Quelle: Blätter 1978 Heft 03 (März)


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       Bücher
       
       NACH-LESE
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       Romane über die Studentenbewegung
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       Gerd Fuchs, Beringer und die lange Wut. Roman. Autorenedition, C.
       Bertelsmann Verlag, München/Gütersloh/Wien 1973, 296 S., 20,- DM.
       Ebenfalls erschienen  als Taschenbuchausgabe  bei rororo, Reinbek
       1976. 6,80 DM.
       
       Roland Lang,  Ein Hai  in der  Suppe oder  Das Glück  des Philipp
       Ronge. Roman,  Autorenedition,  C  Bertelsmann  Verlag,  München/
       Gütersloh/Wien 1975, 191 S., 19,- DM.
       
       Uwe Timm,  Heißer Sommer.  Roman, Autorenedition,  C. Bertelsmann
       Verlag, München  1974, 311  S., 19,- DM. Ebenfalls erschienen als
       Taschenbuchausgabe bei  rororo, Reinbek  1977, 5,80  DM.  (Zitate
       nach der Taschenbuchausgabe!)
       
       Otto F.  Walter, Die Verwilderung. Roman, Rowohlt Verlag, Reinbek
       1977, 278 S., 26,- DM.
       
       Wir kommen.  Literatur aus der Studentenbewegung, Damnitz Verlag,
       München 1976, 177 S., 8,- DM.
       
       Weder hat die Studentenbewegung am 2. Juni 1967 um 22 Uhr vor der
       Deutschen Oper  in Berlin begonnen, noch hat sie bis heute aufge-
       hört. Auch war sie keine Protesthaltung, die ausschließlich Leute
       mit Abitur  einnahmen, und  schon gar  nicht eine rein politische
       Revolte, die  jemals den  Anspruch haben  konnte, die herrschende
       Ordnung aus  den Angeln zu heben - wenn auch Parolen wie "Kampf -
       Kritik - Umgestaltung" sich oft sehr zukunftzugewandt ausnahmen.
       Weniger die objektiven Kampfansagen der zornigen, sich sehr ernst
       nehmenden 60er-Generation gegen Repression, Autorität, Oligarchie
       und Monopolisierung  haben der  "Studentenbewegung" Leben  einge-
       haucht, als  vielmehr die  ganz subjektive  Verheißung, alle Wün-
       sche, Träume,  Sehnsüchte könnten wahr werden. Natürlich bedurfte
       es dazu  des Aufbegehrens  gegen politische Restriktion, Reaktion
       und vor  allem gegen  die kleinbürgerliche  Sexualmoral; doch war
       eine Hoffnung  geweckt, sich  das  Recht  auf  mehr  Glück,  mehr
       Menschlichkeit, mehr Freiheit gemeinsam nehmen zu können.
       Zwar wurde  die versuchte Nähe durch Fremdworte ausgedrückt, aber
       die Forderung nach Demokratisierung setzte sich bis in die Reihen
       der Polizeigewerkschaft  und des  Deutschen Katholikentags  fort,
       und die Kindergärtnerinnen auch außerhalb der Kinderläden wollten
       Kleinkinder nicht-repressiv zu Solidarität erziehen.
       Die Bewegung  schien etwas  in Gang gesetzt zu haben, dem Einhalt
       geboten werden  mußte. Zuerst  wurden die Studenten stigmatisiert
       ("Schaut euch diese Typen an"), dann nach und nach die Studenten-
       vertretungen abgeschafft,  schließlich wurde  die ganze  Bewegung
       als Wurzel des Terrorismus diffamiert. Dennoch zeigte die bundes-
       weite Streikbewegung  an den Universitäten im Herbst 1977, bewei-
       sen die  Initiativen gegen  Berufsverbote, daß  keine Ruhe einge-
       kehrt ist.
       Eine politische Karriere ergab sich nur für die, die geübt waren,
       Haken nach  rechts zu  schlagen; eine wissenschaftliche unter Um-
       ständen für  außerordentlich Brillante,  um die  man nicht  umhin
       konnte. Doch  diese Lebensläufe  sind nicht  repräsentativ. Viele
       der Geradlinigen werden nicht zum öffentlichen Dienst zugelassen,
       die Taktiker haben die neue Innerlichkeit entdeckt, die ganz Jun-
       gen verkünden  eine optimistische  Spontanität ("Was  lange gärt,
       wird endlich  Wut!"), wobei  dies alles dem Gehabe neugegründeter
       Parteien und Sekten zuwiderläuft.
       Grob lassen  sich heute  zwei Richtungen unterscheiden, die beide
       in den  zu besprechenden Büchern angelegt sind. Zum einen gibt es
       die (allerdings  vom Zahn  der Zeit gezeichnete) Wiedergeburt der
       Antiautoritären, deren  Zahl wächst. Ende Januar 1978 trafen sich
       in der  Technischen Universität  Berlin (TU) 20 000 auf der Reise
       nach "Tunix",  um eine alternative Kultur zu propagieren. Umwelt-
       schützer, Atomkraftgegner,  Feministinnen, Schwule, Anti-Psychia-
       trie-Engagierte, Freaks etc. bewiesen durch ihre massive Anwesen-
       heit eine nachdenkenswerte Orientierungslosigkeit. Positiv ausge-
       drückt, mögen  dies  Vaganten  sein  (von  Eichendorff  schon  im
       "Taugenichts" liebevoll gezeichnet), die eine Phase vorübergehen-
       der "Freiheit"  exzessiv auskosten, ehe sie brav ihrem Broterwerb
       nachgehen.
       Die andere  Fraktion mag  ebenso für  Umweltschutz, Frauenrechte,
       Aufhebung der  Diskriminierung von  Homosexuellen etc.  engagiert
       sein, doch  orientiert sie  sich an der Gewerkschafts- und Arbei-
       terbewegung, weil  sie den  Slogan der  Studentenbewegung "allein
       machen sie dich ein" nur hier vernünftig umsetzen kann.
       Alle bis auf einen (Walter) der hier vorgelegten Erlebnisberichte
       sind eindeutig  der zweiten  Position verbunden.  Doch diese ent-
       schiedene Haltung  steht erst  am Ende ganz persönlicher Entwick-
       lungen durch  die Studentenbewegung  hindurch, nach  dem Grundmu-
       ster: Aufbruch,  Hochstimmung, Ernüchterung  ohne Resignation Sie
       enden verblüffend  übereinstimmend "Jetzt  fängt es doch erst an"
       (Fuchs); "Es werden Spuren zu sehen sein, wart ab. Wir nützen die
       Tage immer besser" (Lang); "Aber wir machen doch weiter, du he! -
       wir machen doch weiter?" (Walter). Zwangsläufig gemeinsam ist ih-
       nen weiterhin das Vorführen alternativer Lebens- und Liebesformen
       in Kommunen,  Wohngemeinschaften oder  Kooperativen, umrankt  von
       linken Kneipen, Aktionen und immer wieder unterbrochen von endlo-
       sen Diskussionen.  Es sind  Bücher, die  weniger große  Literatur
       sein wollen  als ein  Stück gewesener Wirklichkeit zum Nach-lesen
       und Nach-denken anbieten. Die Autorenedition, in der immerhin die
       drei bekanntesten  Bücher erschienen  sind, warnt vorsorglich den
       stilistisch anspruchsvollen  Leser: "Nicht  die Schreibschwierig-
       keit des Autors angesichts einer widersprüchlichen Realität, son-
       dern die Realität selber ist das Thema."
       
       I
       
       Dies versöhnt  angesichts solcher  Sätze wie  z.B. bei  Lang: ...
       "Das Häuschen  des  Parkplatzwächters,  dessen  rote  Thermosfla-
       sche... wie ein phallisches Symbol aufragt." (S. 19) Noch schlim-
       mer wird  es, wenn  das Symbol  der Wirklichkeit  weicht:  "...Du
       Blüte im  Morgentau, du  Labsal der zehn Freuden, du Stern in der
       Nacht, du  Quell in der Wüste, ich werde mich aller Hüllen entle-
       digen, doch  zuvörderst laß mich am Brunnen deiner Lippen schlür-
       fen, der Kater braucht Milch..." (55) Niemand kann dem Autor vor-
       werfen, er  habe irgendwelche Hemmungen gehabt, persönliche Inti-
       mität aufs  Papier zu  bringen, höchstens  zu wenig ironische Di-
       stanz.
       Langs Philipp Ronge, Gebrauchsgrafiker, erlebt die Zeit in Karls-
       ruhe. "Die Studienreform ist doch nicht nur in Berlin akut" (17);
       "Feten sind  in Mode"  (37), und nach einer solchen mit anschlie-
       ßendem Schwimmen im Baggersee erfährt die Clique, daß Benno Ohne-
       sorg erschossen  worden ist.  "Der kunstsinnige Monarch ist nicht
       überrascht, daß  er seinen  westdeutschen Freunden neben der Zau-
       berflöte auch  ein Menschenleben wert ist." (40). Im SDS herrscht
       Betroffenheit, Wut - und Ratlosigkeit. "Man müßte theoretisch ar-
       beiten und Aktionen machen... Es kommt zu keinen Initiativen. Sie
       flüchten in die Sonne, um ihrer politischen Hilflosigkeit zu ent-
       gehen."  (41)  Der  Republikanische  Club  wird  gegründet.  "Man
       schnuppert Praxis." (65) Doch die erste Vietnam-Demonstration des
       Clubs findet ausgerechnet in Konkurrenz zum Karnevalsumzug statt,
       und die  Debatte, warum  die Parole "Bürger laßt das Feiern sein,
       kommt herbei  und reiht euch ein!" so wenig Anklang gefunden hat,
       ist schon fast peinlich.
       Zur Umwälzung  des  Privatlebens  wird  eine  Kommune  gegründet.
       "Castro-Thilo kommt:  Susi geht türenschlagend durchs Haus. Magda
       taucht für  zwei Tage  unter: Vorbeck  sitzt in seinem Zimmer und
       hört indische  Musik. In  der Küche beginnt sich das ungewaschene
       Geschirr zu  türmen. Abwaschplan  gibt es  noch keinen. Klopapier
       fehlt, niemand  kauft welches.  Eine Gemeinschaftskasse ist immer
       noch nicht eingerichtet." (88) Trotzdem werden sich die Kommunar-
       den immer  gern daran  erinnern, denn  das Chaos ist nur die eine
       Seite, die  Abende in  genüßlicher Stimmung  die andere: "... Den
       großen, weißen  Tisch, darauf  wohlriechende Schüsseln und Töpfe.
       Davor schmatzende  Leute, Gäste wie fast jeden Abend... mummelnde
       Gespräche, fettglänzende  Finger vom  Knochenabnagen... Ab und zu
       beginnt der  Brenner zu  fauchen, klingelt ein Glas, klappert ein
       Besteck, ratscht ein Streichholz. Das alles ist voll Atmosphäre."
       (106)
       Nichts von  alledem möchte  Philipp verdrängen,  aber Perspektive
       gibt es  nicht her.  Die Begegnung mit dem Altkommunisten Holler-
       bach erst  läßt ihn die Geschehnisse in ihren historischen Rahmen
       rücken und  eine Unterscheidung machen zwischen privater Ungeduld
       und politischer  Zähigkeit.  Die  Kommunarden  scheren  sich  die
       Haare,  unterbrechen   ihr  Studium   und  arbeiten  im  Betrieb.
       "Respektvoll leert  Philipp sein  Glas. Und wie läufts? Gut, sagt
       Thilo knapp.  Mit neugierigen  Gebrauchsgrafikern macht er kurzen
       Prozeß." (189)  Die Kommune  wird gekündigt  und ausgeräumt. "Die
       Zimmer in der Benwaldstraße sind leer, wir sind über Gerümpel und
       einige Irrtümer  weggestiegen. Wir  werden unsere  Möbel neu auf-
       stellen, wieder  mal, und jedes Mal verändern wir ein bißchen die
       Landschaft." (192)
       Roland Lang  beschreibt ein Stück persönliche Geschichte, das von
       einer fast  verwirrenden Anzahl  von Mitstreitern  geteilt  wird.
       Seine Ehrlichkeit  ist fast  rührend, so  daß er  - obwohl er auf
       jede Agitation  verzichtet -  doch wirbt: für die Überwindung von
       Isolation, für  das Zusammenrücken von allen, die etwas verändern
       wollen, seien  sie nun Buchhändler, Arbeiter, Stenotypistin, Stu-
       dent oder  Grafiker. Das  dieses nicht  im ersten  Wurf  gelingt,
       kreidet er  nicht abstrakt dem "System" an, sondern setzt auf die
       Stärke der konkreten Utopie, d.h. derer, die sie durchsetzen wol-
       len, so  daß nach  einem ersten Scheitern noch nichts entschieden
       ist, und schon gar nicht die Hoffnung zuende.
       
       II
       
       Der Held  von Gerd  Fuchs (Beringer) ist ebenfalls nicht Student,
       sondern Journalist,  Jahrgang 1935.  Schon deshalb fällt er nicht
       geschichtslos in die 60er Jahre, sondern begegnet ihnen zumindest
       aus der  Haltung eines  mehr oder weniger bewußten Antifaschisten
       heraus. Eine Reise in sein Jugenddorf zu seinen Eltern, deren er-
       stickende Kleinbürgerlichkeit,  die Begegnung mit einem Altkommu-
       nisten, diesmal mit Namen Kern, und die stabile Beziehung zu sei-
       ner Freundin Ruth, die wie er von den Früchten der Studentenbewe-
       gung gekostet hat, lassen ihn zum Sozialisten werden.
       Kern, dessen Frau aus irgendeinem Grunde stets eine Kittelschürze
       trägt,  wohnt  über  Beringer.  Er  hat  von  dreiunddreißig  bis
       sechsunddreißig  und   unter  Adenauer  von  sechsundfünfzig  bis
       achtundfünfzig im  Gefängnis gesessen.  Er ist  nicht dogmatisch,
       hält aber  nicht viel von Belehrungen seitens der "neuen Linken".
       "Das lasse  ich mir  vielleicht von einem Arbeiter sagen oder von
       einem Genossen,  aber nicht von euch." (67) Diese Art von Selbst-
       bewußtsein strahlt für Beringer eine andere Autorität aus als die
       von zu Hause aufgezwungene. Er klagt das patriarchalische Verhal-
       ten seines  Vaters nicht  an, macht sich über das neu geschaffene
       "Herrenzimmer" nicht lustig, befolgt willig alle Rituale, die zum
       Trinken einer  Flasche Wein dort unentbehrlich scheinen, aber der
       Aufenthalt bewirkt  eine fast psychoanalytische, kritische Rekon-
       struktion seines Gewordenseins.
       Er erinnert  sich, wie er um die Aufmerksamkeit seiner Eltern ge-
       kämpft hat.  "Beringer hatte  etwa drei  Meter hoch gesessen, und
       plötzlich sprang  er seiner  Mutter direkt vor die Füße. Er hatte
       vorgehabt, sich  die Beine zu brechen. Sie hatte ihn auch richtig
       verstanden: sie  verprügelte ihn auf der Stelle." (78) "Seine El-
       tern hatten nicht achtgegeben auf ihn. Er hatte sich Milch in den
       bereits ausgeschenkten  Kaffee gegossen,  doch statt das Kännchen
       mit Milch  abzusetzen, ...  goß er  immer weiter... Er wußte, daß
       die beiden ihn wenigstens jetzt ansehen würden." (79)
       "Zum amüsierten  Stolz seiner  Eltern" will sich der Prokuristen-
       sohn mit den Bauernkindern anfreunden. "Doch war es ihm nicht ge-
       lungen, sie davon abzubringen, ihn mit seinem Vatersnamen anzure-
       den. Er  dagegen nannte  sie Felix  und Peter  und Gisela. In der
       Schule war  es umgekehrt,  da sprach  ihn der Lehrer mit Karl an,
       die andern  dagegen mit  Weber und Strothmüller und Kleinschmitt.
       Doch war  der Unterschied  zwischen Felix  und ihm:  Felix  hatte
       einen Bauernhof  zum Spielen, während er einen Spielzeugbauernhof
       hatte." (91)
       Die Nachkriegszeit blitzt in Stichworten auf: Hamstern, Pferdegu-
       lasch, Magermilch. Die Verursacher dieses Elends erscheinen indi-
       rekt, als  er ein  Foto von  sich in Pimpfuniform betrachtet. Jo,
       seine Jugendliebe und das von ihr verursachte sexuelle Halbwissen
       erstehen wieder  bei einem Waldspaziergang. Der kathartische Pro-
       zeß kann  nicht zu Hause erfolgen bei einem Vater, der irgendwann
       den Schlüssel  zum Bücherschrank ostentativ stecken ließ, vor Bü-
       chern, die  Beringer natürlich  schon durchgestöbert  hatte, auch
       nicht bei  der geliebten  Mutter, die  ihr Selbstbewußtsein durch
       Frisörbesuche zu erhalten sucht. "Die Lust, von der eigenen Angst
       zu reden",  motivierten andere. "Die Seminare sollen denen zu eng
       sein, die Professoren zu blöd, die Eltern zu arm, die zukünftigen
       Professoren zu  mies, der  Kapitalismus zu kapitalistisch. Solche
       Musik hören, solche Kleider tragen, Hasch rauchen, streiken, aber
       der Schah  schreien, Johnson schreien, Vietnam schreien, Springer
       schreien. Orgasmusschwierigkeiten.  Die Weiber  von  denen  zogen
       sich die Blusen aus, und einer hieß tatsächlich Teufel." (160)
       Das ist  nachvollziehbar; glaubhaft, wie Distanz in Sympathie um-
       schlägt; konsequent, daß er sich die Haare wachsen läßt; in Frie-
       das linke  Kneipe geht  und von seinem Besuch im Dorf zu erzählen
       versucht. Und  Ruth, die  immer versteht,  wird neu entdeckt. Sie
       ist Sachbearbeiterin  bei einer  Bank und lädt zum erstenmal ihre
       Kollegen zu  Beringer ein.  "Jemand hatte  eine James-Last-Platte
       mitgebracht (jedenfalls  etwas Derartiges),  und zu  dieser Musik
       schoben sie  nun im Zimmer umher. Die Vorstellung davon hatte Be-
       ringer eine  Gänsehaut verursacht.  Der Vorgang selbst tat es er-
       staunlicherweise nicht.  Wenn er  ehrlich war, eigentlich nicht."
       (232)
       Vom Heiraten  wird nicht  gesprochen (alle  Freunde Ruths  hatten
       nicht vom  Heiraten gesprochen,  wohl von  der  Emanzipation  der
       Frau), sondern  erstmal vom Tapezieren. "Das neue Schreibtischge-
       fühl", das  durch die  Einrichtung eines Arbeitszimmers aufkeimt,
       hält zwar  nicht lange  an, aber  Beringer fragt sich, für wen er
       schreibt. Seine Interviews in den Neubaublocks würde er umschrei-
       ben müssen.  "Es hatte  sich bereits eine Bürgerinitiative gebil-
       det, erfuhr  Beringer. Ein Jugendfreizeitheim und mindestens zwei
       weitere Kindergärten  hieß die Forderung. Er sah plötzlich, wo er
       anschließen konnte." (270)
       An einem  Pressestand der  "UZ -  Unsere Zeit - Zeitung der Deut-
       schen Kommunistischen  Partei",  kaufte  er  eine  Zeitung,  "als
       entrichte er Eintrittsgeld", und unterschrieb eine Resolution für
       die Ratifizierung  der Verträge  von Moskau und Warschau. Man muß
       es ihm  glauben, daß er, der früher die Städte und damit die Woh-
       nungen und  so die  Mädchen hektisch gewechselt hatte, nun wußte,
       was zu tun war. "Neben Otto (von der DKP; J.M.) sitzend, lernend,
       was zu  tun war,  was in  dem Flugblatt stehen sollte, wer es ab-
       schreiben, abziehen,  verteilen würde, wie die Betriebszeitung es
       aufzugreifen habe,  wie die  Wohngebietszeitung, wie die nächsten
       Forderungen lauten  müßten,  wußte  er  plötzlich,  daß  er  Zeit
       hatte." (293)
       Fuchsens schön  und knapp geschriebenes Buch, das von Autobiogra-
       phischem zu  bersten scheint,  kann ein Beleg dafür sein, wie die
       Studentenbewegung Anstöße  zum Überprüfen  der eigenen  Situation
       liefern konnte, aber auch, wie wenig sie das Ganze durch das ganz
       Andere zu  ersetzen vermochte.  Über ihre Impulse ist ein Antifa-
       schist nicht  zum (Klein-)  Bürger, aber auch nicht zum desolaten
       Antiautoritären geworden,  sondern zum Sozialisten, der seine Ar-
       beit jetzt  bewußt einsetzt, nicht nur zum ausschließlich persön-
       lichen Erfolg,  sondern als  Anfang für  eine Zukunft, für die zu
       arbeiten es sich lohnt.
       
       III
       
       Blumer, die  Hauptperson von Walters "Verwilderung" ist Reporter.
       Mit Rob,  dem Mechaniker und Leni, der Studentin, will er in Jam-
       mers, Blumers Schweizer Heimatstadt, eine Produktions-Kooperative
       einrichten. Diese  Geschichte wird  durchbrochen  durch  parallel
       eingeschobene Belehrungen und Bekanntmachungen: Kalendergeschich-
       ten zum Zeitgeschehen; Nachrichten aus den Blocks, d.h. das übli-
       che Geschehen in Mietswohnungen; für Liebhaber von Theoretischem,
       das sind  Reflektionen über  die Kleinfamilie und deren Moral von
       Bachofen bis  Bornemann; und  schließlich "die  alte Geschichte",
       nämlich Gottfried  Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe. Wie be-
       kannt, endet diese Novelle mit dem Tod der Liebenden. "...und man
       nehme an,  die jungen Leute haben das Schiff entwendet, um darauf
       ihre verzweifelte und gottverlassene Hochzeit zu halten, abermals
       ein Zeichen von der um sich greifenden Entsittlichung und Verwil-
       derung der Leidenschaften."
       Durch Kellers  Sali und Vrenchen ist Rob und Lenis Schicksal vor-
       gegeben. Von  der aufgebrachten Bürgerwehr werden sie als Initia-
       toren der  Kooperative  erschossen.  Blumer  ist  bis  zu  diesem
       "Wahnsinn" dabei.  Vorher kündigt der von seinen Freundinnen ver-
       wöhnte Starreporter  seinen festen  Job. "Ich will mit Lebendigem
       zu tun  haben, will  drin sein,  ich hab  diese Papierwelt satt."
       (235) Als  freier Publizist  und nun  Marxist schwor  er "hinter-
       einander auf  die Macht  der Sponti-Bewegung,  dann auf Proudhon,
       auf die KPF, auf Trotzkij, auf Mao und die PCI." (239)
       Von Leni  aufgefordert ("Hier  gehört niemand  jemand. Küß mich")
       (116), schläft  er mit  ihr. "Eine  Spur von  Konkurrenz zu  Rob"
       stört zwar  das Erlebnis,  doch gehen  sie und  noch sechs andere
       daran, ihren Plan von der Kooperative zu verwirklichen. Aus einer
       Druckerei wird nichts, weil niemand drucken kann, so wird es eben
       eine Autoreparaturwerkstatt.  Gegen den "Namen dieser schönen fa-
       schistoiden schweizerischen Sondermischung aus Christentum, Frei-
       heit der Mächtigen und Liberalismus" (260) soll der Traum von ei-
       ner totalen  Veränderung wahr  werden. "Stell dir das doch einmal
       vor, zwei  oder drei  Clans hier  in der  Grube, und in der Stadt
       drüben oder  im Jura,  überall taten  sich Junge zusammen, produ-
       zierten zusammen, lebten zusammen, würden sich als Genossenschaf-
       ten tragen  gegenseitig, immer  mehr, ...  In alten  Wohnhäusern,
       stillgelegten  Bahnhöfen,  alten  Dampfschiffen,  heruntergewirt-
       schafteten kleinen  Fabriken, ... - eine neue Republik in der al-
       ten verkommenen,  bald wären  wir Tausende, Hunderttausende, alle
       lebten und  arbeiteten nach  ein paar solchen Grundsätzen wie wir
       hier, solidarisch  und ohne Besitzansprüche, eine vom Prinzip her
       andere, neue Gesellschaft." (246)
       Dieses vielleicht  sympathische, aber unrealistische "Wir-wollen-
       alles-und-zwar-jetzt-Gefühl" wurde  schon im  ersten  Anlauf  ge-
       bremst. Wahrscheinlich  mit voller Absicht ist dieses literarisch
       anspruchsvolle Buch  der auch  politisch verstiegendste  Versuch,
       Träume einzuklagen. Das abschließende "Wir machen weiter" hat auf
       jeden Fall einige Stufen tiefer anzusetzen.
       
       IV
       
       Eine subjektive Chronologie der Ereignisse, die wegen ihrer Voll-
       ständigkeit fast  strapaziös ist,  hat ohne  Zweifel Uwe Timm mit
       seinem "Heißen  Sommer" produziert.  Es beginnt ganz friedlich in
       München mit  einem Hölderlin-Referat, an dem Ullrich sich abmüht,
       - Gelegenheit  genug, den  alten Universitätsbetrieb  noch einmal
       vorzuführen: "Er  (der Professor,  J.M.) betritt den Seminarraum.
       Sogleich wird  es ruhig.  Während er nach vorn zu dem Tisch geht,
       klopfen alle.  Hinter ihm  geht sein  Assistent, hinter  dem geht
       seine wissenschaftliche Hilfskraft. Vorn am Tisch geht sein Assi-
       stent schnell  an ihm  vorbei und zieht den Stuhl unter dem Tisch
       hervor, auf den er sich setzt, ohne dabei den Assistenten anzuse-
       hen. Dann setzt sich der Assistent rechts und die wissenschaftli-
       che Hilfskraft links von ihm an den Tisch." (24)
       Ullrich geht  zum Weiterstudium nach Hamburg, begleitet von Chri-
       sta, Tochter aus höherem Haus Unterwegs machen sie bei seinen El-
       tern halt.  Beim Abendbrot  fragt sich  Ullrich, "ob sie über den
       Kalauer oder  seinen Vater  lachte, der diesen Kalauer erzählte".
       (71) In  Hamburg werden (nach dem 2. Juni) Vorlesungen gesprengt,
       wird der  Widerstand geprobt,  so daß  Ullrich sich an Albert den
       Kommunisten erinnert,  der gegen  die Faschisten Flugblätter ver-
       teilt hatte.  Die studentischen Aktionen verteidigt Ullrich trot-
       zig, weil  er jemanden, der nicht dazu gehört, auch nicht für ur-
       teilsfähig  erachtet.   Auch  das  Kommunegefühl  überkommt  ihn:
       "Renate sah  Ullrich an  und drückte seine Hand. Er zuckte leicht
       zusammen, aber  dann drückte  er ihre  Hand und lachte sie an. Es
       war ihm  egal, ob  sie jetzt auch Connys Hand drückte. Sie sollte
       warme Hände haben." (116)
       In Hamburg  lebt Ullrich  zum Entsetzen  seiner Familie  in einer
       Wohngemeinschaft, versucht sich in Anti-Springer-Demonstrationen,
       erkennt, daß Hasch die Lösung von nichts ist, und registriert im-
       mer noch  die Wirklichkeit. Als Kiesinger von allen Titelblättern
       lächelt, beschriftet  der anonyme  Spaßmacher Eiffe wieder einmal
       die U-Bahn-Schachte: "Eiffe sieht gut aus. Eiffe will Bundeskanz-
       ler werden."  (1265) In den Aktionszentren gegen Springer gibt es
       Fraktionskämpfe. "Es wird erwogen, Redaktionen und Druckereien zu
       stürmen. Die  Vertreter des antiautoritären Flügels, insbesondere
       Conny und  Peter sind dafür (eine Handvoll Sand in die Rotations-
       maschine und Bild erscheint nicht mehr). Die Vertreter des tradi-
       tionalistischen Flügels,  insbesondere Lister  sind dagegen. (Die
       Arbeiter haben  kein Verständnis dafür, daß man ihnen die Produk-
       tionsmittel versaut.  Man muß  mit der Arbeiterklasse zusammenar-
       beiten.)" (138)  Diesen Widerspruch  losen einige  scheinbar sehr
       glatt durch  Terrorismus, wie Conny, der immer mit von der Partie
       war und jetzt einen Revolver aus der Jackentasche zieht.
       Ullrich erinnert  sich an  Albert, Mitglied der KP, und an Peter-
       sen, die Halbwaise aus dem Arbeitermilieu. Petersen, von dem Ull-
       rich wußte, was er über Habermas dachte (ein bürgerlicher Wissen-
       schaftler), über  die DKP (revisionistische Tendenzen), über Cuba
       und über  Randgruppenstrategie.  Dieser  Petersen  gibt  ihm  die
       Adresse eines  DKP-Genossen in  München. Ullrich will Lehrer wer-
       den, in  der Gewerkschaft  und politisch  tätig sein. "Er zog den
       Zettel mit  der Adresse  heraus. Abends würde er in München sein.
       Er freute sich." (202)
       Wie schon erwähnt, entwirft Timm das umfassendste Kaleidoskop der
       Studentenbewegung. Sein Engagement, seine Aufrichtigkeit und sein
       Streben nach Vollständigkeit können für den Autor einnehmen. Sein
       Buch führt  den Leser  nicht in schönere Welten, wohl aber in die
       verschiedenen Etappen sozialrevolutionärer Utopie. Man fragt sich
       vielleicht, was  jemand, der  damals nicht dabei gewesen war, von
       einem solchen  Bekenntnis haben  könnte. Diesem  Leser bleibt die
       Chance, aus erster Quelle nachvollziehen zu können und sich nicht
       durch besserwisserische Medien abschrecken lassen zu müssen.
       
       V
       
       "Wir kommen  - Literatur  aus der Studentenbewegung", eine Kopro-
       duktion des Studentenmagazins "Rote Blätter" mit dem "Kürbiskern"
       ist das  Ergebnis eines  Wettbewerbs. "Es  konnte über  alles ge-
       schrieben werden,  was irgendwie mit der Studentenbewegung zusam-
       menhängt... Das  bestimmt auch  die Form.  Vielen Beiträgen merkt
       man an,  daß sie irgendwann in der knappen Zeit zwischen Hauptse-
       minar und  Fachschaftsvollversammlung entstanden  sind..."  (5/6)
       Den ersten  Preis gewann  Bernd  Gäbler,  mit  seiner  Geschichte
       "Aufnahme", nämlich  in den  Spartakus. Während  er zu dieser für
       ihn bedeutungsvollen  Sitzung geht,  reflektiert er  so viel über
       DKP, deren  Studentenpolitik, Einstellung  zur DDR  usw. vor sich
       hin, daß  man sich unter der Linken schon umsehen muß, um all die
       Vorurteile zu finden, die Gäbler so schnodderig-komisch zu wider-
       legen bemüht ist.
       Nur den  fünften Preis  gewann Ute  Erb mit  ihrer Erzählung "Aus
       Kommunezeiten" 1968:  "Der junge  Gott und  die Vestalin,  unsere
       Liebe zu  Jacob". Ich  möchte dieser  Entscheidung widersprechen,
       nicht weil Frauen bisher nur als erfolglose Rednerinnen, einfühl-
       same Vehikel  und ewig  duldsame Partnerinnen  vorgekommen  sind,
       sondern weil  hier eine  Erzählung von  künstlerischem Rang  vor-
       liegt, die  spröde, fast  borstig vorführt, was sich an der Peri-
       pherie abspielte.  Hier nimmt  etwas Authentisches  und gar nicht
       Schönes seine  angemessene literarische Form an. Jacob ist jemand
       der sich  in der  Welt rumtreibt  und trotzdem  von Elke erwartet
       wird. "Man  weiß ja nie, wie die Welt so auf die Leute wirkt spe-
       ziell, wenn sie sich aus Luftpost-'Spiegeln' informieren müssen."
       (24) Elke war gerade geschieden worden, am Boden zerstört und kam
       sich fürchterlich alt vor. "Das Leben, das sie sich zurück legte,
       roch stark nach Papier." (27) In einer Kneipe, schon ziemlich an-
       gesäuselt, trifft Elke den gesuchten Jacob. Er kommt mit ihr nach
       Hause. "Bis  auf die  Badehose ausgezogen  ähnelte Jacob in Elkes
       Augen verdächtig  jenen Typen,  die in öffentlichen Badeanstalten
       gerne auf  den Händen  laufen. Er  legte sich  an  die  Wand  und
       schlief schon,  während sie an seiner Seite auf dem schmalen Bett
       noch überlegte,  ob sie  traurig werden  oder  Beschlüsse  fassen
       sollte." (29)
       Elke verzeiht ihm, daß sein Vater SS-Mann gewesen war, ihrer doch
       ein Verfolgter  des Naziregimes.  Geld hatte  Jacob keines. Dafür
       eine Gitarre  und den  Einfall, auf  dem Kudamm  singen zu gehen.
       "Elke klopfte zum ersten Mal in ihrem musikscheuen Leben den Takt
       mit dem Fuß, aus Solidarität." (30) Dennoch zieht es Jacob in den
       Fernen Osten.  Elke versucht  ganz gegen  ihre Gewohnheit  -, ihm
       treu zu  bleiben. Natürlich  geht das  nicht, Obdachlose und Rei-
       sende finden  ein Asyl  in ihrer  Wohnung. Als  Jacob zurück kam,
       tranken alle  um Elke herum und sie schon ziemlich viel. Er hatte
       aus Benares eine TBC mitgebracht und mußte sie im Sanatorium aus-
       kurieren. "Jacob  lernt nun das Warten. Und wie im letzten Sommer
       schläft Elke nicht nachts, wenn der Wind es mit den Bäumen treibt
       im Hof.  Nach all  den tausenden  Kilometern nun  auch noch diese
       Entfernung." (35)
       Diese Geschichte  ist nicht nacherzählbar, sie sollte nachgelesen
       werden. Hier wird authentisch all das bourgeoise Flair abgeschüt-
       telt und  versucht, die Erfahrungen ohne gediegenen Lebenshinter-
       grund aufzuarbeiten. Die Geschichte ist die einzige ohne euphori-
       sche Höhenflüge.  Sie zeigt,  wie nicht-akademische  Personen die
       Versprechungen der  Studentenbewegung hinsichtlich "alternativer"
       Lebensformen für sich vereinnahmten. Ohne Hoffnung ist auch diese
       Erzählung nicht, wenn es auch eine ganz bescheidene, private ist:
       "Wir werden einander noch oft umarmen." (35)
       
       Jutta Menschik
       
       

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