Quelle: Blätter 1975 Heft 08 (August)


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       Ansprachen zu den Ergebnissen der KSZE in Helsinki
       
       JOSIP BROZ TITO, PRÄSIDENT DER SOZIALISTISCHEN
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       FÖDERATIVEN REPUBLIK JUGOSLAWIEN
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       (Wortlaut)
       
       Herr Vorsitzender:  gestatten Sie  mir, meine Genugtuung über die
       Zusammenkunft dieser  eindrucksvollen  Versammlung  der  höchsten
       Vertreter europäischer  Staaten, der Vereinigten Staaten von Ame-
       rika und Kanadas auszusprechen.
       Desgleichen möchte  ich dem  Gastgeberland und Präsident Kekkonen
       meinen Dank für ihren bedeutenden Beitrag zu dieser Konferenz ab-
       statten. Lassen Sie mich des weiteren meine besondere Dankbarkeit
       aussprechen für  die herzliche  Aufnahme und für alles, was getan
       worden ist,  damit wir uns in dieser schönen Stadt wohlfühlen und
       um uns zur erfolgreichen Bewältigung einer so bedeutenden Aufgabe
       zu befähigen.
       Dies ist ein großer Augenblick in der Geschichte Europas, der zur
       Hoffnung auf  ein besseres Morgen und auf ein glücklicheres Leben
       der gegenwärtigen  und künftigen  Generationen inspiriert.  Viele
       Generationen mußten unbeschreibliche Nöte und Prüfungen erdulden,
       ehe Europa  beginnen konnte, entschlossener die negativen Aspekte
       seines Erbes  abzuschütteln und sein Gesicht der Zukunft zuzuwen-
       den.
       Um die  weitreichende Tragweite  dieses Augenblicks  besser  ein-
       schätzen zu  können, müssen  wir uns  auch die Ursachen so vieler
       der Übel,  die in der Vergangenheit nicht nur die Nationen dieses
       Kontinents, sondern  auch jene in anderen Teilen der Welt betrof-
       fen haben,  in Erinnerung  rufen. Die Spur des Kolonialismus, der
       bis auf  den heutigen  Tag nicht vollständig beseitigt ist, führt
       nach Europa.  Der Faschismus, die unheilvollste Ideologie, welche
       die  Welt   je  kennengelernt  hat,  entstand  unglücklicherweise
       gleichfalls hier.  Gleichfalls Europa  war es,  in dem die beiden
       verheerenden Weltkriege  begannen. Und  wiederum Europa wurde als
       erstes zum  Schlachtfeld des Kalten Krieges, der Blöcke und ande-
       rer Spaltungen und Konfrontationen.
       Diese Umstände haben es verhindert, daß die seit Jahrhunderten in
       Europa geschaffenen  großen Errungenschaften der Zivilisation und
       Kultur besser  und umfassender  zum Wohl  der gesamten Menschheit
       genutzt wurden.  Denn wir  sollten nicht die epochalen Leistungen
       aus dem Auge verlieren, nicht all das, was europäische Völker für
       die Welt  auf allen  Gebieten menschlicher Aktivität erreicht und
       beigetragen haben.
       Das Voranschreiten  von Wissenschaft,  Technologie und Kultur und
       des progressiven humanistischen Denkens sowie die damit einherge-
       hend in  Europa entstandenen  Bewegungen haben  die revolutionäre
       Transformation der  sozialen Beziehungen und der Beziehungen zwi-
       schen Staaten beschleunigt, das demokratische Bewußtsein gestärkt
       und den  allgemeinen sozialen  Fortschritt stimuliert. Unnötig zu
       sagen, daß  Ereignisse und  Prozesse in  anderen Teilen  der Welt
       gleichfalls die  Entwicklung in  Europa unvermeidlich  beeinflußt
       haben.
       Herr Vorsitzender,  diese Konferenz  über Sicherheit  und  Zusam-
       menarbeit in  Europa ist  das Ergebnis nicht nur einer Verständi-
       gung unter  den europäischen  Nationen, sondern  neuer Trends und
       Veränderungen in  den internationalen  politischen,  ökonomischen
       und sozialen  Beziehungen, die während und nach dem Zweiten Welt-
       krieg vonstattengingen.  Darüber  hinaus  berührt  die  Konferenz
       nicht allein Europa, sondern die Welt überhaupt.
       Wir leben  in einer Zeit, in der Völker einen immer entschiedene-
       ren Kampf  für Freiheit und Unabhängigkeit, für Frieden und glei-
       che Sicherheit  für alle,  für Gleichheit  und umfassende  Zusam-
       menarbeit für  wirtschaftlichen und  sozialen Fortschritt führen.
       Die Ära  des Kolonialismus, Imperialismus und der politischen und
       ökonomischen Unterdrückung  von Völkern  in verschiedenen  Formen
       geht unter unseren Augen zu Ende, ziemlich langsam, das ist wahr,
       aber dennoch  unausweichlich. Keine  Nation wird länger Unterwer-
       fung und  Unterdrückung hinnehmen.  Jede Nation ist entschlossen,
       die größten  Opfer  für  Freiheit,  Frieden,  Unabhängigkeit  und
       Gleichheit zu bringen, wie es die Siege der Völker Vietnams, Kam-
       bodschas, Afrikas usw. am deutlichsten bezeugt haben.
       Auf der anderen Seite werden sich jedoch Völker und Staaten immer
       mehr der  Tatsache bewußt, daß die gegenwärtigen Arbeitsbedingun-
       gen und  -mittel wie auch die Erfordernisse des wissenschaftlich-
       technologischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Fort-
       schritts es  gebieten, einander  näherzukommen, sich zu integrie-
       ren. Denn in unserer Zeit können die Staaten nur vereinigt sowohl
       die die Menschheit als ganze wie auch die Arbeit, Leben und Fort-
       schritt einzelner  Nationen betreffenden Probleme lösen. Folglich
       sind die  Staaten heute  mehr denn je zuvor gewillt, gegenseitige
       Verantwortlichkeiten zu  übernehmen, die aus der historischen Un-
       vermeidlichkeit der  Integration der Menschheit entspringen; dies
       jedoch nur als freie und gleiche Staaten, die in für alle gewähr-
       leisteten Frieden  und Sicherheit  leben, in  aktiver friedlicher
       Koexistenz statt  in Systemen einseitiger Abhängigkeit, Unterord-
       nung und Unsicherheit.
       Die Politik der Nichtpaktgebundenheit begründet gleichfalls einen
       der Wege, auf denen die gegenwärtigen Generationen neue und demo-
       kratische, aber zugleich realistische Antworten auf die anstehen-
       den Probleme suchen. Die Vorbereitungen zu dieser Konferenz waren
       durchdrungen von  der Überzeugung, daß die internationalen Bezie-
       hungen sich auf die Prinzipien der aktiven friedlichen Koexistenz
       gründen müssen,  und demonstrierten,  wie tief  das Streben  nach
       neuen Wegen zur Lösung internationaler Probleme im Bewußtsein al-
       ler Völker verankert ist.
       Bemerkenswerte Fortschritte  sind auf dem bislang in Richtung auf
       die Stärkung  der europäischen  Sicherheit und Zusammenarbeit be-
       schrittenen Weg  bei der Schaffung einer Atmosphäre des gegensei-
       tigen Vertrauens und guten Willens gemacht worden. Was das bedeu-
       tet, läßt  sich am  besten anhand  der Tatsache veranschaulichen,
       daß noch  vor kaum  zehn Jahren  Spannungen des Kalten Krieges in
       dieser Region  die schwersten  Konflikte zu  provozieren drohten,
       mit unabsehbaren  Konsequenzen für  die Welt  insgesamt. Zu jener
       Zeit war ein solcher demokratischer Dialog zwischen gleichberech-
       tigten Teilnehmerstaaten,  gleich ob  groß oder  klein, über  die
       Schlüsselfragen von Frieden, Sicherheit und Zusammenarbeit selbst
       für die größten Optimisten undenkbar.
       Es hat  sich gezeigt,  daß es  nur durch geduldige Abstimmung der
       Positionen und  gleichzeitiges Inrechnungstellen  der  Interessen
       aller Beteiligten  auf der  Basis des  Konsenses möglich ist, für
       alle annehmbare  und nützliche Lösungen zu erreichen. Der gemein-
       same Nenner  der Interessen der europäischen Staaten ist eine Re-
       alität, die  Engstirnigkeit überwindet  und  die  verschiedensten
       Barrieren beiseiteräumt.  Auf diesem  Wege werden Bedingungen für
       umfassende und gleichberechtigte Zusammenarbeit auf langfristiger
       Basis geschaffen,  für die  raschere Überwindung  all dessen, was
       die Völker und Staaten Europas trennt, und für die Errichtung ge-
       rechterer und  sinnvollerer Beziehungen mit dem Rest der Welt zum
       Wohle aller.
       In dieser interdependenten Welt sind Frieden und Sicherheit nicht
       nur nicht teilbar, sondern sie sind zu einem historischen Impera-
       tiv des  künftigen Fortschritts  der Menschheit geworden. Solange
       es irgendwo  Krisen und  Konflikte gibt, kann niemand sich in ir-
       gendeinem Teil  unseres Planeten  dauerhaft gesichert fühlen. Be-
       stätigen nicht  beispielsweise die  Nahostkrise, die  Vorgänge in
       und um Zypern und die Lage in dieser Region insgesamt dies am be-
       sten? Es  ist die  Pflicht der  Staaten, die  an dieser Konferenz
       teilnehmen, sowohl  im allgemeinen Interesse des Friedens und der
       Sicherheit in  der Welt  wie auch  in ihrem eigenen Interesse ihr
       Äußerstes zu  tun, um gerechte und dauerhafte Lösungen für solche
       Krisen zu finden.
       Der hohe Grad der Verflochtenheit und Interdependenz zwischen Eu-
       ropa und  anderen Teilen  der Welt  kommt am  deutlichsten in der
       Sphäre der  internationalen Wirtschaftsbeziehungen  zum Ausdruck.
       Es genügt,  sich der  sogenannten Energiekrise  zu erinnern,  die
       diese Interdependenz  und den  tatsächlichen Charakter der beste-
       henden Beziehungen  offen widerspiegelte.  Die Probleme  der Ent-
       wicklung sind so drängend geworden, daß die Beschäftigung der ge-
       samten internationalen  Gemeinschaft mit ihrer Lösung unerläßlich
       ist. Es  wird immer  deutlicher, daß  es ohne  eine ausgewogenere
       wirtschaftliche Entwicklung,  die abgestimmte  Anstrengungen  und
       die Zusammenarbeit  aller Nationen mit Blick auf die Überbrückung
       der Kluft  zwischen entwickelten  und Entwicklungsländern  erfor-
       dert, keine  allgemeine Stabilität geben kann Darüber hinaus wer-
       den sich  diese Probleme,  wenn sie nicht gelöst werden oder sich
       weiter verschärfen, unvermeidlich zu einer neuen Quelle von Span-
       nung und Störungen in der Welt entwickeln. Es ist die Pflicht al-
       ler Staaten,  zur Errichtung gleichberechtigter Wirtschaftsbezie-
       hungen beizutragen, und die Pflicht insbesondere der entwickelten
       Staaten, den  Problemen der Entwicklungsländer größeres Verständ-
       nis entgegenzubringen,  zumal dies ganz unzweifelhaft auch in ih-
       rem eigenen  unmittelbaren und langfristigen Interesse liegt. Ich
       bin zutiefst  davon überzeugt, daß diese Probleme nicht durch den
       Rückgriff auf  überholte Methoden  und Mittel,  sondern nur durch
       die Einführung neuer Beziehungen und Formen in die internationale
       Wirtschaftsordnung erfolgreich und wirksam gelöst werden können.
       Europa kann  Lösungen für  die vitalen Probleme seiner Sicherheit
       und Wohlfahrt nicht darin suchen, sich selbst abzuschließen, denn
       das würde  unvermeidlich zu  seinem politischen und wirtschaftli-
       chen Niedergang  führen. Europa  ist, wenn ich das so sagen darf,
       sowohl in  Zeiten der  Prosperität wie  in Zeiten der Prüfung ein
       nicht abtrennbarer  Teil der  Welt. Geleitet von dieser Idee, ist
       Jugoslawien immer dafür eingetreten, daß die europäischen Staaten
       ihre Beziehungen  zu anderen  Ländern  auf  dieselben  Prinzipien
       stützen sollten,  die sie zur Entwicklung ihrer gegenseitigen Be-
       ziehungen anzuwenden  wünschen. Zweierlei Maß im zwischenstaatli-
       chen Verhalten läuft Geist und Zweck dieser Konferenz zuwider und
       zeitigt auf breiterer internationaler Ebene stets ungünstige Aus-
       wirkungen.
       Diese Konferenz  ist in erheblichem Maße der Politik der Entspan-
       nung und  der Verhandlungen  zu verdanken  und stellt eines ihrer
       bedeutsamsten Ergebnisse  dar. Es kann keinen Zweifel darüber ge-
       ben, daß  das, was  in Europa  erreicht wurde,  verbunden mit den
       verbesserten Beziehungen  zwischen den Großmächten, zugleich gün-
       stigere Bedingungen auch für die Regelung anderer internationaler
       Probleme durch Verhandlungen und Übereinkunft schafft. Unsere Er-
       wartungen werden  sich jedoch nur dann erfüllen, wenn dieser Pro-
       zeß auf  alle Teile der Welt ausgeweitet wird, wenn er zum Kompaß
       für die  Behandlung aller  wichtigen internationalen  Fragen wird
       und alle  Länder auf gleichberechtigter Basis, unabhängig von ih-
       rer Größe,  ihrem Entwicklungsstand und sozialpolitischen System,
       beteiligt werden.
       Die gegenwärtigen positiven Entwicklungen auf dem Gebiet der Ent-
       spannungspolitik würden  zweifellos bald  in eine  Krise geraten,
       wenn die  Entspannung auf eine Verständigung zwischen den Blöcken
       reduziert würde,  statt in wachsendem Maße eine Form der Verstän-
       digung zwischen  allen Staaten darzustellen, fußend auf den Prin-
       zipien der  Respektierung der  Unabhängigkeit,  Souveränität  und
       Gleichheit und  der Nichteinmischung in die inneren Angelegenhei-
       ten. Wenn wir unsere feste Unterstützung für eine solche Fortset-
       zung der Entspannung geloben, dann sollten wir unsere Augen nicht
       vor der  Tatsache verschließen, daß viele komplexe und schwerwie-
       gende internationale  Probleme noch  immer außerhalb ihrer Reich-
       weite liegen.  Noch existieren viele Konfliktherde, und neue wer-
       den geschaffen. Dies geschieht im allgemeinen auf dem Territorium
       blockfreier und  anderer Entwicklungsländer und zeigt an, daß die
       auf diese  Länder ihrer  unabhängigen  Politik  wegen  ausgeübten
       Pressionen verstärkt  werden. Und  dies weckt Mißtrauen hinsicht-
       lich der Ziele und sogar der bisherigen Errungenschaften der Ent-
       spannung.
       In dieser  Hinsicht ist die Fortsetzung des Wettrüstens unter dem
       Vorwand der  Aufrechterhaltung des  Machtgleichgewichts besonders
       beunruhigend, weil  sie eine ständige Bedrohung des Friedens dar-
       stellt und  die Gefahr  der Selbstzerstörung  in sich  trägt. Sie
       stellt also  eine besondere  Form des Drucks auf die kleinen Län-
       der, insbesondere  Entwicklungsländer, dar,  weil diese gezwungen
       werden, einen beträchtlichen Teil ihrer ohnehin beschränkten Res-
       sourcen für  Verteidigungszwecke einzusetzen.  Unsere Aufmerksam-
       keit zieht  ferner die Tatsache auf sich, daß Europa - dessen Si-
       cherheit der  Hauptgegenstand dieser Versammlung ist - die größte
       Konzentration an  Rüstungen  und  Streitkräften  unterhält.  Wenn
       diese Situation sich nicht in naher Zukunft wesentlich ändert und
       wenn keine  entschiedenen Schritte  zur Reduzierung  der  Streit-
       kräfte und  Rüstungen, d.h. zur Abrüstung ergriffen werden, könn-
       ten die  bisher erreichten  Resultate der  Entspannungspolitik in
       Gefahr geraten. Jugoslawien betont deshalb die Untrennbarkeit der
       politischen und  der militärischen  Aspekte der  europäischen Si-
       cherheit und  die Unverzichtbarkeit  simultaner Fortschritte  auf
       beiden Gebieten.
       Diese Konferenz  wird unter  den Bedingungen der noch bestehenden
       Teilung Europas  in Blöcke  abgehalten. Die davon ausgehenden Be-
       schränkungen wirken  auf die  jetzt in  Gang gekommenen  Prozesse
       ein; sie  spiegeln sich  bis zu  einem gewissen Grade auch in den
       Dokumenten dieser  Konferenz. Die Errichtung neuer Beziehungen in
       Europa, welche  den Interessen  aller Länder den gleichen Respekt
       bezeugen und die Felder intensivierter Zusammenarbeit stetig aus-
       weiten, impliziert  jedoch, daß  die bestehenden Aufspaltungen in
       Blöcke überwunden  werden. Wenn  wir, als ein nichtpaktgebundenes
       Land, für  die Transzendierung der Blöcke und exklusiver Integra-
       tion eintreten,  dann tun  wir dies mit dem Ziel der Eliminierung
       von allem,  was Staaten  und Nationen trennt und ihre Zusammenar-
       beit begrenzt,  und aus  der tiefen  Überzeugung heraus, daß dies
       eine lebenswichtige Bedingung für dauerhafte Sicherheit und Frie-
       den in Europa und der Welt ist.
       Das sozialistische, nichtpaktgebundene Jugoslawien hat von Anfang
       an dem  Prozeß der  Entspannung, Verhandlungen und Zusammenarbeit
       in Europa  seine volle  Unterstützung angedeihen  lassen und  hat
       sich in  allen Stadien  dieser Konferenz  höchst aktiv beteiligt.
       Dabei hat  es sich  von den Prinzipien und Zielen der Politik der
       Nichtpaktgebundenheit leiten lassen, die seine dauernde Orientie-
       rung in den internationalen Beziehungen sind und bleiben. Für Ju-
       goslawien gibt  es und wird es kein Zaudern geben, wenn seine Un-
       abhängigkeit und  die Entwicklung  gleichberechtigter Beziehungen
       und der Zusammenarbeit mit allen Ländern betroffen sind. Eben so,
       wie wir  für die Souveränität und territoriale Integrität unseres
       eigenen Landes  unbedingten Respekt verlangen, behandeln wir auch
       mit der  gleichen Behutsamkeit  und Achtung  die  Rechte  anderer
       Staaten, sowohl in Europa wie sonstwo in der Welt.
       Eines der  herausragendsten Ergebnisse  dieser Konferenz  ist die
       allgemeine Übereinkunft zwischen allen Teilnehmerstaaten über die
       Respektierung des  Prinzips der  Unverletzlichkeit  der  Grenzen.
       Dies schafft eine der elementarsten Voraussetzungen für die Stär-
       kung des  Vertrauens und  die Entwicklung umfassender Zusammenar-
       beit zwischen  europäischen Ländern.  Um permanent  zur Förderung
       gutnachbarschaftliche Zusammenarbeit beizutragen, hat Jugoslawien
       auch bis  heute stets das Prinzip der Unverletzlichkeit der Gren-
       zen zu  all seinen  Nachbarn beachtet. Wenn jetzt diese Konferenz
       die Unverletzlichkeit  der Grenzen  als eines der Grundprinzipien
       der europäischen  Sicherheit und  Zusammenarbeit annimmt,  möchte
       ich hier  feierlich erklären, daß mein Land dieses Prinzip sowohl
       für sich  selbst als auch für alle seine Nachbarn als bindend an-
       sieht hinsichtlich der bestehenden Grenzen, ungeachtet der inter-
       nationalen Rechtsumstände, durch welche sie errichtet wurden, von
       Friedensverträgen bis  hin zu  solchen internationalen Dokumenten
       wie dem  "Londoner Memorandum über die Verständigung" (vom 5. Ok-
       tober 1954, d. Red.)
       Herr Vorsitzender!  Wenn künftige  Historiker sich mit der gegen-
       wärtigen Konferenz beschäftigen werden, werden sie sie zweifellos
       als einen Wendepunkt einschätzen, von dem aus Europa sich der Ko-
       existenz und dem Frieden zuwandte. Was bisher erreicht wurde, ist
       bedeutsam und  ermutigend,  aber  es  berechtigt  uns  nicht  zur
       Selbstzufriedenheit. Wir  sollten jetzt im Gegenteil verstärkt an
       der Regelung  der Hauptprobleme arbeiten, denn wenn sie nicht ge-
       löst werden,  wird echte  und dauerhafte  Sicherheit unerreichbar
       bleiben.
       So befriedigt wir darüber sein können, daß diese Konferenz statt-
       findet und  daß hinsichtlich der anzunehmenden Dokumente Überein-
       stimmung erzielt  worden ist, so sind wir doch gleichermaßen über
       die Tatsache  berunruhigt, daß  die Konferenz bei der Initiierung
       der weiteren  Lösung zahlreicher  Probleme, die effektiv die ern-
       stesten und  wichtigsten für  die kollektive Sicherheit in Europa
       sind, nicht viel Erfolg gehabt hat. Ich denke dabei an die Situa-
       tion der Rüstung und der Beziehungen zwischen den beiden Blöcken,
       Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten ebenso
       wie an  wirtschaftliche Aufspaltungen,  Mißachtung der Interessen
       der weniger  entwickelten Länder  Europas und der Welt und an an-
       dere Probleme, darunter die Lage nationaler Minderheiten.
       Dies alles  zeigt an,  daß die  gegenwärtige Konferenz  nicht das
       Ende, sondern  den Beginn  eines Prozesses bezeichnet. Ernste An-
       strengungen liegen vor uns, um all die negativen Erscheinungen zu
       überwinden, die  über eine  lange Periode  hin akkumuliert worden
       sind und  die immer  noch tief  in der  sozialen, politischen und
       ökonomischen Struktur  Europas wurzeln und das Denken von Genera-
       tionen belastet haben. Es ist deshalb wichtig, daß wir nunmehr in
       der von  dieser Konferenz  geschaffenen Atmosphäre auf der vorge-
       zeichneten Straße voranschreiten. Das bedeutet, von den bestehen-
       den Realitäten  auszugehen, ohne  uns aber mit irgend etwas abzu-
       finden, was  zum Besseren hin geändert werden sollte, und dann zu
       erproben und zu erfassen, was das für alle Wesentlichste ist, und
       sich beharrlich  darum zu bemühen, konstruktive, für alle annehm-
       bare Lösungen  zu finden.  Wir müssen  stetig und rasch, aber mit
       einer langfristigen  Zielvorstellung handeln,  denn wir  leben in
       Zeiten dynamischer Entwicklungen, die neue Möglichkeiten und Aus-
       sichten eröffnen.  Wir können  keine jahrelange Verspätung zulas-
       sen, wenn  es um  Entscheidungen hinsichtlich  dringender  Fragen
       geht, die bereits heute gelöst werden können und müssen. Wir dür-
       fen es  nicht versäumen,  die Chancen  zu nutzen, die wir mit be-
       trächtlicher Anstrengung geschaffen haben.
       Dies ist  unsere große, gegenseitige Verantwortung. In diesem Zu-
       sammenhang möchte ich meine besondere Genugtuung darüber ausdrüc-
       ken, daß Jugoslawien der Gastgeber des 1977 stattfindenden ersten
       Treffens sein  wird, welches die bis dahin gemachten Fortschritte
       einschätzen und  weitere Möglichkeiten  für die  Stärkung der Si-
       cherheit und  die Förderung  der Zusammenarbeit  in Europa prüfen
       wird.
       Ich meine,  es gibt keinen Grund für uns, nicht mit Vertrauen und
       Hoffnung in die Zukunft zu schauen. Die jetzt nachrückenden Gene-
       rationen engagieren  sich zunehmend für die Schaffung der Voraus-
       setzungen für  ein besseres  Leben und  für die  volle Integrität
       sowohl der  menschlichen Persönlichkeit  wie ganzer  Gemeinwesen.
       Sie wünschen eine Welt, in der alle schöpferischen Kräfte wirksam
       werden können und das Leben in einem Reichtum an Formen, die Vor-
       bedingung rascheren  sozialen Fortschritts sind, organisiert ist.
       Es wird  deshalb zunehmenden Rückhalt für Bestrebungen und Kräfte
       geben, die ungehemmten sozialen Fortschritt, lebendigere Zirkula-
       tion von Menschen und Ideen, freien Gebrauch der Errungenschaften
       anderer und  vollständigere Integration kultureller und materiel-
       ler Werte  anstreben. In  steigendem Maße  wird nach  gemeinsamen
       Nennern gesucht  werden, und  allein durch diese Tatsache wird es
       weniger Trennendes zwischen den Völkern geben.
       Hinzukommt, daß  im Bewußtsein  der überwältigenden  Mehrheit der
       Menschen der  Krieg nicht allein schändlich, sondern zugleich ab-
       surd geworden  ist und als ein Mittel, Probleme zu lösen, zurück-
       gewiesen wird.  Die Nationen  weisen zugleich mit wachsender Ent-
       schiedenheit alle  Formen der Pression und der Einmischung in die
       inneren Angelegenheiten  anderer zurück;  sie möchten ungehindert
       den von  ihnen selbst  gewählten Weg  beschreiten. Unabhängigkeit
       und Gleichberechtigung  der Nationen  sind nicht  länger Slogans,
       sondern Errungenschaften,  die an  Stärke und  Substanz  zunehmen
       werden. Nur  in diesem Rahmen können wir zu breiterer Einheit und
       zur Überwindung  der bestehenden  Spaltungen in Europa und in der
       Welt voranschreiten  und uns  den Herausforderungen  der  Zukunft
       besser vorbereitet stellen.
       Herr Vorsitzender!  Wir sollten  unsere Aufmerksamkeit  jetzt auf
       die Anwendung  der Beschlüsse  konzentrieren, die in den Dokumen-
       ten, die  wir annehmen werden, enthalten sind. Wir müssen uns al-
       len konstruktiven Vorschlägen und neuen Ideen bei der Fortsetzung
       unserer abgestimmten  Aktivitäten  aufgeschlossen  zeigen,  damit
       alle Teilnehmerstaaten dieser Konferenz ihre gegenseitigen Bezie-
       hungen beständig  fördern, Europa eine positive Rolle in der Welt
       spielt und  tatsächlich zu  einer Bastion  des Friedens wird. Auf
       diese Weise  werden wir  einen bedeutenden Beitrag zur Verwirkli-
       chung der Ziele der Charta der Vereinten Nationen leisten, welche
       ihrerseits diese  Konferenz in  beträchtlichem  Grade  inspiriert
       hat.
       Dreißig Jahre  sind seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergan-
       gen, aber  die Nationen  der Welt  rufen noch immer nach Frieden.
       Denn so  lange es Konfliktherde gibt, die die Gefahr neuer Zusam-
       menstöße in  sich tragen, kann keine Nation ruhig leben. Frieden,
       der durch  Waffengewalt oder  nur durch die Furcht vor Zerstörung
       aufrechterhalten wird  - das  wäre kein  Frieden. "Es kann keinen
       bewaffneten Frieden  geben" - darf ich mit den Worten eines Dich-
       ters sagen  -, "keinen  Frieden unter Waffen. Ebensowenig kann es
       Brüderlichkeit ohne gleiche Rechte geben."
       Diese Zusammenkunft  findet in einem Jahr statt, das den dreißig-
       sten Jahrestag des Sieges über den Faschismus markiert. Und viele
       Erinnerungen an jene Tage werden wachgerufen, besonders von jenen
       unter uns,  die jenes  schreckliche Golgotha  erlebt  haben.  Ich
       glaube, ich  darf sagen, daß Menschlichkeit bereit ist, viele Un-
       taten der  Vergangenheit zu  vergeben, aber sie darf und kann sie
       nicht vergessen.  Denn dann  wird sie  besser wachsam bleiben auf
       den Wällen des Friedens. Was Europa jetzt tut, ist die beste Art,
       diesen Jahrestag zu feiern.
       

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