrag der Armee
       nicht nur  nicht entsprächen,  sondern die  diesem widersprächen.
       "Forschendes Lernen",  das z.B. selbständige Themenwahl verlangt,
       bleibt ausgeschlossen.  Wenn trotzdem  einige Hochschullehrer ihr
       Heil darin  sehen, an den Bundeswehrhochschulen zu lehren, so be-
       deutet dies die willentliche Negation von Wissenschaft.
       Bundeswehrhochschulen dienen  der Heranzüchtung einer dem militä-
       risch-industriellen Komplex  verpflichteten Elite und stellen so-
       mit ein  Kernstück dar  von dessen  politischer, ökonomischer und
       ideologischer Strategie.  Die hier  Ausgebildeten sind  dazu  be-
       stimmt, späterhin  die ökonomischen  und Machtinteressen vornehm-
       lich der  Rüstungskonzerne, der militärischen Führungsspitzen und
       von Teilen des Staatsapparats durchzusetzen.
       Bundeswehrhochschulen stehen  der demokratischen  Fortentwicklung
       des öffentlichen Bildungswesens entgegen. Sie sind dazu bestimmt,
       einen Teil der Hochschulausbildung der öffentlichen Kontrolle und
       Kritik zu  entziehen. Ihre  militärische  Ausbildungspraxis  soll
       nach dem  Eingeständnis der  Bundeswehrhochschulplaner der allge-
       meinen Hochschulreform  als Vorbild dienen. Ihre Absolventen wer-
       den später militärische und reaktionäre Bildungsinhalte im Erzie-
       hungswesen verbreiten.
       Bundeswehrhochschulen verschlingen Gelder, die für den Ausbau und
       die Demokratisierung  des  öffentlichen  Bildungswesens  dringend
       benötigt werden.  Allein in  den nächsten  drei Jahren sollen die
       zwei Bundeswehrhochschulen  ca. 500  Mio DM  kosten.  Die  derart
       großzügige Finanzierung  (zuungunsten der  öffentlichen Hochschu-
       len) ermöglicht  die Abwerbung von Wissenschaftlern und trägt zur
       weiteren Austrocknung des öffentlichen Hochschulwesens bei.
       Bundeswehrhochschulen stehen im Widerspruch zu einer echten Frie-
       denspolitik. Diese  erfordert die Bereitschaft zu konkreten Abrü-
       stungsmaßnahmen, eine  schrittweise Reduktion der Militärausgaben
       und die  Förderung von  Bildungsinhalten, die der Entspannung und
       Völkerverständigung dienen.  Nicht die  Verstärkung, sondern  die
       entschiedene Zurückdrängung  militaristischer Bildungsinhalte und
       -formen ist das Gebot der Zeit.
       Soldaten sollen  nur an den allgemeinen Hochschulen gleichberech-
       tigt und  unter denselben  Bedingungen wie  jeder andere  Student
       studieren dürfen.
       Der BdWi weiß sich im Einklang mit zahlreichen öffentlichen Hoch-
       schulen und  mit vielen  Hochschullehrern, mit zahlreichen ASten,
       mit dem VDS und großen Teilen der Studentenschaft, mit vielen de-
       mokratischen Parteien,  Organisationen und  Gruppen, wenn  er die
       Schließung der Bundeswehrhochschulen fordert.
       Die für  den Auf-  und Ausbau  der Bundeswehrhochschulen vorgese-
       henen Steuergelder  müssen  dem  Bildungsetat  zugeführt  werden.
       Priorität für die Bildung, nicht länger für die Rüstung!
       
       Marburg, den 19. April 1974
       gez. Prof. Dr. Walter Jens
       gez. Prof. Dr. Reinhard Kühnl
       gez. Prof. Dr. Helmut Ridder
       

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