Quelle: Blätter 1977 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       BUNDESVERBAND BÜRGERINITIATIVEN UMWELTSCHUTZ E.V.:
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       VIERZIG FRAGEN ZUR ENERGIEPOLITIK
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       (Wortlaut)
       
       Bisher, und  dieser Fehler  scheint sich heute bereits zu rächen,
       wurden die  Fragen der  Energiepolitik lediglich aus der Richtung
       der Wirtschaft gesehen und - falls überhaupt - beantwortet. Nicht
       nur der Schutz der Umwelt war hierbei zweitrangig; demokratische,
       soziale und  ethische Fragen  wurden in diesem Zusammenhang nicht
       gestellt. Immer  mehr zeigt es sich man denke an den Produktions-
       zuwachs des vergangenen Jahres bei Verringerung der Arbeitsplätze
       -,  daß  eine  übertriebene  Energiebereitstellung  Arbeitsplätze
       wegrationalisiert. Noch immer ist Energie ein billiger Ersatz für
       menschliche Leistung.  Wirtschaftstechnokraten werden solange Ar-
       beitsplätze abbauen,  als es  die Gesetze  der bei  uns geltenden
       "sozialen" Marktwirtschaft,  d.h.  die  Gesetze  einer  "Wegwerf-
       gesellschaft" fordern.
       Der Bundesverband  Bürgerinitiativen Umweltschutz  hat 1976 seine
       "Fragen zur  Energiepolitik" zusammengestellt. Er hat sie Politi-
       kern und Wirtschaftsunternehmen zur Stellungnahme übersandt. Tat-
       sache ist, daß außer von einem führenden Vertreter der Mineralöl-
       wirtschaft keine  Antwort eintraf.  Schweigen zu wichtigen Fragen
       ist nicht  nur das  Symptom unserer Politik, sondern auch unserer
       Wirtschaft. Hans-Helmuth Wüstenhagen
       
       1. Energie-Bedarfsprognosen
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       Sind nicht alle langfristigen Energiebedarfsprognosen suspekt und
       unwissenschaftlich, da technologische Entwicklungen, Strukturwan-
       del, Änderung der Energiepreise, Wertvorstellungen und politische
       Konstellationen usw.  bei Zeiträumen,  die fünf Jahre überschrei-
       ten, mit  so großen Unsicherheiten belastet sind, daß sie prinzi-
       piell auch nicht annähernd richtig berücksichtigt werden können?
       Wenn dem so ist, sind dann nicht die aufgrund heutiger Wachstums-
       raten erstellten  Energie-Bedarfsprognosen normative Vorgaben ei-
       ner expertokratischen Minderheit ohne politische Legitimation?
       Werden nicht  durch die  aufgrund der  fragwürdigen langfristigen
       Energiebedarfsprognosen  erstellten  Energieprogramme  Sach-  und
       Handlungszwänge geschaffen,  die schließlich  zu self-fullfilling
       prophecies führen müssen?
       Wenn aber  Energie-Bedarfsprognosen verkappte Steuerung bedeuten,
       sollten sie  nicht durch offene und bewußte normative Festsetzung
       künftigen Energiebedarfs  im politischen  Entscheidungsprozeß er-
       setzt werden  (d.h., "wieviel  Energie wollen  wir eigentlich ha-
       ben?"), wobei  die möglichen  Konsequenzen bestmöglichst  berück-
       sichtigt werden müssen?
       
       2. Verbrauchselastizität
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       Welche Zusammenhänge  bestehen zwischen  den Preisen für die ver-
       schiedenen Energieträger und dem Verbrauch?
       Welche Steuerungsmöglichkeiten  ergeben sich damit über die Ener-
       gietarife?
       Was sind  notwendige und unverzichtbare Mindestverbräuche? Wo be-
       ginnt die Verschwendung?
       Wie werden  Verbräuche durch  Technologien, durch Verbraucherauf-
       klärung, durch Gewohnheiten, durch Werbung usw. beeinflußt?
       
       3. Energie und Lebensqualität
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       Welcher Zusammenhang  besteht eigentlich  zwischen  Energiebedarf
       und Lebensqualität?
       Machen wir  nicht einen  schwerwiegenden  Fehler,  wenn  wir  Le-
       bensqualität am Bruttosozialprodukt messen?
       Ist der beobachtbare, ziemlich starre Zusammenhang zwischen Ener-
       gieverbrauch und  Bruttosozialprodukt nicht  einfach eine  Konse-
       quenz der  eingesetzten Technologien  und Prozesse? Würde er sich
       durch Einsatz anderer, energiesparender Technologien und Prozesse
       nicht erheblich ändern können?
       D.h., ließen  sich gleiches Bruttosozialprodukt oder gleicher Le-
       bensstandard oder  gleiche Lebensqualität  nicht auch bei vermin-
       dertem Energieeinsatz erreichen?
       
       4. Expertokratie
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       Lassen sich  für energiepolitische Fragen überhaupt "unabhängige"
       Gutachter finden? Treten hier nicht laufend ernste Interessenkon-
       flikte auf?
       Werden die  eigentlichen Entscheidungen nicht indirekt durch Gut-
       achter gemacht,  da politische Entscheidungsträger deren Analysen
       nicht nachvollziehen  können und  die  Empfehlungen  notgedrungen
       übernehmen müssen?
       Wo bleiben dann aber politische Legitimierung und Verantwortlich-
       keit der Experten?
       Sind Analysen durch Experten nicht oft gerade deshalb fragwürdig,
       weil Experten  wegen ihres vertieften Wissens die größeren syste-
       maren Zusammenhänge nur von einseitiger Warte überschauen können?
       Sollten Gutachter  nicht dazu  verpflichtet werden, auch komplexe
       Sachverhalte für  intelligente Laien  verständlich und  nachvoll-
       ziehbar darzustellen? Wie weit ist das überhaupt möglich?
       Wird expertokratischer  Weihrauch nicht  oft genug  - bewußt oder
       unbewußt -  als Nebelwand  zur Verdeckung  von Manipulationen be-
       nutzt?
       Wenn sich  auch technologische  Sachverhalte oft  genug mehr oder
       weniger objektiv  klären lassen,  so ist  das doch bei soziologi-
       schen (z.B.  Änderung der  Wertvorstellungen), ökonomischen (z.B.
       Preiselastizitäten), außenpolitischen (z.B. Importsicherung), in-
       nenpolitischen (z.B.  Strukturwandel) usw.  fast überhaupt  nicht
       der Fall.  Muß aber  nicht gerade  dann die Extrapolation aus der
       Vergangenheit, auf  der man  heute z.B. Energieprognosen aufbaut,
       ernsthaft infrage gestellt werden?
       Wer "begutachtet eigentlich die Gutachter?"
       
       5. Transparenz der Planung
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       Muß nicht  in einem  demokratischen Rechtsstaat  alle Planung von
       Anfang an unter voller Einbeziehung und Mitarbeit aller Betroffe-
       nen durchgeführt  werden?  (Ausnahme:  Fragen  der  unmittelbaren
       Staatssicherheit.)
       Verlangt das  nicht eine  volle Transparenz der Planungsprozesse,
       ständigen Informationsaustausch,  die Feststellung und Abstimmung
       der Entscheidungskriterien (samt der ihnen zugemessenen Gewichte)
       aller betroffenen  Parteien, die volle Durchleuchtung expertokra-
       tischer Nebelwände und u.U. eine unabhängige Schiedsinstanz?
       
       6. Subjektives und Normatives
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       Täuschen wir uns nicht ganz gewaltig, wenn wir glauben, bei ener-
       giepolitischen Problemen  "sachlich" und  "objektiv" zu entschei-
       den? Beginnt  das nicht  schon mit der unkritischen Übernahme der
       nur subjektiv  ermittelbaren Prognosen des zukünftigen Energiebe-
       darfs?
       Erhalten derlei  Prognosen durch Übernahme in offizielle Energie-
       programme nicht sofort normativen Charakter?
       Sollten wir uns nicht um Planungs- und Entscheidungsverfahren be-
       mühen, die  alle subjektiven  und normativen Eingaben so klar wie
       möglich von  anerkannt objektiven trennen, um dann die Diskussion
       auf Subjektives und Normatives zu konzentrieren?
       Muß nicht alles Normative dort entschieden werden, wo die Legiti-
       mation dazu  vorliegt, nämlich  in Regierung  und Parlament,  und
       nicht in der Expertokratie?
       
       7. Entscheidungskriterien und ihre Gewichte
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       Welche Kriterien  werden eigentlich  bei energiepolitischen  Ent-
       scheidungen berücksichtigt und mit welchen Gewichten? Welche wer-
       den von  den Experten  bei ihren  Empfehlungen angewandt?  Welche
       wenden Bürgerinitiativen verschiedener Couleur an?
       Sollten nicht  diese Kriterien und ihre Gewichte, die ja die Ent-
       scheidung völlig  bestimmen, sehr klar von allen betroffenen Sei-
       ten herausgestellt und diskutiert werden?
       Muß neben  den Kriterien:  Kosten, Energiesicherung,  Unabhängig-
       keit, Umweltschutz,  Sicherheit, Verwundbarkeit usw. nicht beson-
       ders das  Kriterium Zukunftssicherung berücksichtigt werden? Wel-
       che Zeithorizonte und Gewichte sollen verwendet werden?
       Müssen wir  uns nicht  zuerst überhaupt  über die  Richtung einig
       werden, in  die wir gehen wollen? Gehört dazu nicht zunächst ein-
       mal eine  Diskussion der  Werte, die wir erhalten oder verwirkli-
       chen wollen?
       
       8. Berücksichtigung der Zukunft
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       Inwieweit dürfen wir - oder wollen wir - über die Lebensbedingun-
       gen unserer Kinder und Kindeskinder und der Menschen entscheiden,
       die Jahrhunderte und Jahrtausende nach uns leben werden?
       Dürfen wir nicht höchstens dann auf Kosten unserer Nachkommen le-
       ben, wenn unsere Existenz gefährdet ist?
       Da in  unserem Land von einer Gefährdung der Existenz durch lang-
       sameren Anstieg  des Energieangebots  nicht die  Rede sein  kann,
       können wir  die weitgehenden  Eingriffe in die Rechte zukünftiger
       Generationen durch z.B. den "zügigen Ausbau der Kernenergie" ver-
       antworten?
       
       9. Flußbetten
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       Die natürliche,  mehr oder  weniger ungestörte  Entwicklung  hält
       sich auch  an gewisse  "Flußbetten", aus der sie manchmal leicht,
       manchmal aber auch nur schwer in andere Bahnen zu lenken ist. Was
       wäre das voraussichtliche Flußbett nach der vollen Einführung der
       Kernenergie? In  welche Moraste  und welche Wasserfälle könnte es
       führen?
       Bleibt die  Möglichkeit bestehen, die Entwicklung bei Bedarf noch
       in ein anderes Flußbett umzuleiten?
       Bestehen vielleicht  noch andere,  bisher wenig  beachtete,  aber
       langfristig günstigere Flußbetten?
       
       10. Verhältnis privater und öffentlicher Güter
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       Wie weit  geht das  Recht des Einzelnen auf ineffiziente Energie-
       nutzung (Einzelheizungen, Privatschwimmbäder, Schwerstautos)?
       Wie weit  darf Energieeffizienz durch integrierte öffentliche An-
       lagen getrieben  werden, ohne  Rechte des Einzelnen auf individu-
       elle Entfaltung zu beschneiden?
       
       11. Optionen offen halten
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       Mit jeder neuen Großtechnologie, die in unsere Infrastruktur ein-
       geführt wird, legen wir uns auf Jahrzehnte und evtl. auf Jahrhun-
       derte fest.  Oft werden  irreversible Vorgänge  eingeleitet (Res-
       sourcenabbau, Eingriffe in die Ökologie, Abgabe von Abfallstoffen
       an die Umwelt usw.). Sind die Alternativen voll bedacht worden?
       Muß man  sich nicht - da wir über zukünftige Entwicklungen zu we-
       nig wissen  - prinzipiell  immer für   d i e  Lösung entscheiden,
       die auch in der Zukunft die meisten Möglichkeiten offen hält?
       Bedeutet das  nicht gleichzeitig auch eine Entscheidung zugunsten
       der besseren Ressourcennutzung, der Bescheidenheit, der Mehrfach-
       nutzung, der  integrierten technologischen Systeme, des technolo-
       gischen Pluralismus  (und gegen  die "Patentlösung")   d e r  Sy-
       steme, die  auch noch  unter ganz anderen Bedingungen zuverlässig
       funktionieren können?
       
       12. Energiemodelle
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       Dürfen  energiepolitische   Entscheidungen  überhaupt  noch  ohne
       gründliche Vorbereitung durch das Studium umfangreicher Simulati-
       onsmodelle getroffen werden?
       Müssen in  diese Modelle außer der Darstellung des Energieversor-
       gungssystems nicht  auch wirtschaftliche, innen- und außenpoliti-
       sche, ja  soziologische und  vor allem  sozialpsychologische  Ge-
       sichtspunkte (Änderung  der Wertvorstellungen!)  mit  aufgenommen
       werden?
       Wie können  diese Modelle  dann aber  für den Entscheidungsträger
       und die  Betroffenen (d.h. den Bürger) überschaubar und verständ-
       lich dargestellt werden?
       Wie kann  also eine  Expertokratie auf  der Modellebene vermieden
       werden?
       Wie kann sichergestellt werden, daß objektive Zusammenhänge (z.B.
       Energieflusse) von  subjektiven (z.B.  Prognosen des  Energiever-
       brauchs) sauber  getrennt werden, um zu vemeiden, daß Subjektives
       als Ergebnis  "wertfreier und objektiver Wissenschaft" deklariert
       und geglaubt wird und damit normativen Charakter erhält?
       
       13. Szenarien
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       Je weiter man in die Zukunft denkt, um so breiter wird der Fächer
       der Möglichkeiten zukünftiger Entwicklung. Jede Prognose und jede
       auf sie sich stützende Entscheidung wird damit durch die Annahmen
       über die  Zukunft bestimmt, d.h. durch Szenarien. Aber: Haben wir
       uns nicht bei allen energiepolitischen Überlegungen bis jetzt vor
       allem durch  das Szenarium "Fortschreibung des Status quo" leiten
       lassen?
       Und: würde  diese Tatsache nicht auch einer  F e s t s c h r e i-
       b u n g  des Status quo gleichkommen?
       Haben wir uns die langfristigen Möglichkeiten, Grenzen und Konse-
       quenzen einer  solchen Festschreibung  eigentlich gründlich über-
       legt?
       Sollten wir  uns nicht gründliche Gedanken auch über Alternativs-
       zenarien machen,  vor allem  im Hinblick  auf ihre  langfristigen
       Konsequenzen?
       Sollten wir nicht klar unterscheiden zwischen dem einfachen, aber
       langfristig gefährlichen  Szenarium der Fort- und Festschreibung,
       den vielen  technologisch und  sozioökonomisch machbaren  und den
       gesellschaftlich wünschbaren Szenarien?
       Sollten wir  uns nicht  zunächst über  das langfristig Wünschbare
       unterhalten, selbst  wenn wir hier kaum auf Einigkeit hoffen dür-
       fen?
       Wir haben  uns in  der Vergangenheit daran gewöhnt, daß das tech-
       nisch Machbare  auch meist wünschbar war. Wird es im Hinblick auf
       die langfristigen  Konsequenzen nun nicht Zeit, damit aufzuhören,
       uns dem  technischen Fortschritt  anzupassen, sondern  den  Fort-
       schritt nach unseren langfristigen Bedürfnissen zu steuern?
       
       14. Langfristige Konsequenzen
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       Haben wir  die Zwänge  bedacht, die sich aus einem starken Ausbau
       der Kernenergie ergeben?
       Haben wir  die möglichen  Konsequenzen für  die Generationen nach
       uns bedacht?
       Haben wir  bedacht, daß die Gegebenheiten und Zwänge eines einmal
       gewählten Weges auch die Wertvorstellungen prägen - und damit zu-
       künftiges Verhalten?
       Muß nicht  damit gerechnet werden, daß die Sanktionierung weitge-
       hender Energieverschwendung durch die jetzt vorliegende kernener-
       getische Lösung  zu fast  irreparablen Einstellungsänderungen (in
       bezug auf Konsum, Rohstoff- und Nahrungsmittelverbrauch, sozialem
       Verhalten, Verhalten  gegenüber  ärmeren  Ländern  und  kommenden
       Generationen usw.) führen muß, die langfristig gefährlich sind?
       
       15. Alternativen
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       Wie weit  und wie  gründlich sind bei der Erstellung der Energie-
       programme der  meisten Industriestaaten  eigentlich  Alternativen
       der besseren Nutzung, der Verbrauchssteuerung (z.B. Stromtarife),
       von kleintechnologischen Lösungen (z.B. kleine Heiz- und Kraftag-
       gregate), der  Nutzung alternativer  Energiequellen (Sonne,  Erd-
       wärme, Biostoffe)  bedacht worden,  insbesondere im  Hinblick auf
       Langfristkonsequenzen? Die  Antwort ist aus den Forschungsbudgets
       der Regierungen zu ersehen: fast gar nicht!!
       Sollten nicht  gründliche Untersuchungen  dieser Art durchgeführt
       werden,  b e v o r  man sich auf bestimmte Technologien festlegt,
       die vielleicht aus mehr oder weniger zufälligen Gründen mehr Für-
       sprecher und  damit mehr  Förderungsmittel fanden, die aber lang-
       fristig schwerwiegende Konsequenzen haben?
       
       16. Steuernde Rolle der Energiepreise
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       Inwieweit werden  Energieverbräuche wirklich  durch Preise beein-
       flußt?
       Was läßt sich aus den Folgen der Ölpreiserhöhung lernen?
       Wie ließe  sich durch  Abänderung der  Stromtarife der Elektrizi-
       tätsverbrauch beeinflussen?
       Bei welchen  Heizölpreisen könnte mit allgemeiner Einführung bes-
       serer Isolierung und damit einer Energieeinsparung gerechnet wer-
       den?
       Bei welchen  Energiepreisen werden  so investitionsintensive Ver-
       fahren wie  Wärmekoppelung und  Fernwärme wirtschaftlich interes-
       sant und damit schneller einführbar?
       Sollten solche  Umstellungsprozesse nicht  vielleicht durch  ent-
       sprechende Anhebung  der Energiepreise beschleunigt herbeigeführt
       werden?
       
       17. Strukturwandel
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       Entspricht das  gegenwärtige Kernenergiekonzept überhaupt dem ab-
       zusehenden Strukturwandel  zur Dienstleistungsgesellschaft,  oder
       wird nicht  hier vielmehr die Geschichte der vergangenen 20 Jahre
       mit ihrem  Schwergewicht auf der industriellen Produktion fortge-
       schrieben?
       Sollten wir es zulassen, daß durch nicht hinterfragte Fortschrei-
       bung und  Festschreibung der Vergangenheit und Schaffung entspre-
       chender Sachzwänge  notwendiger  und  natürlicher  Strukturwandel
       aufgeschoben wird  und dann später nur unter hohen Kosten und mit
       unerfreulichen Begleiterscheinungen nachgeholt werden kann?
       
       18. Nettoenergie
       ----------------
       
       Muß nicht  bei jeder energiepolitischen Planung und bei jeder In-
       vestitionsentscheidung der  Energieaufwand für die Erstellung und
       den Betrieb  einer Technologie oder Anlage (energetische Investi-
       tion) verglichen  werden mit  der Energie, die die Anlage im Lauf
       ihrer  Betriebszeit  bereitstellen  oder  einsparen  wird?  D.h.,
       sollte nicht zunächst der Energiegewinnfaktor genau bestimmt wer-
       den?
       Wie hoch  sind die  Energiegewinnfaktoren von Kernkraftwerken und
       Kohlengruben, von  Hausisolierung und Fernheizung und von anderen
       energetischen Prozessen?
       Stimmt es,  daß die Energiegewinnfaktoren von Kernkraftwerken re-
       lativ klein sind, so daß die erforderliche Nutzung uranarmer Erze
       gegen Ende dieses Jahrhunderts energetisch unsinnig wird?
       
       19. Investitionsbedarf
       ----------------------
       
       Ist das  für Bau  und Betrieb von Kernkraftwerken und das für den
       Ausbau des  erforderlichen  Elektrizitätsverteilungsnetzes  -  im
       vorläufig für  die nächsten  Jahrzehnte noch geplanten Umfang er-
       forderliche Kapital überhaupt verfügbar?
       Müssen wir  uns nicht  hier u.U.  in gesellschaftlich fragwürdige
       Zwänge und  Abhängigkeiten begeben? (Vgl. die Studie der Dresdner
       Bank vom Dezember 1974.)
       Läßt sich  die erforderliche Energiedienstleistung nicht u.U. mit
       wesentlich geringerem  Investitionsbedarf z.B. durch bessere Nut-
       zung oder  Klein- und Mitteltechnologien unter Fortfall eines um-
       fangreichen Verteilungsnetzes sicherstellen?
       
       20. Klein-, Mittel-, Großtechnologien
       -------------------------------------
       
       Obwohl Großanlagen im allgemeinen kostengünstiger abschneiden als
       kleinere Anlagen: Kann es nicht sein daß kleinere und mittelgroße
       technologische Lösungen  aus  Gründen  geringerer  Energievertei-
       lungskosten besserer Anpassung an die jeweiligen Verbraucher, die
       Möglichkeit integrierter  Auslegung zur  Abfall- und  Abwärmenut-
       zung, geringere  Störanfälligkeit des  Gesamtsystems durch dezen-
       trale und  technologisch pluralistische  Lösungen, geringere  Um-
       weltbeeinflussung usw.  zu insgesamt  für die  Gesellschaft  weit
       günstigeren Ergebnissen  führen können als die großtechnische Lö-
       sung mit  wenigen Nuklearparks und Verteilungsschienen sehr hoher
       Leistung?
       Sollte nicht besonders dem Gesichtspunkt der Systemverwundbarkeit
       durch großtechnische  Lösungen besondere Aufmerksamkeit geschenkt
       werden?
       Sind für  einen demokratischen Staat nicht alle Lösungen abzuleh-
       nen, die  nur durch Aufbau eines größeren Sicherungsapparates vor
       ernsten Systemschaden  durch menschliches  Versagen oder Sabotage
       bewahren können?
       21. Beschäftigungslage
       ----------------------
       
       Da wir  doch Sättigungserscheinungen  im Produktionsbereich beob-
       achten, die  Industrie noch  weiterhin den  Energiebedarf je Pro-
       dukteinheit verringert  und der  steigende  Dienstleistungsanteil
       der Volkswirtschaft  weit weniger  energieintensiv  ist  als  der
       sinkende Produktionsanteil:  schaffen  denn  neue  Kernkraftwerke
       wirklich neue Arbeitsplätze?
       Könnten nicht  vielmehr weit  mehr neue  Arbeitsplätze  bereitge-
       stellt bzw.  vorhandene gesichert  werden durch  die relativ  ar-
       beitsintensiven Aufgaben  besserer  Energienutzung  (insbesondere
       Isolierung von  Gebäuden, Heiz-  und Lüftgeräte, Umrüstung in der
       Industrie), die besonders dem Handwerk und der Mittel- und Klein-
       industrie zugute kämen?
       Gilt nicht  das gleiche  auch für klein- und mitteltechnologische
       Lösungen für die Energieversorgung?
       
       22. Nutzen und Unnutzen
       -----------------------
       
       Wiegt der  Unnutzen ständig  wachsenden Energieangebots  (Kosten,
       Umweltbeeinflussung, Eingriffe  in Ökologie  und Klima, Konsuman-
       heizung, Ressourcenabbau,  steigende Abhängigkeit,  steigende Sy-
       stemverwundbarkeit, Sicherheitsrisiko, Verdrahtung der Landschaft
       usw.) nicht  längst schwerer als sein Nutzen (in der BRD nur noch
       marginale Erhöhung des Komforts, die sich aber auch durch bessere
       Energienutzung gleichermaßen erreichen ließe)?
       Wenn dem  so sein  sollte (was viele intuitiv bestätigen wurden),
       wird es  dann nicht Zeit, unsere bisherigen Annahmen neu zu über-
       prüfen?
       
       23. Suboptimierung
       ------------------
       
       Sollten wir nicht immer versuchen, mit den uns zur Verfügung ste-
       henden Ressourcen bestmöglichst hauszuhalten?
       Obwohl aber  drei Viertel  unserer Sekundärenergiemenge  zur Wär-
       meerzeugung benötigt  wird: warum  denken wir  erst  seit  kurzem
       ernsthaft daran,  die gewaltigen Abwärmemengen der Elektrizitäts-
       werke als Fern- und Prozeßwärme zu nutzen?
       Warum konzentriert  sich die  Kerntechnik bis heute auf die Elek-
       trizitätserzeugung, die  nur mit  gewaltiger Energieverschwendung
       (etwa drei  Viertel der eingesetzten Energie gehen verloren!) und
       mit   einem   aufwendigen   Erzeugungs-   und   Verteilungssystem
       (Kraftwerke, Überlandleitungen)  möglich ist?  Obwohl  heute  nur
       etwa 12% der Sekundärenergie als Elektrizität den Verbraucher er-
       reicht und  Elektrizität nur in sehr beschränktem Maße Gas, Flüs-
       sig- und  Festbrennstoffe substituieren kann (maximal 25% der Se-
       kundärenergie)?
       Sollte nicht  das Sekundärenergieangebot  den  geforderten  Ener-
       giedienstleistungen (Wärme,  Licht,  Kraft,  Kommunikation  usw.)
       bestmöglichst angepaßt werden?
       Bedeutet das  nicht den Aufbau gut integrierter Mischsysteme, die
       auch Abwärme- und Abfallnutzung mit einschließen müssen?
       Müssen nicht alle Systemoptimierungen außer Kosten auch Gesichts-
       punkte der  Gesamtoptimalität, der  Verwundbarkeit, der Abhängig-
       keit der Umwelt usw. berücksichtigen?
       Wäre es  nicht sinnvoll,  zunächst einmal alle Verbrauchsprozesse
       zu optimieren und dann aufgrund des sich ergebenden kleineren En-
       ergiebedarfs die  Dimensionierung des  Verwandlungs- und  Vertei-
       lungssystems vorzunehmen?
       
       24. Verwundbarkeit und Störanfälligkeit
       ---------------------------------------
       
       Sind nicht  einige wenige  Großanlagen mit wenigen großen Vertei-
       lungsschienen viel verwundbarer als viele kleinere Anlagen?
       Bedeutet nicht  der Ausfall  einer Großanlage  u.U. ein  völliges
       Lahmlegen einer ganzen Region bzw. die Beeinträchtigung der Funk-
       tion eines ganzen Staatswesens?
       Kann nicht  der ähnlich  einseitige Verlaß  auf eine  oder wenige
       Energietechnologien gleiche schwere Folgen haben?
       Hat nicht  bei Großanlagen und technologischer Eingleisigkeit nie
       ganz vermeidbares  menschliches Versagen  oder Fehlverhalten viel
       gravierendere Folgen  als bei kleineren, diversifizierten, dezen-
       tralisierten Systemen?
       Potenziert sich diese Gefahr nicht noch bei Kernkraftwerken durch
       die zwar  winzige, aber  immerhin vorhandene  Gefahr von Unfällen
       katastrophaler Größenordnung?
       Müssen wir  wirklich erhöhtes  Sicherheitsrisiko und gleichzeitig
       den Aufbau  des erforderlichen  Sicherheitsapparates auf uns neh-
       men, um  im besten  Fall nur einen kleinen Teil unseres Sekundär-
       energiebedarfs für  wenige Jahrzehnte durch Kernenergie decken zu
       können?
       Liefern wir  uns durch  Großtechnologien, technologische Einglei-
       sigkeit und weitere erhöhte Abhängigkeit von importierten Primär-
       energien nicht in erhöhtem Maße dem Zufall, der Sabotage, der Er-
       pressung, der  Abhängigkeit und  der Verwundbarkeit durch Aggres-
       sion aus?
       
       25. Kernenergie als Übergangslösung
       -----------------------------------
       
       Der Leichtwasserreaktor  kann wegen  Erschöpfung der  Uranvorräte
       bestenfalls für  einige Jahrzehnte,  der Brutreaktor  bestenfalls
       für einige  Jahrhunderte einen Beitrag zur Energieversorgung lei-
       sten. Beide  belasten aber auf Jahrtausende (Brutreaktor für eine
       Viertelmillion Jahre)  die Gesellschaft mit schwersten Abfallpro-
       blemen. Dürfen  wir uns dann aber aus kurzsichtigem Egoismus her-
       aus auf diese Lösung einlassen?
       Sollten wir  nicht vielmehr  unsere Mittel vor allem zur Entwick-
       lung  wirklich   langfristig  tragbarer  Energiequellen  (Sonnen-
       energie, Erdwärme, evtl. Kernfusion) verwenden?
       Sollten wir  nicht, um die notwendige Entwicklungszeit von mehre-
       ren Jahrzehnten zu überbrücken, zunächst die uns jetzt zur Verfü-
       gung stehende Energie weit besser nutzen als bisher?
       Müssen wir  nicht ohnehin irgendwann einmal zu einer besseren En-
       ergienutzung gelangen?
       
       26. Trade-offs
       --------------
       
       Was gewinnen wir wirklich, was verlieren wir eigentlich heute und
       in der Zukunft durch den Übergang auf Kernenergie in großem Stil?
       Was würden  wir gewinnen  bzw. verlieren  bei anderen technologi-
       schen Lösungen (bei uns vor allem: Kohle)?
       Was würden  wir gewinnen  bzw. verlieren,  wenn wir unsere Mittel
       zur weit  besseren Nutzung  der Energie als bisher einsetzen wür-
       den, ohne  den Primärenergieeinsatz  weiter wesentlich steigen zu
       lassen?
       
       27. Point of no return
       ----------------------
       
       Ist es uns klar, daß wir beim starken Ausbau der Kernenergie sehr
       rasch auf  einen Punkt  zutreiben, von  dem es  kein Zurück  mehr
       gibt, selbst wenn sich dieser Weg als Irrweg erweisen sollte?
       Dieser Punkt  ist erreicht,  wenn Kernkraftwerke  überall im Land
       stehen, die nur noch als radioaktive Ruinen der Nachwelt überlas-
       sen werden  können, wenn  von Menschenhand geschaffenes Plutonium
       über eine  Viertelmillion Jahre  sicher gelagert werden muß, wenn
       konzentriert anfallende  Abwärme möglicherweise die empfindlichen
       atmosphärischen Vorgänge  und damit  das Klima  nachhaltig beein-
       flußt hat.
       Abgesehen von diesen dramatischen Effekten: Führt die weitere Be-
       reitstellung von  immer mehr  Energie trotz  weiterhin schlechter
       Nutzung nicht  zu einer  Bewußtseinshaltung, die  immer mehr ver-
       langt, ohne sich um sparsamere oder bessere Nutzung zu kümmern?
       Werden hier  nicht unhinterfragt die Samen für zukünftige bewaff-
       nete Konflikte  gelegt? (Man  denke an die Tatsache, daß führende
       Amerikaner die  Ölpreiserhöhungen als  casus belli betrachten und
       eine bewaffnete Intervention in den Ölstaaten verlangen.)
       Sind die  Konsequenzen bedacht,  die weltweit  entstehen  müßten,
       wenn ärmere Länder den Weg der reichen Länder zu gehen verlangen,
       was ja ihr gutes Recht ist?
       
       28. Abwärme, Umwelt und Klima
       -----------------------------
       
       Haben nicht  die Forschungen  der letzten  Jahre gezeigt, daß die
       Atmosphäre ein  äußerst empfindliches  System ist und daß deshalb
       das Klima  durch relativ kleine Störungen (z.B. geringfügige Tem-
       peraturerhöhung oder  örtliche Störungen) zum "Kippen" in ein an-
       deres Klima (z.B. Eiszeit, Trockenzeit) gebracht werden kann?
       Steht nicht  zu befürchten,  daß der konzentrierte Anfall von Ab-
       wärme bei Großkraftwerken, der über Naß- oder Trockenkühltürme in
       die Atmosphäre  befördert wird,  massive lokale und u.U. auch re-
       gionale oder globale Klimaveränderungen zur Folge haben kann, be-
       sonders wenn  ein massierter Einsatz (wie z.B. im Oberrheingraben
       geplant) erfolgt?
       
       29. Nutzung der Abwärme: Energiekaskaden
       ----------------------------------------
       
       Da bei  der Elektrizitätserzeugung 60-70 % der ursprünglichen En-
       ergiemenge als  Abwärme anfällt und heute fast ausschließlich un-
       genutzt an  die Umgebung  (Flüsse, Atmosphäre) abgegeben wird, da
       aber der  überwiegende Teil (80%) des Energiebedarfs zur Wärmebe-
       darfsdeckung benötigt  wird: wäre  nicht die  bessere Nutzung der
       Abwärme eine  vordringliche Aufgabe?  Ganz besonders  im Hinblick
       darauf, daß damit importierte und nicht erneuerbare Energieträger
       (Öl, Gas und Kohle) zum Teil einzeln ersetzt werden können? Soll-
       ten nicht  Kraftwerke und technische Prozesse allgemein so ausge-
       legt werden,  daß die  Abwärme eines  Prozesses als Nutzwärme auf
       niedrigerer Temperaturstufe  für den  nächsten Prozeß  Verwendung
       findet?
       Welche Möglichkeiten  bestehen insbesondere bei der langfristigen
       Speicherung großer  Wärmemengen (z.B.  für Fernheizung vom Sommer
       in den Winter) und bei der Nutzung von Abwärme auf niedrigem Tem-
       peraturniveau für Fischzucht und Landwirtschaft?
       
       30. Integrierte Systeme
       -----------------------
       
       Welche Möglichkeiten  bestehen, um  durch Hintereinanderschaltung
       und Kopplung  verschiedener Prozesse  alle Abwärmen  auf  höheren
       Temperaturstufen voll  zu nutzen,  so daß zuletzt Abwärme nur bei
       Umgebungstemperatur abgegeben wird?
       Wie lassen  sich die  Prozesse der Energieumwandlung, Produktion,
       Wasseraufbereitung,  Abwasserklärung,  Müllbeseitigung,  Raumhei-
       zung, Landwirtschaft  usw. optimal  kombinieren und  integrieren,
       damit mit  geringstmöglichem Gesamtenergieverlust gearbeitet wer-
       den kann?
       
       31. Importabhängigkeit
       ----------------------
       
       Wie kann  uns denn  der steigende Anteil an Kernenergie - wie oft
       behauptet - von der Importabhängigkeit befreien, wenn selbst 1985
       erst etwa  6% der Endenergie aus Kernkraftwerken stammen wird und
       wenn alle Kernbrennstoffe importiert werden müssen?
       Können wir  davon ausgehen,  daß der  Import von Kernbrennstoffen
       aus den USA sicherer ist als die Öl- und Gaseinfuhr?
       Welche Preise  werden wir  für Öl, Gas und Kernbrennstoffe in Zu-
       kunft zahlen können?
       Wäre nicht stark verbesserte Energienutzung und damit Verbrauchs-
       reduzierung die  beste und  billigste Strategie  zur Verringerung
       der Importabhängigkeit?
       Sollten wir  nicht langfristig  auch daran interessiert sein, daß
       die heutigen  Erdölförderländer sich  in den nächsten Jahrzehnten
       eine dauerhafte Existenzgrundlage als Energielieferanten z.B. von
       solar oder nuklear hergestelltem Wasserstoff aufbauen?
       Überwiegen die Nachteile forcierter Energieautarkie (z.B. Einfüh-
       rung des Brüters) nicht u.U. bei weitem die einer gewissen - aber
       voll abgesicherten - Importabhängigkeit?
       
       32. Bessere Nutzung
       -------------------
       
       Hat nicht  die Industrie  in der BRD in den vergangenen 15 Jahren
       zur Schaffung  des gleichen  Produktes im Durchschnitt einen fast
       40% kleineren Energieaufwand benötigt? Können wir nicht annehmen,
       daß dieser  Aufwand in  den nächsten 25 Jahren noch einmal um 20%
       verringert werden kann?
       Kann nicht  u.a. durch leichtere Kraftfahrzeuge, Güterverkehr auf
       der Bahn und andere Motoren (z.B. Diesel) der Kraftstoffverbrauch
       bei gleicher Transportleistung noch wesentlich gesenkt werden?
       Läßt sich nicht besonders bei der Heizung durch Isolation, wärme-
       austauschende Lüfter,  Fernheizung, Wärmepumpen  und solare Warm-
       wasserbereitung der Energieverbrauch noch wesentlich senken?
       Sollten diese  Maßnahmen nicht mit hoher Prioritat betrieben wer-
       den, da  durch sie  das Bruttosozialprodukt doch eher positiv be-
       einflußt, Investitionen  gespart, Energieimporte  vermindert, Ab-
       wärme- und  Verschmutzungsprobleme verringert,  Arbeitsplätze ge-
       schaffen werden?
       Sollte man  nicht der  Tatsache mehr  Beachtung schenken, daß bei
       20%iger  Verbesserung   der  Energienutzung  bei  der  Industrie,
       30%iger Verbesserung  im Verkehr  und  40%iger  Verbesserung  bei
       Haushalten und Kleinverbrauchern selbst noch bei gleichbleibendem
       Primärenergieeinsatz die  Energiedienstleistung um 50% gesteigert
       werden kann?
       Welche mit  marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten zu vereinbaren-
       den  Steuerungsmittel  (Investitionshilfen,  Steueranreize  usw.)
       stehen zur Verfügung, um Methoden der besseren Energienutzung be-
       schleunigt einzuführen?
       
       33. Energieverteilungssystem
       ----------------------------
       
       Wieviel Energie  muß überhaupt  verteilt werden?  Wieviel Energie
       kann rationell örtlich erzeugt werden?
       Lassen sich nicht durch Gasfernleitungen sehr große Energiemengen
       weit umweltfreundlicher,  kostengünstiger und verlustärmer trans-
       portieren als durch Hochspannungsleitungen?
       Ist Gas dem Energiebedarfsspektrum - besonders zur Wärmeerzeugung
       - nicht weit besser angepaßt als Elektrizität? Sollten dann nicht
       vor allem die Synthesegaserzeugung und Gasverteilungssysteme vor-
       angetrieben werden?
       Hat man  sich überlegt, daß beim geplanten Ausbau der Kernenergie
       zur Elektrizitätserzeugung die Verdrahtung der Bundesrepublik bis
       zum Jahre  2000 etwa  das Vierfache des heutigen Umfangs annehmen
       wird?
       
       34. Kernkraftwerksruinen
       ------------------------
       
       Stimmt es, daß Kernkraftwerke nach einer Betriebszeit von etwa 30
       Jahren als nicht abtragbare radioaktive Ruinen zurückgelassen und
       abgesichert werden müssen?
       Wenn das  nicht der  Fall ist, welche Schritte müssen bei der Au-
       ßerbetriebnahme unternommen  werden, und  welche Kosten entstehen
       dabei?
       Welche Zwänge  schaffen wir  für zukünftige Generationen (Ruinen,
       Sicherung und Bewachung usw.)?
       Sollten, wenn  überhaupt, Kernkraftwerke nicht nur unter Tage an-
       gelegt werden?
       In welchem  Maße gelten  diese Fragen auch für Anreicherungs- und
       Wiederaufbereitungsanlagen, Zwischen- und Endlager?
       
       35. Sicherheit der Brennstoffkette
       ----------------------------------
       
       Welche Gefährdungen von Gesundheit oder Umwelt treten bei der An-
       reicherung, der  Brennelementeherstellung, bei  Betrieb, Wartung,
       Wiederaufbereitung, Zwischenlagerung  und Endlagerung auf? Welche
       aktuellen und potentiellen Gefährdungen bestehen?
       Welche Unfallrisiken birgt der Transport zwischen den Stationen?
       Welcher direkte  und indirekte  Sicherungsaufwand  muß  getrieben
       werden, um Risiken praktisch auszuschließen?
       Mit welchem  Sicherungsapparat und  welchen dementsprechenden Ko-
       sten muß bei vollem Ausbau der Kernenergie gerechnet werden?
       Wer überwacht die Überwacher?
       Lassen sich  der Aufwand und das trotzdem immer noch endliche Ka-
       tastrophenrisiko denn gesellschaftlich rechtfertigen?
       
       36. Plutonium und Langfristlagerung
       -----------------------------------
       
       Woher nehmen  wir das  Recht, wegen  möglicher kurzfristiger Vor-
       teile unsere  Nachkommen für eine viertel Million Jahre mit einem
       gefährlichen, von  uns geschaffenen radioaktiven Stoff und chemi-
       schem Gift zu belasten?
       Gibt es  geologisch sichere Schichten, die die langfristige Lage-
       rung sicher gestatten?
       Gibt es  nicht genügend  berechtigten Zweifel an der Annahme, daß
       in allen Ländern zu allen Zeiten nur völlig verantwortungsbewußte
       und verläßliche  Menschen die  Sicherung hochradioaktiver  Stoffe
       übernehmen?
       
       37. Unfallrisiko
       ----------------
       
       Kann man  den mathematischen Ergebnissen über geringe Unfallrisi-
       ken bei  Kernkraftwerken eigentlich Glauben schenken, da doch (1)
       prinzipiell in  diesen Rechnungen nur berücksichtigt werden kann,
       was vorher  bedacht worden  ist, und  (2) sowohl bei Bau, Wartung
       und Betrieb  der einzelnen  Komponenten wie  des gesamten Systems
       immer wieder  das im  Prinzip unberechenbare  menschliche Element
       sowie der Zufall ihre Rolle spielen? Müssen wir uns nicht darüber
       im klaren  sein, daß  Versehen, Gewöhnung,  Nachlässigkeit, Faul-
       heit, Böswilligkeit  und Sabotage  auch die besten Sicherheitssy-
       steme übertölpeln können?
       Warum wird  bei den Rechnungen nie berücksichtigt, daß ein einzi-
       ger mittlerer  Unfall allein  durch Ausfall eines Kraftwerks u.U.
       Evakuierung einer Region und evtl. aus Sicherheitsgründen notwen-
       diger Stillegung  ähnlicher Kraftwerke  ganze Regionen,  ja einen
       ganzen Staat in ihren Funktionen über längere Zeiträume hin stark
       beeinträchtigen kann?
       Kommt man  bei der  Berücksichtigung dieses "Systemrisikos" immer
       noch zu  dem Schluß,  daß die  Gesellschaft dieses  Risiko tragen
       sollte?
       Vergißt man  bei allen  Risikostudien und  Vergleichen  mit  Ver-
       kehrsunfallen usw.  nicht die Tatsache, daß es sich bei der Kern-
       energie erstens  um Unfallpotentiale  ganz anderer  Größenordnung
       handelt, die zweitens nicht freiwillig übernommen werden?
       
       38. Werkstofffragen
       -------------------
       
       Ist  das  Langfristverhalten  von  Werkstoffen  unter  Strahlen-,
       Wärme- und  Wechselbelastung genau  genug bekannt,  um Anlagen zu
       bauen, die über eine Zeit von drei Jahrzehnten ohne Versagen kri-
       tischer oder weniger kritischer Teile betrieben werden können?
       Sind kritische  Komponenten auch immer gegen nicht vorhersehbares
       Versagen abgesichert?
       
       39. Gesundheit
       --------------
       
       Warum bestehen  immer noch  Kontroversen zwischen Fachleuten über
       die bei  Kernkraftwerken zu  erwartenden  Gesundheitsschädigungen
       durch radioaktive Emissionen?
       Sollten die  zulässigen Werte  nicht auf  die untersten allgemein
       als sicher  akzeptierten Werte  festgelegt werden,  solange  noch
       ernsthafte Kontroversen bestehen?
       Könnten unter  diesen Bedingungen heute Kernkraftwerke zugelassen
       werden?
       Mit welchen  Langfristschaden muß gerechnet werden, die besonders
       auch zukünftige Generationen betreffen können?
       Sind die  bestmöglichen kurzfristigen  oder langfristigen  Folgen
       und die  noch weit  schwerwiegenderen Konsequenzen  von  immerhin
       nicht ganz auszuschließenden schweren Unfällen eigentlich zu ver-
       antworten im Hinblick darauf, daß Kernenergie nur eine Übergangs-
       lösung für  wenige Jahrzehnte sein kann und bei besserer Energie-
       nutzung u.U. nicht erforderlich wäre?
       
       40. Verteilung der Förderungsmittel
       -----------------------------------
       
       Spiegelt die  Verteiluny der  Förderungsmittel für  Forschung und
       Entwicklung und  die Zahl  und Ausrüstung  der  vorhandenen  For-
       schungsinstitutionen nicht eine völlig einseitige Bevorzugung der
       Kernenergie wider?
       Sind hier nicht durch die Expertokratie politische Entscheidungen
       vorweggenommen und  Sachzwänge geschaffen  worden, ohne  daß  das
       breite Spektrum  gesellschaftlicher Interessen voll im demokrati-
       schen Prozeß berücksichtigt worden ist?
       

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