Quelle: Blätter 1975 Heft 08 (August)


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       Ansprachen zu den Ergebnissen der KSZE in Helsinki
       
       GERALD FORD, PRÄSIDENT DER VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA
       ==========================================================
       
       (Wortlaut)
       
       Herr Vorsitzender,  meine verehrten Kollegen: Lassen Sie mich da-
       mit beginnen, den Regierungen Finnlands und der Schweiz, die die-
       ser Konferenz in ihren verschiedenen Phasen hervorragende Gastge-
       ber gewesen  sind, meine  und meiner  Verbündeten Dankbarkeit für
       ihre Effizienz und Gastfreundschaft auszusprechen.
       Insbesondere Ihnen,  Herr Präsident  Kekkonen, habe  ich im Namen
       des 214-Millionen-Volks  der Vereinigten  Staaten von Amerika für
       das Volk  der Republik Finnland die Bekräftigung der traditionel-
       len Zuneigung  und Bewunderung  anzuvertrauen, welche  alle meine
       Landsleute ihrem  tapferen und  schönen Land gegenüber empfinden.
       Wir sind einander durch das stärkste aller Bande verbunden, durch
       unsere brennende  Liebe zu  Freiheit und Unabhängigkeit, die kein
       anderes Vaterland  kennt als  das menschliche Herz. Dieses Gefühl
       ist so dauerhaft wie der Granitfelsen, auf dem diese Stadt steht,
       und so  bewegend wie die Musik von Sibelius. Unser Besuch in die-
       sem Land,  so kurz  er ist,  hat uns  einen tieferen Eindruck des
       Stolzes, des  Fleißes und der Freundlichkeit vermittelt, die Ame-
       rikaner stets mit der finnischen Nation assoziieren.
       Die hier  versammelten Nationen haben 30 Jahre lang den allgemei-
       nen Frieden  in Europa erhalten. Aber es hat dennoch zu viele Si-
       tuationen gegeben,  in denen  der große  Konflikt nur  um Haares-
       breite vermieden  wurde. Bis  heute ist  es eine  dringende Frage
       geblieben, wie ein gerechter und dauerhafter Friede für alle Völ-
       ker geschaffen  werden kann.  Ich bin nicht über den Atlantik ge-
       kommen, um auszusprechen, was wir alle bereits wissen - daß Staa-
       ten heute über die Fähigkeit zur Zerstörung der Zivilisation ver-
       fügen und  daß es  deshalb für unser aller Außenpolitik ein ober-
       stes Ziel geben muß: die Verhütung eines thermonuklearen Krieges.
       Ich bin auch nicht gekommen, um über die harte Realität ideologi-
       scher Unterschiede,  politischer  Rivalitäten  und  militärischer
       Konkurrenz, die zwischen uns fortbestehen, zu grübeln.
       Ich bin  nach Helsinki  gekommen als Sprecher einer Nation, deren
       Vision stets vorwärtsgewandt war und deren Bevölkerung stets ver-
       langt hat,  daß die  Zukunft heller  als die  Vergangenheit  sein
       werde, und  deren vereinter  Wille und  Zweck es zu dieser Stunde
       sind, sorgsam für die Förderung von Frieden und Fortschritt nicht
       nur für  uns selbst, sondern für die gesamte Menschheit zu arbei-
       ten.
       Ich bin  hier, um  ganz einfach  zu meinen Kollegen zu sagen: Wir
       schulden es  unseren Kindern, den Kindern aller Kontinente, keine
       Gelegenheit zu  versäumen, uns  nicht eine  Minute lang  krank zu
       stellen und uns selbst nicht zu schonen noch anderen zu erlauben,
       sich zu  drücken, wenn  es um  die monumentale Aufgabe geht, eine
       bessere und sicherere Welt zu erbauen.
       Das amerikanische  Volk weiß  wie die  Völker Europas,  daß bloße
       Versicherungen des guten Willens, vorübergehende Veränderungen in
       der politischen Stimmung von Regierungen, lobenswerte Prinzipien-
       deklarationen nicht genug sind. Aber wenn wir mit Sorgfalt vorge-
       hen, engagiert  für realen  Fortschritt, dann  gibt es jetzt eine
       Chance, die Hoffnungen unserer Völker Wirklichkeit werden zu las-
       sen.
       In den  vergangenen Jahren  haben die  hier vertretenen  Nationen
       sich bemüht,  potentielle Konflikte  zu lindern. Aber ehe wir uns
       vorzeitig beglückwünschen,  gibt es  noch sehr  viel mehr zu tun.
       Die militärische  Konkurrenz muß unter Kontrolle gebracht werden.
       Die politische Konkurrenz muß eingeschränkt werden. Krisen dürfen
       nicht manipuliert  oder um  einseitiger Vorteile  willen, die uns
       erneut an den Rand des Krieges führen könnten, ausgenutzt werden.
       Ich hoffe  zutiefst, daß  diese Konferenz  weitere praktische und
       konkrete Resultate  anregen wird. Sie bietet eine willkommene Ge-
       legenheit, den  Kreis jener  Länder, die  mit der  Linderung  der
       Spannungen zwischen  Ost und  West befaßt sind, zu erweitern. Be-
       teiligung an der Schaffung der Entspannung und Teilhabe am Nutzen
       der Entspannung  muß jedermanns Sache sein, in Europa und andern-
       orts. Aber  Entspannung kann nur erfolgreich sein, wenn jedermann
       begreift, was Entspannung tatsächlich ist.
       Erstens ist Entspannung ein evolutionärer Prozeß, kein statischer
       Zustand. Noch bestehen viele beachtliche Herausforderungen.
       Zweitens wird der Erfolg des Entspannungsprozesses von neuen Ver-
       haltensmustern abhängen, die all unsere feierlichen Deklarationen
       mit Leben  erfüllen. Die  Ziele, die wir uns heute setzen, werden
       der Maßstab sein, mit dem unser Abschneiden gemessen werden wird.
       Die Völker  Europas und,  das kann ich Ihnen versichern, das Volk
       Nordamerikas sind  es durch und durch müde, daß man ihre Hoffnun-
       gen erst  erweckt und dann zerschlägt durch leere Worte und uner-
       füllte Versprechungen.  Wir sollten lieber sagen, was wir denken,
       und denken,  was wir sagen, sonst werden wir uns mit dem Zorn un-
       serer Bürger herumzuschlagen haben.
       Wenn wir keine Wunder erwarten dürfen, so können wir erwarten und
       erwarten wir  steten Fortschritt, der sich schrittweise vollzieht
       - in  Schritten, die  miteinander zusammenhängen und die auf ver-
       schiedenen Gebieten  unserer Beziehungen unsere Taten mit unseren
       Worten zur Deckung bringen.
       Schließlich muß  die Existenz  gegenseitiger Verpflichtung akzep-
       tiert werden.  Entspannung kann,  wie ich  oft gesagt habe, keine
       Einbahnstraße sein.  Spannungen können nicht durch eine Seite al-
       lein gemildert werden. Beide Seiten müssen Entspannung wollen und
       dafür arbeiten, daß sie erreicht wird. Beide Seiten müssen Nutzen
       davon haben.
       Diese außergewöhnliche Zusammenkunft in Helsinki beweist, daß all
       unseren Völkern  die Sorge  um Europas  Zukunft und eine friedli-
       chere Welt  gemeinsam ist. Aber was sonst beweist sie? Wie sollen
       wir die Resultate einschätzen?
       Unsere Delegationen haben lange und hart gearbeitet, um Dokumente
       zu verfassen,  die vornehme  und rühmliche  politische Prinzipien
       bestätigen. Sie  formulieren Leitlinien  für  das  Verhalten  der
       Staaten und für internationale Zusammenarbeit.
       Jeder Signatarstaat  sollte wissen,  daß, wenn  diese  Leitlinien
       mehr sein sollen als das jüngste Kapitel eines langen und trauri-
       gen Buches  unerfüllter Deklarationen,  jede  Seite  entschlossen
       sein muß, sie Wirklichkeit werden zu lassen.
       Diese Dokumente,  die wir  unterzeichnen  werden,  repräsentieren
       einen neuen  Schritt - einen wie langen oder kurzen Schritt, wird
       nur die  Zeit zeigen  können - im Prozeß der Entspannung und Ver-
       söhnung in  Europa. Unsere  Völker werden  beobachten und messen,
       welchen Fortschritt wir machen. Sie werden fragen, wie diese vor-
       nehmen Empfindungen  in Taten übersetzt werden, die sicherere und
       gerechtere Ordnung  in das alltägliche Leben unserer Nationen und
       ihrer Bürger tragen werden.
       Die hier  erarbeiteten Dokumente  stellen Kompromisse  dar -  wie
       alle internationalen Verhandlungen -, aber diese, Prinzipien, die
       wir vereinbart  haben, sind mehr als der kleinste gemeinsame Nen-
       ner von Regierungspositionen:
       - Sie bekräftigen  die grundlegendsten Menschenrechte: Gedanken-,
       Gewissens- und  Glaubensfreiheit; die  Ausübung bürgerlicher  und
       politischer Rechte; die Rechte von Minderheiten.
       - Sie rufen  auf zu  einem freieren Fluß von Informationen, Ideen
       und Menschen;  mehr Raum für die Presse, Kultur- und Bildungsaus-
       tausch, Familienzusammenführung, dem Recht zu Reisen und der Hei-
       rat zwischen  Bürgern verschiedener  Staaten; und  zum Schutz des
       unschätzbaren Erbes unserer verschiedenen Kulturen.
       - Sie eröffnen  weite Gebiete für verstärkte Zusammenarbeit: Han-
       del, Industrieproduktion,  Wissenschaft und  Technologie, Umwelt,
       Verkehrswesen, Gesundheit, Weltraum und Ozeane.
       - Sie bekräftigen  die grundlegenden  Prinzipien der  Beziehungen
       zwischen Staaten: Nichteinmischung, souveräne Gleichheit, Selbst-
       bestimmung, territoriale  Integrität, Unverletzlichkeit der Gren-
       zen und die Möglichkeit der Änderung mit friedlichen Mitteln.
       Die  Vereinigten   Staaten  unterschreiben  dieses  Dokument  mit
       Freude, denn wir unterschreiben jedes dieser Prinzipien.
       Vor fast 200 Jahren wurden die Vereinigten Staaten als eine freie
       und unabhängige  Nation geboren.  Die Abkömmlinge  von Europäern,
       die ihre Unabhängigkeit in Amerika proklamierten, brachten in je-
       ner Erklärung  "gebührende Achtung  der Meinungen der Menschheit"
       zum Ausdruck  und erklärten  nicht nur,  daß alle Menschen gleich
       geschaffen sind, sondern auch, daß sie mit unveräußerlichen Rech-
       ten auf Leben, Freiheit und Streben nach Glück ausgestattet sind.
       Die Begründer meines Landes sagten nicht nur, daß alle Amerikaner
       diese Rechte genießen sollten, sondern alle Menschen, wo auch im-
       mer, sollten diese Rechte genießen. Und von diesen Prinzipien ha-
       ben sich  die Vereinigten Staaten die zwei Jahrhunderte ihrer na-
       tionalen Geschichte  hindurch leiten  lassen. Sie haben Millionen
       in Europa und auf jedem Kontinent mit Hoffnung erfüllt.
       Ich bin  gefragt worden,  warum ich  heute hier  stehe. Ich stehe
       hier, weil  ich -  und weil meine Landsleute - an die Interdepen-
       denz zwischen  Europa und  Nordamerika glaube, an die Interdepen-
       denz der gesamten menschlichen Familie in der Tat.
       Ich bin  hier, weil  die Führer  von 34 weiteren Regierungen hier
       sind - der Staaten Europas und unseres guten Nachbarn Kanada, mit
       dem wir  eine offene  Grenze von  5526 Meilen gemeinsam haben, an
       der nicht ein einziger bewaffneter Soldat steht und welche unsere
       beiden Völker  160 Jahre  lang in  Freundschaft und gegenseitigem
       Respekt überquert  haben. Und ohne Widerspruch befürchten zu müs-
       sen, kann  ich sagen,  daß es  unter den hier vertretenen Völkern
       kein einziges  gibt, dessen  Blut nicht in den Adern von Amerika-
       nern fließt  und dessen Kultur und Traditionen nicht das Erbe be-
       reichert hätten, das wir Amerikaner so hoch schätzen.
       Als die Vereinigten Staaten vor 200 Jahren eine Deklaration hoher
       Prinzipien beschlossen,  spotteten und  höhnten die  Zyniker  und
       Zweifler jener Tage. Aber elf lange Jahre später war unsere Unab-
       hängigkeit erreicht,  und die  Stabilität unserer  Republik wurde
       tatsächlich durch die Verankerung ebendieser Prinzipien in unsere
       Verfassung bewirkt.
       Diese Prinzipien jedoch bleiben, obwohl sie weiter vervollkommnet
       werden, die Leitlinien der amerikanischen Politik, und die ameri-
       kanischen Menschen  bewahren sich  weiterhin, wie damals, die ge-
       bührende Achtung  vor den Meinungen der Menschheit und vor Leben,
       Freiheit und dem Streben nach Glück aller Völker wo auch immer.
       F ü r  d i e  M i t t e i l n e h m e r  a n  d i e s e r  K o n-
       f e r e n z   symbolisiert  meine  Anwesenheit  hier  das  vitale
       Interesse meines  Landes an  der Zukunft  Europas. Unsere Zukunft
       ist mit  der  Ihren  verbunden.  Unsere  ökonomische  Prosperität
       ebenso wie  unsere Sicherheit ist in zunehmendem Maße mit der Ih-
       ren verbunden.  Die geographische  Distanz wird  überbrückt durch
       unser gemeinsames Erbe und unsere gemeinsame Bestimmung. Die Ver-
       einigten Staaten beabsichtigen daher, sich voll an den Angelegen-
       heiten Europas  und an der Umsetzung der Ergebnisse dieser Konfe-
       renz in lebendige Wirklichkeit zu beteiligen.
       F ü r   A m e r i k a s  V e r b ü n d e t e:  Wir im Westen müs-
       sen den  Kurs fortsetzen,  den wir gemeinsam eingeschlagen haben,
       verstärkt durch  unsere jeweilige  Kraft und wechselseitiges Ver-
       trauen. Stabilität  in Europa  erfordert das Gleichgewicht in Eu-
       ropa. Ich  versichere Sie  daher, daß mein Land weiterhin ein in-
       teressierter und  verläßlicher Partner sein wird. Unsere Partner-
       schaft ist  weit mehr  als eine Sache formaler Übereinkünfte. Sie
       ist Ausdruck  von Überzeugungen,  Traditionen und  Bindungen, die
       für das  amerikanische Volk  von tiefer  Bedeutung sind. Wir sind
       stolz darauf,  daß diese  Werte in  diesem Dokument ausgesprochen
       sind.
       F ü r   d i e   L ä n d e r  d e s  O s t e n s:  Die Vereinigten
       Staaten anerkennen,  daß die Prinzipien, die diese Konferenz ver-
       einbart hat, Bestandteil des großen Erbes der europäischen Kultur
       sind, deren  Treuhänder für die gesamte Menschheit wir alle sind.
       Für mein  Land sind  sie weder  Klischees noch hohle Phrasen. Wir
       nehmen diese  Arbeit und  diese Worte ernst. Wir werden keine An-
       strengung scheuen, um Spannungen zwischen uns zu mildern und Pro-
       bleme zwischen  uns zu  lösen. Aber  es ist  wichtig, daß Sie die
       tiefe Hingabe  der amerikanischen  Menschen und ihrer Regierungen
       an die  Menschenrechte und  die Grundfreiheiten  und somit an die
       Versprechen, die  diese Konferenz hinsichtlich der freieren Bewe-
       gung von Menschen, Ideen und Informationen gemacht hat, erkennen.
       Die Errichtung  einer politischen Beziehung zwischen Ost und West
       konfrontiert uns mit vielen Herausforderungen.
       Berlin hat  eine besondere Bedeutung. In der Vergangenheit war es
       ein Brennpunkt der Konfrontation; in Zukunft kann es ein Beispiel
       friedlicher Regelung geben. Die Vereinigten Staaten betrachten es
       als einen  Prüfstein der  Entspannung und  der Prinzipien  dieser
       Konferenz. Wir  begrüßen die  Tatsache, daß - in Abhängigkeit von
       den vierseitigen Rechten und Verantwortlichkeiten - die Resultate
       der KSZE für Berlin gelten, ebenso wie sie in ganz Europa gelten.
       Die militärische  Stabilität in  Europa hat den Frieden erhalten.
       Nunmehr ist  die Zeit  gekommen, unter  Aufrechterhaltung  dieser
       Stabilität das  hohe Niveau  militärischer Potentiale  auf beiden
       Seiten substantiell zu reduzieren. Die gegenwärtig in Wien statt-
       findenden Verhandlungen über gegenseitige und ausgewogene Streit-
       kräftereduzierungen haben bisher nicht zu den Resultaten geführt,
       die ich  erhofft hatte. Die Vereinigten Staaten sind bereit, Fle-
       xibilität zu  demonstrieren, um  diese Verhandlungen voranzubrin-
       gen, wenn  andere das  gleiche tun  werden. Ein Abkommen, das die
       gegenseitige Sicherheit erhöht, ist erreichbar- und essentiell.
       Die Vereinigten  Staaten beabsichtigen gleichfalls, energisch auf
       ein weiteres  Abkommen über  die Begrenzung  strategischer Waffen
       hinzuarbeiten. Dies bleibt eine Priorität amerikanischer Politik.
       Generalsekretär Breschnew und ich sind im vergangenen November in
       Wladiwostok über die Hauptpunkte eines neuen, strategische Offen-
       sivwaffen für  die nächsten  zehn  Jahre  begrenzenden  Abkommens
       übereingekommen. In unseren bilateralen Erörterungen hier in Hel-
       sinki kommen wir voran.
       Mit der  Ausbreitung der  Technologie nuklearer Waffen sieht sich
       die Welt einer nie dagewesenen Gefahr gegenüber. Die Nationen Eu-
       ropas tragen eine große Verantwortung für eine internationale Lö-
       sung dieses  Problems. Der Nutzen friedlicher Atomenergie gewinnt
       immer größere Bedeutung. Wir müssen Wege finden, diesen Nutzen zu
       verbreiten und  gleichzeitig die Welt vor der Bedrohung durch die
       Weiterverbreitung von (Atom-)Waffen zu schützen.
       F ü r   d i e   a n d e r e n   a u f   d i e s e r    K o n f e-
       r e n z   v e r t r e t e n e n   N a t i o n e n  E u r o p a s:
       Wir würdigen  die Arbeit,  die Sie  hier geleistet haben, um ganz
       Europa zusammenbringen zu helfen. Ihr Recht, in Frieden und Unab-
       hängigkeit zu  leben, ist  eines der Hauptziele unseres Bemühens.
       Ihr fortdauernder Beitrag wird unverzichtbar sein.
       F ü r   j e n e   N a t i o n e n,   d i e   n i c h t   t e i l-
       n e h m e n,  u n d  f ü r  a l l e  V ö l k e r  d e r  W e l t:
       Die in diesen Dokumenten enthaltene feierliche Verpflichtung, die
       Grundrechte,  wirtschaftlichen   und  sozialen   Fortschritt  und
       Wohlfahrt zu fördern, gilt letztenendes für alle Völker.
       Der Prozeß  der Verhandlungen  muß fortgesetzt  werden, nicht  im
       Schneckentempo, sondern  mit erwiesenem Enthusiasmus und sichtba-
       ren Fortschritten.
       Nirgendwo sind  Herausforderungen und  Chancen größer  und augen-
       scheinlicher als  in Europa.  Dies ist  der Grund,  aus dem diese
       Konferenz uns alle zusammenführt. Konflikte in Europa erschüttern
       die Welt.  Zweimal in  diesem Jahrhundert haben wir diese Lektion
       teuer bezahlt;  zu anderen  Zeiten waren  wir der Katastrophe ge-
       fährlich nahe.  Vergessen wir die Tragödie und den Schecken jener
       Zeiten nicht!
       Frieden ist  kein Stück Papier. Aber dauerhafter Friede ist heute
       zumindest möglich deshalb, weil wir aus der Erfahrung der letzten
       30 Jahre gelernt haben, daß Frieden ein Prozeß ist, der gegensei-
       tige Zurückhaltung und praktische Arrangements erfordert.
       Diese Konferenz  ist Teil jenes Prozesses - eine Herausforderung,
       kein Abschluß.  Wir stehen vor ungelösten Problemen der militäri-
       schen Sicherheit  in Europa,  an die  wir mit  sehr realen Unter-
       schieden in  Wertvorstellungen und  Zielen herangehen.  Aber wenn
       wir sie  sorgfältig vorbereitet  behandeln, wenn wir uns auf kon-
       krete Fragen  konzentrieren und  wenn wir die Vorwärtsbewegung in
       Gang halten, sind wir berechtigt, reale Fortschritte zu erwarten.
       Die Ära  der Konfrontation,  die Europa seit dem Ende des Zweiten
       Weltkrieges geteilt  hat, kann  jetzt zu Ende gehen. Es gibt eine
       neue Einstellung-und  eine uns  gemeinsame Einstellung - zu einer
       Wende zum  Besseren, weg  von der  Konfrontation und hin zu neuen
       Möglichkeiten sicherer und gegenseitig nützlicher Zusammenarbeit.
       Dies haben  wir alle  hier ausgesprochen.  Ich begrüße  und teile
       diese Zukunftshoffnungen.
       Die Nachkriegspolitik  der Vereinigten  Staaten war beständig auf
       den Wiederaufbau  Europas und  die Wiedergeburt  der historischen
       Identität Europas  gerichtet. Die  Nationen des Westens haben für
       Frieden und Fortschritt überall in Europa zusammengearbeitet. Von
       Anfang an  haben wir  die Initiative  ergriffen, indem  wir klare
       Ziele und Felder für Verhandlungen absteckten.
       Wir haben eine Struktur europäischer Beziehungen gesucht, die Ri-
       valität durch  Beschränkung dämpft,  Macht durch  Mäßigung, indem
       wir auf die traditionellen Bande, die uns mit alten Freunden ver-
       binden, setzten  und neue  Bande mit  früheren  und  potentiellen
       Feinden zu knüpfen versuchten.
       In den vergangenen Jahren ist es zu einigen substantiellen Errun-
       genschaften gekommen.  Wir betrachten das Viermächteabkommen über
       Berlin von  1971 als  das Ende  einer permanenten  Krise, die bei
       mindestens drei  Anlässen die Welt an den Rand des Untergangs ge-
       bracht hat.  Die Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland
       und den  Staaten Osteuropas  sowie die  entsprechenden innerdeut-
       schen Abmachungen  lassen Zentraleuropa und die Welt leichter at-
       men. Der  Beginn von  Ost-West-Gesprächen über  gegenseitige  und
       ausgewogene  Streitkräftereduzierungen   demonstrierte  die  Ent-
       schlossenheit, sich  mit militärischen  Sicherheitsproblemen  auf
       dem Kontinent  zu befassen. Der Vertrag über die Begrenzung anti-
       ballistischer Raketen  zwischen den  Vereinigten Staaten  und der
       Sowjetunion von 1972 und das Interimsabkommen über die Begrenzung
       strategischer Offensivwaffen waren die ersten soliden Durchbrüche
       zu dem, was ein kontinuierlicher und langfristiger Prozeß der Be-
       grenzung strategischer Atomarsenale sein muß.
       Können wir wirklich von Frieden und Sicherheit sprechen, ohne die
       Ausbreitung nuklearer  Waffen in der Welt oder die Schaffung noch
       ausgeklügelterer Formen  der Kriegführung zur Sprache zu bringen?
       Kann Friede  teilbar sein  in Zonen  der Ruhe  und Zonen des Kon-
       flikts? Kann  Europa wirklich  gedeihen, wenn  wir uns nicht alle
       dem Übel  des Hungers  in Ländern zuwenden, die weniger glücklich
       sind als wir?
       - der neuen  Dimension der  Wirtschafts- und Energieprobleme, die
       unserem eigenen Fortschritt zugrundeliegen?
       - dem Dialog  zwischen Produzenten  und Konsumenten, zwischen Ex-
       porteuren und  Importeuren, zwischen industrialisierten und weni-
       ger entwickelten Ländern?
       - Und kann  es Stabilität  und Fortschritt geben, wenn Gerechtig-
       keit und grundlegende Freiheiten fehlen?
       Unsere Völker  wünschen eine  bessere Zukunft.  Ihre  Erwartungen
       sind gesteigert  worden durch  die sehr  realen Schritte, die be-
       reits getan wurden - hinsichtlich der Rüstungsbegrenzung, politi-
       scher Verhandlungen  und der  Erweiterung der  Kontakte und Wirt-
       schaftsbeziehungen. Unsere  Anwesenheit hier gibt ihnen zu weite-
       rer Hoffnung Anlaß. Wir dürfen sie nicht enttäuschen.
       Wenn die  Sowjetunion und  die Vereinigten  Staaten eine Überein-
       kunft erreichen  können, die  es unseren Astronauten erlaubt, die
       kompliziertesten wissenschaftlichen  Geräte zusammenzufügen,  zu-
       sammenzuarbeiten und  einander 137 Meilen hoch im All die Hand zu
       reichen, dann haben wir als Staatsmänner die Verpflichtung, glei-
       ches auch auf der Erde zu leisten.
       Die Geschichte  wird diese Konferenz nicht nach dem bewerten, was
       wir heute  sagen, sondern  nach dem,  was wir morgen tun werden -
       nicht nach  den Versprechen,  die wir  abgeben, sondern  nach den
       Versprechen, die wir halten.
       

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