Quelle: Blätter 1976 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG DER WELTKONFERENZ FÜR DIE BEENDIGUNG DES WETTRÜSTENS,
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       FÜR ABRÜSTUNG UND ENTSPANNUNG VOM 23. BIS 26. SEPTEMBER 1976
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       IN HELSINKI
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       (Wortlaut)
       
       Vom 23.  bis 26.  September 1976 fand im Konferenzzentrum von Di-
       poli und der Finnlandia-Halle von Helsinki die "Weltkonferenz für
       die Beendigung  des Wettrüstens,  für Abrüstung  und Entspannung"
       statt. Ungefähr 500 Vertreter von 52 internationalen Organisatio-
       nen und  90 Ländern  diskutierten  auf  der  in  Anwesenheit  von
       Staatspräsident Kekkonen  eröffneten Konferenz  über die Verstär-
       kung der  Aktivitäten der  Öffentlichkeit für  den Stopp  des Rü-
       stungswettlaufs. Unter  den Teilnehmern  waren neben  zahlreichen
       Parlamentariern, Ministern  und Vertretern konservativer, libera-
       ler, sozialdemokratischer  und kommunistischer  Parteien auch Re-
       präsentanten der  Vereinten Nationen,  des Weltkirchenrates,  der
       "Europäischen Föderation der liberalen und radikalen Jugend", der
       "Europäischen Union junger Christdemokraten" und der "Internatio-
       nalen Union der sozialistischen Jugend". D. Red.
       
       Die Weltkonferenz  für die  Beendigung des Wettrüstens, für Abrü-
       stung und Entspannung vom 23.-26. September 1976 in Helsinki fand
       zu einem  entscheidenden Zeitpunkt statt, da die bedeutendste vor
       der Menschheit  stehende Frage, die Schlüsselfrage darin besteht,
       dem Wettrüsten ein Ende zu setzen.
       Wir, die  Teilnehmer aus  über 90  Ländern und 50 internationalen
       Organisationen, die  Vertreter der öffentlichen Meinung, von ver-
       schiedenen politischen Parteien, staatlichen und nichtstaatlichen
       Organisationen, rufen die Völker aller Länder auf allen Kontinen-
       ten auf,  sich in  einer machtvollen  Massenbewegung  zusammenzu-
       schließen, nicht  nur um dem Wettrüsten Einhalt zu gebieten, son-
       dern auch,  um rasche  Fortschritte auf  dem Wege zur allgemeinen
       und vollständigen Abrüstung zu erreichen.
       Das Wettrüsten  stellt für  die heutigen und für künftige Genera-
       tionen und  für die  Errungenschaften der  jahrhundertealten men-
       schlichen Zivilisation  eine ernste  Gefahr dar.  Es hat  riesige
       Ausmaße angenommen  und verschlingt  menschliche Geisteskraft und
       Energie, die  Früchte schöpferischer  Arbeit, und die Schätze der
       Natur.
       Umfangreiche menschliche und materielle Ressourcen werden auf dem
       Rüstungssektor  konzentriert;  die  Militärbudgets  werden  durch
       ständig neue  Ausgaben erhöht;  die Streitkräfte  weisen eine für
       Friedenszeiten nicht  gerechtfertigte Stärke  auf; die  Anhäufung
       und Entwicklung konventioneller und nuklearer Waffen geht weiter;
       der wissenschaftlich-technische Fortschritt wird für die Entwick-
       lung und Produktion neuer Waffen angewandt; sich feindlich gegen-
       überstehende Militärblöcke und -bündnisse bestehen weiterhin, und
       zahlreiche Militärstützpunkte und Truppen werden auf dem Territo-
       rium anderer Staaten unterhalten.
       Während in großen geographischen Gebieten jährlich Millionen Men-
       schen hungers  sterben, Analphabetentum,  Krankheiten und  andere
       Auswirkungen der  Unterentwicklung nach  wie vor an der Tagesord-
       nung sind, werden gegenwärtig etwa 300 Milliarden Dollar jährlich
       für Rüstung aufgewandt.
       Das Wettrüsten  ist  eine  Hauptursache  für  die  Inflation;  es
       schafft künstliche  Barrieren gegen  die Zusammenarbeit  zwischen
       den Staaten und trägt zur Störung des ökologischen Gleichgewichts
       bei.
       Die Entspannung  kann ohne die Beendigung des Wettrüstens und die
       Verwirklichung effektiver  und konkreter  Maßnahmen zur Abrüstung
       und zum  militärischen Disengagement  nicht  unumkehrbar  gemacht
       werden. Die  politische Entspannung  schafft günstige Bedingungen
       für Fortschritte  auf dem  Wege zur  Beendigung des  Wettrüstens,
       während andererseits  die Fortsetzung  des Rüstungswettlaufs  den
       Entspannungsprozeß untergräbt.
       Für jedes Land, für jedes Volk ist der Kampf für ein besseres Le-
       ben, für nationale Unabhängigkeit und Souveränität, für Nichtein-
       mischung in  die inneren Angelegenheiten, für volle Gleichberech-
       tigung, für den Verzicht auf die Anwendung oder Androhung von Ge-
       walt, für das Selbstbestimmungsrecht eines jeden Volkes, für Ent-
       wicklung, Demokratie,  Gerechtigkeit und sozialen Fortschritt un-
       trennbar mit dem Kampf für die Beendigung des Wettrüstens und für
       die Abrüstung verknüpft.
       Dieser Kampf  kann solange  nicht erfolgreich  sein, wie die nach
       Profit strebenden  militärisch-industriellen Komplexe  die Anhäu-
       fung todbringender  Waffen bewirken,  immer  neue  Massenvernich-
       tungswaffen herstellen  oder entwickeln lassen und zum Waffenhan-
       del ermuntern.
       Das Problem  der Abrüstung  und insbesondere  der nuklearen Abrü-
       stung muß  Gegenstand entschlossener  und  entscheidender  Regie-
       rungsmaßnahmen sein,  damit der Rüstung ein Ende bereitet und die
       Menschheit vor  der Gefahr  neuer Kriege bewahrt werden kann. Die
       Sicherheitsinteressen aller  Länder  und  die  Notwendigkeit  der
       gleichberechtigten Teilnahme  aller Staaten müssen bei der Lösung
       des Problems  der Abrüstung  und Sicherheit Berücksichtigung fin-
       den.
       Wir, die Teilnehmer dieser Konferenz, rufen zu beschleunigten An-
       strengungen im  Kampf um die Beendigung des Wettrüstens, um Abrü-
       stung und  Entspannung auf,  und wir fordern dafür vor allen Din-
       gen:
       Daß alle  Staaten und Länder Abkommen folgenden Inhalts abschlie-
       ßen: Schaffung  kernwaffenfreier Zonen;  Verzicht auf den Einsatz
       nuklearer Waffen;  Abzug der nuklearen Waffen vom Territorium an-
       derer Staaten;  umfassendes Verbot  von Kernwaffenversuchen Redu-
       zierung und  schließliche Beseitigung  der Vorräte  an Kernwaffen
       und Einstellung  ihrer Produktion;  Verbot der  Erforschung, Ent-
       wicklung und  Herstellung neuer  Arten und Systeme von Massenver-
       nichtungswaffen und neuer Trägermittel für solche Waffen.
       Allmähliche  Umstellung   der  Rüstungsindustrie  auf  friedliche
       Zwecke als  Beitrag zur beschleunigten Beendigung der Herstellung
       und des Verkaufs von Waffen.
       Reduzierung der Rüstungshaushalte und Verwendung der so frei wer-
       denden Mittel  zur Lösung  dringender sozialer Probleme sowie zur
       Unterstützung der Völker der Entwicklungsländer.
       Abschluß eines internationalen Vertrags über den Verzicht auf die
       Anwendung und  Androhung von Gewalt in den internationalen Bezie-
       hungen.
       Beseitigung der  ausländischen Militärstützpunkte, Abzug der aus-
       ländischen Truppen  und Demobilisierung  von  Truppen  Umwandlung
       verschiedener Teile  der Welt in echte Zonen des Friedens und der
       Zusammenarbeit ohne  ausländische Truppen und Militärstützpunkte;
       Auflösung aller militärischen Blöcke.
       Sofortige und  strikte Verwirklichung  der UNO-Resolutionen  über
       das Verbot  des Verkaufs  von Waffen  an kolonialistische und fa-
       schistische Regime.
       Strikte Einhaltung  der bereits  abgeschlossenen Verträge und Ab-
       kommen, die  der Eindämmung des Wettrüstens und der Herbeiführung
       der allgemeinen und vollständigen Abrüstung dienen sowie Bemühun-
       gen zur  Erhöhung der  Anzahl ihrer Signatarstaaten mit dem Ziel,
       ihnen einen wahrhaft universellen Charakter zu verleihen.
       Einstellung und  Verbot aller  Formen von Propaganda, die Aggres-
       sion und  Krieg sowie der Anwendung von Gewalt bei der Lösung in-
       ternationaler Streitfragen  Vorschub leisten. Diese Weltkonferenz
       unterstreicht die  dringende Notwendigkeit  der Einberufung einer
       Weltabrüstungskonferenz unter  der Schirmherrschaft der Vereinten
       Nationen.
       Die frühestmögliche  Einberufung einer Sondertagung der UNO-Voll-
       versammlung zum  Thema Abrüstung wäre ein Schritt in dieser Rich-
       tung. Die  Weltabrüstungskonferenz wäre  ein großer  Beitrag  zur
       Beendigung des  Wettrüstens und zu Fortschritten auf dem Wege zur
       allgemeinen und  vollständigen Abrüstung bei ausreichenden Garan-
       tien, die allen Nationen und Völkern Sicherheit garantieren.
       Diese Weltkonferenz  appelliert an alle Parteien und Organisatio-
       nen, an alle Menschen, ihre Kräfte in einer konzertierten Massen-
       bewegung für  die Verwirklichung  der vielen Initiativen und Vor-
       schläge zu vereinen, die von allen Beteiligten für die Beendigung
       des Wettrüstens, für Abrüstung und Entspannung vereinbart wurden.
       

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