Quelle: Blätter 1977 Heft 04 (April)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUFRUF ZUM INTERNATIONALEN KONGRESS KRITISCHE PSYCHOLOGIE
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       VOM 13. BIS 15. MAI 1977 IN MARBURG
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       (Wortlaut)
       
       Im Zuge des Erstarkens der demokratischen Bewegung Ende der sech-
       ziger Jahre wurde es auch in der BRD und Westberlin möglich, kri-
       tische Positionen  im Wissenschaftsbereich  zu entwickeln  und zu
       verankern. Während  man anfangs auch in der Psychologie bei einer
       abstrakten Kritik  des herrschenden Wissenschaftsbetriebs stehen-
       geblieben war,  sah man  sich später  gezwungen, einen systemati-
       schen eigenen  Ansatz zu  begründen, um von ihm aus konkrete, al-
       ternative Forschungsresultate  vorzulegen. Dies  auch  wesentlich
       deshalb, weil  es nicht um eine rein theoretische Kritik, sondern
       ganz entscheidend  auch um eine alternative psychologische Praxis
       gehen mußte, welche dem enormen Bedeutungszuwachs der Psychologie
       in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen gerecht wird.
       Die sich hier konstituierende Kritische Psychologie zeichnet sich
       wissenschaftlich durch ein historisches Verständnis der menschli-
       chen Persönlichkeit  und praktisch-politisch durch ein Engagement
       im Interesse  der überwältigenden  Mehrheit der  Bevölkerung aus.
       Dabei erlangten  die Arbeiten  der Westberliner "Holzkamp-Schule"
       eine über Westberlin und die BRD hinausgehende Bedeutung.
       Zugleich stellt sich - selbstverständlich - Kritische Psychologie
       nicht als  ein in allen Grundsatzfragen und Einzelproblemen homo-
       genes Gebäude dar, sondern es gibt eine Vielzahl von unterschied-
       lichen Vorstellungen  und Lösungsvorschlägen, die einer umfassen-
       den Diskussion  dringend bedürfen.  - Auch entwickelt sich Kriti-
       sche Psychologie  nicht abseits  der  Heerstraße  psychologischer
       Forschungen im allgemeinen, sondern versucht die vielen Einzeler-
       kenntnisse positiv in ihrem Gesamtkonzept aufzuheben. Sie ist da-
       her nicht  nur an einer Diskussion mit Vertretern anderer Wissen-
       schaftsauflassungen interessiert, sondern auf sie angewiesen.
       Besonders durch  den Ministerpräsidentenerlaß und die mit ihm le-
       gitimierte Praxis  der zutiefst verfassungsfeindlichen Berufsver-
       bote wird das Ausmaß deutlich, in dem von konservativer bis reak-
       tionärer Seite  versucht wird, die fortschrittliche wissenschaft-
       liche und  politische Bewegung  zu be- und verhindern und sie auf
       den Stand  von vor  10 Jahren zurückzudrängen. Dies erfordert den
       geschlossenen Widerstand  aller an  der Demokratisierung  der Ge-
       sellschaft Interessierten.
       Die Notwendigkeit,  einen internationalen Kongreß "Kritische Psy-
       chologie" durchzuführen, ergibt sich also sowohl aus dem erreich-
       ten wissenschaftlichen Erkenntnisniveau als auch aus der Tatsache
       des umfassenden  Angriffs auf  alle demokratischen Positionen in-
       nerhalb und außerhalb der Universität Deshalb soll dieser Kongreß
       ein Forum  sein, wo  die auf nationaler und internationaler Ebene
       gewonnenen Einsichten  zusammengetragen werden,  um somit die in-
       tensive, rationale,  auf gemeinsamen  Erkenntnisfortschritt  zie-
       lende Diskussion zu fördern.
       

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