Quelle: Blätter 1974 Heft 11 (November)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       FÜR EINE VOLKSFRONT DIESER ZEIT
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       Prinzipien einer aktuellen Linken
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       (Wortlaut eines Appells von Jean Améry)
       
       Die Beiträge  von Reinhard Opitz, Detlev Albers, Eckart Spoo, Jo-
       sef Schleifstein  und Theo  Schiller  im  vorliegenden  Heft  der
       "Blätter" nehmen  Bezug auf  einen Appell Jean Amérys, der zuerst
       am 10.  August 1974 in der "Frankfurter Rundschau" veröffenflicht
       wurde und den wir nachstehend im Wortlaut dokumentieren. D. Red.
       
       Nichts wird wieder sein wie vordem. Das Signal für die Erneuerung
       linken Denkens  und Handelns, für eine neue Konstitution der Lin-
       ken in den fortgeschrittenen Industrieländern wurde in Frankreich
       gegeben, als  François Mitterrand,  Präsidentschaftskandidat  der
       vereinigten Linken,  rund fünfzig  Prozent der  Wählerstimmen auf
       sich vereinigen  konnte. Was da geschah, war vielleicht gewichti-
       ger als  die Bildung  der französischen Volksfront im Jahre 1936,
       und war  gewiß von größerer historischer Bedeutung als alles, was
       die "Neue  Linke" vollbrachte.  Das Ende der linken Vorstellungs-
       welt, wie  sie seit  1965 bis  heute die Situation bestimmte, ist
       gekommen.
       Vorbei  der  Revolutionsfetischismus.  Vergangen  nicht  nur  die
       "große Weigerung",  von der  sogar ihr Erfinder bereits abrückte,
       sondern alle  die endlosen  Diskussionen um "Theorie und Praxis",
       die mit Theorie nur das spekulative Element gemein hatten und mit
       möglicher Praxis  überhaupt nichts.  Vorüber auch  die  unreflek-
       tierte Übertragung  der Problematik  der dritten  Welt auf die in
       Westeuropa und den Vereinigten Staaten herrschenden Verhältnisse:
       ein religiöser  Fanatiker wie Khadafi wird nicht länger als revo-
       lutionäre Führergestalt  verherrlicht werden  können, kein Mensch
       wird fürderhin  dem verhängnisvollen  Glauben anhängen dürfen, es
       werde der  Funke sozialrevolutionärer,  aber letzten Grundes doch
       nationaler Erneuerungsbewegung  aus den einstigen Kolonialländern
       herüberzünden nach  Europa. Mit  durchschlagender und  weiterzeu-
       gender Kraft  haben Mitterrand  und sein Erfolg bewiesen, daß die
       eine und  einzige Chance  der Linken  in einer breiten Volksfront
       besteht: Es  war symbolisch,  daß Michael  Rocard, der  jahrelang
       Vorsitzender der sektiererisch-linksradikalen PSU (Parti Sociali-
       ste Unifié) war, sich an Mitterrands Seite stellte, und daß Régis
       Debray, Maquis-Kamerad  Che Guevaras  und Theoretiker der Revolu-
       tion, gleichfalls  absah von  der revolutionären  Mythologie  und
       sich an  eine Wählerschaft,  die nun  nicht  mehr  die  abstrakte
       "Masse" marxistischer  Scholastik, sondern die wirkliche Mehrheit
       des arbeitenden Volkes ist, anzuschließen bereit war.
       Soweit das Signal, das man, wenn ich richtig urteile, in Deutsch-
       land noch  nicht in  seiner ganzen Bedeutung erkannt hat. Und nun
       die Prinzipien. Unmöglich hier, auf wenigen Manuskriptseiten eine
       Theorie zu  entwerfen, die  allen logischen Ansprüchen politisch-
       ideologischen Denkens genügt. Nur eine summarische und approxima-
       tive Interpretation der gegebenen Situation kann versucht werden,
       darüber hinaus vielleicht noch die Aufzeichnung von Konturen, wie
       ich sie als Zukunft zu erkennen meine.
       Was zuvörderst  geschehen soll  angesichts der in Frankreich sich
       konstituierenden und  für die kommenden Jahre wahrscheinlich aus-
       schlaggebenden Volksfront,  das ist  die Erlernung  eines neuen -
       oder vielleicht:  altneuen - linken Denkens und Handelns. Der er-
       ste Schritt ist die Preisgabe vulgärmarxistischer wie intellektu-
       ell-neomarxistischer Terminologie.  "Entfremdung", "falsches  Be-
       wußtsein", "Dialektik",  das sind  Begriffe und Handlungsmaximen,
       die vielleicht  aufbewahrt werden sollen, deren Überschreitung in
       der politischen  Praxis und ihrem Vokabular aber unerläßlich ist.
       Fürderhin sollte  es unmöglich sein, gegen einen Arbeiter, der da
       erklärt, er sei mit der bestehenden Ordnung so halb und halb ein-
       verstanden, das  Anathem "falsches Bewußtsein" zu schleudern. Ge-
       duldige Aufklärungs- und Erziehungsarbeit wird an die Stelle des-
       sen zu  treten haben, was der Philosoph Ernst Topitsch nicht ganz
       zu unrecht  die  "marxistische  Immunisierungsstrategie"  genannt
       hat. Denn:  nicht darauf kann es ankommen, daß der Theoretiker in
       der Diskussion  mit den  realen "Massen"  recht behält (oder sich
       einbildet, er  habe recht  behalten) -  sondern einzig und allein
       auf die Verwirklichung von Zielen, über die noch zu sprechen sein
       wird.
       Eine Haltung,  die theoretisch  zutreffend als  "Reformismus" be-
       zeichnet werden  darf, die  aber nicht  mehr  das  geschichtliche
       Odium des  Reformismus auf  sich lasten fühlen muß, wird und soll
       an die Stelle gewisser intellektueller Rituale treten, die längst
       ganz und gar formalisiert sind und mit den gesellschaftlichen In-
       halten der gegenwärtigen Verläufe nichts mehr zu tun haben. Damit
       ist nicht  gemeint, es sei politologische und politphilosophische
       Erkenntnisarbeit überflüssig.  Sie wird  sogar -  sofern sie  nur
       nicht der Einbildung erliegt, sie habe stets der Praxis voraufzu-
       gehen, ja, sie bedinge diese - ihre ganz spezifischen Aufgaben zu
       lösen haben.  So wird  etwa die Frage des Marxismus überhaupt zur
       Diskussion gestellt  werden müssen.  Was  von  Marx  bleibt,  und
       bleibt, was es war, wird abzugrenzen sein gegen alles, was marxi-
       stische Gedanken in sich aufnahm und weiterentwickelte. Das Marx-
       Tabu wird  wohl fallen  müssen. Längst bin ich nicht mehr sicher,
       ob es  stichhaltig ist,  was Sartre  in der "Kritik der dialekti-
       schen Vernunft"  sagte: daß  nämlich der  Marxismus  die  unüber-
       schreitbare und  durch existentialistische  Elemente  nur  ergän-
       zungsbedürftige Denkmethode sei und bleibe.
       Es kann  nicht schaden, so meine ich, wenn die Linke sich einläßt
       mit Theorien,  die den Marxismus innerhalb einer linken Zusammen-
       schau zu überwinden versuchen, wie dies etwa der belgische sozia-
       listische Theoretiker  Hendrik de  Man in  der Zwischenkriegszeit
       mit seinem Werke "Zur Psychologie des Sozialismus" versuchte. Re-
       formieren, re-formare,  umgestalten,  neugestalten,  das  ist  ja
       schließlich das  strikte Gegenteil  reaktionären Verhaltens.  Ich
       spreche von  Reformismus und meine damit im Hinblick auf die Bun-
       desrepublik natürlich  nicht das Godesberger Programm der SPD und
       noch viel  weniger die  augenblickliche SPD-Führung: Der deutsche
       Bundeskanzler ist  in meinem  Sinne kein Reformist, was ja nichts
       heißen kann als: Reformer der tradierten Theorien der Arbeiterbe-
       wegung, sondern  schlicht und recht der ehrliche Makler des kapi-
       talistischen Systems, der "sanfte Sozialist", dessen Sanftheit in
       bezug auf  Reformbestrebungen  von  jedermann  eingesehen  werden
       kann, dessen Sozialismus aber nicht einmal mehr in einem Wort be-
       steht, das  er im  Munde würde  führen wollen, Helmut Schmidt und
       Giscard d'Estaing  sind miteinander  befreundet: dieser wie jener
       gehört der  sich konstituierenden  technokratischen  Rechten  an.
       "Wie sind  sie doch kalt und hart in ihrer Nonchalance, die neuen
       Herren", schrieb  im "Monde"  Pierre Viansson-Pont,  nach dem nur
       haarbreiten Sieg  der Rechten angesichts des Ergebnisses der Prä-
       sidentschaftswahlen.
       Es hat  sich erwiesen  in Frankreich  und wird  mit großer  Wahr-
       scheinlichkeit morgen in Italien sich erhärten, daß der linke Ra-
       dikalismus nicht  aufgegeben, aber  domestiziert werden muß, soll
       einerseits die  Bevölkerung nicht  verschreckt werden  durch eine
       auf nichts mehr sich gründende Revolutions-Phraseologie, und soll
       andererseits das  Ziel, das  als die  Verwirklichung sozialer Ge-
       rechtigkeit ich hier bewußt und gewollt undeutlich definiere, er-
       reicht werden.  Die Große  Revolution, von der Trotzkisten, Maoi-
       sten, Anarchisten  träumen und  von der ein Mann wie Régis Debray
       sagte, sie  ereigne sich  höchstens einmal  in einem Jahrhundert,
       hat in  den bürgerlichen  Demokratien des  Westens keine Chancen,
       dies hat  sich nicht nur im Mai 1968 in Frankreich klar erwiesen.
       Daß die  Situation in  Ländern mit  offen faschistischer Diktatur
       anders ist,  muß wohl  nicht erst  noch gesagt  werden. Dort sind
       Vollrevolutionen jedenfalls wünschenswert. Dort kennt die Not nur
       das Gebot  des Aufstandes, auch wenn dessen Folgen möglicherweise
       die hohen Erwartungen beschämen.
       Was aber in den Staatsgebilden, um die es mir hier geht, verwirk-
       licht werden  kann, das ist nicht die Totalrevolution mit der von
       Sartre präkonzipierten  "Terror-Brüderlichkeit", sondern  die hu-
       mane und  sozialistische Demokratie,  für die Mitterrand und Men-
       dès-France einstanden  und der  heute sogar  die  Kommunistischen
       Parteien Frankreichs  und Italiens aus gewiß nicht ausschließlich
       taktischen Erwägungen heraus zustimmen. Unter den veränderten Um-
       ständen muß  freilich die  Linke, und  namentlich  die  deutsche,
       vieles vergessen.  Die großen Philosophen, aber im Grunde unpoli-
       tische Menschen  Adorno, Ernst Bloch, Herbert Marcuse sind in der
       aktuellen Konstellation  keine geistigen  Vorbilder mehr, sind es
       so wenig  wie alle  Marx- und Lenin-Exegeten, die allemal für die
       Tat das Wort setzten, anstelle der Sache nur einem Vokabular ver-
       bunden waren.
       Der verhängnisvolle  Intellektualismus, der in Deutschland philo-
       sophiegeschichtlich aus dem deutschen Idealismus des 19. Jahrhun-
       derts ableitbar  ist, muß  abgelöst werden  durch eine Pragmatik,
       die freilich nicht in sich selbst ertrinken und nicht ihr eigenes
       Ziel werden  darf. Desgleichen  muß der  blinde Aktionismus,  der
       ganz konsequent  in Deutschland  durch die Handlungen der Baader-
       Meinhof-Gruppe und  in den  USA durch jene unsägliche "Symbionese
       Liberation Army"  seinen äußersten  noch möglichen Ausdruck fand,
       überwunden werden.
       Ist aber,  um die  Linke wieder  zu sich  selbst  zurückzuführen,
       nachdem sie  sich verlor  in  abstrakten  Geistesübungen  und  in
       manchmal blutigen  Träumereien, also:  in der von Wolfgang Harich
       rechtens stigmatisierten  "revolutionären Ungeduld",  eine wider-
       spruchsfreie Gesellschaftstheorie  die wichtigste  Voraussetzung?
       Ich antworte  entschlossen und deutlich mit einem Nein. Die Linke
       ist mehr  und anderes  als ein  theoretisches Gefüge. Sie ist we-
       sentlich eine  ebenso undeutliche,  wie dennoch allenthalben aus-
       nehmbare, in  ständiger  Wandlung  begriffene  Realität  der  Ge-
       schichtlichkeit. In  sie ging  vieles ein, was sich verflocht bis
       zur Unentwirrbarkeit  und das  als Knoten  dennoch von  jedermann
       wahrgenommen wird:  die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, der uto-
       pische Sozialismus,  die Grundideen Marxens, die Bestrebungen der
       "Fabians", der Syndikalismus. Ein linkes Weltverständnis, wie ein
       solches sich  im Volksfront-Phänomen  ausdrückt, besteht  und tut
       sich kund, wo immer es um konkrete gesellschaftliche Fragen geht,
       sei dies  die Schwangerschaftsunterbrechung,  das Problem der To-
       desstrafe, des  Strafvollzugs im allgemeinen, der Arbeiter-Mitbe-
       stimmung in  den Betrieben,  die Schulreform.  Stets ist, wo Ent-
       scheidungen fallen sollen, eine historisch legitimierte Linke zur
       Stelle, agiert,  agitiert, greift ein mit Wort und Tat in die Er-
       eignisse. Genügt  dies? Es  hat genügt,  und dafür  gibt es  Bei-
       spiele. Als  es um  das Überleben  der Menschheit ging, im Kampfe
       gegen den  Hitler-Faschismus, in der Résistance, fanden alle lin-
       ken Kräfte  zugleich zueinander  und sich  selber. Als Saboteure,
       Flugzettelverteiler, Organisatoren  der Illegale waren sie besser
       präsent, denn  sie es später als sich gegenseitig verbal zerflei-
       schende Theoretiker sein konnten. Und es muß heute genügen.
       Die Linke ist Wirklichkeit in ihrer Praxis, nicht in ihrer Dogma-
       tik. Ihr  letzter Referenzpunkt  ist ein Humanismus, den aus ver-
       queren theoretischen  Gründen in  Frage zu  stellen im  günstigen
       Falle Spinnerei  ist, im üblen Sabotage. Denn es ist der Humanis-
       mus keine  bürgerliche Mystifikation,  wenn auch  sein Banner von
       der Bourgeoisie  nur allzuoft  zu Mystifikationszwecken rauschend
       geschwenkt wurde.  Er ist  vielmehr, entgegen  der leninistischen
       Philosophie, der gesellschaftliche Grenzbegriff, der Fluchtpunkt,
       an dem im Unendlichen die Möglichkeiten des Menschen zusammenfal-
       len. Und  er ist, was immer strukturalistische Epistemologie vor-
       bringe, die  Grundlage des unerläßlichen Weltvertrauens eines je-
       den Subjekts.
       Kein Zweifel,  daß die  humanistische Volksfront-Linke  vor ihrer
       großen Aufgabe  steht. Wir  gehen, wenn wir den Prognosen der be-
       deutendsten Nationalökonomen  glauben sollen,  einer Wirtschafts-
       krise entgegen,  wie sie  vor zehn Jahren ganz unvorstellbar war.
       Es ist  erlaubt, zu prognostizieren, daß ein nicht-uniformierter,
       nicht in  schwarzen Hundertschaften auftretender Kryptofaschismus
       technokratischer Prägung  die bestehende Ordnung zu retten versu-
       chen wird.  Dann ist freilich für die Opposition keine Zeit mehr,
       sich an  dialektischen Akrobatien zu delektieren oder das Gesell-
       schaftsspiel der  Sektenbildungen, wie wir sie als Abfallprodukte
       der Überflußgesellschaft in den letzten Jahren kannten, weiter zu
       betreiben. Es würde auch verkehrt sein, die Revolution zu verkün-
       den, womit  der Bürger  nur dem  Faschismus in die Arme getrieben
       würde.
       Einer ganz neuen, weil in liberaler Kostümierung verkleideten und
       vielleicht sogar  da und dort durch soziale Zugeständnisse schwer
       erkennbaren rechten Gefahr wird die Linke nur dann zu wehren wis-
       sen, wenn  sie, wie  dies eben  in Frankreich geschah, praktische
       Vernunft mit  politischer Vision  zu vereinen weiß. Philosophisch
       ausgedrückt: es  würde sich  darum handeln,  geistige Kräfte, die
       auf den  kritischen Rationalismus  sich stützen, zu verbünden mit
       jenen, die  ihre Dynamik aus dem Marxismus beziehen. Dieser müßte
       dann allerdings  intellektuelle Opfer bringen, die in jedem Voll-
       marxisten heute  noch Abscheu erwecken. Der kritische Rationalis-
       mus (oder Positivismus) würde seinerseits auf jenen Quietismus zu
       verzichten haben,  der ihm  in den Nachkriegsjahren den Ruf eines
       Rechtfertigers des Status quo eingetragen hat.
       Man wird mir einwenden, daß alles, was ich vorbrachte, vielleicht
       für Frankreich  und Italien Geltung haben mag, nicht aber für die
       Bundesrepublik, die  keine  wirklich  sozialistische  Partei  und
       darum auch keine echte Linke hat. Ich räume ein, daß die Verhält-
       nisse in  der BRD  anders liegen  als bei  ihren Nachbarn, daß es
       schwieriger als  in anderen Ländern sein wird, ein linkes Weltbe-
       wußtsein (um  endlich nicht  mehr zu sagen: Klassenbewußtsein) zu
       vermitteln. Schwerer, aber keineswegs unmöglich. Im Maße nämlich,
       wie die  Neue Linke  in Deutschland  zur Erwachsenheit kommt, was
       nicht nur  eine Generationenfrage  ist, sollte  es gelingen,  der
       Masse des  Volkes, an  der schließlich die Krise sich direkt aus-
       wirken wird,  ein grundeinfaches  Faktum beizubringen:  daß  zwar
       kein nacktes Elend herrscht (denn dies werden die Technokraten zu
       verhindern wissen),  daß aber das angezogene Elend nur durch fun-
       damentale wirtschaftliche Strukturänderungen und jedenfalls nicht
       im Rahmen der sakrosankten Marktwirtschaft beseitigt werden kann.
       Daß ein  in diesem  Sinne linkes  Potential in  der BRD vorhanden
       ist, erscheint  mir als  unbestreitbar. Die Tatsache, daß zum er-
       stenmal in der Geschichte Deutschlands eine nicht nur deutsch-jü-
       dische, sondern  schlechthin deutsche  Intelligenzia mehrheitlich
       an der  Linken siedelt, daß, des weiteren, die Universitäten, die
       einst geschlossen für Gesetz und Ordnung eintraten, in diesen Ta-
       gen Orte  der Unruhe  sind, kann  nicht übersehen werden und wird
       nicht ohne  Wirkung bleiben.  Voraussetzung hierfür ist freilich,
       was ich  weiter oben schon andeutete: daß nämlich diese intellek-
       tuelle Linke sich selbst überschreitet: für einmal nicht in Rich-
       tung violenter Aktion, sondern auf ebenso entschlossene wie hart-
       näckige Mäßigung  hin. Das  mag nach  Abwiegelungsversuch klingen
       und für  den Augenblick  noch von eben jenen, auf die es ankommt,
       mit Gereiztheit  abgewiesen werden.  Es wird  aber, wenn erst die
       gesellschaftlichen Konflikte  sich verschärfen, sich die Einsicht
       einstellen, daß die Sache der Freiheit keine revolutionäre Drama-
       turgie braucht,  sondern den  Radikalismus der Vernunft. Der Par-
       teiapparat der  SPD kann und soll nicht "unterwandert" werden. Es
       müßte aber, so will mir scheinen, möglich sein, ihn umzuerziehen.
       Diese Edukationsarbeit  ist in  Frankreich Mitterrand  und seinen
       Mitarbeitern gelungen:  im Laufe dreier Jahre wurde aus der SFIO,
       der Partei Guy Mollets, die an perniziöser Anämie zugrunde zu ge-
       hen schien  und außerdem  in ihrem  rabiaten Antikommunismus sich
       mehr und mehr hin nach rechts bewegte, eine machtvolle, dezidiert
       linke Volkspartei.  Ich sehe  keinen einleuchtenden  Grund dafür,
       daß eine  ähnliche Entwicklung  nicht auch  in der Bundesrepublik
       den Lauf der Ereignisse bestimmen könnte.
       
       Thesen
       ------
       
       Abschließend will  ich denn  hier die  Prinzipien einer aktuellen
       Linken knapp  und in  ein paar Thesen, die selbstverständlich nur
       als ganz provisorisch gedacht sind, zusammenfassen:
       1) Revolution ist  kein Selbstzweck: sie ist äußerstes Mittel zur
       Verwirklichung menschenwürdiger  Zustände. Nicht  der Mensch  ist
       für die Revolution da, sondern die Revolution für den Menschen.
       2) Solange die  bürgerliche Demokratie  noch sie  selber ist, das
       heißt: formale Bürgerrechte garantiert, ist eine Strukturverände-
       rung der Gesellschaft auf demokratischem Wege und durch Selbstbe-
       stimmung des Volkes zu erstreben.
       3) Der linke Radikalismus muß humanisiert werden. Gewalt darf für
       die Linke  in der  bürgerlichen Demokratie  stets nur  defensiven
       Charakter haben;  erst nach Erschöpfung aller demokratischen Mög-
       lichkeiten ist sie legitimiert.
       4) Die Linke  muß sich  als offene  Volksfront konstituieren. Sie
       darf nicht  an den  Dogmen des Marxismus gemessen werden, sondern
       an ihren Chancen und ihren Verwirklichungen.
       5) Reformismus ist  nichts Schimpfliches; er kann radikale Praxis
       sein.
       6) Sozialistische Gesellschaftsstruktur  und  liberales  soziales
       Verhalten schließen einander nicht aus: sie bedingen sich.
       

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