Quelle: Blätter 1977 Heft 09 (September)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       NEUE STELLUNGNAHMEN ZUR NEUTRONEN-BOMBE
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       Deklaration der 27. Pugwash-Konferenz in München
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       vom 24.-29. August 1977 (Wortlaut)
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       Auf die  Diskussion während  der 27.  Pugwash-Konferenz über  die
       Wissenschaften und die Weltpolitik zurückblickend, fühlt sich der
       Rat der  Pugwash-Bewegung veranlaßt,  die folgende Deklaration zu
       veröffentlichen:
       Die Welt  steht vor  einer neuen, intensiveren und gefährlicheren
       Runde des Wettrüstens.
       Drei Faktoren  sind bestimmend  für unsere Einschätzung einer er-
       höhten Dringlichkeit und Gefahr:
       
       1. Neue Massenvernichtungswaffen
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       Es wird  vorgeschlagen, die  Neutronen-Bombe im Herzen Europas zu
       stationieren. Sie wird manchmal eine "saubere" oder schadensfreie
       Bombe genannt;  das Gegenteil  ist richtig.  Sowohl ihre tödliche
       Strahlenwirkung wie  ihre kurz-  und  langfristigen  biologischen
       Schäden würden wesentlich größer sein als die bereits vorhandener
       Nuklearwaffen vergleichbarer  Größe. Wegen ihrer relativ geringen
       Größe würde sie die Unterscheidung zwischen nuklearen und konven-
       tionellen Waffen  verringern und so den Einsatz von Nuklearwaffen
       wahrscheinlicher machen.
       Die Neutronen-Bombe  ist jedoch  nur ein  Beispiel für  die Typen
       neuer Waffen,  die jetzt  in die militärischen Kapazitäten einge-
       führt werden: Marschflugkörper (Cruise Missiles), bewegliche bal-
       listische Raketen  und andere.  Viele von ihnen wirken provokato-
       risch und  deshalb destabilisierend.  Ihre Stationierung  ist mit
       nationalen technischen  Mitteln nicht zu überprüfen und blockiert
       auf diese  Weise Bemühungen  um Rüstungsbegrenzung.  Die Zahl nu-
       klearer Sprengköpfe  wächst weiter  an. Die Einführung all dieser
       neuen Waffen bei den Streitkräften muß gestoppt werden.
       
       2. Verbreitung von Nuklearwaffen
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       Berichte über  einen unmittelbar bevorstehenden Nuklearwaffenver-
       such in Südafrika haben auf der Konferenz ernste Besorgnis ausge-
       löst. Diese  Besorgnis wurde  durch die Versicherungen der Regie-
       rung von  Südafrika, sie  hege keine  derartigen Absichten, nicht
       entkräftet. Der  Besitz von  Nuklearwaffen durch die südafrikani-
       sche Regierung  würde eine schwere Gefahr für die Völker des süd-
       lichen Afrika  und der  übrigen Teile  der Welt  darstellen.  Die
       dortige Entwicklung  muß unter intensiver, ununterbrochener Über-
       wachung gehalten  werden. Jegliche Kollaboration mit Südafrika im
       Bereich der  Nuklearwaffen -  ob auf der Regierungs-, der kommer-
       ziellen oder der wissenschaftlichen Ebene - muß beendet werden.
       Sollte Südafrika  überführt werden,  Nuklearwaffen zu entwickeln,
       so sind  von den Vereinten Nationen dringlich wirksame Sanktionen
       zu fordern. Südafrika stellt jedoch nur den dringlichsten und un-
       mittelbarsten Anlaß  für Besorgnis  dar. Von  Zeit zu Zeit hat es
       überall auf dem Erdball an verschiedenen Punkten alarmierende Be-
       richte gegeben,  daß einzelne Staaten nach Nuklearwaffen streben.
       Eindeutig verurteilen  wir alle Schritte zur weiteren Verbreitung
       von Kernwaffen.
       
       3. Versagen bei der Rüstungsbegrenzung
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       Trotz endloser  Bemühungen sind  Fortschritte bei  der Begrenzung
       der Rüstungen und der Beendigung des Wettrüstens beinahe unsicht-
       bar. Überall  spürt man,  daß es nicht weitergeht. Das ist beson-
       ders alarmierend  bei den  SALT-Verhandlungen und  bei den Wiener
       Verhandlungen über  die gegenseitige  Reduzierung von Truppen und
       Streitkräften in Mitteleuropa. Es gibt keine militärischen Gründe
       für die mangelnden Fortschritte. Durch ein niedrigeres Niveau der
       Rüstungen würde keine Nation in ihrer Sicherheit bedroht, sondern
       vielmehr gestärkt.  Die Hindernisse  sind politischer Art, und es
       bedarf des  politischen Wollens  und der politischen Entscheidun-
       gen, um sie zu überwinden.
       Wir rufen  die beteiligten Regierungen und Staaten - insbesondere
       USA und  UdSSR -  auf, die Einführung neuer Waffen zu stoppen und
       das Wettrüsten umzukehren.
       Wir rufen  alle Männer und Frauen auf, ihre Anstrengungen zu ver-
       doppeln, um  angesichts unserer gemeinsamen Gefährdung die Regie-
       rungen zur Einsicht und zum Handeln zu veranlassen.
       Und wir  von der  Pugwash-Konferenz verpflichten uns auf das Ziel
       einer Welt, die in Frieden lebt.
       
       (Inoffizielle Übersetzung aus dem Englischen)
       
                                    *
       
       Erklärung von Prof. Dr. h.c. Manfred v. Ardenne,
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       Dresden (Wortlaut)
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       Es ist  für mich  ein Bedürfnis, zur Neutronen-Bombe etwas zu sa-
       gen. Die  Neutronen-Bombe ist eine Art Mini-Wasserstoffbombe, bei
       der die Energie vorzugsweise in schnelle (14 MeV) Neutronenstrah-
       lung umgesetzt  wird. Das sind echte Todesstrahlen. Dabei ist der
       Tod noch  grauenvoller als  bei der Standard-Atombombe. Statt des
       Sekunden-Todes ergeben  sich bis  zu 3  Wochen furchtbare Leiden.
       Der Vernichtungsradius  durch Hitze-  und Druckwellen ist bei ihr
       gegenüber den bisherigen Atomsprengköpfen (50 ktT) von 2000 m auf
       200 m reduziert.  Dafür  aber  ist  der  Strahlentodesradins  von
       1400 m gegeben.  Das Schreckliche  ist: Durch die Neutronen-Bombe
       wird die  Grenze zwischen  Kernwaffen und  konventionellen Waffen
       gefährlich verwischt. Das macht den Atomkrieg wahrscheinlicher.
       In westlicher  Agitation wird  die Neutronen-Bombe als notwendige
       Waffe gegen  massierte Panzerangriffe gepriesen. Das ist entweder
       ein Irrtum  oder ein gezieltes Täuschungsmanöver. Ich glaube näm-
       lich, daß  die Panzer heute schon - oder jedenfalls sicher in we-
       nigen Monaten - mit 3 bis 4 cm starken Spezialkunststoffschichten
       umkleidet sind,  welche schnelle  Neutronenstrahlung  abschirmen.
       Real wird  die Neutronen-Bombe  also nicht  gegen Panzer  wirksam
       werden, sondern  in ungeschützte Zivilbevölkerung den Strahlentod
       hineintragen. Frauen und Kinder!
       Wenn die USA eine Produktion der Neutronen-Bombe wirklich aufneh-
       men, so  wird es nur eine überraschend kurze Zeit dauern, bis die
       Sowjetunion über  die gleiche  Waffenart verfügt. Ich habe selbst
       in der  SU erlebt,  wie und  wie schnell dort solcher "Vorsprung"
       aufgeholt wird.  Auf keinen  Fall wird die Neutronen-Bombe am nu-
       klearen Gleichgewicht Sowjetunion-Vereinigte Staaten Wesentliches
       ändern.
       Meine Hoffnung  und mein  Wunsch ist es, die Neutronen-Bombe möge
       bald als  unmenschliche Waffe weltweit geächtet werden. Sie steht
       ja in ihrer Wirkung den bereits verbotenen chemischen Waffen sehr
       nahe. Besonders hoffe ich auf die von der Sowjetunion vorgeschla-
       gene Rüstungsbegrenzung  und überhaupt, daß es schließlich zu der
       totalen Abrüstung  kommen möge. Was wäre, wenn z.B. die aufgewen-
       deten Rüstungsbilliarden  der Entwicklung  des Weltgesundheitswe-
       sens zur  Verfügung gestellt werden könnten? Wieviel menschliches
       Leid könnte  dann auf  unserem Planeten  gemildert werden!  Mögen
       endlich  Vernunft,   Weisheit  und  Verantwortung  gegenüber  der
       Menschheit bei der Lösung dieser Schicksalsfragen den Sieg errin-
       gen.
       
       Schreiben von Prof. Dr. Alfred Kastler *), Universität Paris,
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       an Prof. Dr. Fritz Strassmann, Universität Mainz (Wortlaut)
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       Sehr geehrter Herr Kollege!
       Durch Bericht in französischen Zeitungen erfahre ich, daß 23 Wis-
       senschaftler ein Manifest gegen die Neutronen-Bombe unterzeichnet
       haben **).  Unter den  Unterzeichnern wird Ihr Name erwähnt. Wenn
       andere Unterschriften  erwünscht sind, möchte ich mich den Unter-
       zeichnern anschließen.
       Im Kampf gegen die Atomwaffen versuche ich in Frankreich mit mei-
       nen schwachen  Kräften (ich  bin über  75 Jahre  alt und leide an
       Herzschwäche) zu  tun, was  ich kann.  Es  wäre  wohl  gut,  wenn
       gleichgesinnte Kollegen mehr Fühlung hätten.
       Ich weiß, wieviel diese Dinge Max Born, dem ich eine große Vereh-
       rung bewahre,  am Herzen  lagen. Ich erinnere mich, daß wir uns -
       es mag wohl 30 Jahre her sein - begegneten.
       Ihr ergebener Alfred Kastler
       
       _____
       *) Prof. Dr.  Alfred Kastler  ist Nobelpreisträger für Physik. D.
       Red.
       **) Offenbar mißverständliche  Berichterstattung über die in Heft
       8/1977 dieser  Zeitschrift veröffentlichte  "Blätter"-Umfrage zur
       Neutronen-Bombe. D. Red.
       
       Erklärung des Bundes demokratischer Wissenschaftler (BdWi)
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       zum 1. September 1977 (Wortlaut)
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       Anläßlich des  Anti-Kriegstags am  1. September  1977, der an den
       faschistischen Überfall  auf Polen am 1. September 1939 - den Be-
       ginn des  Zweiten Weltkriegs  - erinnern soll, und unter dem Ein-
       druck der  erneuten Eskalation des Wettrüstens durch die geplante
       serienmäßige Herstellung der Neutronen-Bombe erklärt der Bund de-
       mokratischer Wissenschaftler:
       Die angekündigte Entscheidung der Regierung der USA, ihre Streit-
       kräfte mit  der Neutronen-Bombe  auszurüsten, fordert  alle  Men-
       schen, die  an einer  Fortsetzung der  Entspannungspolitik und an
       einer dauerhaften  Friedenssicherung interessiert  sind, zu  ent-
       schiedenem Protest heraus.
       Der Friedenswille der Völker und zum Teil auch die Furcht vor den
       unabsehbaren Folgen  eines Einsatzes  von Atomwaffen  haben einen
       nuklearen Krieg bisher verhindert. Seit Ende der 50er Jahre bemü-
       hen sich  einflußreiche Kreise  der amerikanischen  Rüstungsindu-
       strie und  der militärischen Führung, dieses Risiko eines nuklea-
       ren Krieges  durch den Bau einer begrenzt wirksamen, kontrolliert
       einsetzbaren taktischen  Atomwaffe zu senken, um so Nuklearwaffen
       in ihre  Kriegsführungsstrategie einbeziehen zu können. Eine sol-
       che Waffe  ist mit der Neutronen-Bombe offensichtlich zur Serien-
       reife entwickelt.
       Diese Bombe  wird als  "sauber" propagiert. Ihre "Sauberkeit" be-
       steht darin,  daß bei  ihrer Zündung weniger langfristig wirkende
       radioaktive Strahlung frei wird, dafür aber mehr kurzfristig wir-
       kende Neutronen-Strahlung,  die nichtsdestoweniger tödlich wirkt.
       In der  gleichen Logik  wird diese  Waffe als "human" bezeichnet.
       Ihre "Humanität"  besteht darin,  daß sie  nur das  Leben  tötet,
       "Sachwerte" aber unbeschädigt läßt.
       Demgegenüber bleibt  festzustellen: Die  Neutronen-Bombe ist eine
       Nuklearwaffe mit  ungeheurer Zerstörungskraft. Gerade ihre angeb-
       liche "Einsetzbarkeit"  ohne das Risiko unabsehbaren Schadens be-
       deutet eine erhebliche Gefährdung des Weltfriedens und der inter-
       nationalen Entspannungspolitik.
       Nur der entschlossene Widerstand aller human denkenden und fried-
       liebenden Menschen  kann diese Einführung eines begrenzten atoma-
       ren Krieges in den Bereich der Möglichkeiten verhindern.
       Die Neutronen-Bombe  fordert besonders  auch die  Wissenschaftler
       unseres Landes zum Protest heraus. Denn die Wissenschaftler haben
       im Dienste  der Menschheit tätig zu sein, sie sind der Menschheit
       verpflichtet. Nur dies kann Verantwortung der Wissenschaft bedeu-
       ten.
       Der Bund  demokratischer  Wissenschaftler  fordert  alle  Wissen-
       schaftler in unserem Lande auf, gegen den Bau der Neutronen-Bombe
       zu protestieren und das Zusammenwirken mit einer breiten interna-
       tionalen Protestbewegung zu suchen.
       

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