Quelle: Blätter 1975 Heft 08 (August)


       zurück

       
       Ansprachen zu den Ergebnissen der KSZE in Helsinki
       
       EDWARD GIEREK, ERSTER SEKRETÄR DES ZENTRALKOMITEES
       ==================================================
       DER POLNISCHEN VEREINIGTEN ARBEITERPARTEI
       =========================================
       
       (Wortlaut)
       
       Herr Vorsitzender!
       Der Leitgedanke,  der uns  alle hierher,  nach Helsinki, brachte,
       ist die Festigung des Friedens in Europa.
       Wir beginnen dieses Werk gemeinsam, eingedenk der Unermeßlichkeit
       der Opfer,  Zerstörungen und  Leiden, die der vor 30 Jahren been-
       dete, größte  und grausamste  Krieg in  der Weltgeschichte verur-
       sacht hatte.  Wir beginnen  es -  trotz der uns trennenden Unter-
       schiede -  im Bewußtsein dessen, wie viel die drei Jahrzehnte des
       Friedens unseren  Ländern gaben,  welche Entwicklung  und welchen
       Fortschritt sie ihnen gebracht haben. Dieser Sache und der großen
       Möglichkeiten bewußt,  die die  Entwicklung der  Wissenschaft und
       Technik mit  sich bringt,  und der gleichzeitigen riesigen Bedro-
       hung, die  in der  Existenz der  Massenvernichtungs- und  Zerstö-
       rungswaffen steckt,  wollen wir den Krieg aus der Perspektive Eu-
       ropas streichen  und den  Frieden auf seine ganze Zukunft ausdeh-
       nen. Das hat weittragende Bedeutung für unseren Planeten.
       Die Sache  des Friedens  ist dem  polnischen Volk besonders nahe.
       Unser Volk  legte einen langen und schweren Weg zu Unabhängigkeit
       und Freiheit  zurück und  zahlte dafür  den höchsten Preis. Beide
       Weltkriege rollten  durch unser Land. Vor 30 Jahren begrüßten wir
       in Polen  den Frieden  inmitten der  Gräber von  über 6 Millionen
       Menschen, inmitten  der Ruinen  von Städten und der in Schutt und
       Asche verwandelten  Dörfer. Unser  Volk erkaufte  den Sieg  durch
       einen heroischen Kampf und mit großen Opfern, durch einen maxima-
       len Beitrag zu den riesigen Anstrengungen der Sowjetunion und der
       gesamten großen  Anti-Hitler-Koalition.  Während  der  30jährigen
       Friedensperiode erreichten  wir durch  unsere Arbeit mehr und er-
       bauten mehr  als in irgendeinem anderen Abschnitt der Geschichte.
       Die Fortsetzung  der friedlichen  Entwicklung ist  also der sehn-
       lichste Wunsch, den das polnische Volk hegt.
       Dieses Streben ist das höchste Gebot, von dem sich die Volksrepu-
       blik Polen  in ihren  Aktivitäten auf  der internationalen  Arena
       leiten läßt.  Gemeinsam mit ihren Verbündeten und Freunden unter-
       nimmt sie  Anstrengungen, um  den Frieden  zu festigen und dauer-
       hafte Grundlagen für ihn zu bauen. Mit besonderer Genugtuung wird
       unser Volk  den Erfolg  der Konferenz  für Sicherheit  und Zusam-
       menarbeit in Europa begrüßen, da unser Land an ihren Arbeiten von
       Beginn an aktiv teilgenommen hat. Wir schätzen hoch die gemeinsa-
       men Leistungen  aller an ihr teilnehmenden Staaten und messen den
       Dokumenten, die hier unterzeichnet werden, größtes Gewicht bei.
       Im Namen der Volksrepublik Polen und des ganzen polnischen Volkes
       erkläre ich,  daß wir den Beschlüssen der Konferenz zustimmen und
       gewillt sind, sie konsequent zu realisieren.
       Unserer Überzeugung  nach haben  die Konferenz für Sicherheit und
       Zusammenarbeit in  Europa sowie  ihre Festlegungen den Rang eines
       weittragenden historischen  Ereignisses. Sie  schließen die Nach-
       kriegsperiode ab  und eröffnen  neue Perspektiven für die freund-
       schaftliche Zusammenarbeit aller Länder unseres Kontinents.
       In unserer Konferenz, in ihren grundsätzlichen Inhalten sehen wir
       die Bestätigung  der Prinzipien  der friedlichen  Koexistenz  von
       Staaten mit  unterschiedlicher Gesellschaftsordnung.  Die  Koexi-
       stenz zweier  Gesellschaftssysteme -  des sozialistischen und des
       kapitalistischen -  ist seit  Jahrzehnten eine  Realität Europas.
       Polen geht  gemeinsam mit seinen sozialistischen Freunden von dem
       Grundsatz aus,  daß die  friedliche Koexistenz, die eine histori-
       sche Notwendigkeit  ist, vor allem den gegenseitigen Verzicht auf
       Krieg, sowohl den heißen wie auch den kalten, sowie den gegensei-
       tigen Verzicht  auf alle Versuche der Einmischung in innere Ange-
       legenheiten von Staaten bedeutet. Wir verstehen sie auch als kon-
       struktive friedliche  Zusammenarbeit, als  das Zusammenwirken bei
       der Lösung  gemeinsamer Probleme,  die sich aus dem Zusammenleben
       auf einem Kontinent und aus den großen Veränderungen, die die ge-
       genwärtige Entwicklung der Welt mit sich bringt, ergeben.
       Herr Vorsitzender:
       In der  Geschichte unseres  Kontinents wurden wiederholt Versuche
       unternommen, Europa  den Frieden  zu erhalten.  Die  Friedenszeit
       hatte jedoch nie lange gedauert und konnte nicht allzu lange dau-
       ern. Der Friede entbehrte nämlich ständig eines festen Fundaments
       durch die  damals bestehenden  Einflußsphären und  die Herrschaft
       der einen Länder über andere, er wurde ständig durch die territo-
       rialen Ansprüche auseinandergesprengt.
       Heute stützt  sich die  Friedensordnung Europas  zum erstenmal in
       der Geschichte  auf die  allgemeine  Anerkennung  der  souveränen
       Rechte und  Interessen aller  Staaten unseres Kontinents, wodurch
       den europäischen  Völkern Sicherheit und günstige Bedingungen für
       ihre Entwicklung gewährleistet sind. Die Grundlage dieser Ordnung
       ist der  politisch-territoriale Status  quo, der sich im Ergebnis
       des Sieges  der Völker  über den  Faschismus, der  Beschlüsse der
       Potsdamer Konferenz  und der Nachkriegsentwicklung herausgebildet
       hat. Die  Deklaration über die Prinzipien der zwischenstaatlichen
       Beziehungen, die  wir hier  unterzeichnen werden,  bestätigt  die
       fundamentale Bedeutung  der Unverletzlichkeit der Grenzen und der
       territorialen Integrität der Staaten. Ihre Annahme durch die Kon-
       ferenz bedeutet,  daß alle  an ihr  teilnehmenden Staaten ein für
       allemal auf  jegliche territorialen Ansprüche, die in der Vergan-
       genheit den  Hauptkeim für Konflikte und blutige Kriege bildeten,
       verzichten. Das  polnische Volk  betrachtet diese Deklaration als
       eine große Charta des europäischen Friedens.
       Die gegenwärtige  europäische Ordnung,  die günstige  Bedingungen
       für das  freundschaftliche Zusammenleben  und die  Zusammenarbeit
       der Völker  unseres Kontinents  gewährleistet, schafft  ebenfalls
       Voraussetzungen für die Überwindung der Vergangenheit und die Ge-
       staltung friedlicher  Beziehungen beider deutschen Staaten zu ih-
       ren Nachbarn und anderen Völkern. Ich möchte feststellen, daß die
       Volksrepublik Polen  und die Deutsche Demokratische Republik eine
       grundlegende Wende  in der viele Jahrhunderte dauernden schwieri-
       gen Geschichte der Nachbarschaft unserer Völker herbeigeführt ha-
       ben. Ich  möchte ebenfalls feststellen, daß wir, gestützt auf den
       Vertrag von 1970, konsequent die Lösung der zwischen der Volksre-
       publik Polen  und der Bundesrepublik Deutschland noch bestehenden
       Probleme, die  weitere Normalisierung  der Beziehungen, die Über-
       windung der  Vergangenheit und eine friedliche Zusammenarbeit mit
       diesem Land anstreben.
       In der  neuen Gestaltung  der Beziehungen  zwischen Polen und den
       beiden deutschen Staaten, in der Festigung des friedlichen Zusam-
       menlebens in  Mitteleuropa sehen  wir einen unerläßlichen Beitrag
       aller Länder  Mitteleuropas zur  Gewährleistung einer dauerhaften
       Sicherheit auf dem gesamten Kontinent.
       Herr Vorsitzender:
       Unsere Konferenz  ist das  Ergebnis der Entspannung, und sie wird
       mit Sicherheit  eine weitere  Vertiefung  dieses  außerordentlich
       wichtigen Prozesses bringen.
       Die Entspannung  bringt eine neue Qualität in die internationalen
       Beziehungen ein:  sie vermindert  die Spannungen, erleichtert die
       Einschränkung und  Beseitigung gefährlicher Konflikte, belebt die
       zweiseitige und  vielseitige Zusammenarbeit zwischen den Staaten,
       schafft ein  besseres Klima  in Europa und in der Welt. Einen we-
       sentlichen Beitrag  zur Entspannung leisteten bereits und leisten
       weiterhin viele  Länder, jedes Land unabhängig von seiner Größe -
       jedes hat  eine wichtige Rolle bei der Festigung dieses Prozesses
       zu erfüllen. Große Bedeutung für die Entwicklung dieser konstruk-
       tiven Tendenz hat das Zusammenwirken der Sowjetunion und der Ver-
       einigten Staaten,  ein Zusammenwirken,  das über die Verhinderung
       eines neuen Weltkrieges entscheidet.
       Das Gedenken  an die  Vergangenheit, das Bewußtsein der Erforder-
       nisse der  Gegenwart und  die Gebote  der Zukunft stellen uns vor
       eine große  Aufgabe: ein  Europa des  Friedens zu  bauen. Die Ge-
       schichte beauftragt  uns mit diesem Werk und gibt uns Chancen für
       seine Verwirklichung.
       Die Beschlüsse  unserer Konferenz,  die die  Prinzipien der  zwi-
       schenstaatlichen Beziehungen bestimmen, sollen dem Bau einer dau-
       erhaften Friedensstruktur dienen. Jetzt geht es um ihre volle Re-
       alisierung, um ihre Ausfüllung mit lebendem Inhalt. Indem wir die
       politische Entspannung  durch militärische  Entspannung ergänzen,
       die bestehenden  Arsenale begrenzen  und reduzieren,  sollten wir
       allmählich die  Überwindung der Teilung in politisch-militärische
       Gruppierungen anstreben  und ein  gesamteuropäisches  System  der
       kollektiven Sicherheit errichten.
       Die Beschlüsse  der Konferenz,  die die  ökonomischen Beziehungen
       betreffen, werden die Erweiterung der materiellen Basis des Frie-
       dens, eine  freie Entwicklung  des Handels, der industriellen Ko-
       operation  und  der  wissenschaftlich-technischen  Zusammenarbeit
       fördern. Dies  ist für  den Osten wie für den Westen vorteilhaft,
       dies ist  notwendig für  die weitere  günstige Entwicklung  aller
       Länder und für die Lösung gemeinsamer Probleme, darunter auch je-
       ner, die  mit der  richtigen Nutzung der Bodenschätze und dem Um-
       weltschutz auf unserem Kontinent zusammenhängen. Weittragende Be-
       deutung für  all diese  Fragen wird die Erreichung entsprechender
       Vereinbarungen zwischen dem RGW und der EWG haben.
       Die Bestimmungen  der Konferenz  auf dem  Gebiet  des  Kulturaus-
       tauschs und  anderer Kontakte  sollten wir vor allem für die Ver-
       tiefung des  gegenseitigen Vertrauens  unter unseren Völkern aus-
       nutzen. Die weit zurückliegende und die nicht allzu ferne Vergan-
       genheit belasteten  ihr Bewußtsein mit dem Gedenken an große Tra-
       gödien und schmerzliches Unrecht, mit Mißtrauen und vielen Vorur-
       teilen. Bei  der Erziehung  der jungen Generation sollten wir auf
       gute Traditionen  zurückgreifen: Achtung für die Errungenschaften
       und Werte  - Lehren, die von jedem Volk in die gemeinsame Schatz-
       kammer der  Menschheit eingebracht werden und gegenseitig freund-
       schaftliche Gefühle verbreiten. Vor dieser Aufgabe stehen die Er-
       zieher und  Schöpfer der Kultur, alle diejenigen, die das Bewußt-
       sein der  Völker gestalten.  Die  Inangriffnahme  dieser  Aufgabe
       hängt jedoch in erster Linie von uns, den für die Entwicklung und
       die Politik ihrer Länder verantwortlichen Menschen ab.
       Als Kommunist  wünschte ich es selbstverständlich, daß der inter-
       nationale Kulturaustausch  die humanen  und edlen  Werte  umfaßt,
       jene Werte,  die dem  Wohle des  Menschen und  dem Fortschritt in
       seinem Leben dienen. Denn das Ziel, das wir verfolgen, heißt: die
       Menschen in  Polen, in Europa und überall in der Welt in Frieden,
       Freiheit, Sicherheit, Würde und Wohlstand leben zu lassen.
       Die Errichtung  eines dauerhaften  Friedens erfordert  über alles
       guten Willen und gegenseitiges Vertrauen. Und eben in diesem Gei-
       ste sind  wir auf dieser historischen Konferenz zusammengekommen.
       Wir haben  sie einberufen und ihre nicht leichten Arbeiten bewäl-
       tigt, denn  die Zeit und die Bedingungen sind dafür herangereift,
       die grundsätzlichen  Probleme der  Sicherheit und der Zusammenar-
       beit in Europa wirksam zu lösen.
       Die günstigen  Resultate dieser  Konferenz werden ein gemeinsamer
       Erfolg der an ihr teilnehmenden Staaten, ein Erfolg für die Sache
       des Baus  eines Europa des Friedens und der Zusammenarbeit, einer
       für alle Völker übergeordneten Sache sein.
       Die Volksrepublik  Polen wird, so wie bisher, keine Anstrengungen
       scheuen, um dieses erhabene Ziel zu erreichen.
       Herr Präsident  Urho Kekkonen: Ich möchte mich den Ausdrücken der
       hohen Anerkennung  für die Behörden der Republik Finnland für die
       Durchführung der  Konferenz anschließen  und dem  finnischen Volk
       für die Gastfreundschaft, mit der es uns in seiner Hauptstadt, in
       seinem schönen Land empfängt, den heißesten Dank aussprechen.
       Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
       

       zurück