Quelle: Blätter 1977 Heft 09 (September)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       OFFENER BRIEF VON 98 MITARBEITERN DES HAHN-MEITNER-INSTITUTS
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       AN DEN BUNDESMINISTER DES ÄUSSEREN ZUM KERNENERGIEABKOMMEN
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       BRASILIEN - BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND VOM 24. FEBRUAR 1977
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       (Wortlaut)
       
       In einem  offenen Brief  an den Bundesminister des Äußeren, Hans-
       Dietrich Genscher,  wenden sich  98 Mitarbeiter des Hahn-Meitner-
       Instituts für  Kernforschung Berlin  GmbH in Westberlin gegen den
       geplanten Verkauf von 8 Kernkraftwerken sowie einer Urananreiche-
       rungsanlage und  einer Wiederaufarbeitungsanlage an Brasilien und
       fordern die Bundesregierung auf, die Lieferung derartiger Anlagen
       an Brasilien nicht zu gestatten. Das brasilianische Militärregime
       hat den  Atomwaffensperrvertrag, der  die internationale  Überwa-
       chung der Produktion und Verbreitung von spaltbarem Material vor-
       sieht, nicht  unterzeichnet und  öffentlich durch  Regierungsmit-
       glieder bekundet,  daß es  Kernwaffen herstellen will. Die Unter-
       zeichner des offenen Briefes sehen die Gefahr, daß die zum Export
       vorgesehenen Anlagen, insbesondere die Wiederaufarbeitungsanlage,
       zu diesem Zweck mißbraucht werden sollen und daß in diesem Zusam-
       menhang die  Wirksamkeit der vorgesehenen Kontrollen der Interna-
       tionalen Atomenergie-Organisation zweifelhaft ist. Nach Artikel 7
       des Abkommens  zwischen der Regierung der Bundesrepublik Deutsch-
       land und der Regierung der Föderativen Republik Brasilien auf dem
       Gebiet der  friedlichen Nutzung der Kernenergie vom 27. Juni 1975
       würde die  Bundesregierung nicht  vertragsbrüchig, wenn  sie Ver-
       handlungen zur  Überprüfung dieses  Abkommens aufnehmen würde. D.
       Red.
       
       Arbeitskreis Kernernergie  am Hahn-Meitner-Institut  für Kernfor-
       schung, Glienicker Straße 100, 1000 Berlin 39
       
       An den  Bundesminister des Äußeren, Herrn Hans-Dietrich Genscher,
       Adenauerallee 99-103, 5300 Bonn-Bad Godesberg
       
       Betrifft: Kernenergie-Abkommen zwischen Brasilien und der Bundes-
       republik Deutschland
       
       Sehr geehrter Herr Minister Genscher!
       Zum Abkommen  zwischen der  Regierung der Bundesrepublik Deutsch-
       land und  der Regierung  der Föderativen  Republik Brasilien über
       Zusammenarbeit auf  dem Gebiet  der friedlichen Nutzung der Kern-
       energie möchten wir folgende Stellungnahme abgeben:
       Am 27.6.1975  wurde ein Abkommen zwischen der brasilianischen Re-
       gierung und  der Bundesregierung unterzeichnet, das unter anderem
       die Lieferung von 8 Kernkraftwerken, einer Anreicherungs- und ei-
       ner Wiederaufarbeitungsanlage  vorsieht. Mit  einem  Volumen  von
       über 10  Mrd. DM  ist dies  das bisher  größte Exportgeschäft der
       Bundesrepublik.
       Da Brasilien  die Lieferung einer Anreicherungs- und Wiederaufar-
       beitungsanlage zur  Bedingung für  einen Vertragsabschluß machte,
       scheiterten entsprechende  Verhandlungen mit  den USA an dem dort
       bestehenden Exportverbot für Anlagen, die zur Herstellung von Nu-
       klearwaffen eingesetzt werden können.
       Brasilien hat  den Atomwaffensperrvertrag, der die internationale
       Überwachung der  Produktion und  Verbreitung von spaltbarem Mate-
       rial vorsieht,  nicht unterzeichnet.  Es verweist  dabei auf eine
       mögliche  Beeinträchtigung   seiner  nationalen   Sicherheit  und
       Selbstverteidigung, wobei  es nach  Äußerungen des  Sprechers der
       Regierungspartei, Coutinho,  "Größe und  Berufung zur  Weltmacht"
       (FAZ v.  9.6.1975) verspürt. Die Möglichkeit zur atomaren Bewaff-
       nung soll dazu offenbar nicht versperrt werden.
       Den Vertrag  zu Tlatelolco  über die  Schaffung einer kernwaffen-
       freien Zone in Lateinamerika kommentierte Brasilien 1967 entspre-
       chend: "Die  brasilianische Regierung  versteht Artikel 18 in dem
       Sinne, daß  er alle  unterzeichnenden Staaten autorisiert, Explo-
       sionen von  Nuklearkörpern zu  friedlichen Zwecken  durchzuführen
       unter Einbeziehung  von Explosionen,  die Sprengkörper einschlie-
       ßen, die  denen entsprechen,  die in  Kernwaffen benutzt  werden"
       ("International Affairs, 46, S. 74 ff., Januar 1970).
       Mit Indien  wurde ein  Vertrag über nuklearwissenschaftlichen In-
       formationsaustausch abgeschlossen,  zu dem der indische Botschaf-
       ter in  Brasilien drei  Tage nach der indischen Versuchsexplosion
       sagte: "Mein  Land ist  bereit, seine brasilianischen Freunde mit
       der Technologie  zu versehen,  die es  ihm ermöglichte, die Atom-
       bombe zu  bauen"' ("The Observer" v. 27.10.1974). Indien hat 1973
       das von  Kanada gelieferte Kernkraftwerk RAPS-I in Betrieb genom-
       men und 1974 eine Atombombe gezündet.
       Die Lieferung  einer Wiederaufarbeitungsanlage würde Brasilien in
       die Lage  versetzen, aus dem anfallenden Plutonium Kernwaffen so-
       gar in  großem  Maßstab  herzustellen.  Die  Wirksamkeit  der  im
       deutsch-brasilianischen Abkommen  vorgesehenen  Kontrollen  durch
       die Internationale Atomenergie-Organisation ist umstritten, zumal
       sie keine  Möglichkeit hat, bei Vertragsbrüchen wirkungsvoll ein-
       zuschreiten.
       Wir fordern  daher die Bundesregierung auf, die Lieferung von An-
       reicherungs- und Wiederaufarbeitungsanlagen an Brasilien nicht zu
       gestatten und  den Export von Kemkraftwerken nur in Länder zu er-
       möglichen, die den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet haben.
       
       Unterzeichner:
       Dr. Ulrich  Sowada, Physiker  - Walter Döldissen, Physiker - H.J.
       Uth, Chemiker  - W.  Klein, Ingenieur - Gerhard Lapke Chemiker W.
       v. Zdrojewski Physiker - Noack, techn. Angestellter - Bernd Klup-
       pak, Ingenieur  - Ute  Fehrmann, Chemielaborantin  - D. Lindenau,
       Chemikerin -  H. Gadewoltz,  techn. Angestellte  - H.J. Poremski,
       Chemiker -  M. Wilhelm,  Ingenieur -  R. Scheerer,  Chemiker - R.
       Tausch-Treml, Chemiker  - S.  Mund, CTA  - K. Schäfer, Chemiker -
       Dr. Manfred  Breitenkamp, Chemiker  - R. Irsigler, Informatiker -
       J. Schulz,  MTA -  G. Maiß,  MTA -  W. Heinze,  Informatiker - G.
       Foest, MTA  - E. Galinke, techn. Angestellter - B. Maaß, Elektro-
       mechaniker -  B. Drescher,  techn. Angestellter - R. Röser, Elek-
       tromechaniker -  H. Penner,  Elektromechaniker -  M. Knuth, Fein-
       wechaniker -  K. Kulmke,  Feinmechaniker -  Conradt, techn. Ange-
       stellter - Gerasch, techn. Angestellter - U. Heidenreich, Feinme-
       chaniker - D. Renner, techn. Angestellter - M. Martin, techn. An-
       gestellter -  M. Teichmann,  techn. Angestellter  -  D.  Blödorn,
       techn. Angestellter - P. Komander, techn. Angestellter - H. Schu-
       bert, Angestellte  - W. v. Scheibner, Feinmechaniker - A. Susini,
       techn. Berater  - R.  Götze, Elektromechaniker - R. Wegner, Elek-
       tromechaniker -  P. Tauchelt,  Elektromechaniker  -  P.  Meschke,
       Rohrleger - H. Bovenschen, techn. Angestellter - P. Arndt, techn.
       Angestellter -  Dr. J.  Gruber, Physiker  - Dr. H. Migge, Metall-
       kundler -  H. Andresen,  Chemiker -  D Stritzke,  Chemiker  -  J.
       Borchardt, Chemiker  - W.  Hensel, Chemiker Dr. D. Gawlik, Physi-
       ker-J Bergholz, Chemiker - J. Möller, Chemiker - Dr. P.P. Parekh,
       Chemiker -  Dr. U. Rösick, Chemiker - W. Gatschke, Chemiker - Dr.
       B. Luckscheiter,  Minerologe -  Prof Dr.  F. Felix, Chemiker - J.
       Schneider, Ingenieur  - Wolf-Dietrich  Zeitz, Kernphysiker- Chri-
       stian Egelhaaf,  Physiker - Heinz Lehr, Stud. phys. - Peter Kauf-
       mann, Physiker  - Dr. Heinrich Homeyer, Physiker - B. Spellmayer,
       Physiker -  Peter Fröbrich,  Physiker - Gerda Thoma, Physikerin -
       Dagmar Schoening, math-techn. Assistentin - Christa Stahl, math.-
       techn Assistentin  - Barbara  Bohne, math.-techn.  Assistentin  -
       Jürgen Hergesell,  Stud. phys.  - Detlef  Ridder - Atomphysiker -
       Dr. Nikolaus  Stolterfoth, Administration  - Dr. Günter Hinderer,
       Physiker -  Dr. Heinz  Eberhard Mahnke,  Physiker - Dr. W. Bohne,
       Physiker -  Thomas Kornrumpf, Physiker - Dr. Quincy Liu, Physiker
       - Dr. K. Grabisch, Physiker - Heinz Ossenbrink, Stud. phys. - Go-
       dehard Wüstefeld,  Physiker -  Detlev Brandt,  Physiker - Dr. Uwe
       Leithäuser, Physiker  - Utz  Stettner, techn.  Angestellter - Mi-
       chael Prost,  Stud. phys.  - Dr. Hermann Fuchs, Physiker - Harald
       Siekmann, Physiker  - Hartmut  Nies, Stud.  chem. - Bernd Beutin,
       Chemiker -  Klaus Ecker,  Physiker -  Peter Wust,  Stud. phys.  -
       Wolfgang Fritsch,  Physiker -  Ulrich  Brosa,  Physiker  -  aniel
       Berdichersky, Physiker - Dr. Dieter Schneider, Physiker.
       

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