Quelle: Blätter 1975 Heft 08 (August)


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       Ansprachen zu den Ergebnissen der KSZE in Helsinki
       
       HAROLD WILSON, PREMIERMINISTER DES VEREINIGTEN KÖNIGREICHS
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       (Wortlaut)
       
       Als erster  Redner auf dieser Konferenz möchte ich in unser aller
       Namen der  Hoffnung Ausdruck  geben, daß  in späteren  Jahren die
       Bürger Europas  und Nordamerikas  beim Rückblick auf diese Zusam-
       menkunft sie  als einen  Wendepunkt in  unserer Geschichte, einen
       Wendepunkt nicht  nur in  dem, was  wir hier zu erreichen hoffen,
       sondern auch  in der Markierung der Entwicklungen betrachten, die
       unser Treffen  möglich gemacht haben. Mit ihrem territorialen Um-
       fang und  ihrer Repräsentanz  auf höchster  Ebene fast sämtlicher
       Staaten, großen und kleinen, übertrifft sie jede frühere europäi-
       sche Zusammenkunft  so sehr, daß der legendäre Wiener Kongreß von
       1814 und  der Berliner  Kongreß von  1878 wie elegante Teegesell-
       schaften erscheinen.
       In unser  aller Namen  möchte ich Präsident Kekkonen unseren Dank
       aussprechen für  seine Begrüßungsworte,  aber mehr noch für seine
       Gastfreundschaft und  für die unermüdlichen Bemühungen seiner Re-
       gierung, den  Erfolg unserer  Zusammenkunft sicherzustellen.  Ich
       möchte auch  dem Generalsekretär der Vereinten Nationen für seine
       Ansprache danken.  Denn diese  Konferenz erfüllt einige der Ziele
       jener, die  die Vereinten  Nationen schufen. Erstens spiegelt die
       praktisch universelle europäische Repräsentanz selber die Univer-
       salität wider, die das Gütezeichen der Vereinten Nationen ist und
       die zu  bewahren wir  die Pflicht haben, unabhängig von den Spal-
       tungen, vom  Auf und  Ab der  Furcht, der  Uneinigkeit, ja  sogar
       Feindseligkeit und  Übelwollen. Und  um nichts weniger ist unsere
       jetzige Zusammenkunft  europäischer und nordamerikanischer Natio-
       nen, dreißig  Jahre nach der Proklamierung der Charta der Verein-
       ten Nationen,  von dem  Zweck und den Grundsätzen inspiriert, die
       in dieser Charta niedergelegt sind.
       Am Ende  eines Krieges,  in den alle Kontinente verwickelt waren,
       verpflichteten die  Unterzeichner der  Charta alle  Staaten - ich
       zitiere -:  "Duldsamkeit zu  üben und als gute Nachbarn friedlich
       zusammenzuleben und die Kräfte zu vereinigen zur Wahrung des Völ-
       kerfriedens und der internationalen Sicherheit".
       Die Beschlüsse  von vor  dreißig Jahren werden nun in einen neuen
       Rahmen gestellt,  indem wir die Unverletzlichkeit der Grenzen und
       das Prinzip  bekräftigen, daß  Grenzen in Übereinstimmung mit dem
       Völkerrecht, mit friedlichen Mitteln und durch Übereinkunft, ver-
       ändert werden können. Wir sind im Geist der Entspannung zusammen-
       gekommen. Und  nur weil  dieser Geist die Vorarbeiten beseelt und
       inspiriert hat,  ist unser Hiersein möglich geworden. Entspannung
       ist unteilbar,  genauso wie  letztlich Freiheit  und der  Frieden
       selbst unteilbar sind.
       Wir sind  hier als Vertreter unterschiedlicher gesellschaftlicher
       Systeme, unterschiedlicher  politischer Systeme zusammengekommen.
       Die hier vertretenen Nationen, eine jede für sich allein und über
       die machtvollen  und tiefverwurzelten Bündnisse, in die viele von
       uns eingebunden  sind, sind aufs äußerste entschlossen, nicht nur
       unsere Grenzen,  sondern auch  unser Recht  zu verteidigen, unter
       dem politischen  System zu  leben, das  eine jede für sich selbst
       gewählt hat. Die Bewahrung der Integrität einer jeden von uns ist
       der Schlüssel  zur Zukunft  von uns  allen. Entspannung  ist  nur
       durch diese beiderseitige Entschlossenheit möglich geworden. Ent-
       spannung wird  nur durch  ständige Wachsamkeit  - Wachsamkeit ge-
       gründet auf  Stärke, Wachsamkeit  gegründet auf Solidarität - ge-
       wahrt werden  können. Wir,  die wir  heute hier  zusammengekommen
       sind, vertreten  in vielen Fällen Nationen, die im verheerendsten
       Krieg der  Geschichte Feinde  waren. Für  einige war dieser Krieg
       selber  der  Kulminationspunkt  jahrhundertelanger  kriegerischer
       Auseinandersetzungen zwischen  den beteiligten  Nationen.  Selbst
       nach dem Krieg standen sich einige der Nationen auf beiden Seiten
       des, wie  Winston Churchill es genannt hat, Eisernen Vorhangs ge-
       genüber, auf den gegnerischen Seiten des Kalten Kriegs.
       Heute treffen  wir uns auf der Basis der Koexistenz, einer Koexi-
       stenz, die,  wir wir  alle anerkennen müssen, auf der Wachsamkeit
       und Solidarität  beruht, von  der ich  bereits sprach.  Ich  habe
       manchmal festgestellt,  daß europäische  Staatsmänner den Begriff
       friedliche Koexistenz  nur ungern  benutzten, da er von verschie-
       denen Staatsführern zu verschiedenen Zeiten verschieden definiert
       wurde. Ich habe keine solche Bedenken.
       Als ich  vor einigen Monaten Gast von Leonid Breschnew und Alexej
       Kossygin im Kreml war, zitierte ich die klugen Worte meines alten
       Chefs Clem Attlee, der gesagt hatte: "Die einzige Alternative zur
       Koexistenz ist gemeinsamer Untergang."
       Mr. Breschnew  wird, so hoffe ich, nichts dagegen einzuwenden ha-
       ben, wenn  ich die  von ihm  in diesem  Zusammenhang  gebrauchten
       Worte zitiere.  Er sagte,  daß die Führer seines Landes - ich zi-
       tiere - "voll entschlossen sind, alles in ihrer Macht Stehende zu
       tun, um  nicht nur  der internationalen  Entspannung als  solcher
       einen historisch unwiderruflichen Charakter zu verleihen, sondern
       auch einer  echten Hinwendung zu einer langfristigen, fruchtbaren
       und gegenseitig vorteilhaften Zusammenarbeit zwischen Staaten mit
       verschiedenen  gesellschaftlichen  Systemen  auf  der  Basis  der
       vollen Gleichberechtigung  und gegenseitigen Achtung. Das ist es,
       was wir unter friedlicher Koexistenz verstehen".
       Dreißig Jahre  lang schienen  die Unterschiede, die uns gespalten
       haben, größer  zu sein  als das  uns gemeinsame europäische Erbe.
       Doch auf  diesem Erbe  baute diese  Konferenz über Sicherheit und
       Zusammenarbeit in Europa auf.
       Zwei Jahre haben sich unsere diplomatischen Vertreter in Genf be-
       müht, die  Mittel in Worte zu fassen, mit denen wir unsere Bezie-
       hungen auf  neue und zivilisiertere Art wahrnehmen können, ausge-
       hend von gegenseitiger Achtung, gegenseitigem Verständnis und ge-
       genseitiger Toleranz.  Ich behaupte  nicht, daß  schon allein die
       Dokumente, die  wir zu billigen im Begriff sind, die Spannung und
       Unsicherheit verringern  können, unter  der die Völker ebenso wie
       die Regierungen Europas seit Kriegsende gestanden haben. Aber sie
       sind mehr  als gute Absichten, mehr als ein Wunsch, unsere Bezie-
       hungen auf  einen neuen  Kurs zu setzen. Sie sind eine moralische
       Verpflichtung, die  wir nur  unter Gefahr für uns alle ignorieren
       können, und  der Anfang  eines neuen Kapitels in der europäischen
       Geschichte Europas. Zusammen mit den Völkern Nordamerikas und der
       Sowjetunion wollen  wir die Vielfältigkeit der europäischen Zivi-
       lisation aufrechterhalten, aber ihren brudermörderischen Spaltun-
       gen ein  Ende bereiten und ihr eine neue und bessere Zielrichtung
       geben.
       Es ist  angebracht, einige Worte über die politischen Entwicklun-
       gen zu  sagen, die  die Vorbereitung dieser Schlußakte ermöglich-
       ten. Voraufgegangen  sind dieser Konferenz die 1970 und 1972 zwi-
       schen der  Bundesrepublik Deutschland  und seinen östlichen Nach-
       barn geschlossenen Abkommen.
       Über ein  Jahrhundert lang war die Geschichte Europas eng mit der
       Geschichte Deutschlands verknüpft. Seit dem Krieg war Berlin, was
       es auch heute noch ist und weiterhin sein wird, ein Prüfstein für
       den Stand  der Beziehungen  in Europa. Die Verträge, Abkommen und
       Regelungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen
       Demokratischen Republik, Polen, der Tschechoslowakei und den Vier
       Mächten in  Deutschland haben  viel zur  Entspannung der  Lage im
       Herzen Europas  beigetragen. Wir  spielten unsere  volle Rolle in
       diesem Prozeß,  und wir  freuen uns über die Vorteile, die er ge-
       bracht hat.  Diese Vorteile müssen nach Abschluß dieser Konferenz
       weiterverfolgt werden.  Vorbehaltlich der  Viermächte-Rechte  und
       -Verantwortungen ist  die Regierung  des Vereinigten  Königreichs
       der Ansicht,  daß die  aus dieser  Konferenz resultierenden Doku-
       mente auch Bezug auf Berlin haben.
       Die Schlußakte  dieser Konferenz  ist kein  Vertrag,  auch  keine
       Friedensregelung. Sie  hat keinen Einfluß und kann keinen Einfluß
       haben auf  den Status  gegenwärtiger Grenzen.  Sie hat  keinerlei
       Einfluß und  kann keinerlei  Einfluß haben  auf  die  Viermächte-
       Rechte und  -Verantwortungen in  bezug auf Berlin und Deutschland
       als Ganzes.  Aber sie  enthält die  klare Verpflichtung, sich der
       Androhung oder  Anwendung von  Gewalt zu enthalten. Innerhalb des
       Rahmens, den  wir schaffen,  kann es in Zukunft keine Entschuldi-
       gung mehr  für einen  Teilnehmerstaat geben,  der versucht, einen
       anderen an  der Ausübung seiner souveränen Rechte zu hindern oder
       sich in seine inneren Angelegenheiten einzumischen. An der Einlö-
       sung und Einhaltung dieser Versprechen werden unsere Völker, wird
       die Geschichte  uns, uns  alle, jeden einzelnen von uns, beurtei-
       len.
       Zwangsläufig muß  sich in unseren Diskussionen und Entscheidungen
       hier die  sehr gründliche Arbeit niederschlagen, die in bezug auf
       militärische Aspekte geleistet wurde: die vertrauenbildenden Maß-
       nahmen, unsere  bescheidenen Vorkehrungen  für den  Austausch von
       Beobachtern bei  militärischen Manövern und zur vorherigen Ankün-
       digung dieser  Manöver, die bis jetzt geleistete, aber leider un-
       vollständige Arbeit  über die Ankündigung von militärischen Bewe-
       gungen. Hier können wir nur hoffen, daß es uns bei Wiederaufnahme
       der Diskussion  im Jahre  1977 in Belgrad möglich sein wird, wei-
       tere Fortschritte zu erzielen.
       Einige der  hier vertretenen Regierungen bemühen sich um eine Ei-
       nigung auf einem noch wichtigeren Gebiet militärischen Einverneh-
       mens -  dem der Truppenreduzierungen, die Gegenstand der Verhand-
       lungen in  Wien sind. Manche sagen, wenn erst einmal der neue po-
       litische Rahmen  für unsere künftigen Beziehungen geschaffen sei,
       werde es leichter sein, Fortschritt bei der Verminderung des Aus-
       maßes militärischer Konfrontation und bei der Herbeiführung jener
       stabileren Beziehungen zu machen, auf die alle an den Wiener Ver-
       handlungen Beteiligten  festgelegt sind.  Hoffen wir,  daß dem so
       ist. Wir unsererseits sind entschlossen, die Wiener Verhandlungen
       zum Erfolg zu führen, und hoffen, daß die Energie, die in den er-
       folgreichen Abschluß von Genf gesteckt wurde, von allen Beteilig-
       ten in Wien jetzt gleichermaßen genutzt wird.
       Unsere Arbeit  hier wird nicht nur nach dem Geist des "Leben-und-
       Lebenlassens" beurteilt  werden, den  diese Konferenz verkörpert.
       Sie wird danach beurteilt werden, wie dieser Geist seinen Nieder-
       schlag findet  im Leben  gewöhnlicher Familien, an Fragen wie der
       Familienzusammenführung, der  Heirat  von  Bürgern  verschiedener
       Staaten, der  vermehrten Reisemöglichkeiten,  an  professionellen
       Austauschen aller  Art und an besseren Arbeitsbedingungen für un-
       sere Journalisten und Geschäftsleute.
       Entspannung besagt wenig, wenn sie sich nicht im Alltagsleben un-
       serer Völker  niederschlägt. Es  gibt keinen  Grund, warum  es im
       Jahre 1975  Europäern nicht  freistehen sollte,  zu heiraten, wen
       sie wollen,  zu hören und lesen, was sie wollen, und zusammenzus-
       ein, mit  wem sie wollen. Diese These zu leugnen, ist ein Zeichen
       nicht der  Stärke, sondern der Schwäche. Als Maßstab wird dienen,
       wieweit das, was wir getan haben, Wirklichkeit wird, und das wird
       auch eines  der Themen  für die Nachfolgekonferenz von 1977 sein,
       nicht weniger  als Fragen wie die militärischen, wirtschaftlichen
       und kulturellen Regelungen. Von dieser Konferenz hier in Helsinki
       an werden diese Dinge zur ständigen Entspannungsagenda gehören.
       Was wir  also als neuen Kodex politischer und menschlicher Bezie-
       hungen innerhalb  Europas festlegen,  ist von Bedeutung für alle,
       die wir hier vertreten. Doch in einem weiteren Sinne gesehen: Was
       wir erreicht haben und nun konsolidieren werden, wird von der Ge-
       schichte nach dem Erfolg beurteilt werden, mit dem wir unsere Er-
       rungenschaft der  übrigen Welt  zugänglich machen.  Viele von uns
       hier sind  Mitglieder von  Organisationen innerhalb  Europas  wie
       auch in  einem sehr viel größeren Rahmen. In Europa haben wir die
       Europäische Wirtschaftsgemeinschaft,  deren neun Mitgliederregie-
       rungen einen  wesentlichen Beitrag  zur Arbeit  dieser  Konferenz
       geleistet haben. Einige unserer Nachbarn wiederum gehören anderen
       Organisationen wie  beispielsweise EFTA und COMECON an, die diese
       Woche hier stark vertreten sind. Doch in einem noch umfassenderen
       internationalen Rahmen betrachtet, gehören einige von uns hier zu
       den Gruppierungen  blockfreier Staaten.  Einige von uns sind Mit-
       glieder des  Commonwealth, das  über 30 Nationen in allen Stadien
       wirtschaftlicher Entwicklung  - von den reichsten bis zu den ärm-
       sten -  zählt; Nationen  aller Kontinente, Nationen, deren Küsten
       von allen Weltmeeren umspült werden.
       Unsere Errungenschaften  verlieren als Beitrag zur Weltgeschichte
       an Wert, wenn das von uns hier Vereinbarte sich nicht auf das Le-
       ben von Nationen in allen Teilen der Welt bereichernd auswirkt.
       In den  Dokumenten, denen  wir unsere  Billigung gaben, haben wir
       einen begrenzten  Schritt in Richtung wirtschaftliche Kooperation
       getan. Wir  müssen enger  zusammenarbeiten im  Hinblick auf welt-
       weite wirtschaftliche  Kooperation. Das ist ganz besonders dring-
       lich in  einer Zeit, da Explosionen bei Ölpreisen und anderen un-
       vermeidbaren Grundkosten  die Wirtschaft der Welt erschüttert ha-
       ben. Sie haben das Gefüge wirtschaftlich hochentwickelter Staaten
       erschüttert und  einen massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit ver-
       ursacht. In den Ländern jedoch, die seit Jahren am Rande des Hun-
       gers existieren,  sind nicht allein Arbeitsplätze gefährdet, son-
       dern das  Leben Hunderttausender  von Menschen.  Unsere verschie-
       denen innereuropäischen Gruppierungen setzen sich mit diesen Pro-
       blemen innerhalb  ihrer eigenen  Räume auseinander, und viele von
       uns sind auf der gemeinsamen Suche nach weltweiten Lösungen.
       Ich bin  stolz darauf, daß die Europäische Gemeinschaft in diesem
       Jahr ein  internationales Programm  in Gang  brachte, das 46 Ent-
       wicklungsländern in  Afrika, im Pazifik und in der Karibik zugute
       kommen soll,  und daß sie jetzt eingehende Gespräche über Energie
       und Rohstoffragen  führt. Ich möchte ganz Europa engagiert sehen,
       und zwar - soweit sich das verwirklichen läßt - mit einem gemein-
       samen Interesse.
       Die britische  Initiative in der Rohstoffrage, die wirtschaftlich
       weniger entwickelten  Ländern helfen  soll und  auf  der  Common-
       wealth-Konferenz im  Mai vorgetragen  wurde, wird  jetzt zusammen
       mit anderen  Vorschlägen bei  der Vorbereitung für die Sondersit-
       zung der  Vereinten Nationen  im Herbst geprüft und soll nächstes
       Jahr auf der UNCTAD weiter erörtert werden.
       Und auch in anderer Hinsicht sollte das, was wir durch die Arbeit
       der KSZE  erzielt haben,  nicht auf  unseren Kontinent beschränkt
       bleiben. Beispielsweise  hat es erfreuliche Fortschritte gegeben,
       was die  Freizügigkeit von  Einzelpersonen und Familien betrifft.
       Doch hoffe  ich, daß  das, worauf  wir alle  uns heute für Europa
       festgelegt haben,  auch für  jene in unseren Ländern gelten kann,
       die ein  neues Leben  außerhalb Europas  beginnen möchten,  ob in
       Nahost oder  anderswo. Schließlich  möchte ich, daß wir uns bemü-
       hen, die Konzeption der Entspannung in aller Welt zu propagieren.
       Wenn wir  ehrlich sind, dann ist die Entspannung in Europa - eine
       Entspannung, die  auf so  staatsmännische Weise  von  den  beiden
       größten Mächten der Welt erarbeitet wurde - durch die Anerkennung
       eines Gleichgewichts des Schreckens vor allem auf atomarem Gebiet
       zustande gekommen  und davon  abhängig. Die  Entspannung, die wir
       verfechten, sollte mit einer nicht minder großen Entschlossenheit
       einhergehen, die  Verbreitung nuklearen  Terrors in  der Welt  zu
       verhindern.
       Drei der  hier vertretenen Nationen sind Mitverwahrer des Nonpro-
       liferationsvertrags. Die  große Mehrheit  der Länder hier ist dem
       Vertrag beigetreten  und hat  dadurch einen  direkten Beitrag zur
       Schaffung einer sicheren Welt geleistet.
       Jenen, die  bislang dem  Vertrag  noch  nicht  beigetreten  sind,
       möchte ich  lediglich sagen,  daß die  Verbreitung von Kernwaffen
       unser aller  Sicherheit gefährdet.  Es geht  nicht darum, daß der
       Besitz solcher Waffen irgendeinen Sonderstatus beinhaltet; er be-
       inhaltet zweifelsohne gewaltige Verantwortungen.
       Und es  ist ganz  gewiß die  große Hoffnung aller hier anwesenden
       Atommächte, daß diese Last einmal durch multilaterale Verhandlun-
       gen über  nukleare Abrüstung,  bei denen natürlich eine Teilnahme
       Chinas wesentlich wäre, abgelegt werden kann. Diejenigen von uns,
       die diese  Waffen besitzen  bzw. die Fähigkeit haben, sie sich zu
       verschaffen, müssen eine besondere Verantwortung auf sich nehmen.
       Kernenergie für  friedliche Zwecke  wirft  einige  andersgeartete
       Fragen auf.  Es ist  eine andere,  ja willkommene  Proliferation,
       denn hier  kann eine  Erfindung, die dem Einfallsreichtum und den
       Ressourcen des Menschen zu verdanken ist, dazu eingesetzt werden,
       den Lebensstandard  in allen  Teilen der Welt zu verbessern. Doch
       selbst hier  müssen wir alle unsere Fähigkeiten, alle unsere Vor-
       sicht anwenden,  um sicherzustellen, daß diese Art der Prolifera-
       tion unsere  Bemühungen um  die Schaffung  einer sichereren  Welt
       nicht gefährdet  oder die  Gefahr in sich birgt, daß die Schwelle
       von der  friedlichen zur  kriegerischen Nutzung  der  Kernenergie
       überschritten wird. Ein universales System internationaler Siche-
       rungen würde  dazu beitragen, daß wir auf der richtigen Seite der
       Schwelle bleiben.  Besondere Vorsicht  müssen wir bei der Nutzung
       von Atomexplosionen zu friedlichen Zwecken walten lassen, und wir
       freuen uns,  daß die  internationale Atomenergiebehörde für diese
       wichtige Frage kürzlich eine Beratergruppe eingesetzt hat.
       Auf jenen  unter uns, die in der Nukleartechnologie fortgeschrit-
       ten sind, liegt die außerordentlich große Verantwortung, dafür zu
       sorgen, daß der Export von Nuklearmaterial und -technologie unter
       fairen und  absolut wirksamen  Absicherungen erfolgt,  damit eine
       anderweitige Verwendung zu vernichtenden Zwecken verhindert wird.
       Wachsende Besorgnis  in der  Welt verursacht  die Entwicklung von
       grauenvollen chemischen  und biologischen Waffen. In dieser Frage
       ergriff die  britische Regierung Ende der 60er Jahre auf der Gen-
       fer Abrüstungskonferenz  die Initiative.  Wir freuen uns, daß die
       Konvention über biologische Waffen, die jene Initiative zur Folge
       hatte, im März dieses Jahres in Kraft trat. Bei chemischen Waffen
       konnten jedoch  aufgrund des ernsten und immer noch schwer lösba-
       ren Problems  der Verifizierung erst sehr wenige Fortschritte er-
       zielt werden.  Es ist unerläßlich, daß jede Vereinbarung, die ge-
       troffen werden  kann, absoluten Schutz vor Umgehungen bietet. So-
       viel ich weiß, wurde bei den sowjetisch-amerikanischen Gesprächen
       in Moskau vor einem Jahr eine gemeinsame Initiative dieser Länder
       in Aussicht genommen, und ich habe dies begrüßt.
       Im weiteren Rahmen der Abrüstung besteht beträchtliche Unterstüt-
       zung für  eine Weltabrüstungskonferenz.  Diese könnte  ein  Forum
       schaffen, das  dazu beitragen  könnte, die  ins Stocken geratenen
       Fortschritte, die  bisher erzielt  wurden, zu beschleunigen. Doch
       die Voraussetzung  für eine derartige Konferenz ist - und ich be-
       tone das  -, daß  sie allumfassend  ist, d.h. daß alle Atommächte
       daran teilnehmen  und daß  eine gründliche und angemessene Vorbe-
       reitung durch  die bestehende internationale Maschinerie erfolgt,
       die dem Zweck entsprechend verstärkt wird.
       Entspannung, Leben-und-Lebenlassen,  die Anerkennung  des  Grund-
       satzes, daß  tiefgreifende  politische  und  ideologische  Unter-
       schiede nicht  bedeuten, daß  wir im  Krieg oder selbst in Feind-
       schaft miteinander  leben müssen  - sie stehen im Mittelpunkt all
       unserer Hoffnungen  für die  Zukunft Europas.  Wir alle haben die
       Pflicht, diesen  gleichen Geist in den Vereinten Nationen zu pro-
       klamieren und  in weltweiten  Diskussionen über Fragen, die nicht
       nur Nationen  spalten, sondern  auch den  Frieden in der Welt ge-
       fährden. Beispielsweise  der Nahe Osten, die Spaltungen nach Ras-
       sen und  Hautfarben in  Afrika, die  nachkolonialen Spannungen in
       verschiedenen Teilen der Welt. Was also erhoffen wir von der Kon-
       ferenz über  Sicherheit und  Zusammenarbeit in Europa? Mehr noch,
       was soll die Geschichte als unsere Leistung bewerten?
       - Ein Europa,  in dem  die Menschen  Duldsamkeit üben,  als  gute
       Nachbarn friedlich  zusammenleben und  ihre Kräfte vereinigen zur
       Wahrung des Völkerfriedens und der internationalen Sicherheit;
       - öffentlich verkündete  und öffentlich  eingelöste  Versprechen,
       die in  zwei Jahren  in Belgrad  überprüft, entwickelt und weiter
       ausgebaut werden;
       - insbesondere die  Erklärung, in  allen unseren Weltbeziehungen,
       daß das,  was wir  zusammen hier  als gut für uns erachtet haben,
       gut für  die Welt  ist. Dies jedoch nicht nur in Worten zu erklä-
       ren, sondern es auch zu verwirklichen unter Einsatz der Fähigkei-
       ten, des Einflusses, der Macht und der Staatskunst der hier heute
       versammelten Nationen.
       

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