Quelle: Blätter 1977 Heft 12 (Dezember)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG DES BUNDES DEMOKRATISCHER WISSENSCHAFTLER (BDWI)
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       VOM 22. OKTOBER 1977: GEGEN EINSCHÜCHTERUNGEN UND PROVOKATIONEN
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       (Wortlaut)
       
       Der Bund  demokratischer Wissenschaftler  (BdWi)  verurteilt  die
       Diffamierungskampagne, der im Zusammenhang mit den Mordanschlägen
       auf Siegfried  Buback, Jürgen  Ponto  und  Hanns-Martin  Schleyer
       zahlreiche Schriftsteller  und  Intellektuelle  ausgesetzt  sind.
       Wissenschaftler und Künstler, die seit Jahrzehnten durch ihre be-
       rufliche Arbeit  und ihre  politischen Stellungnahmen  sich große
       Verdienste im Kampf um den Ausbau des demokratischen und sozialen
       Rechtsstaats erworben  haben, die  gegen Atombewaffnung  und Not-
       standsgesetze, den  Vietnamkrieg und  für Frieden und Entspannung
       gekämpft haben, werden nun in die Nähe terroristischer Verbrechen
       gerückt, welche  mit der  demokratischen Bewegung  unseres Landes
       nichts gemeinsam haben. Die historische Erfahrung zeigt: Immer in
       der Geschichte  des bürgerlichen  Deutschland dienten terroristi-
       sche Attentate  objektiv den  Interessen der fortschrittsfeindli-
       chen Kräfte und waren oft genug auch subjektiv mit diesen verbun-
       den.  Die  Verurteilung  der  Anschläge  auf  Buback,  Ponto  und
       Schleyer entspricht allen Grundsätzen und Interessen der demokra-
       tischen Bewegung.
       Die gegenwärtige  Kampagne gegen Schriftsteller und Wissenschaft-
       ler hat den Zweck, engagierte Demokraten zu isolieren und mundtot
       zu machen.  Sie ist Teil einer Politik, zu deren schlimmsten Pro-
       dukten das  Berufsverbot gehört. Die historische Erfahrung zeigt:
       Vom Mord  des Studenten Sand an Kotzebue über die Attentate Nobi-
       lings und Hödels gegen Wilhelm I., den Reichstagsbrand bis zu den
       Anschlägen auf  Buback, Ponto  und Schleyer bildeten die Aktionen
       gewöhnlicher Verbrecher  und Desperados den Anlaß für die Aufhet-
       zung großer Volksmassen gegen Minderheiten und für staatliche Re-
       pression. Von  dieser Entwicklung  sind gegenwärtig auch die Uni-
       versitäten bedroht.  In einem Moment, in dem diese durch Theorie-
       verbote und  finanzielle Austrocknung  in der  Wahrnehmung  ihrer
       Aufgaben empfindlich  behindert sind,  werden  sie  zugleich  als
       "Brutstätten des Terrors" diffamiert. Dies richtet sich gegen die
       unmittelbaren Interessen  aller, die  an den Hochschulen arbeiten
       und die  Ziele und  Verheißungen der Reformperiode nach 1969 noch
       nicht vergessen  und aufgegeben  haben. Die  Verschlechterung der
       Arbeits- und Lebensbedingungen der Hochschulangehörigen sowie die
       drohende Arbeitslosigkeit  für die  Absolventen von Universitäten
       und Fachhochschulen  machen einen  entschlossenen Kampf  für eine
       Umorientierung der  Sozial-, Wirtschafts- und Bildungspolitik um-
       abdingbar. Die  Terroraktionen von Kriminellen richten sich gegen
       diesen Kampf  und die Interessen, die mit ihm durchgesetzt werden
       sollen, ebenso  wie die gegenwärtige Diffamierung von Intellektu-
       ellen. Der  Terrorismus und  die durch  ihn ausgelösten Hysterie-
       Kampagnen gehören  gleichermaßen zur  Politik der Rechtskräfte in
       der Bundesrepublik. Sie betreffen die demokratische Bewegung, in-
       dem sie deren Kampf behindern.
       Der Bund  demokratischer Wissenschaftler versichert die Angegrif-
       fenen -  unter ihnen  Heinrich Böll,  Helmut  Gollwitzer,  Heinar
       Kipphardt, Luise  Rinser, aber  auch viele Unbekannte, Lehrer und
       Wissenschaftler, die  jetzt in  ihrer täglichen Arbeit durch Ein-
       schränkungen der Meinungsfreiheit behindert werden - seiner Soli-
       darität. Er  ruft alle Wissenschaftler auf, sich nicht einschüch-
       tern zu lassen. Das Aufkommen einer neuen Rechtsbewegung, der Ab-
       bau demokratischer Rechte, die Misere der Hochschulen, die neuer-
       liche Gefährdung  des Friedens durch die Neutronen-Bombe, die Ir-
       rationalitäten der  offiziellen Umwelt-  und Energiepolitik:  sie
       verlangen das  Engagement jedes  Demokraten  und  die  umfassende
       Wahrnehmung des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Niemand sollte
       sich in  der Ausübung  dieses Rechtes einschüchtern, niemand aber
       auch sich  durch Provokationen  auf Kampfplätze abdrängen lassen,
       auf denen gegenwärtig nicht die zentralen Fragen der Verteidigung
       und des  Ausbaus der Demokratie und des Friedens entschieden wer-
       den.
       Wir werden  uns an unserem Ort und Arbeitsplatz gegen die antide-
       mokratische Diffamierungskampagne zur Wehr setzen und tun dies in
       Übereinstimmung mit der aktiven Vertretung demokratischer und so-
       zialer Interessen durch Gewerkschaften und Studentenbewegung.
       

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