Quelle: Blätter 1977 Heft 11 (November)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUFRUF ZUM HOCHSCHULPOLITISCHEN KONGRESS DES BUNDES
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       DEMOKRATISCHER WISSENSCHAFTLER (BDWI): "GEGEN DIE
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       DIFFAMIERUNG DER HOCHSCHULEN UND DER KRITISCHEN INTELLIGENZ -
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       FÜR EINE EXPANSIVE, DEMOKRATISCHE UND SOZIALE
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       WISSENSCHAFTSPOLITIK" AM 25./26. NOVEMBER 1977 IN HAMBURG
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       (Wortlaut)
       
       Die gegenwärtige  tiefgreifende Krise  des öffentlichen Lebens in
       der Bundesrepublik und Westberlin prägt sich auch in Wissenschaft
       und Hochschule  aus: Knapp  zwei Jahre nach dem Inkrafttreten des
       Hochschulrahmengesetzes erscheint  die Lage  an  den  Hochschulen
       vielen auswegsloser  als je zuvor. Auf die drängenden Fragen nach
       dem Weg  von Hochschule  und Wissenschaft  in der Zukunft gilt es
       eine Antwort zu finden.
       Der Numerus clausus verschärft die soziale Selektion an den Hoch-
       schulen, verwehrt vielen Abiturienten den Zugang zum Studium oder
       drängt sie  auf Fachrichtungen  ab, die nicht ihren Neigungen und
       Fähigkeiten entsprechen  und in  denen sie  oft keine  berufliche
       Chance haben. Wenn die Abgewiesenen sich um eine Lehrstelle bemü-
       hen, gefährden  sie die Berufsausbildung von Haupt- und Realschü-
       lern und vergrößern die Jugendarbeitslosigkeit.
       In den  Hochschulen selbst sind durch eine Politik der finanziel-
       len Restriktionen  und  inhaltlichen  Reglementierung  Forschung,
       Lehre und  Lernen zunehmend  unter Druck  geraten.  Stellenstopp,
       Überlastquote, Überfüllung der Lehrveranstaltungen und wachsender
       Andrang zu  den Prüfungen  haben die  Forschungsmöglichkeiten der
       Hochschullehrer eingeengt.  Die Studienförderung  nach  dem  Bun-
       desausbildungsförderungsgesetz hinkt  hinter den  Notwendigkeiten
       her, zwingt  die Studierenden zu Nebentätigkeiten und beeinträch-
       tigt so  den Lernerfolg.  Regelstudienzeiten  ohne  vorhergehende
       wissenschaftsgerechte und  demokratische Studienreform  und  ohne
       ausreichende materielle  Absicherung des Studiums werden die Qua-
       lität des Studiums senken.
       Die durch  das Hochschulrahmengesetz  vorgeschriebenen Studienre-
       formkommissionen können  unter dem Übergewicht der Staatsbürokra-
       tie und  der Unternehmervertreter  lediglich eine  wissenschafts-
       fremde Gängelung der Studieninhalte bringen. Die Verfaßte Studen-
       tenschaft und  ihr Recht  auf freie  politische  Meinungsäußerung
       sind schwer bedroht. Berufs- und Theorieverbote engen in wachsen-
       dem Maße  die Wissenschaftsfreiheit  ein. Erstmals  seit Bestehen
       der Bundesrepublik  gibt es  eine zunehmende Arbeitslosigkeit von
       Wissenschaftlern. Der  wissenschaftliche Nachwuchs kann seine Fä-
       higkeiten nicht  mehr in  Forschung und Lehre einbringen. Für die
       Hochschulabsolventen nahezu  aller Disziplinen  verengt sich  die
       berufliche Perspektive  immer mehr.  Dies erzeugt bereits im Stu-
       dium selbst eine Atmosphäre der Angst und Resignation.
       Weiterer schwerer Schaden entsteht den Hochschulen durch die Dif-
       famierungskampagne  einflußreicher   Rechtskräfte,  die  sie  als
       "Brutstätten des  Terrors" bezeichnen. Damit sollen Wissenschaft-
       ler und Studierende an der Vertretung ihrer Interessen und im der
       Entfaltung ihrer Erkenntnismöglichkeiten gehindert werden.
       Wissenschaft ist eine der Grundlagen jeder modernen Gesellschaft.
       Ihre Gefährdung  und Zerstörung  - zum Beispiel durch die Stille-
       gung naturwissenschaftlicher  Ausbildungsplätze und die Liquidie-
       rung geistes-  und gesellschaftswissenschaftlicher Fachbereiche -
       beeinträchtigt das Lebensniveau der ganzen Bevölkerung. Nur durch
       eine entscheidende Wende in der Wissenschafts- und Hochschulpoli-
       tik können die wissenschaftlichen Potenzen bereitgestellt und ge-
       fördert werden, die unsere Gesellschaft in den nächsten Jahrzehn-
       ten zur Bewältigung ihrer Probleme benötigt.
       Der Problemdruck,  der in den vergangenen Jahren an den Hochschu-
       len entstanden  ist, kann  nicht durch Selbstbescheidung der Wis-
       senschaftler und  der Studierenden  beseitigt  werden.  Selbstbe-
       scheidung löst  keine Probleme  - nicht an den Hochschulen, nicht
       im Öffentlichen Dienst und nicht im Tarifkampf. Mit Recht hat der
       letzte Bundeskongreß  der  IG  Metall  die  35-Stunden-Woche  bei
       vollem Lohnausgleich  gefordert, mit  Recht fordern  die  Beamten
       mehr Planstellen  im Öffentlichen  Dienst. Für  die Qualität  von
       Forschung, Lehre  und Studium  gilt das  gleiche wie  für die Ar-
       beits- und Lebensbedingungen andernorts: Hier darf nicht verzich-
       tet, hier  muß gefordert werden. Neue Arbeitsplätze im Hochschul-
       bereich verbessern die Ausbildung, ermöglichen mehr Forschung und
       tragen zugleich zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bei. Die Bun-
       desrepublik ist  ein reiches  Land. Die  gegenwärtige Misere  des
       Bildungswesens ist  nicht Folge von Armut, sondern von verfehlter
       politischer Prioritätensetzung.
       Eine Umorientierung der öffentlichen Haushalte zugunsten des Bil-
       dungsbereichs ist  dringend notwendig.  Das Hochschulrahmengesetz
       hat sich  bereits jetzt  als Fehlschlag erwiesen, seine Umsetzung
       in den Landeshochschulgesetzen kann die Lage nur noch verschärfen
       und muß  deshalb unterbleiben.  Der Politik der Berufsverbote und
       der Reglementierung wissenschaftlicher Arbeit muß ein Ende berei-
       tet werden.  Die Diffamierung  der Hochschulen und der kritischen
       Intelligenz muß  auf den entschlossenen Widerstand aller Demokra-
       ten stoßen.  Die Verfaßte Studentenschaft ist ein unverzichtbarer
       Bestandteil demokratischer  Interessenvertretung an den Hochschu-
       len.
       Wer diese  Ziele erreichen  will, kann  sich nicht  mit  passiver
       Hoffnung auf eine Änderung der Politik von Regierungen und Parla-
       menten begnügen.  Lehrende und  Lernende,  alle  Angehörigen  der
       Hochschule müssen  die Öffentlichkeit  und die Regierenden selbst
       massiv auf  die Probleme  der Wissenschaft und ihre Bedeutung für
       die Gesellschaft  hinweisen und sie mit ihren eigenen Lösungsvor-
       schlägen konfrontieren.  Dies setzt gemeinsame Beratung und Eini-
       gung voraus.
       Der Bund  demokratischer Wissenschaftler  lädt deshalb  zu seinem
       Hochschulpolitischen Kongreß  am 25./26.  November 1977 nach Ham-
       burg ein.  Hier soll die gegenwärtige Lage an den Hochschulen be-
       raten und sollen Aktionsmöglichkeiten diskutiert werden.
       Der Kongreß soll ein Beitrag zum gemeinsamen Kampf der Studenten-
       bewegung, die  ab November  nationale Streikaktionen  durchführt,
       und der  demokratischen Wissenschaftler  sein. Alle Wissenschaft-
       ler, Gewerkschafter  und Studenten,  die diese Zusammenarbeit für
       eine Notwendigkeit halten, sind zum Kongreß eingeladen.
       Anmeldungen können  an die  Geschäftsstelle des Bundes demokrati-
       scher Wissenschaftler  e.V., Postfach  1162, 3550 Marburg/Lahn 1,
       gerichtet werden. Spenden zur Abdeckung von Sonderausgaben können
       auf das Konto Nr. 462 bei der Marburger Volksbank überwiesen wer-
       den.
       

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