Quelle: Blätter 1975 Heft 09 (September)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG DER SOZIALISTISCHEN PARTEI CHILES:
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       "PORTUGAL DARF KEIN NEUES CHILE WERDEN!"
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       (Wortlaut)
       
       Die Sozialistische  Partei Chiles hat Ende August eine von Carlos
       Altamirano, dem gewählten Generalsekretär der Partei, unterzeich-
       nete Erklärung  veröffentlicht: "Portugal  darf kein  neues Chile
       werden!" Nachstehend der Wortlaut dieser Erklärung. D. Red.
       
       Der revolutionäre  Prozeß in  Portugal bewegt heute die Welt. Der
       Sturz des faschistischen Regimes, das rund 50 Jahre lang das Volk
       unterdrückt hatte, brachte eine Dynamik hervor, die dieses Ereig-
       nis in  die großen historischen Entscheidungen hineinstellte. Die
       militärischen und  politischen Kräfte, die die Aufgabe übernommen
       haben, die Reste des Kolonialreiches zu beseitigen, das Leben der
       Nation zu  demokratisieren und  jahrhundertealte  wirtschaftliche
       Interessen auszurotten,  setzten die  revolutionären Energien des
       Volkes frei und gliederten es sofort in den Kampf um die sozialen
       Veränderungen ein  Gleichzeitig hat  das Vorgehen  der revolutio-
       nären Kräfte den Haß und die Wut der wirtschaftlich und politisch
       entmachteten minoritären Gruppen angestachelt.
       Die Reaktion in Portugal und in der ganzen Welt, die sich während
       eines halben  Jahrhunderts voller  Terror und  Obskurantismus  in
       Schweigen gehüllt  hatte, reißt  heute den  Mund weit  auf  wegen
       "Freiheit" und "Demokratie", die angeblich in Gefahr sind.
       Wir fühlen  uns verpflichtet,  unserer Besorgnis Ausdruck zu ver-
       leihen. Das chilenische Volk hat diese Erfahrung bereits gemacht.
       Die internationale Konterrevolution baut heute in Portugal an dem
       gleichen Modell  "Marke CIA",  wie sie es in Chile zum Sturze der
       verfassungsmäßigen Regierung  des Präsidenten  Allende  benutzte.
       Die imperialistischen und monopolistischen Kräfte Chiles versuch-
       ten, die Regierung der Unidad Popular als "widerrechtlich und an-
       tidemokratisch" hinzustellen und ein Bild zu schaffen, als ob die
       Nation in  das "Wirtschaftschaos" und in die "marxistische Dikta-
       tur" geführt  würde. Die  Welt kennt  das Resultat. Eine grausame
       und blutdürstige Tyrannei zerschlug den liberalen Staat mit einer
       160jährigen friedlichen  und demokratischen Entwicklung, trat die
       elementarsten Menschenrechte  mit Füßen  und stürzte  das Land in
       furchtbares Elend. Und so war es immer. Hinter dem lautstark ver-
       kündeten Kampf gegen die angebliche Gefahr des "marxistischen To-
       talitarismus" steht  die Verteidigung der erbärmlichen Interessen
       des herrschenden Kerns der Großbourgeoisie und des Imperialismus.
       Um wieder  an die  Macht zu  gelangen, gibt  es für sie keinerlei
       ethische Schranken. In Chile benutzten sie das politische Verbre-
       chen und  den Terrorismus,  organisierten  die  Sabotageakte  und
       schufen sie  den Schwarzen Markt, bis sie schließlich auf den fa-
       schistischen Putsch zurückgriffen. Und das versuchen sie heute in
       Portugal zu wiederholen.
       Die chilenische Volksbewegung hat voller Dankbarkeit und tief be-
       wegt die  Solidaritätsbeweise des  portugiesischen Volkes, seiner
       Parteien und  der Regierung entgegengenommen. Deshalb hält sie es
       für ihre  revolutionäre Pflicht,  ihre Stimme in einem Augenblick
       zu erheben, da die portugiesische Reaktion zur Offensive übergeht
       und sich Risse in der Front des Fortschritts und zwischen den mi-
       litärischen Kommandos selbst bilden.
       Aus eigenen  dramatischen Erfahrungen  heraus beurteilt  sie  das
       Vorgehen einer  Armee, die  weit davon  entfernt ist, dem eigenen
       Volk den  Krieg zu erklären, sondern die die Freiheitsfahnen auf-
       nimmt und zum Herold der historischen Interessen des Volkes wird.
       Unsere Partei  beobachtet mit  wirklicher innerer  Besorgnis  das
       fehlende Verständnis zwischen der Sozialistischen und Kommunisti-
       schen Partei  Portugals, worüber  sich im nationalen und interna-
       tionalen Maßstab eine antikommunistische Kampagne entwickelt, die
       auf eine  Spaltung zwischen  dem portugiesischen  Volk und seinen
       Streitkräften abzielt.  In Chile  haben sektiererisches Verhalten
       und das  Fehlen einer  tiefschürfenden Einschätzung  der Gefahren
       der Konterrevolution  zu einer,  wenngleich zeitweiligen, so doch
       äußerst schwerwiegenden  Niederlage beigetragen. Der Reaktion ge-
       lang es,  wichtige Teile  der Mittelschichten, die sich von einer
       hartnäckigen antikommunistischen  Kampagne  beeinflussen  ließen,
       für sich zu gewinnen. Und genau das geschieht heute in großem Um-
       fange in  Portugal, wo  die Reaktion die Unstimmigkeiten zwischen
       den Volksparteien verschärft.
       Der Freiheitskampf  eines Volkes  ist kein  leichter Weg.  Er ist
       voller Schwierigkeiten,  die  manchmal  Unstimmigkeiten  zwischen
       denen hervorrufen,  die ihn beschreiten. Uns beunruhigt nicht die
       Tatsache, daß  solche zwischen  der KP, der SP und der MFA aufge-
       treten sind, sondern wir sind deswegen besorgt, weil diese zugun-
       sten der  Konterrevolution ausgenutzt werden. Jede Schwankung und
       jede Wendung der Regierung nach rechts bedeutet den Weg ohne Wie-
       derkehr hin zur Konterrevolution.
       Unserer Auffassung  nach ist es das oberste Gebot der portugiesi-
       schen revolutionären  Vorhuten, nach  Formen der Verständigung zu
       suchen, die  bei Sicherung der Entwicklung des Prozesses all jene
       Kräfte in  ganzer Breite  einbeziehen, die  der wahren Demokratie
       und dem  Sozialismus objektiv verbunden sind. Sie dürfen ihre hi-
       storische Verantwortung  nicht in Augenblicken verlieren, die für
       die fortschrittlichen,  demokratischen und  freiheitlichen Kräfte
       der Welt von Entscheidung sind.
       Die aktive Beteiligung der Massen und ihr Zusammenschluß bei die-
       sem Umgestaltungsprozeß, der von den Streitkräften geleitet wird,
       ist lebenswichtig, um die Regierung zu sichern.
       Die Arbeiterklasse  und die  werktätigen Massen  haben in der Ge-
       schichte ihre  Schwächen im Kampf um die Macht und bei ihrer Ver-
       teidigung, ihre  versöhnliche Haltung  gegenüber der herrschenden
       Klasse und  die fehlende Einheit unter den in Vertretung des Vol-
       kes wirkenden  Kräften teuer  bezahlen müssen. Portugal darf kein
       neues Chile  werden. Ziehen wir die Lehren aus dieser Uneinigkeit
       und diesen Schwächen.
       Ohne die Einheit des Volkes, ohne die Einheit zwischen der Sozia-
       listischen Partei  und der  Kommunistischen Partei, ohne die Ein-
       heit zwischen  dem Volk und den Streitkräften wird es keine sieg-
       reiche Vollendung der Revolution geben. Wir rufen Sozialististen,
       Kommunisten und  die MFA  auf, ihre Differenzen zu überwinden und
       eine gemeinsame  Front zu bilden, um die Konterrevolution zu zer-
       schlagen, und wir versichern sie unserer kämpferischen und immer-
       währenden Solidarität.
       
       Carlos Altamirano
       

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