Quelle: Blätter 1978 Heft 04 (April)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       PRESSEERKLÄRUNG DER EVANGELISCHEN STUDENTENGEMEINDE AN DER
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       PH BERLIN ZUR GEPLANTEN STREICHUNG DES ERZIEHUNGSZIELES "DER
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       NAZISTISCHEN IDEOLOGIE UNERBITTLICH ENTGEGENSTEHEN" IN § 1
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       DES WESTBERLINER SCHULGESETZES
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       (Wortlaut)
       
       Mit Unverständnis  und Besorgnis haben wir erfahren, daß die Ber-
       liner Schulverwaltung  plant, im  Entwurf zum 14. Änderungsgesetz
       zum Schulgesetz  im §  1 folgende Formulierung zu den Erziehungs-
       zielen zu streichen:
       "Ziel muß  die Heranbildung von Persönlichkeiten sein, welche fä-
       hig sind, die vollständige Umgestaltung der deutschen Lebensweise
       auf demokratischer und friedlicher Grundlage zustande zu bringen,
       und welche der nazistischen Ideologie unerbittlich entgegenstehen
       sowie auch  von dem Gefühl ihrer Verpflichtung der Menschheit ge-
       genüber durchdrungen sind."
       Zur gleichen Zeit müssen wir mit Bestürzung erfahren, daß ein we-
       gen schwerer  Brandstiftung  verurteilter  Rechtsextremist  einen
       Journalisten bei der Urteilsverkündung vor Gericht blutig schlägt
       und rechtsextremistische Zuhörer sogar mit Mord drohen.
       Dies alles  geschieht in  Berlin wenige  Tage vor  dem 30. Januar
       1978. Vor  45 Jahren, am 30. Januar 1933, begann die zwölfjährige
       menschenverachtende und  -zerstörende Herrschaft  des Nationalso-
       zialismus in Deutschland.
       Wir haben  uns entschlossen, die Meldungen und dieses Datum nicht
       nur zur  Kenntnis zu  nehmen. Besonders  betroffen  hat  uns  als
       christliche Gemeinde im Erziehungsbereich die geplante Streichung
       im § 1 des Schulgesetzes, gegen die sich bereits die bei den Ver-
       einten Nationen  akkreditierte Internationale  Liga für Menschen-
       rechte/Sektion Berlin  sowie die  Gewerkschaft Erziehung und Wis-
       senschaft ausgesprochen haben.
       Wir stellen fest:
       Das im § 1 des Schulgesetzes enthaltene Erziehungsziel "der nazi-
       stischen Ideologie  unerbittlich entgegen(zu)stehen"  ist  heute,
       angesichts  der   besorgniserregenden   Zunahme   verharmlosender
       "Objektivierung" und "Rehabilitierung" des Nationalsozialismus in
       den Medien sowie zunehmender antisemitischer und neo-nazistischer
       Aktivitäten gerade  von Jugendlichen,  unvermindert  wichtig  und
       notwendig.
       Berlin, den 30.Januar 1978
       Evangelische Studentengemeinde  an der  Pädagogischen Hochschule.
       Der Mitarbeiterkreis (Gemeinderat)
       

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