Quelle: Blätter 1976 Heft 08 (August)


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       ICH, DIE "VERFASSUNGSFEINDIN"
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       Lebenslauf einer vom Berufsverbot Betroffenen
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       Von Doris Basten
       
       In unserem  nachstehenden Beitrag berichtet eine vom Berufsverbot
       betroffene junge  Lehramtsauwärterin über ihren Werdegang. In ei-
       ner sehr  persönlichen, dadurch  zugleich anschaulichen und nach-
       vollziehbaren Weise schildert die Autorin Stationen der menschli-
       chen und  politischen Bewußtwerdung,  die für  eine ganze Genera-
       tion, die  die gleichen  politischen Schlüsselereignisse und ver-
       gleichbare Konflikte  erfahren hat,  in hohem  Maße repräsentativ
       erscheinen. Der  Bericht der jungen, an der Ausübung ihres Berufs
       gehinderten Lehrerin ist ein bewegendes persönliches Dokument je-
       nes grotesken, bisher im Ausland offenbar mehr als in der Bundes-
       republik selbst in seiner Tragweite erfaßten Widerspruchs, daß in
       diesem Lande  heute als  "Verfassungsfeind" diskriminiert  werden
       kann, wer  die europäischen  Lehren von  1945 ernstnimmt, wer die
       politische Wirklichkeit  an den Postulaten der demokratisch-anti-
       faschistisch geprägten Verfassung zu messen und die Erkenntnis zu
       praktizieren wagt,  daß das  Grundgesetz nur durch eigenes, durch
       gewerkschaftlich bzw.  politisch organisiertes  Handeln  verwirk-
       licht werden  kann. Der Versuch, das Bewußtwerden gesellschaftli-
       cher Konflikte  und Alternativen  durch Berufsverbote zu stoppen,
       war von  Anfang an gewiß kein Zeichen von Stärke. Daß diese Poli-
       tik unhaltbar  wird, erweist sich in dem Maße, in dem immer brei-
       tere Kreise  erfassen, was  der nachstehende  Bericht authentisch
       dokumentiert: Die  Berufsverbote richten  sich in  Wahrheit nicht
       gegen "Verfassungsfeinde",  sondern gegen potentiell jeden, der -
       ob in  dieser oder  jener demokratischen  Partei oder Vereinigung
       organisiert oder nicht - aktiv für seine Interessen, für mehr De-
       mokratie und  sozialen Fortschritt  eintritt;  die  Berufsverbote
       müssen fallen,  weil sie  Verfassung und  Demokratie zu zerstören
       drohen.
       Aus naheliegenden  Gründen hat uns die Autorin gebeten, ihren Be-
       richt unter  Pseudonym zu veröffentlichen. Dementsprechend wurden
       Orts- und Datenangaben geändert. D. Red.
       
       Eigentlich geht  es mir  "gut". Ich habe jeden Tag zu essen. Mein
       Mann zahlt  mir ein  Taschengeld. Trotzdem will ich mehr. Ist das
       vermessen?
       
       1. Die bessere Herkunft
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       Bei mir  war das  so: Alles  stank mich an. Ich roch förmlich die
       Fäulnis. Ich  wünschte mir,  über Nacht  Kommunist zu  sein. Doch
       daraus wurde nichts.
       Als ich  mit 6  in die  Schule kam, kauften sich meine Eltern das
       erste Nachkriegsradio.  Das war 1956. Trotzdem gingen die politi-
       schen Ereignisse  an mir  vorbei. Ich  konnte zwar schon bald die
       Zeitung lesen, doch interessierten mich nur die Todesanzeigen.
       1956 -  Das war die Zeit der Suezkrise. Die USA lehnten unter Au-
       ßenminister Dulles  die Finanzhilfe  für den Bau des Assuan-Stau-
       damms ab.  Ägypten nationalisierte  den Suezkanal,  der bis dahin
       britischen und  französischen Aktionären gehörte - die wollen den
       Kanal mit Waffengewalt verteidigen, scheitern aber.
       Im Oktober  greift Israel  Ägypten an. "Verbindung zum Suezkanal-
       Konflikt nicht  geklärt", schreibt mein DTV-Geschichtsatlas dazu.
       Ich bekam  ihn zum Abitur geschenkt, eine alte Ausgabe also. Müh-
       sam entnehme ich daraus einen Teil meiner Lebensgeschichte.
       Die Zeit,  in der  ich schreiben, lesen und die Grundbegriffe des
       Rechnens lernte,  wird hier  unter anderem  auch aufgeführt unter
       "Die Emanzipation  der farbigen Völker", wobei zwischen "äußerer"
       und "innerer" unterschieden wird.
       Die äußere,  so kann ich entnehmen, "wird nach 1945 mit der poli-
       tischen Unabhängigkeit  nahezu aller Kolonialvölker erreicht, und
       zwar durch
       - Ausbreitung europäischer Freiheits- und Gleichheitslehren...
       - Wandlung der Kolonialpolitik zum 'ethischen Imperialismus'...
       - Schwächung der europäischen Großmächte (Weltkriege);
       - die angelsächsische  Idee einer  demokratischen  Zusammenarbeit
       aller Völker..."
       Mit der "inneren Emanzipation" ist die "Überwindung rückständiger
       Lebensformen" gemeint.
       Meine Eltern  hatten wenig  Geld und  sechs Kinder  großzuziehen.
       Trotzdem wurden  unsere Kinderzeichnungen,  gemalt auf alten Ent-
       schuldigungszetteln und  Kalenderblattrückseiten, sorgfältig  ge-
       sammelt, wir liebevoll erzogen.
       Als ich  in die  Schule kam, unterhielt die VR China noch freund-
       schaftliche Beziehungen  zur UdSSR und zu Indien. Das nahm gerade
       den 2.  Fünfjahrplan zur Erschließung von Rohstoffen und den Aus-
       bau der Industrie in Angriff.
       In Afrika wird die "Union Afrikanischer Arbeiter" von Sekou Touré
       gegründet, Marokko  wird unabhängig,  in Panama beginnen Unruhen,
       und auf Kuba der Kampf gegen die Batista-Diktatur.
       "In aller  Welt nimmt die Bewegung der Atomgegner zu." 1956 wurde
       die  Kommunistische  Partei  Deutschlands  verboten.  Ich  merkte
       nichts davon.  Aus meiner  Familie ging keiner ins Gefängnis. Ich
       kam nach  vier Jahren  "Volksschule" auf das Gymnasium - für Mäd-
       chen.
       War es  der Standesdünkel,  was "Besseres"  zu sein? Oder einfach
       eine Art  pädagogischer Aufgeklärtheit? Jedenfalls hatte das gol-
       dene Schild  an der  Wohnungstür mit  dem Namen meines Vaters und
       darunter die  geheimnisvolle und  vielversprechende Bezeichnung -
       Studienrat - eine große Ausstrahlungskraft.
       Immer, wenn  meine Versetzung  gefährdet war, ging mein Vater zur
       Schule. Es  zeigte sich,  daß er stets mit der einen oder anderen
       Lehrerin zusammen  studiert hatte  - so  wurde ich  jedesmal ver-
       setzt. Als ich 10 war, wurde die Mauer in Berlin gebaut. Wir hör-
       ten stündlich Nachrichten und empörten uns. Mehr wußte keiner.
       Als ich zwölf war, wurde Kennedy erschossen. Wir heulten alle.
       Von anderen politischen Ereignissen wurde nichts bekannt. Ich er-
       innere mich  nur noch an die "Kuba-Krise". Da saßen wir mit Dorf-
       Freunden im  Wald und  dachten auf  einem umgestürzten  Baumstamm
       darüber nach,  wie der  Krieg sein würde. Und hatten uns alle be-
       sonders gern.
       Ich sollte  dann nach  der 10.  Klasse von der Schule gehen - für
       einen Frauenberuf  reichte es ja, und geheiratet wird sowieso; da
       wollte ich aber gerade bleiben, und das ging dann auch.
       Von da an hat mir die Schule Spaß gemacht. Ich erlebte, wie nütz-
       lich es  ist, Fremdsprachen zu können, die Welt in chemische For-
       meln zu zerlegen oder literarisch zu erklären.
       Wir lasen  die Stücke von Bertolt Brecht und stellten uns auf die
       Seite der  Unterdrückten. Wir  ahnten die Ursachen der Unterdrüc-
       kung. Wir verachteten die Spießer und wollten ganz anders werden.
       Manche in  unserem Alter gingen schon gammeln. Wir schrieben dar-
       über Aufsätze,  die zensiert  wurden. Und  machten nun  bald  das
       Abitur. Gelernt  hatten wir viel von Bundestag und Bundesrat, von
       den "deutschen Ostgebieten" und "wie ein Gesetz entsteht". Am 17.
       Juni legten wir als Vertreter der SMV einen Kranz am Mahnmal nie-
       der. Warum  eigentlich? Um Antikommunisten zu sein, wußten wir zu
       wenig. Wir hatten noch nie einen Kommunisten gesehen.
       Um mitdiskutieren  zu können,  durften wir  Klaus Mehnert  lesen.
       Weil es  aber so  kompliziert zu verstehen war und keiner uns das
       erklären konnte,  was das  nun genau war, Kommunismus, ließen wir
       es bald.  Trotzdem war  kaum einer da, der nicht in sein Tagebuch
       geschrieben hätte:  "Die Philosophen haben die Welt nur verschie-
       den interpretiert.  Es kommt  darauf an,  sie zu verändern" (Karl
       Marx). Irgendwie - aber wie?
       Über Faschismus hatten wir nichts gelernt.
       Der Geschichtslehrerin  war das  Thema sichtlich  peinlich. Sagte
       aber: Wir kommen mit dem Stoff nicht hin. Wir beschwerten uns bei
       der Direktorin, ahnten, daß es um Wichtiges ging. Heraus kam dann
       irgendeine Kurzfassung über Hitler, den Krieg und die Judenverga-
       sung. Den meisten genügte das. Andere wurden hellhörig.
       Mit meiner  Freundin ging  ich regelmäßig in die Stadtbibliothek.
       Wir liehen  uns stapelweise  Bücher. Wochen-  und monatelang stu-
       dierten wir  Auschwitz, den  "SS-Staat" von  Eugen Kogon  und Ge-
       schichtsbücher. Wir  lebten wie  im Alptraum.  In einer  Welt von
       Stacheldraht, Verbrennungsöfen  und Haufen  ausgemergelter, über-
       einandergestapelter Leichen.  Wir weinten  und wußten  wenigstens
       soviel: Auschwitz  durfte sich  nicht wiederholen.  Was Auschwitz
       wirklich war,  konnte uns  keiner erklären,  und wir  kamen  auch
       nicht darauf,  zu fragen. Wie für Millionen deutscher Schulkinder
       blieb der Faschismus für uns ein grauenvoller Schauer, moralische
       Erschütterung-nicht aber Einsicht.
       Und dieses Grauen verhindern zu wollen - das war schon schwer ge-
       nug. Die  meisten in  der Klasse  blieben gleichgültig,  wenn wir
       darüber sprachen.  "Wenn die  Untat kommt,  wie der  Regen fällt,
       dann ruft  niemand mehr  halt. Wenn  die Verbrechen  sich häufen,
       werden sie  unsichtbar. Auch die Schreie fallen wie der Sommerre-
       gen."
       Auch unsere  Eltern mahnten.  Mit der  Vergangenheit muß man sich
       abfinden. Quält euch nicht. Das war alles.
       Nur über  die "Flucht" und die "Russen" konnte man mehr erfahren,
       die hatten unsere Mütter vergewaltigt.
       In diese Zeit fiel noch ein Ereignis.
       Im Auschwitz-Prozeß  wurde ein  Mann vernommen.  Den kannte  ich.
       Nicht als  Massenmörder, sondern als freundlichen Onkel, den mein
       Bruder und  ich öfter  im Wald  trafen, wo  er grün gekleidet auf
       Jagd ging. Wir durften mit auf den Hochsitz - Tiere beobachten.
       Als wir  einmal eine  Panzerfaust aus  dem letzten  Krieg fanden,
       hatten wir ihn auch gerufen.
       Er war  Arzt in  Auschwitz gewesen. Hatte auf der Rampe gestanden
       und die  einen gleich  ins Gas geschickt, die anderen erst nach 3
       Monaten Qual-Arbeit.  Für IG  Farben. Ja,  den kannten  wir  gut.
       Vielleicht hatte  er uns  wegen Blondhaar  und Blauäugigkeit  ge-
       mocht?
       Mir graute - und Dr. N. wurde freigesprochen.
       Es sollte  noch weitere  5 Jahre  dauern, bis  ich wußte, was Fa-
       schismus ist.
       Aber dieses feine Gefühl, hellhörig bleiben zu müssen, nachzuboh-
       ren, und  die Ahnung,  daß sich  hinter der  grellen Fassade mehr
       verbarg, blieb.
       Auch hatten  wir gelernt,  den Krieg zu hassen. Wir hatten Brief-
       freunde in aller Welt und schrieben ihnen das:
       Daß wir uns versöhnen wollten, nach dem Krieg, daß nie wieder ei-
       ner kommen sollte und daß wir mehr wissen wollten über sie.
       Als wir  kurz vor  dem Abitur  standen, wurde  am 2. Juni 1967 in
       Berlin der  Student Benno  Ohnesorg erschossen.  Wir diskutierten
       darüber, ohne  zu wissen, um was es ging. Denn noch ging die Stu-
       dentenbewegung am Mädchengymnasium vorbei.
       Eine ungewisse Angst und Bestürzung blieb.
       Wir bestanden alle das Abitur.
       Natürlich nicht alle gleich gut.
       Ein Teil  begann mit dem Studium. Manche sagten, sie hätten keine
       Lust. Tatsächlich war es das Geld, das zu Hause fehlte.
       Sie fingen  an, bei  der Behörde zu arbeiten. Manchmal waren auch
       die Väter dagegen: Du lernst was Praktisches.
       Ich hätte gern Psychologie studiert oder Sozialarbeit.
       
       2. Freie Marktwirtschaft
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       Gegen das  erste war mein Vater Er hatte sich bei Kollegen erkun-
       digt. Psychologen?  Das sind  doch die, die jetzt alle arbeitslos
       sind. Gegen  Sozialarbeit hatte mein Freund etwas. Ich hätte dann
       in das der Schule angeschlossene Internat gemußt.
       Ich folgte  den guten  Ratschlägen und beschloß, ganz was anderes
       zu machen. Ich ging als Lehrling in den Buchhandel.
       Ich glaubte  tatsächlich ans  Bücherlesen und an meine zukünftige
       Unabhängigkeit. Als  ich dann  ein Jahr in der Buchhaltung sitzen
       mußte und  nur Rechnungen schrieb, sortierte und Kunden "mahnte",
       spürte ich  mit Verbitterung,  was es  heißt, Lehrling  zu  sein.
       Nein, Herrenjahre  waren das nicht. 180,- DM im ersten Lehrjahr -
       davon konnte  man sich  noch nicht  mal die gute Kleidung kaufen,
       die man  anzuziehen  gezwungen  war.  Besonders  bei  "Publikums-
       verkehr". Dazu  das Meckern  gratis -  und gelernt nur dies: hier
       raus zu  wollen, die Privilegien eines Studenten zu genießen. Und
       raus wollen,  bedeutete kuschen.  Wenn ich  weiter  so  brav  und
       fleißig war,  wollten mir  die Bosse  die Lehrzeit  um ein halbes
       Jahr verkürzen.
       So wurde ich von der Solidarität mit den Kollegen abgehalten. Die
       hatten nichts zu verlieren - ich ein halbes Jahr.
       Wer 1969 als Buchhändler in die HBV eintrat, hatte es schwer. Ge-
       werkschaft im  Buchhandel - das war schon fast identisch mit kom-
       munistischer Unterwanderung.  Und wer  sowieso unbeliebt war beim
       Chef, und nun noch dies - der flog nicht selten.
       Ich ging  also nicht  in die  Gewerkschaft und glaubte daran, mal
       was Besseres  zu werden und dann auf alles pfeifen zu können. Ich
       sagte nichts, als ein Lehrling gefeuert wurde. Er hatte gegen die
       Fahrpreiserhöhung im  Nahverkehr demonstriert  und  sich  in  der
       Firma mit einem gestauchten Fuß entschuldigt.
       Das genügte.
       So habe ich es dann erreicht:
       Als ich  alle Zahlungsarten beherrschte und auch über Wechsel Be-
       scheid wußte,  als ich in Soll und Haben richtig verbuchen konnte
       und "kaufmännisch  rechnen", als  ich die Geschichte des Buchhan-
       dels zu  wissen glaubte und die verschiedenen Einbandarten daher-
       beten konnte und weil auch mein Berichtsheft stets ordentlich ge-
       führt war  - wurde ich zugelassen: zur Kaufmannsgehilfenprüfung -
       6 Monate vor geplantem Termin. Die Bosse erlaubten es mir!
       Ein Prüfungsteil  war ein Aufsatz in Gemeinschaftskunde. Über das
       Treffen von  Willy Brandt und Willi Stoph in Erfurt - und was ich
       davon erwarte.  Wir schrieben  das in der Industrie- und Handels-
       kammer. Ich  erwartete Erleichterungen,  und weil  ich gut sülzen
       konnte, bekam ich eine Eins.
       Was ich  nicht bekam,  war der  Studienplatz für Psychologie. Ich
       wechselte die Stadt und arbeitete wieder im Buchhandel. Für 650,-
       DM brutto im Monat. Das war Ende 1970! Ich blieb ein halbes Jahr.
       Im April 1971 erhielt ich einen Studienplatz an der PH. Den Plan,
       Psychologie zu studieren, gab ich auf.
       
       3. Das neue Leben beginnt
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       a) Das Warenhaus
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       Unvergeßlich schön:  mein erster  Tag an  der Pädagogischen Hoch-
       schule. Ich  fühlte mich wie ein trockener Schwamm im Wasser, wie
       vor einem großen Torbogen, hinter dem sich das weite Feld der Er-
       kenntnisse auftat.  Ich verbrachte  Stunden mit  dem Studium  des
       Vorlesungsverzeichnisses und  wählte genüßlich  aus. Ich  kam mir
       vor wie  in einem großen Warenhaus - alles war zu haben, und hier
       brauchte ich nicht mal extra zu bezahlen.
       Ich hatte  mich für den Studiengang des Diplompädagogen entschie-
       den -  Lehrer werden  wollte ich zunächst nicht. Das erschien mir
       zu schmalbrüstig,  engstirnig. Im  Sommersemester 1971 gab es für
       Diplomstudenten noch  so gut wie keine Vorschriften und nur unge-
       naue Vorstellungen über sinnvollen Studiengang und Berufsperspek-
       tive.
       Meine freie  Wahl fiel entsprechend vielseitig aus. Ich studierte
       die  Grundfragen  der  Sozialisation,  Möglichkeiten  emanzipato-
       rischer Erziehung, Einheitsschulpläne von der Französischen Revo-
       lution bis heute, saß in einer Vorlesung über Organisationsformen
       der Sozialarbeit  sowie einer Übung zur "spezifischen Intelligenz
       von Arbeiterkindern" - um nur einiges zu nennen.
       Mein Vater  überwies  mir  monatlich  350,-  DM,  das  Mensaessen
       schmeckte zunächst  vorzüglich; kurz:  ich war überglücklich, zu-
       frieden, wißbegierig.
       
       b) Wie kann ein so gutmütiger Mensch so radikal werden?
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       Eins war  mir auch  aufgefallen: Die  Seminare waren  einfach  zu
       voll. Von meinen hatte keins unter 200 Teilnehmer. Fragen stellen
       konnte man da nicht. Das war die Lehre - Forschung fand gar nicht
       statt. Und in noch einem glichen sich alle Veranstaltungen:
       In der ersten Sitzung stöhnte der Prof über die vielen Teilnehmer
       und gab  eine Seminargliederung  aus. Zu  jedem  Gliederungspunkt
       wurde Literatur  genannt - und dann sollten Arbeitsgruppen gebil-
       det werden. Zur Besprechung trafen sich die Gruppen und Grüppchen
       in allen  Ecken und markanten Punkten des Raumes und vereinbarten
       Termine - der Prof organisierte das über Mikrofon. Und weil es in
       der PH  keine Räume  dafür gab, mußte man eben die größte Wohnung
       wählen, sich  bei demjenigen treffen, der die meisten Stühle hat.
       Um so  zu einem  Ort zu  kommen, brauchte  man nicht selten 1 1/2
       Stunden.
       Nun gut,  zunächst ist  das interessant. Man lernt die Gegend und
       viele neue Leute kennen. Und was lernt man sonst?
       Zunächst wurde  bewußt, was man schon lange geahnt hatte. Es sind
       nicht alle  Menschen gleich. Die Unterschiede begannen schon beim
       Erlernen der  Sprache -  oder schon  während der Schwangerschaft?
       Wir diskutierten bis in die Nächte. Jeder hatte seine Erfahrungen
       gemacht: Vater, Mutter, früheste Kindheit...
       Zum Beispiel  bei uns im Dorf:  W i r  gingen untergehakt mit al-
       len in  den Wald, spielten den ganzen Nachmittag Indianer, rauch-
       ten heimlich  und träumten  von geklauten  Pferden -  aber  s i e
       wurden abends  mit zum  Schlag erhobener  Hand empfangen; bei uns
       wurde nur nach den Hausaufgaben gefragt. Mit 10 verließen wir die
       Dorfschule. Das  war selbstverständlich.  Wenn auch  der Weg weit
       war -  wir fuhren jeden Morgen mit dem Fahrrad zum Gymnasium. Wir
       lernten Englisch,  Französisch und  Mathematik. Die  anderen  nur
       Schreiben und Rechnen.
       Zur Konfirmation  standen wir  noch einmal am gleichen Altar. Als
       die ersten Pickel kamen, mußten die Dorfjungen schon arbeiten ge-
       hen. Landarbeiter-  und Handwerkerkinder.  Jetzt grüßten  wir uns
       nur noch auf der Straße - und hatten doch im gleichen Erdloch ge-
       sessen und  geraucht. Später  sahen wir  ganz weg.  Als ich  mein
       Abitur machte,  waren die  Mädchen schon fast alle schwanger. Das
       Seminar über  emanzipatorische  Erziehung  schien  mir  besonders
       wichtig. Aufklärung  gab es in den 60er Jahren noch nicht im bun-
       desdeutschen Dorf.
       Ja -  und wieviel  Bücher standen bei uns im Regal. Und bei euch?
       Ich lernte  viel. Noch  in der Buchhandlung hatte ich Neills Buch
       über Summerhill gelesen und war begeistert: Welche Freiheit - und
       was für  ein großartiger  Mann! "Kinder  brauchen Liebe  und Ver-
       ständnis nötiger  als Unterricht.  Sie brauchen  Anerkennung  und
       Freiheit, um ihrer Natur entsprechend gut zu sein." Genau.
       Enttäuschend war  das schon,  als es  dann hieß:  Über Summerhill
       sollte hier  nicht gesprochen werden. Wir wollten vielmehr Grund-
       lagen emanzipatorischer  Erziehung erarbeiten  und begannen - mit
       Karl Marx.  Ich mußte 21 werden, um zum erstenmal in meinem Leben
       Marx zu lesen!
       Was hatten wir nicht alles für Freiheiten gehabt!
       Stadtbibliotheken mit  mehreren tausend Bänden standen uns offen,
       wir hatten  gelernt, schnell  und viel  zu lesen, 20 Kinos in der
       Stadt, stets drei Aufsatzthemen zur Wahl, Dash, Omo, Persil, Kon-
       zert, Theater  - ich  erinnere mich z.B. deutlich an eine Auffüh-
       rung von  Tolstois "Und  das Licht scheint in der Finsternis". Am
       nächsten Tag  kaufte ich  mir die  Reclam-Ausgabe:   U n d  d a s
       L i c h t   s c h e i n t   i n  d e r  F i n s t e r n i s!  Ich
       unterstrich mit Lineal, in Rot und Grün. "Vielleicht bin ich ver-
       rückt; jedenfalls  kann ich so nicht weiterleben." Rot unterstri-
       chen. Ja, viel Freiheit hatten wir gehabt.
       Tanzstunde, Hemingway,  Auslandsreisen im  Schüleraustausch,  bis
       zehn abends  wegbleiben und  dann auch länger, mindestens bis zum
       letzten Bus, mit dem ersten Freund sogar zusammen verreisen, auch
       schlafen, wenn sich Gelegenheit bot...
       Aber Marx  - den lernte ich erst mit 21 kennen; ich verstand auch
       bald, warum.  Hatte man  erst mal  angefangen, gab  es nur  noch:
       weglegen oder weiterlesen und handeln.
       Erst "Von  der Menschwerdung  des Affen",  dann "Lohn,  Preis und
       Profit" und schon im nächsten Semester "Das Kapital".
       Es gibt kein Buch, das einschneidender wirkte.
       Diese Worte  - über  100 Jahre  alt -, sie stießen in brillianter
       Schärfe auf  eine Realität,  wie ich sie jetzt und heute erlebte,
       zerteilten die  Wirklichkeit in  faszinierender Logik in Erschei-
       nung und  Wesen und  enthüllten einen Kern, den ich millionenfach
       bestätigt fand:  Das kapitalistische  Profitsystem  -  nicht  als
       Worthülse, sondern  der empirischen Prüfung standhaltende Gesetz-
       mäßigkeit, der  sich kein denkender Mensch ernsthaft verschließen
       kann.
       So kam  zu dem unbestimmten Gefühl, daß irgend etwas faul ist, zu
       dem Haß  auf den  Lügendreck der  Massenmedien, zu  dem Ekel  vor
       Leuchtreklame und Werbemillionen bei Elend und Hunger, zu der Ab-
       neigung, dem  Klischee von Mensch zu folgen, das einem allenthal-
       ben grell, lachend, charmant und gutaussehend, zigarettenrauchend
       oder im Schaumbad liegend, bei der Waschmittelprobe oder mit Sekt
       präsentiert wurde,  zu dem  Abscheu vor einer so menschenfeindli-
       chen Welt, der leeren Fassade - kam eine Theorie, die unsentimen-
       tal, wissenschaftlich  und nachvollziehbar  ist, die aufdeckt und
       schonungslos  erklärt.   Die  nicht  stehenbleibt  bei  rührender
       Elendsbeschreibung und  der hilflosen  Bitte, doch  zu helfen  -,
       sondern klar den einzig gangbaren Weg aufzeigt, jedem einen Platz
       zuweist und die Schritte zur Lösung, die nie eine endgültige ist.
       Kommunist wird  man nicht  auf persönlichen Wunsch und nicht über
       Nacht. Es ist die gesellschaftliche Wirklichkeit und die Theorie,
       die befähigt,  diese zu  durchschauen und zu verändern, die Radi-
       kale erzeugt.  Kommunist wird man im Ergebnis persönlicher Erfah-
       rungen im gewöhnlichen Kapitalismus, die eingeordnet werden durch
       das langwierige Studium der Theorien Marx', Engels' und Lenins.
       Ich lernte,  Partei ergreifen, Klassenkampf verstehen, den Graben
       sehen: der  lief nicht  zwischen mir und dem Arbeiterkind, das in
       der Schule  nicht mitkommt,  sondern zwischen  den Millionen, die
       teils in  psychisch-physischern Elend,  teils scheinbar glücklich
       und zufrieden  lebten, zwischen den Menschen, die ich täglich auf
       der Straße  sehe, und den Millionären, die nur selten in den Zei-
       tungen erscheinen,  hinter deren  Privatleben nur  so  geschickte
       Journalisten wie  Engelmann und  Wallraff kommen, diese Superrei-
       chen, die  über Millionen Menschen verfügen und bestimmen können,
       die Regierungen stürzen und ganze Heere bewaffnen können, die der
       Presse diktieren, Gerichte kaufen, Abgeordnete bestechen... Diese
       hauchdünne Schicht ist der Gegner.
       Gegner der  Demokratie, Gegner  der Mehrheit der Bevölkerung, die
       schwitzend, denkend und handelnd ihr Geld verdienen muß.
       Die herrschende Bildungsmisere, die Häufung psychischer Krankhei-
       ten, der  ständig steigende  Anteil der  Sonderschüler an der Ge-
       samtschülerzahl, die  mangelnde Vorschulerziehung,  verbunden mit
       extremer Chancenungleichheit trotz anderslautender Sonntagsreden,
       die Überforderung  der Lehrer  durch übergroße  Klassen  und  er-
       schreckend schlecht ausgestattete Schulen - ist nicht mehr allein
       die Sorge von Eltern und Lehrern.
       Es gibt keine anerkannte pädagogische Meinungsäußerung oder Theo-
       rie, die nicht hierauf eingehen würde, die nicht versuchen würde,
       Lösungsmöglichkeiten - und mögen sie falsch sein - anzubieten.
       Es gibt  auch keinen Pädagogik-Studenten, der sich nicht Gedanken
       darüber macht,  wie er  lehren wird:  sei es 5jährige Kinder oder
       junge Arbeitslose:  wie wird  er sein Wissen vermitteln, was wird
       er beibringen und wozu?
       Die schulischen  Bedingungen sind  der Rahmen, mit dem sich jeder
       Student beschäftigen  muß: Auslese  und Zensuren,  veraltete  In-
       halte, autoritäre  Strukturen, zu große Klassen, keine Mitbestim-
       mung?
       Mag der  eine oder  andere noch  von seiner  eigenen Privatschule
       träumen oder hoffen, den Lehrerberuf aufs Geldverdienen und Feri-
       enmachen reduzieren  zu können - wer realitätsbezogen bleibt, für
       den drängt sich die Frage auf: Verändern - wie und mit wem zusam-
       men?
       Das war  mein erster politischer Schritt: der Eintritt in die Ge-
       werkschaft Erziehung und Wissenschaft. Mit meiner Mitarbeit tritt
       sie ein  für mich  selbst und die, die doch auf meiner Seite ste-
       hen: Schüler und Eltern.
       Es kämpfte sich gut in der Gewerkschaft. Eben erst als Studenten-
       gruppe gegründet,  wurde sie  bald zur  Massenorganisation an der
       Pädagogischen Hochschule.  Doch konnte  man den  bis an die Zähne
       bewaffneten Gegner  allein in  einem so  lockeren, in sich unein-
       heitlichen Zusammenschluß wie der Gewerkschaft schlagen?
       Im Juni  1972 trat  ich in  die kommunistische Partei ein. An der
       Seite von  Arbeitern, bewaffnet mit den Erfahrungen der Arbeiter-
       bewegung aus  vielen Jahrzehnten,  geleitet von einem klaren Pro-
       gramm und  durch den  gemeinsamen Kampf der Genossen in allen ge-
       sellschaftlichen Bereichen, wurde mir Bedeutung und Notwendigkeit
       dieses Schrittes immer wieder bestätigt.
       Konsequente Parteilichkeit,  das bedeutet, immer einen Standpunkt
       zu haben  - und damit auf einmal Feinde. Das bedeutet, Mut zu be-
       kommen, einstehen  für etwas, Argumente zu sammeln und Beispiele,
       das bedeutet,  täglich dazulernen,  oft von  vorn  anfangen,  die
       Kraft in  sich zu  erneuern, weiterzumachen.  Kommunist sein, das
       bedeutet vor  allem, nie  allein zu  sein, nie ohne die Erfahrung
       und das  Wissen der Genossen, immer gemeinsam kämpfen, geschlagen
       werden und siegen.
       "...es sind einige Jahre vergangen, seit ich in die Partei einge-
       treten bin... Ich bin zufrieden... Die Kommunisten sind eine gute
       Familie... Sie  haben ein  dickes Fell und ein gestähltes Herz...
       Überall beziehen  sie Prügel... Trotzdem gibt es Menschen, die an
       Veränderung glauben,  die Veränderung  praktiziert haben, die der
       Veränderung zum Triumph, zur Blüte verholfen haben... Caramba!...
       Der Frühling ist unerbittlich!" (Pablo Neruda)
       
       c) Gemeinsam kämpfen - organisiert handeln
       ------------------------------------------
       
       Die Zustände  an der  Pädagogischen Hochschule, die mir im ersten
       Semester noch erträglich vorgekommen waren, entpuppten sich zuse-
       hends als  Chaos, dem  dann von  staatlicher Seite  mit  formalem
       Druck und reaktionärer Einflußnahme begegnet werden sollte:
       Gegen die  hoffnungslose Überfüllung, gegen Raumnot, Dozentenman-
       gel, überfüllte  Mensa und  Zwergen-Bibliothek hatten  sie  nicht
       etwa den  Ausbau der  PH, entschiedene  Vergrößerung der Bücherei
       und Einrichtung  weiterer Mensen zu bieten, sondern lediglich den
       Numerus clausus.  Nicht einmal  ihre Wahlfächer  konnten sich die
       durch den  NC geschlüpften  zukünftigen Lehrer mehr wählen. Statt
       Einflußnahme im  Interesse und  unter Mitbestimmung der Betroffe-
       nen: Reglementierung,  Ausrichtung des  Studiums gegen die Forde-
       rungen der  Gewerkschaften und  demokratischen Hochschulorganisa-
       tionen. Gegen  die Interessen  der Kinder,  die wir einmal unter-
       richten sollten und die dringend mehr Lehrer brauchten.
       Doch nicht  nur der  Zugang zur  Hochschule wurde erschwert. Auch
       die Abgänge in Form der Prüfungen mußten die staatlichen Handlan-
       ger der  Monopolinteressen in den Griff bekommen. Monopolinteres-
       sen?
       Wer anders als die großen Konzerne konnte ein Interesse daran ha-
       ben, daß so wenig Lehrer, wie gerade nötig, im Schnellkursverfah-
       ren gerade  soviel mitbekamen,  daß sie  später die geplante Zahl
       von 30%  Haupt- und Sonderschülern ohne Schulabschluß als billige
       ungelernte Arbeitskräfte  produzieren konnten?  Mit der  absurden
       Behauptung, die Prüfungsergebnisse der PH-Absolventen seien über-
       durchschnittlich gut - und damit also schlecht - wurde die Kampa-
       gne zur Verschärfung der Prüfungspraxis eingeleitet. Statt Zweien
       sollten jetzt  mehr Vieren und Fünfen auf den Zeugnissen erschei-
       nen und die Durchfallquote wieder auf den "Normalwert" ansteigen.
       Doch verband  sich mit  den Zensuren  noch mehr. Das Prüfungssieb
       sollte gleichzeitig  unliebsame Themen  ausschalten und damit er-
       schweren, daß  solche Inhalte überhaupt noch gelehrt würden. Denn
       welcher Student wird schon ein Seminar über materialistische Phi-
       losophie oder  sowjetische Pädagogik  belegen, wenn  er in diesem
       Gebiet nicht geprüft werden kann?
       Gegen den Plan, daß die Studenten sich künftig nur noch einen von
       vier Prüfern  wählen konnten, daß von diesen 4 zwei (und darunter
       der Vorsitzende mit ausschlaggebender Stimme) von Staatsseite ge-
       stellt und  weder wissenschaftlich  noch demokratisch legitimiert
       sind, wehrte  sich 1972/73 eine große Mehrheit von Studenten, As-
       sistenten und Hochschullehrern.
       Trotzdem wurde  der Plan  verabschiedet. Der  Mittelteil, das ei-
       gentliche  Studium,   wurde  dann   von  der   PH-Leitung  selber
       "reformiert" - gegen den Willen der Beteiligten auch hier. Wo in-
       haltliche Ratlosigkeit  herrscht, wird formale Straffung, strenge
       Ordnung und  inhaltsleere Verschulung  eingeführt.  "Rahmenricht-
       linien" nannte  sich das,  was in  den folgenden  Semestern Hoch-
       schullehrer und  Studenten in  einen Rahmen  pressen soll, in dem
       weder die Freiheit von Forschung noch von Lehre Platz hat.
       Die Jagd  nach Scheinen  und einem  Platz im  Seminar, das nur 30
       Teilnehmer haben  darf, aber 150 Studenten interessiert, soll nun
       wieder das Streben nach Erkenntnis ersetzen.
       Das waren Schläge.
       Semester für  Semester hielten  uns  die  reaktionären  Maßnahmen
       agil. Unzählige  Wochenenden und  jede Ferien  wurden zur Planung
       von Gegenmaßnahmen  genutzt. Wie oft haben wir nach Worten gerun-
       gen, die  das verdeutlichen  sollten, was  so offen  auf der Hand
       liegt, doch so schwer zu vermitteln ist.
       Hatten wir nicht allen Grund zur Resignation, als wir weder Mini-
       sterpräsidentenbeschluß noch Hochschulrahmengesetz abwehren konn-
       ten? Das  Bewußtsein, das  durchschaut, um was es hier geht, ent-
       steht nicht spontan.
       Man muß Lenin studiert haben, um zu wissen, daß "Reaktion auf der
       ganzen Linie"  auch "sterbender  Kapitalismus" bedeutet,  man muß
       eine wissenschaftliche Weltanschauung haben, um zu begreifen: der
       Fortschritt ist unaufhaltsam.
       Was sich  vor unseren Augen und gegen unser Handeln abspielt, ist
       Reaktion, Reaktion  auf unsere  Stärke, Reaktion auf unser Wissen
       und unseren  Einfluß. Ich war aktives Mitglied der GEW-Studenten-
       gruppe, ich  kandidierte mehrmals  für eine politische Hochschul-
       gruppe mit  gewerkschaftlicher Orientierung,  deren Ziel  es ist,
       die Ausbildungssituation  an der PH zu verbessern, für mehr Demo-
       kratie, d.h.  für Mitbestimmung aller Beteiligten und Zurückdrän-
       gung der Macht des Monopolkapitals, gegen Faschismus und Reaktion
       zu kämpfen.  Dabei waren  wir keine isolierte Minderheit, sondern
       stets die  erfolgreichste politische  Organisation an der PH. Wir
       kämpften gegen den Krieg in Vietnam, gegen reaktionäre Schulbuch-
       inhalte genauso  wie für eine demokratische Lehrerausbildung, die
       sich an  den Interessen  der Beteiligten, vor allem der Arbeiter-
       klasse, orientiert.  Ist es  denn so schwer zu begreifen, daß wir
       statt Subventionen  für das  Großkapital lieber Schulen bauen und
       Lehrer ausbilden wollen? Daß wir von den zig Milliarden für Mili-
       tär, Bundesgrenzschutz  usw. lieber  Programme zur Bekämpfung der
       Jugendarbeitslosigkeit realisieren  wollen? Konnte  es  uns  denn
       gleichgültig sein, daß die gewerkschaftlichen Forderungen die Re-
       gierung einen Dreck angingen!
       Kann es ein Demokrat hinnehmen, daß die Millionenorganisation der
       Werktätigen, der DGB, keinerlei Mitbestimmungsrecht in Hochschul-
       fragen hat?
       Als die  Faschisten im  September  1973  die  gewählte  Regierung
       Allende stürzten,  wurde ich in den AStA gewählt und übernahm das
       Internationalismus-Referat. Viel konnten wir nicht tun.
       Wir haben weder Militär noch Geld noch politische Macht.
       Wir haben  nur das bißchen Verstand, das Privileg, noch lernen zu
       können, und  die Wahrheit auf unserer Seite. Was macht uns so ge-
       fährlich?
       Die Flugblätter,  die mühsam  erstellten und  handgedruckten, die
       oft ungelesen blieben und nie jeden erreichten?
       Die Wandzeitungen,  die leicht  verständlich zusammenfassen woll-
       ten, was das heißt: Imperialismus?
       Die Reden  auf den  Versammlungen der  Studenten -  zuweilen  von
       Pfiffen unterbrochen, aber oft durch Beifall?
       Unsere - fast lächerlich einflußlose - Mitarbeit als studentische
       Vertreter in den Hochschulgremien?
       Da ist  auch noch  unser Studienführer,  der jedes  Semester  er-
       scheint und  massenhaft gekauft wird - der einzige überhaupt, der
       nicht nur  hilft, das Chaos des Studiums zu durchschauen, sondern
       auch politische  Wege zeigt: Zum AStA, zur Gewerkschaft, zu demo-
       kratischen Hochschulgruppen,  die  nach  jahrelangen  Erfahrungen
       jetzt auch in der Lage sind, die Studiengänge der einzelnen Wahl-
       fächer kritisch  zu durchleuchten und echte Hilfestellung für ein
       sinnvolles Studium  zu bieten. Das wurde sogar in einer Rundfunk-
       sendung bestätigt.  Für seine Qualität bürgen ferner die regelmä-
       ßig wiederholten Kleinen CDU-Anfragen im Landtag - seinetwegen.
       Sind wir wirklich so gefährlich!
       Auf mein persönliches Konto geht noch dies: Kontaktadresse in der
       Hochschulgruppenzeitung gewesen  zu sein, eine öffentliche Chile-
       Spende, einige  Artikel in der AStA-Zeitung, lay-out von diversen
       Publikationen - wobei nicht selten "verfassungsfeindliche Karika-
       turen" benutzt wurden.
       Im übrigen  bin ich  Abonnent der Zeitungen DVZ, "ran", UZ... und
       ich lese sie auch.
       
       d) Sie haben Gesetzbücher und Verordnungen...
       ---------------------------------------------
       
       Im Juni  1975 bestand ich das "Erste Staatsexamen für das Amt des
       Lehrers mit 1 Wahlfach".
       Nach der  Vordiplomprüfung hatte  ich mich  für das Lehrerstudium
       entschieden- schon allein wegen der sichereren Berufsperspektive.
       Auch fand  ich die  Freiheit des  Studienganges unerträglich, so-
       lange man  gar nicht  ahnen konnte, in welchem Bereich man später
       tätig würde.  Mir war  klar  geworden,  daß  die  Vorurteile  dem
       Lehrerberuf gegenüber  - idealer  Frauenberuf, Hauptsache die Fe-
       rien, unwissenschaftliches  Studium -  mit der Wirklichkeit wenig
       und mit  unseren Vorstellungen  vom Lehrer gar nichts zu tun hat-
       ten.
       Ich will  unterrichten und weiß, daß ich etwas beizubringen habe.
       Mein Wahlfach  ist Geschichte.  Ich kann aber auch Musik, Deutsch
       und Englisch unterrichten.
       Die Prüfung  also bestanden.  Unbändiger Stolz, befreites Gefühl,
       Glückwünsche... Zwei  Tage später bewerbe ich mich als Lehrer zur
       Anstellung. Ich  fülle Personalbögen  aus, zähle  meine Wohnsitze
       der letzten zehn Jahre auf, lasse mich ablichten und einheften...
       Leichter zu ertragen wäre dies: Man bewirbt sich und erfährt sehr
       bald: "brauchbar" oder "unbrauchbar: Verfassungsfeind".
       Doch nichts dergleichen geschieht.
       Das gute Zeugnis in der Tasche, die Freude noch im Gesicht, lang-
       sam entspannt vom Prüfungsstreß... Dann beginnt das Nagen.
       Vier Wochen vergehen. Was ist los? Nichts.
       Auf Anruf  immer nur  das eine:  Geduld! Sie  werden gerade über-
       prüft! Überprüft!  Als ob  man ein Verbrecher wäre. Dabei bin ich
       noch nie  mit dem  Gesetz in Konflikt gekommen, noch nicht mal in
       einen Verkehrsunfall  war ich  verwickelt. Sehen Sie mich an. Bin
       ich nicht einmalig harmlos?
       Oder zeigen  die Leute bald mit den Fingern? Kann man es schon an
       der Haltung erkennen, am Gesichtsausdruck? Aufrechter Gang?
       Wird es  heißen: Überprüft  und für schlecht befunden - abtreten?
       Dabei bin  ich sogar  Tierfreund. "Bild" würde jubeln. Sind meine
       Gedanken gefährlich? Das Aufgeschriebene, was nicht mal Literatur
       ist, sondern nur Meinungsfreiheit?
       Wir haben  das alles diskutiert. Wir blicken durch. Und doch wird
       man die  Gedanken nicht  los.  Müll,  gesellschaftlicher  Abfall,
       werde ich weggeworfen?
       Nach 8  Wochen werde  ich immer  noch nicht gebraucht. Dabei kann
       ich doch  was. Dann ein Anruf! Der Rektor einer Schule. Herzklop-
       fen. Er  braucht mich.  Gerade mich,  mein Fach,  meine Zensuren,
       meine Lust, Lehrer zu werden.
       Ich kann  sogar zum Amtsarzt gehen. Diesmal wird meine Gesundheit
       geprüft. Kniereflex  und so.  Mein Blutdruck ist normal, das Herz
       gesund, ich brauche keine Brille und höre auch gut.
       Tauglich!
       Der Rektor  zuckt nur  die Achseln.  Was soll  man da machen. Wir
       müssen die Überprüfung abwarten!
       Dabei bin ich sogar gesund.
       Ich stelle mir vor, wie sie über mich nachforschen.
       Abwarten. Warten, erwarten, darauf warten, zwei Tage warten, noch
       etwas gedulden, erst mal abwarten und warten.
       Fotos von  Demonstrationen. Es  waren fast alles große Demonstra-
       tionen gewesen,  starke. Mal Regen, mal Sonne - einmal auch klir-
       render Frost.  Sie finden  mich heraus  - neben  wem? In  welcher
       Reihe?
       Auf einmal  bin ich  interessant. Sie  umkreisen meinen Kopf rot.
       Herausgegriffen, abgestempelt.
       Ob sie auch Briefe aufmachen? Liebesbriefe lesen? Zärtlichkeiten,
       über Telefon  abgehört? Muß auf die Dauer ja auch langweilig wer-
       den.
       Ob sie  das gar  nicht überzeugt,  ob sie nicht mal in Versuchung
       kommen? Zum  Beispiel, was  ich geschrieben  habe: das liest sich
       doch gut,  ist doch einleuchtend? Ich möchte mal mit meinem Über-
       prüfer Kaffee trinken. Davor werden sie Angst haben. Uns als Men-
       schen zu  sehen. Daß  ihnen die Argumente ausgehen. Das haben wir
       übrigens schon in der Schule gelernt. Die Kommunisten haben immer
       Argumente - darum Vorsicht! Die sind so geschult, die sacken euch
       ein, da  kommt ihr  gar nicht  mehr mit... Zur Zeit sind wir wohl
       auch nicht  mit Argumenten  zu schlagen.  Selbst mit den Gesetzen
       haben sie Schwierigkeiten.
       Ich will  nämlich nur  die Verfassung  verwirklichen. Dazu reicht
       mein Leben vielleicht gerade - ich bin jetzt schließlich 26.
       Was halten Sie davon: Recht auf Arbeit zum Beispiel?
       Verbot des  Mißbrauchs wirtschaftlicher Macht. Warum ängstigt Sie
       das? Ich  will Ihnen  weder Ihre Sonntagshose noch Ihren Beamten-
       status wegnehmen.
       Mein Vater hatte auch immer Angst, daß die Kommunisten ihm seinen
       Schrebergarten wegnehmen.  Heute gibt  es keine Bürgerinitiative,
       die sich für den Erhalt der Grünanlagen einsetzt, wo nicht Kommu-
       nisten mitarbeiten. Wir werden für den Erhalt deines Schrebergar-
       tens kämpfen, Väterchen.
       Was befürchtet  man zum  Beispiel, was ich den Kindern antue? In-
       doktrination? Das fällt ihnen immer ein, wenn die Argumente sonst
       knapp sind. Moskau denkt, Moskau lenkt.
       Die Wahrheit scheint doch gefährlicher zu sein, als man gemeinhin
       annimmt.
       Sie besitzen  Millionen, ganze Zeitungsheere sind ihnen untertan.
       Was sie ausspucken, wird millionenfach gedruckt. Sogar Kotze. Die
       dümmsten Sachen - alles wird gedruckt. Es kommt auch auf Plakate,
       wir hören  es im  Radio, wir sehen sie im Fernsehen sprechen. Wir
       sehen ihre Reklame, ihre Lügen, die als Wahrheit gelten: Sie sind
       wirklich mächtig.
       Und trotzdem  sind  w i r  es, die indoktrinieren? Wir die Gefahr
       für dies Ausbeutersystem?
       Kompliment. Ich muß es ernst nehmen.
       Meiner Herkunft nach bin ich Kleinbürger. Mein Vater ein ratloser
       Halbintellektueller, er  hatte der  "Schlechtigkeit der  Menschen
       nichts entgegenzusetzen.
       Unsere Schicht neigt zum Jammern.
       Das, was  wir haben, wurde mühsam erspart, erarbeitet, erbettelt.
       Wir aßen  oft Pellkartoffeln  mit Quark  - alles,  damit 6 Kinder
       studieren konnten, sich zu was Besserem aufschwingen.
       Mein Vater  hatte sich sein Studium selbst mühsam erarbeitet: mit
       Gartenarbeit und  Orgelspielen für  andere. ..  Und dann 1926 ar-
       beitslos - als Lehrer.
       Ja, wir hatten was zu verlieren!
       Die Hoffnung  auf ein  sicheres Gehalt.  Die spätere Pension. Die
       Bestätigung durch  weitgehend selbstbestimmte Arbeit. Das Gefühl,
       es zu etwas gebracht zu haben.
       Einen Beruf  nach Wunsch,  der sorgenfreie  Blick in die Zukunft,
       die Gewißheit, gebraucht zu werden - - -
       Dahin.
       Freiwillig hatten  wir uns  auf die  Seite der Arbeiter gestellt,
       auf die Seite des Fortschritts.
       Allein aus  unserer Überzeugung, unserem Wissen hatten wir uns am
       Kampf um Verbesserungen beteiligt.
       Und doch:  Zunächst haut es dich um. Du kennst den Gegner lange -
       und trotzdem.
       Jetzt spürst du, daß er hautnah vorhanden ist, schnüffelt in dei-
       ner Post herum, fotografiert dich heimlich, fertigt Berichte über
       dich an,  findet "Sachen"  heraus, fördert "Erkenntnisse" zutage.
       Hier liegen Erkenntnisse gegen Sie vor! Äußern Sie sich dazu!
       Sie sind wirklich vorhanden - schlafen nicht.
       Sie schikanieren  dich, brechen  Gesetze -  ihre eigenen Gesetze.
       Verstoßen gegen  ihre ideologische Hauptwaffe, treten das mit Fü-
       ßen, was  sie selber bis dahin Freiheit genannt haben. Jetzt wer-
       den die Fußtritte Freiheit genannt, die Schnüffelagenten, die Be-
       schattungsmänner...
       Ich bin jetzt im neunten Monat mit dem Warten.
       Ein ganzes gesundes Kind hätte man in der Zeit bekommen können.
       Doch ein  für allemal  an alle Schlangen: ich bin kein Kaninchen.
       Jeder Versuch, uns zu fressen, ist hoffnungslos. Daran sind schon
       viele gescheitert.
       Ich lebe - und lerne: gegen sie.
       Und ich werde gebraucht.
       Alle meine Fähigkeiten, mein didaktisches Geschick, mein histori-
       sches Wissen,  meine Kenntnisse  - alles werde ich gegen sie ein-
       setzen.
       Wir sind keine große Partei. Aber wir erreichen Menschen.
       Viele hoffen auf uns.
       Ich schreibe  Artikel für  unsere Zeitung.  Sie werden gedruckt -
       und manchmal  auch gelesen. Die Genossen loben mich. Wir sind uns
       nützlich. Wir schulen uns im Gefährlichsein. Wir sind eine große,
       gute Familie.
       Dichter gehören  zu uns, Schauspieler, Sänger, hervorragende Wis-
       senschaftler, ausgezeichnete  Forscher, bewährte Kämpfer, Antifa-
       schisten, Millionen  Arbeiter in  aller Welt-Gefolterte darunter,
       Gefangene, Arme, Berühmte - und Helden sogar...
       Dieser Partei anzugehören, die überall kämpft, unterliegt, wieder
       aufsteht und  - immer  erfolgreicher -  die Volksinteressen  ver-
       ficht, ist ein Glück.
       

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