Quelle: Blätter 1978 Heft 07 (Juli)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       REDE DES PRÄSIDENTEN DER USA, JIMMY CARTER,
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       ÜBER DAS AMERIKANISCH-SOWJETISCHE VERHÄLTNIS
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       IN ANNAPOLIS/MARYLAND AM 7. JUNI 1978
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       (Wortlaut)
       
       US-Präsident Jimmy Carter hat in einer Grundsatzrede vor der ame-
       rikanischen Marineakademie  in Annapolis im Staate Maryland am 7.
       Juni 1978 zum Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der
       Sowjetunion Stellung  genommen. Teile  dieser Rede  sind als Ver-
       such, die  von den  USA seit 1972 in verschiedenen Dokumenten mit
       der Sowjetunion vereinbarten Grundlagen der sowjetisch-amerikani-
       schen Beziehungen  zur Disposition  zu stellen, verstanden worden
       und auf  entsprechende internationale Kritik gestoßen. Diese Kri-
       tik hat  Washington offenbar  nicht unbeeindruckt gelassen. Nach-
       stehend dokumentieren  wir Carters Annapolis-Rede im Wortlaut und
       im Anschluß daran eine Stellungnahme der "Prawda". D. Red.
       
       Admiral McKee,  Gouverneur Lee,  sehr verehrte  Gäste, Angehörige
       der Abschlußklasse, Freunde:
       Wir haben  heute viele Ehrengäste. Ich habe meinen früheren Chef,
       Admiral Hyman Rickover, eingeladen, hierher zu kommen. Er hat mir
       geschrieben, daß  er selbstverständlich meinem Befehl als Oberbe-
       fehlshaber der  amerikanischen Streitkräfte  Folge leisten würde,
       daß er  aber glaube  seine Arbeit in Washington sei wichtiger als
       meiner Rede zuzuhören.
       Ich freue  mich, wieder einmal bei einer Abschlußfeier an der Ma-
       rineakademie dabei zu sein, obwohl ich mit einem anderen Rang zu-
       rückkehre. Ich erinnere mich, daß mich vor 32 Jahren die gleichen
       Gefühle bewegten,  wie die  meisten von Ihnen heute. Ich war noch
       nicht Leutnant.  Die meisten von Ihnen sind noch keine Offiziere.
       Ich dachte  mehr an Urlaub und Heirat als an die Weltpolitik oder
       eine ferne  Zukunft. Ich  glaube, vielen  von Ihnen wird es nicht
       anders gehen.
       Über mein  erstes Kommando war ich ziemlich enttäuscht. Wir zogen
       Lose, wer wohin abkommandiert werden wollte. Ich wollte auf einen
       neuen Zerstörer im Pazifik. Ich kam auf das älteste Schiff im At-
       lantik - die USS Wyoming - die schon so heruntergekommen war, daß
       sie aus Sicherheitsgründen nicht im Hafen von Norfolk an der Pier
       festmachen durfte,  sondern draußen in Hampton Roads für sich al-
       lein vor Anker gehen mußte.
       Wir hatten  damals einen  guten Redner,  Admiral Chester  Nimitz.
       Aber so wie es Ihnen ergehen wird, ich erinnere mich an kein Wort
       mehr.
       Meine einzige  Hoffnung damals  war, daß  die Abschlußfeier  kurz
       sein möge; aber ähnlich wie es Ihnen ergehen wird, ich wurde auch
       darin enttäuscht.
       Ich darf  Ihnen im Vertrauen verraten, daß ich damals nicht damit
       rechnete, eines Tages als Präsident der Vereinigten Staaten hier-
       her zurückzukehren.
       Sieben Jahre  später habe  ich unter Zögern die Marine verlassen.
       Aber ich kann rückblickend sagen, daß die Marineakademie und mein
       Dienst in  der amerikanischen  Marine eine  gute Vorbereitung für
       die Laufbahn waren, die ich später einschlug.
       Ich beglückwünsche  Sie als  Angehörige der  Crew 78. Obwohl Ihre
       Ausbildung aus  der Sicht eines älteren Mannes gerade erst begon-
       nen hat, haben Sie die Grundlage für eine Laufbahn gelegt, die so
       lohnend und  interessant sein  kann, wie nur eine Laufbahn in der
       Welt. Als Offiziere der modernen Marine werden Sie Akteure in ei-
       nem weltweiten politischen und militärischen Schauspiel sein. Sie
       werden nicht  nur aufgerufen  sein, die  technischen Probleme der
       Militärwissenschaft und  Führung zu  meistern, sondern  auch  ein
       feinfühliges Verständnis für die internationale Gemeinschaft auf-
       zubringen, in deren Rahmen die Marine operiert.
       Ich möchte heute zu Ihnen über einen der wichtigsten Aspekte die-
       ses internationalen  Zusammenhangs sprechen - das Verhältnis zwi-
       schen den  beiden größten Mächten der Welt, den Vereinigten Staa-
       ten und der Sowjetunion.
       Wir müssen  erkennen, daß  unser Verhältnis  zur Sowjetunion  auf
       sehr lange  Zeit hinaus ein konkurrierendes sein wird. Diese Kon-
       kurrenz muß  konstruktiv sein,  wenn wir Erfolg haben wollen. Sie
       könnte stattdessen  gefährlich und  potentiell  verheerend  sein.
       Dann muß unser Verhältnis auch ein kooperatives sein.
       Wir müssen  uns vor übertriebenen Ausschlägen in der Stimmung der
       Öffentlichkeit hüten  - von  der Euphorie, wenn es gut läuft, und
       der Verzweiflung, wenn es schlecht läuft; vor einem übertriebenen
       Gefühl der  Verträglichkeit und einem offenen Ausdruck der Feind-
       seligkeit.
       Die Entspannung zwischen unseren beiden Ländern ist von zentraler
       Bedeutung für  den Weltfrieden.  Es ist wichtig für die Welt, für
       die amerikanische Öffentlichkeit und für Sie als künftige Marine-
       offiziere, daß  Sie die  komplexe und  delikate Natur dieser Ent-
       spannung verstehen.
       Das Wort  "Entspannung" (Detente) wird vereinfacht als "eine Loc-
       kerung von Spannungen zwischen Nationen" definiert. In der Praxis
       geht die  Definition aufgrund  der Erfahrungen weiter, wenn diese
       Nationen neue Mittel und Wege entwickeln, wie sie in Frieden mit-
       einander leben können.
       Wenn die  Entspannung stabil  sein soll,  wenn sie vom amerikani-
       schen Volk unterstützt werden soll und wenn sie die Grundlage für
       eine erweiterte  Zusammenarbeit sein  soll, dann muß sie weitrei-
       chend definiert  werden und  auf echter  Gegenseitigkeit beruhen.
       Beide Nationen  müssen in unruhigen Gebieten und turbulenten Zei-
       ten Zurückhaltung üben. Beide müssen haargenau jene Abkommen ein-
       halten, die  bereits erzielt worden sind, um die Kooperation aus-
       zuweiten, beiderseits die Produktion von Kernwaffen zu begrenzen,
       die Freizügigkeit von Personen und die Gedankenfreiheit zu erlau-
       ben und die Menschenrechte zu schützen.
       Keiner von  uns beiden  sollte die Vorstellung hegen, daß er eine
       militärische Überlegenheit  gewinnen könne,  oder  daß  irgendein
       vorübergehender militärischer  Vorteil politisch  ausgeschlachtet
       werden könne.
       Unser Hauptziel  besteht darin,  zur Gestaltung einer Welt beizu-
       tragen, die  stärker auf  den Wunsch  der Menschen  überall  nach
       wirtschaftlichem Wohlergehen, sozialer Gerechtigkeit, politischer
       Selbstbestimmung und den grundlegenden Menschenrechten eingeht.
       Wir streben  nach einer  Welt des Friedens. Aber in einer solchen
       Welt muß die soziale, politische und ideologische Vielfalt wohnen
       können. Nur dann kann es eine echte Zusammenarbeit unter Nationen
       und Kulturen geben.
       Wir wollen niemanden beherrschen. Wir werden weiterhin unsere Zu-
       sammenarbeit mit  den positiven neuen Kräften in der Welt auswei-
       ten.
       Wir wollen  unsere Zusammenarbeit  mit der  Sowjetunion ausbauen,
       aber auch  mit den aufstrebenden Nationen, mit den Ländern Osteu-
       ropas und  mit der  Volksrepublik China.  Wir haben uns besonders
       der echten Selbstbestimmung und Mehrheitsherrschaft in jenen Tei-
       len der  Welt verschrieben,  wo diese  Ziele noch erreicht werden
       müssen. Unser  langfristiges Ziel  muß darin  bestehen,  die  So-
       wjetunion von den Vorteilen der Zusammenarbeit und den Nachteilen
       eines störenden Verhaltens zu überzeugen.
       Wir erinnern  uns,  daß  im  Zweiten  Weltkrieg  die  Vereinigten
       Staaten und  die Sowjetunion  Verbündete waren.  Eine der  großen
       historischen Leistungen  der amerikanischen Marine bestand darin,
       die gewaltigen  Lieferungen von  Waffen und Versorgungsgütern von
       unserem Lande  nach Murmansk  und anderen  sowjetischen Häfen zur
       Unterstützung unserer gemeinsamen Anstrengung zur Überwindung der
       Nazibedrohung zu lenken und zu schützen.
       In der  Agonie dieses Massenkonflikts starben 20 Millionen Bewoh-
       ner der  Sowjetunion. Millionen  in der Sowjetunion erinnern sich
       noch an den Schrecken und an den Hunger jener Zeit. Ich bin über-
       zeugt, daß  die Bevölkerung der Sowjetunion den Frieden will. Ich
       kann mir einfach nicht vorstellen, daß sie den Krieg wollte.
       Im Laufe  der Jahre  hat unser  Land eine  Annäherung an  die So-
       wjetunion gesucht,  wie aus dem österreichischen Friedensvertrag,
       dem Viermächte-Abkommen über Berlin, der Einstellung von Kernver-
       suchen in  der Atmosphäre, der gemeinsamen wissenschaftlichen Er-
       forschung des  Weltraums, Handelsabkommen,  dem Vertrag  über die
       Raketenabwehr-(ABM)-Systeme und den Interimsabkommen über strate-
       gische Offensivwaffen  und dem  Abkommen über  das begrenzte Ver-
       suchsverbot hervorgeht.
       Die Bemühungen gehen heute weiter mit Verhandlungen über ein SALT
       II-Abkommen, ein  umfassendes Versuchsverbot,  eine  Verringerung
       der Lieferung konventioneller Waffen an andere Länder, ein Verbot
       von Angriffen  auf Satelliten  im Weltraum,  und ein Abkommen zur
       Stabilisierung des  Standes der Dislozierung von Streitkräften im
       Indischen Ozean  und Abkommen  über verstärkten  Handel und  ver-
       stärkten wissenschaftlichen und kulturellen Austausch.
       Wir müssen  bereit sein,  trotz der  grundlegenden Fragen die uns
       trennen, solche Wege der Zusammenarbeit zu suchen. Allein die Ri-
       siken eines Nuklearkrieges treiben uns in diese Richtung.
       Die Zahlen  und das  Zerstörungspotential der Nuklearwaffen haben
       sich  in   einem  alarmierenden   Tempo  erhöht.  Darum  ist  ein
       SALT-Abkommen, das  die Sicherheit  beider Nationen  fördert, von
       fundamentaler Bedeutung.
       Wir und  die Sowjetunion verhandeln fast jeden Tag in gutem Glau-
       ben, weil  wir beide wissen, daß ein Mißerfolg die Wiederaufnahme
       eines massiven  nuklearen Wettrüstens  einleiten würde. Ich freue
       mich, berichten zu können, daß die Aussichten für ein SALT II-Ab-
       kommen gut sind.
       Über diese wichtige Bemühung hinaus gehören ein verbesserter Han-
       del und  ein verbesserter  technologischer und  kultureller  Aus-
       tausch zu den unmittelbaren Vorteilen der Zusammenarbeit zwischen
       unseren Ländern.
       Diese Bemühungen um eine Zusammenarbeit löschen jedoch unsere si-
       gnifikanten Unterschiede nicht aus.
       Worin bestehen diese Unterschiede?
       Für die Sowjetunion scheint Entspannung ein anhaltender aggressi-
       ver Kampf um politische Vorteile und wachsenden Einfluß mit einer
       Vielfalt von Methoden zu bedeuten.
       Die Sowjetunion  betrachtet militärische  Macht und  Militärhilfe
       offensichtlich als  das beste  Mittel, ihren  Einfluß in der Welt
       auszudehnen. Es  liegt auf der Hand, daß Gebiete der Instabilität
       in der Welt ein verlockendes Ziel für ihre Bemühungen bieten, und
       nur allzu oft scheint sie bereit zu sein, jede solche Gelegenheit
       zu nutzen.
       Wie sich  in Korea,  Angola und, wie Sie wissen, in jüngerer Zeit
       auch in  Äthiopien gezeigt hat, zieht sie es vor, Stellvertreter-
       Streitkräfte einzusetzen, um ihre Ziele zu erreichen.
       Anderen Ländern erscheint die militärische Aufrüstung der Sowjets
       als übertrieben - jedenfalls als weit über alle legitimen Vertei-
       digungserfordernisse  für   die  Sowjetunion  selbst  oder  ihrer
       Verbündeten hinausgehend.  Seit über  15 Jahren haben die Sowjets
       dieses Programm  des militärischen Wachstums aufrechterhalten und
       fast  15   Prozent  ihres  Bruttosozialprodukts  in  die  Rüstung
       investiert, und diese nachhaltige Anstrengung geht weiter.
       Die Mißachtung  grundlegender  Menschenrechte  in  ihrem  eigenen
       Lande unter Verletzung des in Helsinki erreichten Übereinkommens,
       hat den  Sowjets die  Verurteilung durch  all die Menschen einge-
       bracht, die  die Freiheit lieben. Durch ihre Handlungen haben sie
       gezeigt, daß  das sowjetische  System frei zum Ausdruck gebrachte
       Ideen, Gedanken  einer loyalen  Opposition und  die Freizügigkeit
       von Personen nicht tolerieren kann.
       Die Sowjetunion  versucht eine  totalitäre und  repressive Regie-
       rungsform zu exportieren, die zu einer geschlossenen Gesellschaft
       führt. Einige  dieser Eigenschaften  und Ziele  schaffen Probleme
       für die Sowjetunion.
       Außerhalb eines  streng kontrollierten  Blocks  hat  es  die  So-
       wjetunion mit politischen Beziehungen zu anderen Nationen schwer.
       Ihre kulturellen Bindungen zu anderen sind gering und sporadisch.
       Ihre Regierungsform  wird in zunehmendem Maße unattraktiv für an-
       dere Nationen,  so daß  selbst marxistisch-leninistische  Gruppen
       die Sowjetunion nicht mehr länger als ein nachahmenswertes Modell
       betrachten.
       Viele Länder  geraten in  Besorgnis, daß  die blockfreie Bewegung
       durch Kuba unterwandert werden könnte, das ganz offensichtlich in
       seinem wirtschaftlichen  Bestand und hinsichtlich der politischen
       und militärischen  Führung und  Leitung eng  mit der  Sowjetunion
       verbunden und von dieser abhängig ist.
       Obwohl die Sowjetunion über das zweitgrößte Wirtschaftssystem der
       Welt verfügt,  läßt ihr  Wachstum stark nach, und ihr Lebensstan-
       dard steht  in keinem günstigen Vergleich zu dem anderer Nationen
       auf einer entsprechenden Entwicklungsstufe.
       Die landwirtschaftliche  Erzeugung bleibt  noch immer ein ernstes
       Problem für  die Sowjetunion, so daß in Zeiten durchschnittlicher
       oder schlechter  Erntebedingungen sie sich wegen Lebensmittellie-
       ferungen an uns oder andere Länder wenden muß.
       Wir sind  in unserem  Lande in  einer sehr viel günstigeren Posi-
       tion. Unsere industrielle Basis und unsere Produktivität sind un-
       erreicht.
       Unsere wissenschaftliche und technologische Fähigkeit ist der al-
       ler anderen überlegen. Unsere Bündnisse mit anderen freien Natio-
       nen sind  stark und werden zunehmend stärker. Unsere militärische
       Kapazität steht  heute hinter keiner anderen zurück und wird hin-
       ter keiner zurückstehen.
       Im Gegensatz  zur Sowjetunion  sind wir von freundlichen Nachbarn
       und weiten  Meeren umgeben. Unsere gesellschaftliche Struktur ist
       stabil und  zusammenhaltend, und unsere Außenpolitik erfreut sich
       einer überparteilichen öffentlichen Unterstützung, die ihr Konti-
       nuität verleiht.
       Wir sind stark aufgrund der Dinge, für die wir als Nation einste-
       hen: die realistische Chance für jedermann, sich ein besseres Le-
       ben zu schaffen; Schutz durch Recht und Gewohnheit vor willkürli-
       cher Ausübung  der Regierungsmacht;  das Recht  jedes  einzelnen,
       seine Meinung zu sagen, sich voll am Regierungsprozeß zu beteili-
       gen und politische Macht mitzubesitzen.
       Unsere Lebensanschauung  beruht auf  persönlicher  Freiheit,  der
       mächtigsten aller  Ideen, und  unsere  demokratische  Lebensweise
       verdient die Bewunderung und die Nacheiferung durch andere Völker
       in der Welt.
       Unser Eintreten  für die Menschenrechte läßt uns Teil einer stän-
       dig stärker  werden internationalen  Woge werden.  Indem wir  ein
       Teil dieser Bewegung sind, werden wir selbst gestärkt.
       Unsere wirtschaftliche  Stärke bedeutet ebenfalls einen wichtigen
       politischen Faktor, einen potentiellen Einfluß zum Wohle anderer.
       Unser Bruttosozialprodukt  übersteigt das  aller neun  Länder der
       Europäischen Gemeinschaft und ist doppelt so hoch wie das der So-
       wjetunion. Darüber  hinaus beginnen  wir jetzt  zu lernen, unsere
       Ressourcen klüger zu nutzen und eine neue Harmonie zwischen unse-
       rer Bevölkerung und unserer Umwelt zu schaffen.
       Unsere Analyse der militärischen Stärke Amerikas bietet ebenfalls
       eine Basis  des Vertrauens. Wir wissen, daß weder die Vereinigten
       Staaten noch  die Sowjetunion  einen nuklearen  Angriff gegen den
       anderen vortragen  können, ohne  einen vernichtenden Gegenangriff
       hinnehmen zu müssen, der den Aggressorstaat zerstören könnte.
       Obwohl die  Sowjetunion über  mehr  Raketenabschußrampen,  höhere
       Nutzlasten und eine größere kontinentale Luftverteidigungskepazi-
       tät verfügt, besitzen die Vereinigten Staaten mehr Gefechtsköpfe,
       eine allgemein größere Treffsicherheit, mehr schwere Bomber, eine
       ausgewogenere  Nuklearstreitmacht,  bessere  Raketenunterseeboote
       und eine überlegene Unterseebootabwehrkapazität.
       Ein erfolgreiches  SALT II-Abkommen wird beide Nationen auf einen
       gleichen, aber  niedrigeren Höchststand  von Raketenabschußrampen
       und Raketen  mit Mehrfachgefechtsköpfen  bringen. Wir rechnen bei
       SALT III  sogar mit  einer noch größeren beiderseitigen Verringe-
       rung der Kernwaffen.
       Bei einer  im wesentlichen nuklearen Gleichwertigkeit hat die re-
       lative Stärke der konventionellen Streitkräfte jetzt an Bedeutung
       gewonnen. Tatsache ist, daß die militärische Kapazität der Verei-
       nigten Staaten  und ihrer Verbündeten ausreicht, um jeder vorher-
       sehbaren Bedrohung begegnen zu können.
       Es ist möglich, daß jede Seite dazu neigt, die militärische Kapa-
       zität der  anderen zu  überschätzen. Genaue Analysen sind wichtig
       als Grundlage für die Entscheidungen der Zukunft.
       Falsche oder  übertriebene Einschätzungen der sowjetischen Stärke
       oder amerikanischer Schwächen tragen zur Wirksamkeit der sowjeti-
       schen Propagandaanstrengungen bei.
       So haben  beispielsweise kürzlich  alarmierende  Zeitungsberichte
       über Vorschläge  im Militärhaushalt  für die amerikanische Marine
       die Tatsache  außer acht gelassen, daß wir den höchsten Verteidi-
       gungshaushalt in unserer Geschichte haben und daß der größte Teil
       dieser Mittel  an die  Marine gehen wird. Sie hier reihen sich in
       eine lange  Tradition überlegener  Führung, Seemannschaft, Taktik
       und Schiffsbaukunst  ein. Ich  bin sicher,  daß die amerikanische
       Marine heute  auf den  Meeren nicht ihresgleichen hat und daß Sie
       und ich  und andere  immer dafür  sorgen werden,  daß die  Marine
       stark bleibt.
       Niemand soll  an unserer  heutigen und künftigen Stärke zweifeln.
       Dieser kurze  Überblick, den ich gegeben habe, zeigt, daß wir we-
       gen unserer  Fähigkeit, konkurrieren und erfolgreich konkurrieren
       zu können,  keine übertriebenen Besorgnisse zu hegen brauchen. Es
       gibt sicherlich  keinen Grund zur Panik. Die gesunde Selbstkritik
       und die  freie Debatte,  die zum  Wesen einer Demokratie gehören,
       sollten niemals  mit Schwäche, Verzweiflung oder mangelnder Ziel-
       setzung verwechselt werden.
       Welches sind  die Hauptelemente  der amerikanischen  Außenpolitik
       gegenüber der Sowjetunion?
       Ich möchte  sie kurz  aufzählen: Wir  werden auch  weiterhin eine
       gleichwertige nukleare  Stärke  aufrechterhalten,  weil  wir  der
       Überzeugung sind, daß angesichts des Fehlens einer weltweiten nu-
       klearen Abrüstung  ein derartiges Gleichgewicht die am geringsten
       bedrohliche und damit stabilste Situation für die Welt bedeutet.
       Wir halten  ein kluges  und tragbares Maß an Militärausgaben auf-
       recht, das  auf eine  stärkere NATO, mehr mobile Streitkräfte und
       eine unvemminderte Präsenz im Pazifik ausgerichtet sein wird. Wir
       und unsere  Verbündeten müssen  und werden  imstande sein,  jeder
       vorhersehbaren Herausforderung  unserer Sicherheit entweder durch
       strategische  Nuklearstreitkräfte   oder   durch   konventionelle
       Streitkräfte zu  begegnen. Amerika  besitzt die  Fähigkeit, diese
       Verpflichtung zu erfüllen, ohne übermäßige Opfer von unseren Bür-
       gern verlangen  zu müssen - und diese Verpflichtung zur militäri-
       schen Stärke wird erfüllt werden.
       Über unser  Bündnis hinaus werden wir weltweite und regionale Or-
       ganisationen unterstützen,  die sich der Stärkung der internatio-
       nalen Harmonie widmen, wie beispielsweise die Vereinten Nationen,
       die Organisation  Amerikanischer Staaten  (OAS) und die Organisa-
       tion für afrikanische Einheit (OAU).
       Wir und  unsere afrikanischen  Freunde wünschen  uns  Afrika  als
       einen Kontinent,  der frei ist von der Herrschaft fremder Mächte,
       frei von  der Bitterkeit  rassischer Ungerechtigkeiten,  frei von
       Konflikten und frei auch von der Bürde der Armut, des Hungers und
       der Krankheit.  Wir sind  überzeugt, daß  die beste  Methode, auf
       diese Ziele  hinzuarbeiten, in  einer positiven  Politik besteht.
       die den afrikanischen Hoffnungen und Erwartungen Rechnung trägt.
       Das anhaltende  und zunehmende  militärische Engagement  der  So-
       wjetunion und  Kubas in Afrika könnte diese hoffnungsvolle Vision
       zunichte machen.  Wir sind  zutiefst besorgt über diese Bedrohung
       des regionalen  Friedens und  der Autonomie von Ländern, in denen
       diese ausländischen  Truppen permanent stationiert zu sein schei-
       nen. Aus  diesem Grunde habe ich dieses Thema heute aufgegriffen.
       Das ist  auch der Grund, warum ich und das amerikanische Volk die
       afrikanischen Bemühungen  unterstützen werden,  ein solches  Vor-
       dringen zu  verhindern, wie  wir dies kürzlich in Zaire getan ha-
       ben.
       Ich appelliere  einmal mehr  an alle  anderen Mächte, sich uns in
       dem Bemühen anzuschließen, in ihrer Afrika-Hilfe Werken des Frie-
       dens statt  Waffen des Krieges Vorrang einzuräumen. Möge sich die
       Sowjetunion jetzt  uns anschließen in der Suche nach einem fried-
       lichen und  raschen Übergang  zur Herrschaft der Mehrheit in Rho-
       desien und  in Namibia. Wollen wir doch unsere Anstrengungen dar-
       auf richten,  die Streitigkeiten in Eritrea und Angola auf fried-
       lichem Wege  beizulegen. Wollen  wir uns  doch alle  anstrengen -
       nicht um Afrika zu teilen und die Herrschaft über es zu gewinnen,
       sondern um  jenen Nationen  zu helfen,  ihr großes Potential voll
       auszuschöpfen.
       Wir streben nach Frieden, nach der Verbesserung der Kommunikation
       und des  Verstehens, nach  Kultur- und Wissenschaftsaustausch und
       einer Ausweitung des Handels mit der Sowjetunion und anderen Län-
       dern.
       Wir werden  den Versuch  unternehmen, die Weiterverbreitung (Pro-
       liferation) von  Kernwaffen auf  jene Länder  zu verhindern,  die
       heute keine nukleare Kapazität besitzen.
       Wir werden auch weiterhin konstruktiv und beharrlich auf ein fai-
       res Abkommen zur Begrenzung der strategischen Rüstungen hinarbei-
       ten. Wir wissen, daß keine Seite durch die Anwendung von Kernwaf-
       fen einen  ideologischen Sieg  davontragen kann.  Wir haben nicht
       den Wunsch, diese Verhandlungen mit anderen wettbewerbsorientier-
       ten Beziehungen zu verknüpfen oder diesem Prozeß andere besondere
       Bedingungen aufzuerlegen.  In einer  demokratischen Gesellschaft,
       in der  die öffentliche  Meinung integraler Faktor der Gestaltung
       und Durchführung  der Außenpolitik  ist, müssen wir jedoch einse-
       hen, daß  Spannungen, scharfe Streitigkeiten oder Bedrohungen des
       Friedens die  Suche nach  einem erfolgreichen Abkommen komplizie-
       ren. Das  ist keine  Frage, wie wir es gerne hätten, sondern ein-
       fach eine Erkenntnis der Tatsachen.
       Die Sowjetunion  kann wählen zwischen Konfrontation oder Koopera-
       tion. Die  Vereinigten Staaten  sind hinreichend darauf vorberei-
       tet, sich ihrer Wahl zu stellen.
       Wir würden  der Kooperation durch eine Entspannung den Vorzug ge-
       ben, die  in zunehmendem  Maße ähnliche  Beschränkungen für beide
       Seiten mit  sich bringt, eine ähnliche Bereitschaft, Streitigkei-
       ten durch Verhandlungen statt durch Gewalt zu bereinigen, und den
       ähnlichen Willen,  friedlich und nicht militärisch miteinander zu
       konkurrieren. Alles  was darunter  bleibt, ist  nur dazu angetan,
       die Entspannung  zu unterminieren.  Das ist  der Grund, warum ich
       hoffe, daß  niemand die  Besorgnisse unterschätzen  möge, die ich
       heute hier zum Ausdruck gebracht habe.
       Ein Wettstreit ohne Mäßigung und ohne gemeinsam anerkannte Regeln
       wird in  noch größere Spannungen ausarten, und unsere Beziehungen
       zur Sowjetunion  als Ganzes  werden darunter  leiden. Ich wünsche
       nicht, daß  dies geschieht  - und  ich  glaube  nicht,  daß  Herr
       Breschnew dies wünscht. Das ist der Grund, warum es heute für uns
       an der  Zeit ist,  offen zu sprechen und die bestehenden Probleme
       unmittelbar anzugehen.
       Durch die  Kombination aus  ausreichender amerikanischer  Stärke,
       bescheidener Mäßigung  in der  Anwendung derselben, der Ablehnung
       des Glaubens an die Unvermeidbarkeit des Krieges und einer gedul-
       digen und beharrlichen Entwicklung aller friedlicher Alternativen
       hoffen wir,  schließlich die  internationale Gesellschaft in eine
       stabilere und hoffnungsvollere Zukunft führen zu können.
       Sie und  ich werden heute von hier weggehen, um unsere gemeinsame
       Pflicht zu  tun -  die lebenswichtigen Interessen unserer Nation,
       womöglich, durch  friedliche Mittel,  falls notwendig  aber  auch
       durch entschlossenes Handeln zu schützen.
       Wir gehen fort von hier, ernüchtert durch die Verantwortung, aber
       voll von  Vertrauen in  unsere Stärke. Wir gehen fort von hier in
       dem Wissen,  daß die  Zielsetzungen unserer  Nation - Friede, Si-
       cherheit und  Freiheit für  uns und  andere - unsere Zukunft ent-
       scheiden und  daß wir zusammen obsiegen werden. Um diese Ziele zu
       erreichen, wird  unser Land  genau jener Eigenschaften des Mutes,
       der Opferbereitschaft, des Idealismus und der Disziplin bedürfen,
       die Sie  sich als Seekadetten hier in Annapolis so gut angeeignet
       haben. Das  ist der Grund, weshalb Ihr Land so viel von Ihnen er-
       wartet, und warum Sie soviel zu geben haben.
       Ich verlasse  Sie mit meinen Glückwünschen und mit dem Gebet, daß
       Sie und  ich sich der Aufgabe würdig erweisen werden, die vor uns
       und der Nation liegt, der zu dienen wir geschworen haben.
       Ich danke Ihnen!
       

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