Quelle: Blätter 1978 Heft 01 (Januar)


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       Bücher
       
       NEUERSCHEINUNGEN / EINGESANDTE BÜCHER 01/78
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       Eric J.  Hobsbawm, Revolution und Revolte. Aufsätze zum Kommunis-
       mus, Anarchismus und Umsturz im 20. Jahrhundert, Suhrkamp Verlag,
       Frankfurt/M. 1977,  381 S.,  24,- DM. Der international bekannte,
       in London  lehrende marxistische  Sozialhistoriker hat  hier eine
       nach Sachgebieten  gegliederte Aufsatzsammlung  vorgelegt, die um
       die Frage  nach den  sozialen Voraussetzungen moderner revolutio-
       närer Bewegungen  kreist. Er  behandelt historische Probleme ver-
       schiedener nationaler  Arbeiterbewegungen und Revolutionsprozesse
       und theoretische  Probleme des  Marxismus und der Revolution. Ge-
       rade in  der gegenwärtig erzeugten Hysterie können diese Aufsätze
       dazu beitragen,  das Revolutionsproblem  sachlicher und d.h. auch
       sachkundiger zu diskutieren.
       
       Revolution und  Revolutionen, hrsg.  von E.-A. Roloff. Politische
       Didaktik. Vierteljahresschrift  für Theorie und Praxis des Unter-
       richts 1,  Metzler Verlag,  Stuttgart 1977,  99 S.,  10,- DM - In
       Heft 1  dieser neuen Vierteljahresschrift behandeln Göttinger Po-
       litologen historische und didaktische Aspekte des Revolutionspro-
       blems am  Beispiel bürgerlicher wie sozialistischer Revolutionen.
       Betont wird  die Notwendigkeit  des Revolutionsbegriffs  zum Ver-
       ständnis gesellschaftlicher  Prozesse und  zugleich seine Tabuie-
       rung durch  die Herrschenden.  Insoweit sei  die Lage der politi-
       schen Bildung  "zu allen  Zeiten und in allen Systemen" die glei-
       che. Da  hier abgesehen  wird von  den inhaltlichen Unterschieden
       zwischen  den   verschiedenen  Systemen,   ist  diese  formal  so
       "kritische" Haltung  in Gefahr,  unverbindlich zu  bleiben -  was
       sachgerechte Darstellungen und Urteile über das ferne China nicht
       ausschließt, zumal dieses ja auch offiziell hoch im Kurs steht.
       
       Walter Kendall, Gewerkschaften in Europa, Hoffmann und Campe Ver-
       lag, Hamburg 1977, 437 S., 32,- DM. - Der Oxforder Historiker un-
       tersucht die Entwicklung der Gewerkschaften in sechs europäischen
       Ländern (Belgien,  Deutschland, Frankreich,  Großbritannien, Ita-
       lien und  Holland) seit ihren Anfängen. Es gelingt ein informati-
       ver Überblick, der allerdings mit manchen pauschalen und falschen
       Urteilen durchsetzt  ist, besonders  dann, wenn  er sich  mit der
       kommunistischen Arbeiterbewegung  befaßt. (So  erscheint z.B. die
       KPD als  der eigentlich  Schuldige bei der Errichtung der faschi-
       stischen Diktatur, obwohl an anderer Stelle betont wird, daß "die
       deutsche Unternehmerklasse... Hitler zur Macht verholfen hatte".)
       
       U. Borsdorf  / H.O.  Hemmer /  M. Martiny (Hrsg.), Grundlagen der
       Einheitsgewerkschaft. Historische  Dokumente und Materialien. Mit
       einem Vorwort von Heinz Oskar Vetter, Europäische Verlagsanstalt,
       Köln, Frankfurt/M.  1977, 336 S., 24,80 DM. - Drei jüngere Histo-
       riker, die  der Gewerkschaftsbewegung  verbunden sind, haben etwa
       50 Quellentexte  zusammengetragen und  kurz kommentiert,  die von
       der Zeit  Lassalles und  Bebels bis  zur Gründung der Einheitsge-
       werkschaft, des DGB (1949), reichen. Vetter betont in seinem Vor-
       wort die  Notwendigkeit des Kampfes gegen "die entsolidarisieren-
       den Tendenzen der neuen Mitbestimmungsregelung und die Überlegun-
       gen zur  Lähmung der  Gewerkschaften durch gesetzliche Auflagen".
       Ein nützliches und informatives Buch.
       
       U. Engelen-Kefer,  Beschäftigungspolitik. Eine problemorientierte
       Einführung mit einem Kompendium beschäftigungspolitischer Fachbe-
       griffe, Bund-Verlag,  Köln 1976,  365 S.,  32,- DM. - Eine an den
       Interessen der  Lohnabhängigen orientierte  Untersuchung über Ar-
       beitslosigkeit und die Möglichkeiten ihrer Überwindung. Gegenüber
       den bisherigen  unzureichenden Konzepten  wird eine  "integrierte
       Beschäftigungspolitik" verlangt, deren Grundlagen ein "relatives"
       Recht auf  Arbeit, ein Vollbeschäftigungsgesetz, ein Sachverstän-
       digengremium für  die Beschäftigung und die überbetriebliche Mit-
       bestimmung sein  sollen. Die Autorin hat Zweifel, ob die uneinge-
       schränktc Forderung  nach dem Recht auf Arbeit und die damit ver-
       bundene  Bildungs-,   Berufs-  und  Arbeitsplatzlenkung  mit  der
       "Garantie der  Berufs- und  Arbeitsplatzwahlfreiheit nach  Art. 2
       und 12  GG" vereinbar sei. Da ist sie wohl der herrschenden Ideo-
       logie partiell  auf den  Leim gegangen.  Inzwischen hat  sich die
       Diskussion in  den Gewerkschaften  hier wesentlich weiter entwic-
       kelt, wie z.B. der letzte Kongreß der IG Metall und dessen Forde-
       rung nach Recht auf Arbeit ohne Wenn und Aber deutlich zeigt.
       
       W. Schlenker, Das "Kulturelle Erbe" in der DDR. Gesellschaftliche
       Entwicklung und  Kulturpolitik 1945-1965,  Metzler Verlag, Stutt-
       gart 1977, 260 S., 36,- DM. - Ein im Prinzip begrüßenswerter Ver-
       such, die  kulturpolitische Entwicklung  der DDR  als Moment  der
       Entwicklung der  Gesamtgesellschaft zu  verstehen. Es wird reich-
       haltiges Material aufgearbeitet, doch gelingt dem Autor keine zu-
       treffende Interpretation, weil er die Marxsche Geschichtstheorie,
       die er als Maßstab anlegt, mißverstanden und weil er keinen rech-
       ten Begriff von den realen Schwierigkeiten der Umgestaltung einer
       Gesellschaft hat.  So konstatiert er "das Scheitern der kulturre-
       volutionären Strömungen  und die  Entwicklung einer revisionisti-
       schen Kulturtheorie".
       
       F. Neumann (Hrsg.), Handbuch politischer Theorien und Ideologien,
       Rowohlt Taschenbuch  Verlag, Reinbek  1977, 561 S., 8,80 DM. Eine
       Gruppe  jüngerer   fortschrittlicher  Sozialwissenschaftler,  die
       größtenteils an  der Universität  Gießen arbeiten, haben in zwölf
       Artikeln versucht, die wichtigsten politischen Theorien und Ideo-
       logien der  Gegenwart samt ihrer Genese und ihrer praktischen Be-
       deutung darzustellen.  Jedem Artikel  folgen kommentierte Litera-
       turhinweise. Zwar  gäbe es gegenüber der Gesamtkonzeption wie ge-
       genüber einzelnen  Thesen allerlei  einzuwenden. (So wird die ge-
       samte Geschichte  der deutschen Sozialdemokratie unter dem Stich-
       wort "Demokratischer  Sozialismus" abgehandelt;  Marxismus, Leni-
       nismus, Trotzkismus  und Stalinismus  werden in  je verschiedenen
       Kapiteln dargestellt  ebenso  wie  Liberalismus,  Demokratie  und
       Kapitalismus, wodurch  der innere  Zusammenhang dieser Strömungen
       trotz mancher  Querverweise schwer  erkennbar und  ihr Bezug  zur
       antagonistischen Grundstruktur  der kapitalistischen Gesellschaft
       schwer durchschaubar  wird.) Dennoch handelt es sich insgesamt um
       ein informatives und empfehlenswertes Buch.
       
       K. Sontheimer  / H.H.  Röhring (Hrsg.),  Handbuch des politischen
       Systems  der   Bundesrepublik  Deutschland,  Piper  Verlag,  Mün-
       chen/Zürich 1977,  761 S., 38,- DM. - Das Buch ist hervorgegangen
       aus dem "Handbuch des deutschen Parlamentarismus" (vgl. dazu "So-
       zialwissenschaftliche Nachschlagwerke",  in: "Blätter",  3/1974).
       Es behandelt  nun das  politische System  der BRD als Ganzes. Das
       politische Spektrum der Autoren reicht von gemäßigt konservativen
       bis zu  gemäßigt linkssozialdemokratischen  Positionen. Auch  die
       Literaturhinweise  sind   im  wesentlichen  auf  dieses  Spektrum
       beschränkt. Dementsprechend  gibt es  z.B.  kein  "Berufsverbot",
       sondern nur einen "Radikalenerlaß", der vorsichtig kritisiert und
       dessen Kritik  im In-  und Ausland  erwähnt wird.  Unter "Radika-
       lismus" wird  schlicht  das  übernommen,  was  die  Berichte  des
       Verfassungsschutzes dazu  aussagen. Im  Vergleich mit den übrigen
       Nachschlagewerken unserer  Politikwissenschaft  schneidet  dieses
       sehr sorgfältig  gearbeitete Buch allerdings immer noch recht gut
       ab.
       
       Abendroth-Forum. Marburger  Gespräche aus  Anlaß des 70. Geburts-
       tags von  Wolfgang Abendroth, hrsg. von F. Deppe u.a., Schriften-
       reihe für  Sozialgeschichte und  Arbeiterbewegung, Bd.  6, Verlag
       Arbeiterbewegung und Gesellschaftswissenschaft, Marburg 1977. 433
       S., 28,- DM.
       
       Abendroth u.a., Der Kampf um das Grundgesetz. über die politische
       Bedeutung der  Verfassungsinterpretation, Referate und Diskussio-
       nen eines  Kolloquiums aus Anlaß des 70. Geburtstags von Wolfgang
       Abendroth, hrsg.  von P.  Römer,  Syndikat  Verlag,  Frankfurt/M.
       1977, 265  S.  -  Anläßlich  des  70.  Geburtstags  von  Wolfgang
       Abendroth fand  im Sommer  1976 in  Marburg eine Reihe von Kollo-
       quien statt,  die sich  mit den  wichtigsten Arbeitsgebieten  von
       Wolfgang Abendroth befaßten: Arbeiterbewegung, Faschismus und Wi-
       derstand, Staatstheorie,  Gesellschaftstheorie und Verfassungsin-
       terpretation. Es  nahmen  jeweils  etwa  10-12  angesehene  fort-
       schrittliche Wissenschaftler  hauptsächlich aus  der  Bundesrepu-
       blik, in  einigen Fällen  auch aus der DDR, den Niederlanden usw.
       teil. Vier  dieser fünf  Kolloquien sind  in dem  neuen Marburger
       Verlag Arbeiterbewegung und Gesellschaftswissenschaft erschienen;
       das fünfte  über Verfassungsinterpretation  erschien gesondert im
       Syndikat Verlag. R.K.
       
       Rolf Niemann, Von Rhodesien zu Zimbabwe. Emanzipation der Afrika-
       ner durch  Guerillakampf oder Verfassungskonferenz, Verlag Haag &
       Herchen, Frankfurt/M.  1977, 329 S., 19,80 DM. - Informative Dar-
       stellung des schwarzen Widerstands gegen das Smith-Regime in Rho-
       desien unter besonderer Berücksichtigung kirchlicher Organisatio-
       nen.
       
       Heinz-Dietrich Ortlieb/Arnt  Spandau (Hrsg.),  Südafrika. Revolu-
       tion oder Evolution?, Verlag Weltarchiv, Hamburg 1977 (Veröffent-
       lichung des  HWWA-Instituts für  Wirtschaftsforschung - Hamburg),
       324 S., 14,80 DM. - Eine Beschwichtigungs-Broschüre, die Südafri-
       ka aus der "Strafecke der Weltmeinung" herausholen möchte. Public
       Relations interessierter Kreise?
       
       Ludger Reuke,  Befreier und  Erlöser? Militär  und Entwicklung in
       Ghana,  Verlag   Neue  Gesellschaft,   Bonn-Bad  Godesberg   1976
       (Schriftenreihe des Forschungsinstituts der Friedrich-Ebert-Stif-
       tung, Bd. 124), 215 S., 32,- DM.
       
       Monika Medick, Waffenexporte und auswärtige Politik der Vereinig-
       ten Staaten.  Gesellschaftliche Interessen  und  politische  Ent-
       scheidungen, Verlag Anton Hain, Meisenheim 1977, 249 S., 45,- DM.
       - Diese  empirisch gesättigte  Studie aus der Hessischen Stiftung
       für Friedens-  und  Konfliktforschung  sucht,  den  inner-gesell-
       schaftlichen Entscheidungsstrukturen für die Außenpolitik am Bei-
       spiel der  US-Rüstungsexport-Politik auf  die Spur  zu kommen. In
       dem abgewogenen Resümee verweist die Autorin auf die Defizite der
       demokratisch kontrollierten Außenpolitik der USA.
       
       Rainer-Olaf Schultze,  Politik und Gesellschaft in Kanada, Verlag
       Anton Hain, Meisenheim 1977 (Transfines, Bd. 2), 637 S., 98,- DM.
       Eine gründliche  Einführung in  das politische und soziale System
       eines Landes,  dessen weltpolitische  Bedeutung oft  unterschätzt
       wird. Weil  es kaum  deutschsprachige Literatur  zu diesem  Thema
       gibt: so etwas wie eine Pionierleistung.
       
       Peter C. Ludz, Die DDR zwischen Ost und West. Politische Analysen
       von 1961  bis 1976,  Verlag C.H.  Beck, München  1977  (Beck'sche
       Schwarze Reihe, Bd. 154), 367 S., 19,80 DM. - Anthologie mit Auf-
       sätzen  des   bekannten   DDRologen   und   Hauptverfassers   der
       "Materialien zum Bericht der Bundesregierung zur Lage der Nation"
       1971-1974. Ludz  gehört sicherlich  zu den  scharfsinnigsten  der
       westlichen Kritiker  der DDR,  so daß  seine Arbeiten eine einge-
       hende Auseinandersetzung immer wert sind.
       
       Oskar Weggel,  Die Außenpolitik  der VR China, W. Kohlhammer Ver-
       lag, Stuttgart  1977, 172  S., 25,-  DM. - Der China-Referent des
       Instituts für  Asienkunde in  Hamburg hat hier eine in den Frage-
       stellungen etwas  unterentwickelte, gut lesbare Studie zur Außen-
       politik der  infolge der  Führungskämpfe in  der Tat  schwer ein-
       schätzbaren VR  China vorgelegt.  Besonders viel  kann man  damit
       aber nicht anfangen.
       
       Carola Bielfeldt,  Rüstungsausgaben und  Staatsinterventionismus.
       Das Beispiel  der Bundesrepublik  Deutschland  1950-1971,  Campus
       Verlag, Frankfurt/M.  und New  York 1977, 293 S., 44,- DM. - Eine
       datenreiche Untersuchung  zur Rüstungsökonomie,  von der neue Im-
       pulse für  die etwas festgefahrene theoretische Diskussion ausge-
       hen werden.
       
       A.M. Woinow/W.J.  Iochin/L.A. Rodina, Wirtschaftsbeziehungen zwi-
       schen  sozialistischen   und  kapitalistischen   Ländern,  Verlag
       "Marxistische Blätter", Frankfurt/M. 1977, 137 S., 6,- DM.
       
       Jürgen Nitz,  Probleme der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Sozia-
       lismus und Kapitalismus, hrsg. v. Institut für Internationale Po-
       litik und  Wirtschaft der DDR; Staatsverlag der DDR, Berlin (DDR)
       1977 ("Forschungsheft"  2/1977 des  IPW), 142 S., 3,- Mark. - Die
       wirtschaftlichen Beziehungen zwischen sozialistischen und kapita-
       listischen Ländern  in Europa auszubauen, hat u.a. die Schlußakte
       der KSZE  nachdrücklich empfohlen.  Die Steigerungsraten des Ost-
       West-Handels in  den letzten  Jahren waren  auch beachtlich,  und
       dennoch gibt  es eine nicht zu unterschätzende Zahl von Problemen
       praktischer und  theoretischer Art,  die eine  rasche  Ausweitung
       dieses Wirtschaftsverkehrs  hemmen. Die beiden Untersuchungen der
       sowjetischen bzw.  ostdeutschen Autoren  versuchen, Tendenzen und
       Methoden des Ost-West-Handels und seiner verschiedenen Sparten zu
       beschreiben und  zu diskutieren.  Wenn sie  auch keineswegs  alle
       Probleme lösen  können, so  bieten sie  doch eine lehrreiche Lek-
       türe.
       

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