Quelle: Blätter 1975 Heft 04 (April)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       FRANKFURTER AUFRUF ZUM 8. MAI 1975 ALS 30. JAHRESTAG
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       DER BEFREIUNG VON FASCHISMUS UND KRIEG
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       (Wortlaut)
       
       Am 8.  Mai 1945 endete in Europa der Zweite Weltkrieg. Die Armeen
       der Anti-Hitler-Koalition zwangen die faschistische Wehrmacht zur
       bedingungslosen Kapitulation und eröffneten dadurch eine Perspek-
       tive der Sicherheit und des Friedens in Europa.
       Mehr als  ein Vierteljahrhundert dauerte dann trotzdem das Ringen
       zwischen den  Befürwortern einer  Politik der Entspannung und des
       Friedens und den unbelehrbaren Anhängern einer Politik des Kalten
       Krieges. Schließlich gelang es, die gefährliche Konfrontation ab-
       zubauen:
       In einem  System von  Verträgen wurden  die durch  den Krieg  und
       seine Folgen  geschaffenen Grenzen  völkerrechtlich anerkannt und
       beide deutsche  Staaten in  die UNO  aufgenommen. Damit wurde ein
       ständiger  Spannungsherd   in  Mitteleuropa   beseitigt  und  die
       "Nachkriegszeit" beendet.  Es öffnete sich der Weg für die Anbah-
       nung gutnachbarschaftlicher  Beziehungen und für eine Zusammenar-
       beit nach  den Grundsätzen  der friedlichen  Koexistenz  zwischen
       Staaten mit unterschiedlicher Gesellschaftsordnung.
       Diese Chancen,  die sich  unserem Lande damit noch einmal bieten,
       müssen genutzt  werden. Es gilt, endlich die Lehren zu ziehen aus
       jener größten  Katastrophe der  deutschen Geschichte,  in die der
       Faschismus unser  Land gestürzt hat, aus dem unendlichen Leid von
       Millionen Opfern  des Krieges und des Terrors, aus der Zerstörung
       blühender Städte und aus dem Verlust der Heimat von Millionen Fa-
       milien, die  ein Opfer  der Folgen nazistischer Eroberungspolitik
       wurden.
       Vor 30  Jahren, als  die fürchterliche  Hinterlassenschaft von 12
       Jahren brauner  Gewaltherrschaft jedermann  klar vor Augen stand,
       gab es bei Antifaschisten und demokratisch gesinnten Bürgern kei-
       nen Zweifel daran, daß die Nazidiktatur ohne das Wirken von Groß-
       industrie, Hochfinanz  und Pressekonzernen  nicht möglich gewesen
       wäre. Damals  war man  sich allseits  bewußt, daß zur endgültigen
       Beseitigung der  faschistischen Gefahr  die Macht der großen Kon-
       zerne gebrochen und die Neubildung gigantischer Kapitalansammlun-
       gen in  privater Hand  wirksam unterbunden  werden müßte. Das war
       nicht nur  die Ansicht  von SPD und KPD sowie der Gewerkschaften,
       sondern auch die CDU erklärte 1947 in ihrem Ahlener Programm. die
       Neuordnung Deutschlands  dürfe nicht wieder auf der Basis kapita-
       listischen Macht-  und Gewinnstrebens  erfolgen. Dies  zeigt, daß
       damals, angesichts  der Trümmer  und des Elends, auch bürgerliche
       Kreise erkannten,  daß nur eine konsequente Demokratisierung auch
       auf wirtschaftlichem  Gebiet einen  sozialen Rechtsstaat schaffen
       könnte.
       Diese Erkenntnis  führte zur  Forderung nach  Achtung des Krieges
       und nach  Überführung der Grundstoffindustrien in Gemeineigentum.
       Sie fand  ihren Niederschlag  in den  antifaschistisch-demokrati-
       schen Aufträgen für die gesetzgebende und ausführende Gewalt, wie
       sie in  zahlreichen Artikeln  des Grundgesetzes, in seinem Grund-
       rechtskatalog und  in den Länderverfassungen enthalten sind. Aber
       diese Verfassungsaufträge  sind bis  heute nicht erfüllt - im Ge-
       genteil: Die  Geschichte der  Bundesrepublik Deutschland  ist die
       Geschichte der  Restauration jener  Besitzverhältnisse, die einst
       den Faschismus hervorgebracht haben. Die historische Wahrheit ge-
       bietet die Feststellung: Mit der Währungsreform, der Gründung der
       Bundesrepublik Deutschland  und mit  deren Eingliederung  in  die
       NATO  wurde  die  Wiederherstellung  der  Einheit  des  deutschen
       Staatsverbandes verhindert.  Diese Fehlentwicklung  wurde fortge-
       setzt durch  die Aufrüstung der Bundesrepublik zur viertstärksten
       Militärmacht der Erde und führte zur endgültigen Teilung Deutsch-
       lands. Zwar  wurde die  Politik der  Konfrontation und des Kalten
       Krieges durch  den Druck  der auf  Entspannung und Normalisierung
       der Beziehungen zu unseren östlichen Nachbarn orientierten Kräfte
       in der  Bundesrepublik und  durch eine realistischere Politik der
       SPD/FDP-Regierung beendet,  jedoch im  Innern wurde  der Kurs zur
       Einschränkung der demokratischen Entwicklung durch die Aushöhlung
       des Grundgesetzes  und die  Beibehaltung des  Antikommunismus als
       Staatsdoktrin fortgesetzt. Ein Beweis dafür sind die verfassungs-
       widrigen Berufsverbote.
       Wir alle sind tagtäglich Zeugen dafür, wie nationale und multina-
       tionale Konzerne  ihre wirtschaftliche Macht zu politischen Zwec-
       ken mißbrauchen.  Ihr übermächtiger  Einfluß durchdringt alle Be-
       reiche des gesellschaftlichen Lebens. Ihre ökonomischen Entschei-
       dungen stellen weitgehend die Weichen für das gesamte soziale Le-
       ben. Sie haben ihre Interessenvertreter in allen wichtigen Insti-
       tutionen des Staates. Sie sorgen dafür, daß ein riesiger Teil des
       Volkseinkommens über die Rüstung in ihre Taschen fließt. Sie set-
       zen ihre  wirtschaftliche Macht gegen die Politik der Entspannung
       ein. Sie  fördern und  unterstützen alle  reaktionären und neofa-
       schistischen Kräfte  in der  Bundesrepublik und  - siehe Chile! -
       auch im Ausland. Bedenkenlos nehmen sie alle damit für unser Volk
       und die  ganze zivilisierte Staatengemeinschaft verbundenen Frie-
       densrisiken in Kauf.
       Diesem unheilvollen Wirken gilt es entgegenzutreten.
       An diesem 30. Jahrestag der Niederringung der Nazidiktatur wollen
       wir unserem Volk deutlich machen, daß die Politik der Entspannung
       und der friedlichen Entwicklung nur gesichert ist, wenn in Erfül-
       lung der  Aufträge des  Grundgesetzes und  der Länderverfassungen
       jeder Mißbrauch  wirtschaftlicher Macht  zu  politischen  Zwecken
       verhindert und  die demokratischen Rechte und Freiheiten des Vol-
       kes in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens verwirklicht
       werden.
       Eingedenk der  bitteren Erfahrungen,  die unser  Volk mit der fa-
       schistischen Diktatur machen mußte, rufen wir alle Antifaschisten
       und Demokraten dazu auf, ungeachtet der Unterschiedlichkeit ihrer
       weltanschaulichen oder politischen Bindungen, gemeinsam einzutre-
       ten und  am 10. Mai 1975 in Frankfurt am Main unter der Losung zu
       demonstrieren: "30  Jahre Befreiung  vom Hitler-Faschismus  -  30
       Jahre Kampf um ein Europa des Friedens"
       - für die Fortführung der Politik der Entspannung und Friedenssi-
       cherung;
       - für die  Zusammenarbeit  aller  europäischen  Staaten  auf  der
       Grundlage der Prinzipien der friedlichen Koexistenz;
       - für den  sofortigen Rüstungsstopp  und die Einleitung konkreter
       Abrüstungsmaßnahmen;
       - gegen jede weitere Einschränkung staatsbürgerlicher Rechte;
       - für die  demokratische Kontrolle  der Macht  der nationalen und
       multinationalen Konzerne;
       - für die  Demokratisierung aller gesellschaftlichen Lebensberei-
       che und für sozialen Fortschritt!
       Diesen Aufruf  haben unter  anderen folgende Persönlichkeiten un-
       terschrieben:
       Prof. Dr.  Wolfgang Abendroth  - Gerhard Adler, Maschinensetzer -
       Prof. Dr.  Wilhelm Alff  -  Norbert  Arndt,  Jugendvertreter  der
       Friedrich-Krupp-Hüttenwerke AG  - AStA  der  Philipps-Universität
       Marburg -  AStA der  Fachhochschule Frankfurt/M. - Kurt Bachmann,
       Mitglied des  Präsidiums der  DKP - Prof. Dr. H.W. Bartsch - Arno
       Behrisch, Mitglied  des Direktoriums  der DFU  - Arend Bertzbach,
       Pastor, Mitglied  der Christlichen  Friedenskonferenz - Friedrich
       Bilda, Betriebsratsvorsitzender  - Willy Bleicher, Gewerkschafts-
       sekretär i.R.  - Bernhard Braun, Mitglied des SHB-Bundesvorstands
       - Fritz  Bringmann, Generalsekretär  der  Amicale  Internationale
       Neuengamme -  Hans Brommond, Bezirksjugendleiter der IG Druck und
       Papier -  Dieter Brumm,  Landesbezirksvorsitzender der dju in der
       IG Druck und Papier - Helmut Buck, 1. Bevollmächtigter der IG Me-
       tall, Verwaltungsstelle  Reutlingen -  Dr. Kurt Bunke - Dr. Georg
       Bussmann, Kunsthistoriker  - Gert  Christ, Student - Dr. Ingeborg
       Drewitz, Schriftstellerin  - Dr.  Josef Drexel,  Verleger  -  Dr.
       Heinz Düx, Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht Frankfurt/M.
       - Ralph  Durchleuchter, freier Journalist - Jörg Eichhorn, Stell-
       vertretender Bundesvorsitzender  der Deutschen  Jungdemokraten  -
       Rainer Einenkel,  Jugendvertreter der Adam Opel AG - Bernt Engel-
       mann, Schriftsteller  - Prof. Dr. Walter Fabian - Dr. h.c. Johann
       Fladung, Bundesvorsitzender  des  Demokratischen  Kulturbundes  -
       Horst  Freitag,  Stellvertretender  Betriebsratsvorsitzender  der
       Nordmark-Werke -  Wolfgang Gehrke,  Bundesvorsitzender der SDAJ -
       Therese  Giehse,  Schauspielerin  -  Dieter  Gleichfeld,  Gewerk-
       schaftssekretär -  Rudi Gottschalk, Lagergemeinschaft Buchenwald-
       Dora in  der BRD  - Werner  Habermehl, Betriebsratsvorsitzender -
       Klaus-Dieter Hagner,  Bezirksgewerkschaftssekretär der  IG  Druck
       und Papier - Dieter Hooge, Gewerkschaftssekretar - Prof. Dr. Wal-
       ter Jens  - Prof.  Dr. Gerhard Kade - Eugen Kessler, Vorsitzender
       der Lagergemeinschaft  Dachau - Werner Kiesewetter, Betriebsrats-
       vorsitzender - Horst Kohfink, Gewerkschaftssekretär - Aenne Kolb,
       Hausfrau -  Helga Koppel,  Sekretärin des  Bundes  demokratischer
       Wissenschaftler -  Prof. Dr.  Reinhard Kühnl - Klaus Linsel, Bun-
       desjugendleiter der  Naturfreundejugend Deutschlands  - Dr. Doris
       Maase, Ärztin,  Sprecherin der  Lagergemeinschaft  Ravensbrück  -
       Klaus  Mannhardt,   Vorsitzender  der  Deutschen  Friedensgesell-
       schaft/Vereinigte Kriegsdienstgegner  - AStA der Gesamthochschule
       Duisburg -  Dr. R.  Neven du Mont, Publizist - Dr. Martin Niemöl-
       ler, Pastor i.R. - Max Reimann, Mitglied des Präsidiums der DKP -
       Prof. H.  Ridder - Dr. Josef Rossaint, Präsident der VVN/Bund der
       Antifaschisten -  Herbert Seebauer,  Kreisjugendsekretär DGB Mün-
       chen -  Christoph Speier,  Hessischer Landesschulsprecher  - Paul
       Schallück, Schriftsteller  - Richard  Schmidt,  Vorsitzender  des
       Kreisjugendausschusses DGB  München -  Herbert Schneider,  Litho-
       graph, MdL  - Hans  Schwarz, Gewerkschaftssekretär  -  Karl-Heinz
       Schwarz, Stellvertretender  Vorsitzender  des  DGB  Dillenburg  -
       Prof. Dr.  Gerhard Stuby, Vorsitzender der Vereinigung demokrati-
       scher Juristen  - Helmuth-Michael  Vogel, Vorsitzender  der Deut-
       schen Friedensgesellschaft/Vereinigte  Kriegsdienstgegner -  Gün-
       ther Wallraff,  Schriftsteller -  Gerhard Weber,  Generalsekretär
       des CVJM  und Mitglied  der Hamburger Bürgerschaft - Josef Wilde-
       mann, DGB-Kreisvorsitzender Münster-Warendorf - Heinz-Werner Wur-
       stius, Gewerkschaftssekretär.
       

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