Quelle: Blätter 1978 Heft 03 (März)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WIENER APPELL FÜR DEN VERZICHT DER STAATEN AUF ERSTANWENDUNG
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       VON KERNWAFFEN VOM 27. JANUAR 1978
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       (Wortlaut)
       
       Die Unterzeichner  dieses   W i e n e r   A p p e l l s  sind der
       Überzeugung, daß  energische und entschlossene Schritte notwendig
       sind, damit  das in Helsinki hoffnungsvoll begonnene Werk der eu-
       ropäischen Sicherheit und Zusammenarbeit weiter entwickelt wird.
       W i r   s i n d   d e r  M e i n u n g:  Stillstand im Prozeß der
       Entspannung heißt  Rückschritt. Jeder  ohne Fortschritte  vertane
       Tag vergrößert  die Schwierigkeiten, zu vernünftigen Übereinkünf-
       ten zu  gelangen, verringert  die Hoffnung,  endlich die  schwere
       Last atomarer  Bedrohung von den Schultern heutiger und künftiger
       Generationen nehmen zu können.
       In jeder  Stunde, die ungenutzt verstreicht, werden neue todbrin-
       gende Waffen  in den Kriegsarsenalen gespeichert und menschlicher
       Erfindungsgeist gebärt Erkenntnisse, die in Gestalt neuer Waffen-
       systeme immer gefährlichere neue Runden des Wettrüstens einleiten
       können. Und in jeder Sekunde, die ohne zuverlässige Sicherung des
       Friedens vergeht,  lebt die  Menschheit in der permanenten Gefahr
       möglicher Kurzschlußhandlungen.
       Ist aber  der verheerende  erste Atomschlag  einmal ausgelöst und
       ist der  unausbleibliche zweite  gefolgt, so  ist die  Frage nach
       Sinn oder  Unsinn dieses katastrophalen Knopfdrucks selbst unsin-
       nig geworden: Tote fragen nicht.
       Ein europäisches  Haus des Vertrauens und der Zusammenarbeit kann
       doch auf  Dauer nur  existieren, wenn es über zuverlässige Siche-
       rungen verfügt, die es vor tödlichen Anschlägen schützen.
       Wir haben  gründlich geprüft, welche möglichst unkomplizierte Si-
       cherung den  Schutz des  Kontinents vor  atomarer  Verwüstung  am
       schnellsten und wirkungsvollsten garantieren könnte.
       Darum richten  wir heute  unseren   W i e n e r   A p p e l l  an
       alle, die  für Gegenwart und Zukunft Europas Verantwortung fühlen
       und Verantwortung tragen:
       Unterstützen Sie  eindringlich den Vorschlag, daß die 35 Teilneh-
       merstaaten der Konferenz von Helsinki ganz im Sinne der von ihnen
       am 1.  August 1975  unterzeichneten Schlußakte  sich feierlich in
       bindender Weise und unbefristet verpflichten,
       K e r n w a f f e n   g e g e n e i n a n d e r   z u  L a n d e,
       z u   W a s s e r,   i n   d e r  L u f t  u n d  i m  k o s m i-
       s c h e n   R a u m   n i c h t  a l s  e r s t e  a n z u w e n-
       d e n,   i n   w e l c h e m  G e b i e t  d e s  E r d b a l l s
       s i c h   i h r e   S t r e i t k r ä f t e   a u c h  b e f i n-
       d e n  m ö g e n.
       D i e s e r   V o r s c h l a g   i s t  w i r k u n g s v o l l,
       weil es  in der Logik der Dinge liegt, daß - wird auf die Erstan-
       wendung von Kernwaffen verzichtet - auch eine Zweitanwendung oder
       Drittanwendung entfällt, also generell Gewaltverzicht praktiziert
       wird.
       D e r   V o r s c h l a g   i s t  w i r k u n g s v o l l,  wird
       doch das Wettrüsten mit dem Argument der "Bedrohung" immer wieder
       angeheizt. Wo  aber sollte  sich jemand  verängstigt fühlen, wenn
       auf alle  atomaren Drohungen glaubwürdig und verbindlich verzich-
       tet wird?
       D e r   V o r s c h l a g   i s t  w i r k u n g s v o l l,  weil
       er aus  dem gefährlichen  "Gleichgewicht des  Schreckens" heraus-
       führt und  jene Abenteurer kaltstellt, die in dem Kalten-Krieger-
       Glauben  leben,  irgendwann  mit  neuen  Wunderwaffen  doch  noch
       "losschlagen" zu können und ein "Übergewicht" zu erlangen.
       D i e   R e a l i s i e r u n g  d i e s e s  V o r s c h l a g s
       b r i n g t   m e h r  S i c h e r h e i t  nicht nur für Europa:
       90% der  Kernwaffenvorräte der  Welt lagern  bekanntlich  in  den
       Teilnehmerstaaten der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit
       in Europa (KSZE).
       Die geschlossene  Zustimmung aller  35 Staaten - auch derjenigen,
       die gegenwärtig  keine Atomwaffen  besitzen - hatte nicht nur ge-
       genwärtig Symbolcharakter,  sondern wäre von Vorteil auch für sie
       und zugleich Verpflichtung und Gebot für alle Zeiten.
       D e r  V e r z i c h t  a u f  E r s t e i n s a t z  v o n  N u-
       k l e a r w a f f e n   i s t    R e a l i s i e r u n g    d e s
       e r s t e n   M e n s c h e n r e c h t s   -  d e s  R e c h t s
       a u f  L e b e n!  Nur wer das menschliche Leben vor der atomaren
       Katastrophe bewahrt,  sollte Anspruch  darauf besitzen, Worte wie
       Würde des Menschen gebrauchen zu dürfen.
       Helsinki hat  gezeigt: Ohne  erste Erfolge und Erfahrungen in der
       politischen, wirtschaftlichen  und  kulturellen  Kooperation  der
       verschiedenen Gesellschaftssysteme  kann  es  keine  militärische
       Entspannung, geschweige  denn Abrüstung geben. Zugleich lehrt die
       jüngste Entwicklung:  Ohne militärische Entspannung und effektive
       Schritte zur Abrüstung fehlt das notwendige Maß an Vertrauen, das
       für weitere politische Entspannung unabdingbar ist.
       E u r o p a   -   s o   m e i n e n   w i r    -    b r a u c h t
       d a r u m    k e i n e    n e u e n    W a f f e n s y s t e m e,
       s o n d e r n   e i n   u m f a s s e n d e s    F r i e d e n s-
       s y s t e m.   Die Völker brauchen keine Neutronenbombe und damit
       eine neue  Runde des  Wettrüstens, sondern  neue  Runden  erfolg-
       reicher Verhandlungen  für gleiche Sicherheit und Frieden. Nur so
       wird die  Entspannung nicht einfrieren. Je stärker sie ist, desto
       freundlicher  das  Klima  für  die  umfassende  Realisierung  der
       Schlußakte von Helsinki.
       Die Unterzeichner dieses  W i e n e r  A p p e l l s,  den zu un-
       terstützen und  dem sich  anzuschließen jedem offensteht, möchten
       mit ihrem Vorschlag ein deutliches Zeichen dahingehend setzen, im
       Jahre 1978  - mit  Unterstützung der  breitesten Öffentlichkeit -
       überall in  Europa und  in der  Welt konkrete  Ergebnisse in  den
       dringenden Fragen  der Rüstungsbegrenzung, beim Abbau der Massen-
       vernichtungswaffen, beim  Verbot  friedensgefährdender  militäri-
       scher Neuentwicklungen zu erzielen. Die Unterzeichner des Appells
       hoffen, daß  die SALT-Verhandlungen  zwischen den USA und der So-
       wjetunion ebenso aus der Sackgasse herauskommen wie die Gespräche
       über Reduzierung von Streitkräften und Rüstungen in Mitteleuropa.
       Darum übermitteln  wir unseren   W i e n e r   A p p e l l  nicht
       nur
       - den Staatsmännern,  Regierungen und Parlamenten der 35 Teilneh-
       merstaaten von  Helsinki, die  im Januar 1978 mit der Fortsetzung
       des Belgrader Treffens begonnen haben;
       wir richten unseren Appell ebenso
       - an die  Sondertagung der  UNO zu  Abrüstungsfragen, die vom 23.
       Mai bis 18. Juni in New York stattfindet;
       - an den  Genfer Abrüstungsausschuß sowie an die Wiener Konferenz
       zur Reduzierung von Streitkräften und Rüstungen in Mitteleuropa
       und fordern wirksame Schritte
       FÜR DEN VERZICHT AUF ERSTANWENDUNG VON KERNWAFFEN!
       Wien, den 27. Januar 1978
       
       Unterzeichner des Wiener Appells
       Dr. Bertil ÅBERG, Universität Uppsala, Uppsala - Prof. Dr. Gunnar
       ADLER-KARLSSON, Roskilde  Universitets, center Roskilde, Dänemark
       - Dr.  Evgenij ALEXANDROW,  Institut für internationale Beziehum-
       gen, Sofia - Prof. Dr. Göran von BONSDORFF, Universität Helsinki,
       Helsinki - Prof. Dr. Engelbert BRODA, Pugwash-Bewegung, Universi-
       tät Wien,  Wien -  Prof. Dr. Oleg BYKOW, stellvertretender Direk-
       tor, Institut  für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen,
       Moskau - DDr. Dr. h.c. Georg FUCHS, Präsident des Internationalen
       Instituts für  den Frieden,  Wien, - Prof. DDr. Leo GABRIEL, Uni-
       versitätszentrum für  Friedensiarschumg, Wien,  Wien -  Prof. Dr.
       György HARASZTI, Universität Budapest, Budapest - Prof. DDr. Wal-
       ter HOLLITSCHER,  Kamzler des  Internationalen Instituts  für den
       Frieden, Wien,  Wien -  Prof. Ing. Stanislav HRADECKY, Rektor der
       Hochschule für  Wirtschaftswissenschaften, Prag  - Prof. Dr. Ger-
       hard KADE,  Vizepräsident des  Internationalen Instituts  für den
       Frieden, Wien, Darmstadt - Prof. Dr. Valentin KUTSCHKO, Stellver-
       tretender Direktor  des Instituts zum Studium der internationalen
       Arbeiterbewegung, Moskau - Prof. Dr. Karlheinz LOHS, Mitglied der
       Akademie der Wissenschaften der DDR, Forschungszentrum für chemi-
       sche Toxikologie,  Leipzig - Prof. Dr. Grigorij MOROSOW, Institut
       für Weltwirtschaft  und internationale  Beziehungen, Moskau - Dr.
       Josef MRAZEK,  Wissenschaftlicher Sekretär  der Akademie der Wis-
       senschaften der  CSSR, Prag - Prof. Dr. Rafael PEDRAZA, Universi-
       tät Havanna,  Havanna -  Prof. Dr.  Maciej PERCZYNSKI, Polnisches
       Institut für internationale Angelegenheiten, Warschau - Prof. Dr.
       Max SCHMIDT,  Direktor des  Instituts fur  Internationale Politik
       und Wirtschaft, Berlin (DDR) - Prof. Dr. Thomas SCHÖNFELD, Insti-
       tut für  Anorganische Chemie  der Universität  Wien, Wien - Prof.
       Dr. Michail  SIMAI, Stellvertretender  Direktor des Instituts für
       Weltwirtschaft der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Buda-
       pest -  Prof. Otto SÜTÖ, Stellvertretender Direktor des Instituts
       für internationale Beziehungen Budapest - Prof. Janusz SYMONIDES,
       Stellvertretender Direktor  des Polnischen Instituts für interna-
       tionale Angelegenheiten,  Warschau -  Dr. Zdzislaw  SZCZERBOWSKY,
       Polnisches Institut  für internationale Angelegenheiten, Warschau
       - Prof.  Dr. William  THURZO, Mitglied  der Akademie  der Wissen-
       schaften der  CSSR, Bratislava - Dr Raimo VÄYRYNEN, Generalsekre-
       tär IPRA, Direktor TAPRI, Tampere - Prof. Nescho ZAREWSKI, Direk-
       tor des  Instituts für internationale Beziehungen und sozialisti-
       sche Integration  beim Präsidium  der bulgarischen  Akademie  der
       Wissenschaften, Sofia.
       

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