Quelle: Blätter 1976 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       STELLUNGNAHME DES FACHBEREICHS GESELLSCHAFTSWISSENSCHAFTEN DER
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       UNIVERSITÄT MARBURG ZUR ABLEHNUNG DER ERNENNUNG VON DR. JÜRGEN
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       HARRER ZUM DOZENTEN IM BEAMTENVERHÄLTNIS AUF ZEIT DURCH DAS
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       HESSISCHE KULTUSMINISTERIUM
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       (Auszüge)
       
       Die wachsenden  Proteste des  Auslands gegen die Berufsverbote in
       der Bundesrepublik  haben mehrere  Repräsentanten der SPD-Führung
       dazu veranlaßt, sich von dieser seit mehreren Jahren auch von ih-
       nen mitgetragenen  Politik teilweise  zu distanzieren. Diese Wen-
       dung wird  in der  Regel mit  der Behauptung verbunden, lediglich
       die Praxis  der von CDU und CSU regierten Länder habe zur Diskre-
       ditierung der  Bundesrepublik beigetragen.  Auffallend  ist  aber
       schon seit längerer Zeit eine zunehmende Anpassung der Berufsver-
       botspolitik SPD/FDP-regierter  Länder an  die Gepflogenheiten von
       CDU/CSU-Verwaltungen.
       Ein Beispiel  dafür liefert die Ablehnung der Bewerbung des Poli-
       tikwissenschaftlers Dr. Jürgen Harrer um eine zeitlich befristete
       Hochschullehrerstelle am  Fachbereich Gesellschaftswissenschaften
       der Universität  Marburg. In  seinem Ablehnungsbescheid  verweist
       das hessische  Kultusministerium darauf,  es habe zur Beurteilung
       Harrers zusätzliche  Gutachten von Fachkollegen außerhalb Hessens
       herangezogen. Diese  Gutachten selbst werden ebenso wie die Namen
       ihrer Verfasser vom Ministerium geheimgehalten. Derartige Geheim-
       gutachten waren  bislang nur in von CDU und CSU regierten Ländern
       üblich. Weiterhin  wird Harrer angelastet, sich marxistischer Me-
       thoden zu bedienen. Hieraus leitet das Ministerium die Behauptung
       ab, eine  umfangreiche Untersuchung  Harrers über  die Geschichte
       der SPD  besitze weder  Originalität  noch  Selbständigkeit  "und
       bringe kaum  Erkenntnisfortschritt für die Wissenschaft". Darüber
       hinaus wird Harrer aber auch noch vorgehalten, eine seiner Arbei-
       ten entspreche nicht den Fragestellungen des "Kritischen Rationa-
       lismus". Erstmals wird hier also nicht nur Distanz vom Marxismus,
       sondern sogar  das Bekenntnis  zu einer  bestimmten  bürgerlichen
       Doktrin erwartet.  Dies ist eine absolut neue Variante in der Be-
       rufsverbotspraxis.
       Kurt Bayertz hat in den "Blättern" 3 und 4/1976 nachgewiesen, wie
       sehr sich SPD-Politiker in Staatspositionen für eine Erhebung des
       "Kritischen Rationalismus"  zur Parteidoktrin  einsetzen. In  der
       Ablehnungsbegründung gegen  Dr. Harrer gerät diese Lehre überdies
       zu einem Kriterium für Berufsverbote, also zur Staatsdoktrin.
       Im folgenden  veröffentlichen wir Auszüge aus einer Stellungnahme
       des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften der Philipps-Univer-
       sität Marburg zu diesem Fall. D. Red.
       
       I.
       
       Der hessische  Kultusminister hat  dem Fachbereich Gesellschafts-
       wissenschaften der  Philipps-Universität am 15. April 1976 mitge-
       teilt, daß  er nicht  bereit sei, Herrn Dr. Jürgen Harrer zum Do-
       zenten im Beamtenverhältnis auf Zeit zu ernennen.
       Die Gründe,  welche das Ministerium für diese Entscheidung nennt,
       vermag der  Fachbereich Gesellschaftswissenschaften  - ebenso wie
       im Fall  der Ablehnung  von Dr.  Meyer und Dr. Rilling - nicht zu
       akzeptieren. Im  Ablehnungsschreiben  verbinden  sich  politische
       Willkür und  fachliche Inkompetenz  in so  krasser Weise, daß der
       Fachbereich eine  gesonderte Auseinandersetzung  mit diesem Doku-
       ment für  notwendig hält,  um das wissenschaftliche Ansehen eines
       Fachbereichsangehörigen zu  verteidigen und die Praktiken, welche
       das Ministerium  bei der  Behandlung der  Überleitungsanträge des
       Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften  anwendet,  exemplarisch
       zu beleuchten.
       Das Ministerium  teilt mit, es habe "von mehreren Professoren für
       Politologie an verschiedenen Universitäten außerhalb Hessens Gut-
       achten eingeholt". Diese Gutachten sind dem Fachbereich bis heute
       nicht vorgelegt  worden, die Namen ihrer Verfasser werden vom Mi-
       nisterium nicht  genannt. Eine  solche Geheimpraxis  widerspricht
       den auf  Öffentlichkeit und Nachprüfbarkeit der Argumente begrün-
       deten Prinzipien  wissenschaftlicher Diskussion  und  öffnet  dem
       hinterhältigen wissenschaftlichen Rufmord Tor und Tür.
       Herr Dr.  Harrer hat  sich seit 1974 mehrmals in Aufsätzen, Buch-
       beiträgen und  Rezensionen kritisch mit den in der Bundesrepublik
       vorherrschenden Lehrmeinungen  über die  Geschichte der deutschen
       Sozialdemokratie auseinandergesetzt.  Keiner der  von ihm  Kriti-
       sierten hat  sich bis  heute öffentlich  dazu geäußert.  Es  kann
       nicht ausgeschlossen  werden, daß die vom Ministerium als Gutach-
       ter herangezogenen  Professoren der von Herrn Harrer kritisierten
       Wissenschaftsrichtung angehören und nun im Schutz einer ihnen vom
       Hessischen Kultusministerium  gewährten Anonymität eine Auseinan-
       dersetzung auf  ihre Weise  führen, die  sie vorher unter Nennung
       ihres Namens aufzunehmen nicht bereit waren.
       
       II.
       
       Keine der  für die  Frage der Ernennung relevanten Sachbehauptun-
       gen, die das Ministerium über Herrn Dr. Harrer aufstellt, ist zu-
       treffend...
       Nach alledem  muß angenommen  werden, daß die Gutachter des Mini-
       steriums entweder das Veröffentlichungsverzeichnis von Herrn Har-
       rer nicht  sorgfältig gelesen haben oder daß das Ministerium die-
       sen Gutachtern  das Veröffentlichungsverzeichnis nicht zugeleitet
       hat. Im  letzteren Fall  fehlte den  Gutachtern ein  wesentlicher
       Teil der  Argumentationsgrundlage, auf  die sie sich selbst stüt-
       zen...
       Das Ministerium  behauptet: "Der  Anteil Harrers  an der  Gemein-
       schaftsarbeit  Fülberth-Harrer,  'Die  deutsche  Sozialdemokratie
       1890 bis  1933' besitze  keine Originalität  und bringe  kaum Er-
       kenntnisfortschritt für  die Wissenschaft."  ...  "Das  Buch  er-
       schließe und  verwerte weder  neues Quellenmaterial  noch  werden
       neue Gesichtspunkte und Perspektiven an den Stoff herangetragen."
       Gerade die  umgekehrte Auffassung wird in einer Rezension vertre-
       ten, welche in der anerkannten Fachzeitschrift "International Af-
       fairs" im  Juli 1975  veröffentlicht wurde. Der Rezensent Kenneth
       Dyson, bezieht  sich explizit  auf das  von Herrn Harrer verfaßte
       Kapitel "Definitionen", vergleicht das Buch von Fülberth und Har-
       rer mit der Arbeit "Kleine Geschichte der SPD" von Heinrich Pott-
       hoff und  Susanne Miller  und schließt seine Besprechung mit fol-
       genden Worten: "Fülberth and Harrer's study of the development of
       the SPD's  'double structure'  between 1890  and 1933  is  to  be
       warmly recommended for its thoroughness. By contrast the books of
       Potthoff and  Miller are  rather traditional  texts  which  offer
       little new,  although they  do include within them several useful
       documents." Harrers Anteil am Buch "Die deutsche Sozialdemokratie
       1890-1933" ist  eine politikwissenschaftliche,  keine geschichts-
       wissenschaftliche Arbeit.  Es kann deshalb nicht zum Maßstab sei-
       ner Beurteilung  gemacht werden,  ob er neues Quellenmaterial er-
       schließt. Was  den Vorwurf  angeblich fehlender  "neuer Gesichts-
       punkte und  Perspektiven" angeht,  so hätte  sich das Ministerium
       davon überzeugen  können, daß gerade Harrers Typologisierungsver-
       such von  späteren Autoren  unter ausdrücklicher Berufung auf ihn
       wieder aufgegriffen worden ist, wodurch seine Sichtweite als vor-
       wärtsweisend anerkannt wurde.
       Dies gilt  zum Beispiel  für das  Buch "Die SPD in der Krise. Die
       deutsche Sozialdemokratie  seit 1945",  Frankfurt/M  1976.  Seine
       Verfasser, Hans  Jochen Brauns,  Urs Jaeggi,  Klaus Peter Kisker,
       Axel Zerdick und Burkhard Zimmermann, übernehmen ausdrücklich und
       unter Nennung  der Quelle  Harrors Typologisierungsversuch (S. 10
       f.; S.  347). Das Ministerium behauptet, die Verfasser des Buches
       "Die deutsche  Sozialdemokratie  1890-1933"  vermieden  es,  "die
       Übereinstimmung mit der DDR-offiziellen 'Geschichte der deutschen
       Arbeiterbewegung' durch  Verweise in  den Anmerkungen sichtbar zu
       machen." Jeder  Student in  den Anfangssemestern,  der einmal  im
       dritten und  vierten Band der "Geschichte der deutschen Arbeiter-
       bewegung" geblättert  hat, könnte  den hessischen  Kultusminister
       und seinen  Geheimgutachter darüber  belehren, daß die SPD in dem
       genannten DDR-Werk  nur in  einer so  allgemeinen Weise behandelt
       wird, daß  eine detaillierte  Studie, wie  sie  Harrer  vorlegte,
       nicht davon  abhängig sein  kann. Gerade  die zentralen Gesichts-
       punkte der Untersuchung von Harrer: die Wandlungen in der Sozial-
       struktur der SPD, die Wechselbeziehungen zwischen Staatstätigkeit
       von SPD-Politikern und dem Wandel der Partei in dieser Zeit, sind
       in der  "Geschichte der  deutschen Arbeiterbewegung"  noch  nicht
       bzw. lediglich  kursorisch aufgegriffen worden. Eine Übereinstim-
       mung zwischen der "Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" und
       Herrn Harrer  könnte allenfalls  darin liegen, daß Harrer mit der
       Methode  des   Historischen  Materialismus   arbeitet   und   die
       "Geschichte der  deutschen Arbeiterbewegung"  die gleiche Methode
       anwendet. Diese  Gemeinsamkeit ist  zweifellos nicht  größer, als
       sie zwischen  Herrn Harrer  und anderen Vertretern dieser Wissen-
       schaftsrichtung besteht...  Die Bemerkung, "die zentralen Katego-
       rien der  marxistisch-leninistischen Sozialdemokratie-Interpreta-
       tion seien die Darstellungs- und Beurteilungskriterien der beiden
       Verfasser" entzieht  sich jeder  rationalen Argumentation, da sie
       eine pauschale,  unbewiesene Behauptung  bleibt und nicht erklärt
       wird, welche Aufschlüsse über die wissenschaftliche Qualifikation
       von Herrn  Harrer aus  ihr gewonnen werden können. Offensichtlich
       ist hier  lediglich die  Mobilisierung eines Vorurteils beabsich-
       tigt...
       Über Harrers  Aufsatz "Zur  wirtschaftspolitischen Entwicklung in
       der DDR nach 1969/70" vermerkt das Ministerium unter Berufung auf
       ein geheimes  Gutachten: "Vom wirtschaftstheoretischen Standpunkt
       des kritischen Rationalismus her betrachtet habe die Arbeit über-
       haupt keinerlei  Erkenntniswert hinsichtlich  der  Erfassung  der
       Funktionsweise des  in der  DDR realisierten Wirtschafts- und Ge-
       sellschaftssystems, weil  die Fragestellung  sich auf ein Schein-
       problem richte." Die Sachkenntnis des mit der Ablehnung von Herrn
       Harrer betrauten  Beamten läßt  sich schon daran ermessen, daß er
       hier offensichtlich  einen   "w i r t s c h a f t s theoretischen
       Standpunkt" mit  einem  "w i s s e n s c h a f t s theoretischen"
       verwechselt. Von seinem Inhalt her aber bedeutet dieser Satz eine
       Verschärfung politischer  Disziplinierung von Wissenschaft. Herrn
       Harrer wird  nicht nur  vorgeworfen, daß  er Marxist sei, nunmehr
       fordert das  Ministerium von  einem hessischen Dozenten auch noch
       das Bekenntnis zum von Karl Popper entwickelten Kritischen Ratio-
       nalismus. Der Kritische Rationalismus ist nur eine Wissenschafts-
       richtung unter anderen. Die Forderung des Ministers erhebt ihn in
       dogmatischer Weise zur Staatsideologie.
       
       III.
       
       Das Schreiben  des hessischen  Kultusministeriums vom  15.  April
       1976 an den Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Philipps-
       Universität enthüllt  in großer  Klarheit die Absurdität staatli-
       cher Fachaufsicht, die hier überdies in einer sachlich völlig un-
       wissenden und  oberflächlichen Weise  ausgeübt wird. Da die Argu-
       mente des  Kultusministeriums gegen  Herrn Dr.  Harrer in  keinem
       Punkt stichhaltig  sind, sendet der Fachbereich Gesellschaftswis-
       senschaften die Personalakte und die Kabinettsvorlagen an das Mi-
       nisterium zurück und fordert dieses auf, Herrn Harrer seiner Qua-
       lifikation gemäß zum Dozenten auf Zeit zu ernennen.
       Der Fachbereich  Gesellschaftswissenschaften fordert das Ministe-
       rium überdies  auf, die Namen der Geheimgutachter zu nennen sowie
       diese Gutachten  dem Fachbereich zugänglich zu machen. Unabhängig
       davon behält  der Fachbereich sich vor, den hier behandelten Fall
       einer weiteren  wissenschaftlichen  Öffentlichkeit,  insbesondere
       ausländischen Kollegen  von Herrn  Harrer, die ebenfalls über die
       Geschichte der  deutschen Sozialdemokratie  gearbeitet haben  be-
       kanntzumachen.
       

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