Quelle: Blätter 1975 Heft 12 (Dezember)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       APPELL AN DIE FRAUEN DER WELT, VERABSCHIEDET VOM WELTKONGRESS IM
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       INTERNATIONALEN JAHR DER FRAU IN BERLIN (DDR) AM 24. OKTOBER 1975
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       (Wortlaut)
       
       Wir sind  von allen  Erdteilen zum Weltkongreß im Internationalen
       Jahr der  Frau nach Berlin, der Hauptstadt der Deutschen Demokra-
       tischen Republik, gekommen.
       Gleichberechtigung -  Entwicklung - Frieden, dieses Motto hat uns
       zusammengeführt. In  seinem Zeichen  richten wir diesen Appell an
       die Frauen der Welt.
       Die Menschheit tritt jetzt in das letzte Viertel des 20. Jahrhun-
       derts ein. Es ist eine Zeit unvergleichlicher Umwälzungen auf al-
       len Gebieten des menschlichen Lebens.
       Wir sind  Zeugen des  Aufbruchs immer neuer Völker zur Gestaltung
       einer Ordnung des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit.
       Wir spüren  die historische  Chance und  die Verantwortung, durch
       Wirken und  Kampf unserer  Generation zu  entscheiden, wie  diese
       Erde im nächsten Jahrhundert aussehen soll:
       - Ein blühender Garten - oder eine atomare Wüste.
       - Eine Stätte  gemeinsamen friedvollen  Strebens der  Völker  und
       Staaten in  gegenseitiger Achtung  - oder ein Konfliktherd voller
       Gegensätze und Ungerechtigkeiten.
       Die Antworten  darauf geben wir selbst. Den Weg ins nächste Jahr-
       tausend gestalten  wir. Wir Frauen, die wir den Kindern das Leben
       geben, haben  in besonderem Maße das Recht und die Pflicht, dafür
       zu streiten,  daß es ein guter Weg sein wird, für uns, für unsere
       Kinder und  Kindeskinder. Das wollen wir tun, solange Atem in uns
       ist.
       Wir machen uns vor der ganzen Öffentlichkeit unserer Erde zum An-
       walt all derer, die in einer Welt leben wollen, in der die großen
       Menschheitsprobleme gelöst  werden. Dafür  rufen wir zur interna-
       tionalen Solidarität.
       FRIEDE
       Er war  Jahrhunderte eine Sehnsucht der Völker. Heute gibt es die
       begründete Hoffnung auf dauerhaften Frieden. Anlaß zu solcher Zu-
       versicht gibt  uns vor  allem die Wende vom Kalten Krieg zur Ent-
       spannung, das  Anwachsen der Kräfte des Friedens und der nationa-
       len Befreiung.
       Dennoch ist  die Gefahr des Krieges nicht gebannt. Die materielle
       Vorbereitung des  Krieges geht weiter. 300 Milliarden Dollar wer-
       den jährlich  für die Rüstung aufgewandt. Würden dieses dem Frie-
       den so  gefährlichen Mittel  für soziale  Zwecke ausgegeben, dann
       könnten um  ein  vieles  mehr  Frauen  und  Mädchen  sichere  Ar-
       beitsplätze haben,  würden sie in den Genuß von Bildung gelangen,
       würden staatlicher Mutter- und Kinderschutz, kostenloser Schulbe-
       such ermöglicht,  könnten Mittel  für Kunst und Kultur aufgewandt
       werden.
       W i r  s a g e n:
       Abrüstung statt  Aufrüstung -  mehr Geld für die legitimen Rechte
       der Frau.
       Wir ächten die Rüstungsmonopole, die mehr Profite wollen.
       Wir prangern die Kräfte des Militarismus an, die sich dem Frieden
       widersetzen, um an Kriegen zu verdienen.
       ENTWICKLUNG
       Dieses Wort  schließt für  uns den Beitrag der Frauen für das ge-
       sellschaftliche Leben  ein für die politische und wirtschaftliche
       Unabhängigkeit ihrer  Länder, für  demokratische Umgestaltung und
       sozialen Fortschritt.
       Jede zweite  Frau lebt  in Ländern,  die eben  erst die grausamen
       Fesseln kolonialer Ausbeutung und Unterdrückung zerbrochen haben.
       W i r  s a g e n:
       Entwicklung, das heißt, alles zu tun, um das unheilvolle Erbe des
       Kolonialismus zu überwinden.
       Die nationale  Befreiung muß  in der  ökonomischen Unabhängigkeit
       ihre Ergänzung  und Fortführung  erfahren, die  auch  den  Frauen
       reale Rechte  und  Möglichkeiten  zur  Bestimmung  ihres  eigenen
       Schicksals erschließt.  Nur ein  freies Volk  kann die  legitimen
       Rechte der Frau gewährleisten.
       Wir wollen, daß nirgendwo Völker vom Hunger gepeinigt werden.
       Wir wollen,  daß die  ganze Menschheit  am  sozialen  Fortschritt
       teilhaben kann.
       GLEICHBERECHTIGUNG
       in der  Gesellschaft, in  Gesetz und  Wirklichkeit - nichts davon
       fällt den Frauen in den Schoß.
       Wir wollen,  daß überall  die Frauen  in Achtung  ihrer Würde und
       Leistung zur  vollen Entfaltung ihrer Talente und Fähigkeiten ge-
       langen können.
       Wir wenden  uns gegen  überlebte Besitz- und Machtstrukturen, die
       die Frauen  in ihrer  Bildung, Entlohnung  und gesellschaftlichen
       Stellung fortwährend diskriminieren.
       W i r  s a g e n:
       Gleichberechtigung, das ist gleiches Recht in Familie und Gesell-
       schaft, gleiches Recht auf Arbeit, gleiche Bezahlung bei gleicher
       Leistung, umfassende Förderung der Frauen auf allen Gebieten.
       Gleichberechtigung ist  nicht zu  verwirklichen ohne  das  aktive
       Wirken der Frauen selbst. Dazu rufen wir auf!
       Die Befreiung  der Frau  von ihren  Sorgen und Nöten kann nur die
       Frucht der  nationalen und  sozialen  Befreiung  sein;  denn  das
       Schicksal der  Frauen ist unlösbar mit dem Schicksal ihrer Völker
       verbunden. Überall  auf der  Welt sollen Frieden, Demokratie, na-
       tionale Unabhängigkeit und sozialer Fortschritt triumphieren.
       Das sind  Z i e l e,  die uns alle verpflichten, unser aller Ein-
       satz erfordern.  Wir verfügen auch über die  M i t t e l,  sie zu
       verwirklichen.
       Ihr Frauen,  seid Euch  der Macht bewußt, die Ihr darstellt. Eure
       Stimmen sind starke Waffen, erhebt sie unüberhörbar!
       Von der  Tat jedes  einzelnen, von  uns allen gemeinsam hängt die
       Zukunft dieser Erde ab. Schließt Euch zu gemeinsamen Aktionen zu-
       sammen!
       Vielfältig sind  die Möglichkeiten, über die wir Frauen verfügen.
       In Frauen-  und Jugendverbänden, in den Gewerkschaften, in parla-
       mentarischen und kommunalen Körperschaften, in religiösen, sozia-
       len und  kulturellen Einrichtungen,  in Betrieben, in Dörfern und
       Städten, in  nationalen oder weltweiten Organisationen - wo immer
       Ihr tätig seid: Werdet aktiv, sichert den Einfluß der Frauen! Fe-
       stigt die Einheit der friedliebenden Kräfte!
       Frauen aller Kontinente, hört diesen Ruf und greift ihn auf!
       Nehmt die  Sache des Friedens, der Demokratie, der nationalen Un-
       abhängigkeit, des  sozialen Fortschritts  und der Gleichberechti-
       gung in Eure Hände, kämpft dafür!
       

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