Quelle: Blätter 1976 Heft 01 (Januar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       EIN MORATORIUM FÜR DEN BAU NEUER KERNKRAFTWERKE -
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       APPELL DES BUNDES DEMOKRATISCHER WISSENSCHAFTLER (BDWI)
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       Der  Bundesvorstand  des  Bundes  demokratischer  Wissenschaftler
       (BdWi), gezeichnet  von Prof.  Dr. Wilhelm  Alff, Prof.  Dr.  Urs
       Jaeggi und  Prof. Dr.  Walter Jens,  richtet folgenden  Appell an
       alle Wissenschaftler:
       In der  Bundesrepublik Deutschland  werden Ausbau  und Export von
       Kernkraftwerken mit  Hektik  vorangetrieben.  Auf  eine  mächtige
       Lobby gestützt,  werden warnende  Stimmen  verantwortungsbewußter
       Wissenschaftler in der Öffentlichkeit unterdrückt.
       Der BdWi  fordert ein Moratorium für den Bau neuer Kernkraftwerke
       und dazugehörender Wiederaufbereitungsanlagen, solange nicht fol-
       gende Probleme gelöst sind:
       - Die Sicherheit eines Kernkraftwerks muß so weitgehend sein, daß
       eine nukleare  Katastrophe, die Hunderttausenden das Leben kosten
       kann, auszuschließen ist.
       - Kernkraftwerke und  kerntechnische  Anlagen  können  bis  heute
       nicht umfassend vor Terror und Sabotage geschützt werden.
       - Die mit  dem forcierten Ausbau von Kernkraftwerken entstehenden
       Abwärmeprobleme müssen umfassend mit ihren möglichen Auswirkungen
       auf die Ökologie untersucht werden.
       - Die Ablagerung  von hochaktivem  Atommüll, der  sicher  500 000
       Jahre aufbewahrt werden muß, ist ungelöst.
       - Wiederaufbereitungsanlagen für Kernbrennstoffe stellen nach dem
       heutigen Stand  der Wissenschaft  und Technik ein umfassendes Si-
       cherheitsrisiko dar.
       - Untersuchungen über  die langfristigen  Auswirkungen bei Abgabe
       von radioaktiven Stoffen im niedrigen Dosisbereich auf Mensch und
       Umwelt sind völlig ungenügend.
       - Jede gesamtgesellschaftlich  vertretbare  Kosten-Nutzen-Analyse
       für die Kernenergie fehlt.
       - Die Rechte  der durch  Kernkraftwerke betroffenen  Bürger  sind
       völlig  unzureichend.  Die  Atomgesetzgebung  der  Bundesrepublik
       Deutschland muß  geändert werden.  Ein Mitspracherecht der Bürger
       ist einzuräumen.
       - An der  Ruhr wachsen  die Kohlenhalden.  Eine neue Stillegungs-
       welle von  Kohlenzechen droht! Es ist ein Gebot der Stunde, diese
       Energiequellen zu nutzen.
       - Die Bundes-  und Länderregierungen haben nichts unternommen, um
       die Verschwendung  von Energie zu unterbinden. Wir fordern, bevor
       neue Kernkraftwerke  gebaut werden,  ein Programm  zur nützlichen
       Verwendung von Energie.
       - Wir appellieren  an alle  Wissenschaftler  der  Bundesrepublik,
       sich diesen  Forderungen anzuschließen.  Es ist  eine  Konsequenz
       wissenschaftlicher Verantwortung,  ein solches  Moratorium zu un-
       terstützen, solange  nicht von  der Forschung  klare Lösungen der
       genannten Probleme  vorliegen. Aus  dem gleichen  Grunde ist eine
       Zusammenarbeit mit den entsprechenden Bürgerinitiativen und deren
       Unterstützung sinnvoll und notwendig.
       
       Unterschriften bitte senden an: Bund demokratischer Wissenschaft-
       ler e.V., 355 Marburg, Gisselberger Str. 7. Postfach 1162.
       

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