Quelle: Blätter 1975 Heft 12 (Dezember)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DARMSTÄDTER APPELL FÜR ENTSPANNUNG UND ABRÜSTUNG
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       VOM 11. OKTOBER 1975
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       (Wortlaut)
       
       Veranstaltet vom  bundesrepublikanischen Komitee für Frieden, Ab-
       rüstung und  Zusammenarbeit fand am 11. Oktober 1975 in Darmstadt
       eine Konferenz  "Die europäische  Sicherheitskonferenz - Entspan-
       nung und  Abrüstung" statt,  auf der u.a. die Professoren Ridder,
       Kade und  v. Bredow  und als  ausländische Gäste  u. a. Robert de
       Gendt und Nikolaj Poljanow referierten. Die Teilnehmer der Konfe-
       renz  beschlossen   den  nachstehend   im  Wortlaut  abgedruckten
       "Darmstädter Appell",  der zur  Entfaltung  einer  breiten  Abrü-
       stungsinitiative in  der bundesrepublikanischen  Öffentlichkeit -
       für Mai  1976 wurde  in diesem  Zusammenhang eine  Großkundgebung
       vorgeschlagen - beitragen soll. D. Red.
       
       Eine schwere Krise hat unser Land erfaßt. Zwei Millionen Arbeiter
       und Angestellte  sind arbeitslos  oder müssen  kurzarbeiten.  Die
       Preissteigerungen nehmen  kein Ende. Viele kleinere Betriebe muß-
       ten schon schließen.
       Unser Volk  steht also  vor großen Problemen. Es müssen neue, si-
       cherere Arbeitsplätze  geschaffen werden. Wir müssen mehr für un-
       sere Zukunft, für die soziale Sicherheit von morgen, für die Bil-
       dung und  Ausbildung der  jungen Generation und die Weiterbildung
       tun. Wir brauchen mehr und bessere Krankenhäuser, preiswerte Woh-
       nungen und Erholungsmöglichkeiten.
       Das alles  kostet natürlich  Geld. Die  Regierung sagt: Dafür ist
       jetzt kein  Geld da,  wir müssen sparen. Sparen ist richtig, aber
       es kommt darauf an, woran wir sparen.
       Über einen Bereich wird nicht geredet: die Milliarden für Militär
       und Rüstung.  Aber gerade  an der  Rüstung müssen wir sparen. Sie
       schafft keine Werte. Und wir können daran sparen, ohne unsere Si-
       cherheit zu gefährden.
       Die Entspannung  hat den  Beziehungen zwischen  Ost und West eine
       neue Grundlage  gegeben. Die  Ostverträge sind  in Kraft. Auf der
       gesamteuropäischen Sicherheitskonferenz  in  Helsinki  haben  die
       Staaten aus  Ost und  West vereinbart,  wie die Völker sicher und
       friedlich zusammen leben und arbeiten können. USA und UdSSR haben
       Verträge über  die Begrenzung  und Verringerung ihrer Atomraketen
       abgeschlossen. Die biologischen Waffen sind schon verboten. Abrü-
       stung ist also möglich.
       Heute müssen  alle zugeben,  daß das Wettrüsten keine größere Si-
       cherheit schafft,  sondern nur  immer teurere  und  gefährlichere
       Waffen. Es  ist unverantwortlich,  jährlich 250 Milliarden Dollar
       für Rüstung  zu verschwenden, wenn Hunderte Millionen Menschen in
       Hunger und Armut leben müssen.
       Staaten wie  England, Holland,  Dänemark oder Italien haben ange-
       fangen, ihre Militärausgaben einzuschränken. Sie können das wegen
       der Entspannung  tun und  sehen darin  keine Gefährdung ihrer Si-
       cherheit.
       Doch es  geht nicht um einseitige, sondern um gleichzeitige Abrü-
       stung in  Ost und West. Bei der Wiener Konferenz über die Verrin-
       gerung der Truppen und Rüstungen in Mitteleuropa haben die sozia-
       listischen Staaten  angeboten, sofort einen Rüstungsstopp für die
       Dauer dieser  Verhandlungen zu  vereinbaren. Sie haben angeboten,
       noch 1975 auf beiden Seiten 20 000 Mann abzubauen, 1976 die Trup-
       pen und  Rüstungen um  fünf Prozent  und 1977  um zehn Prozent zu
       kürzen. Auf dieses Angebot sollte die Bundesregierung konstruktiv
       eingehen.
       Das würde unsere Sicherheit nicht gefährden, sondern stärken. Ab-
       rüstung liegt  im Interesse  des ganzen Volkes. Nur eine Handvoll
       von Konzernen  verdient am  Wettrüsten. Die  Umstellung  von  Rü-
       stungsbetrieben auf  zivile Produktion  ist möglich. Auch für die
       Rüstungsarbeiter können  mit den durch Abrüstungsmaßnahmen einge-
       sparten Geldern sichere Arbeitsplätze geschaffen werden.
       Angesichts der  anhaltenden Wirtschaftskrise  muß jetzt  die Ent-
       scheidung fallen.  Und die  Entspannung macht  Abrüstung möglich.
       Der Bundeskanzler  hat in  Helsinki gesagt: "Wir denken, das Ziel
       muß sein,  die Europäer  von der  Furcht vor Kriegen zu befreien,
       die Rüstungslasten zu verringern und dabei ein stabiles Gleichge-
       wicht der  Kräfte zu  erhalten. Ich mache keinen Hehl daraus, daß
       ich mir  davon - zumal als Sozialdemokrat - zugleich eine Steige-
       rung unserer  sozialen  Wohlfahrt  und  unseres  wirtschaftlichen
       Fortschritts erwarte." Doch sein Minister Leber hat mehr Geld für
       die Rüstung bekommen, er brauchte nicht zu sparen.
       Wir alle  wissen, daß  es mit der Abrüstung nicht vorangeht, wenn
       die Bevölkerung  sich nicht aktiv für sie einsetzt, um den Wider-
       stand mächtiger,  aber uneinsichtiger Anhänger der Aufrüstung und
       der politischen Spannung zu überwinden.
       Wir wenden uns an alle Mitbürger, an die Anhänger aller Parteien,
       an alle  Gewerkschafter, an  alle Christen,  an die Frauen und an
       die Jugend:
       Laßt uns gemeinsam für die Vernunft aktiv werden!
       - Für den  Stopp der  Aufrüstung und  einen konstruktiven Beitrag
       der Bundesrepublik auf der Wiener Konferenz über die Verringerung
       der Truppen und Rüstungen in Mitteleuropa!
       - Für die  von der UNO geforderte Senkung der Rüstungsausgaben um
       zunächst zehn Prozent!
       - Für die Finanzierung der dringenden sozialen und wirtschaftspo-
       litischen Aufgaben  durch spürbare  Einsparungen im Rüstungshaus-
       halt!
       
       Die Teilnehmer  der Konferenz  "Die europäische Sicherheitskonfe-
       renz - Entspannung und Abrüstung"
       Darmstadt, den 11. Oktober 1975
       

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