Quelle: Blätter 1978 Heft 07 (Juli)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       REDE DES PRÄSIDENTEN DER VEREINIGTEN REPUBLIK TANSANIA,
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       JULIUS NYERERE, VOR DEM DIPLOMATISCHEN CORPS IN DARESSALAM
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       ÜBER "WESTLICHE MANÖVER IN AFRIKA" VOM 8. JUNI 1978
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       (Wortlaut)
       
       Ich bin in der Tat sehr betroffen gewesen über die Reaktionen der
       Welt auf  die jüngsten Ereignisse in Afrika, und es erscheint mir
       notwendig, den Standpunkt Tansanias klarzumachen. Denn die Ereig-
       nisse der  letzten Wochen haben erneut gezeigt, daß, obgleich un-
       sere legale Unabhängigkeit offiziell anerkannt ist, unser Bedürf-
       nis und  unser Recht, unsere Länder und unseren Kontinent unseren
       eigenen Interessen entsprechend zu entwickeln, uns praktisch noch
       nicht zugestanden  werden. Die  Gewohnheit, Afrika  als Anhängsel
       von Westeuropa zu betrachten, ist noch ungebrochen.
       In Angola kämpfte die MPLA fast ganz allein gegen die portugiesi-
       schen Kolonialisten.  Als nach der Revolution in Portugal die Un-
       abhängigkeit (Angolas)  in Sichtweite  rückte,  entschieden  sich
       mehrere westliche Länder - geführt von den USA - für den Versuch,
       die Bildung einer MPLA-Regierung zu verhindern. Sie konspirierten
       mit Südafrika und gaben heimlich finanzielle Mittel und Waffen an
       rivalisierende nationalistische Bewegungen, die vorher fast untä-
       tig gewesen waren. Angesichts dieser Verschwörung und der fortge-
       setzten Attacken auf Angola von Südafrika aus und über die Grenze
       von Zaire her suchte die MPLA-Regierung Hilfe von denjenigen, die
       ihre Bewegung während des Unabhängigkeitskampfes unterstützt hat-
       ten. Kuba  und die  Sowjetunion reagierten  auf diese Bitten. Mit
       ihrer Hilfe  überwand die angolanische Regierung die unmittelbare
       militärische Bedrohung  ihrer Existenz,  schlug die  südafrikani-
       schen Truppen  über die  Grenze nach  Namibia und die FNL-Truppen
       dorthin zurück, woher sie gekommen waren - aus Zaire.
       Kubanische Truppen  sind noch in Angola, und die Sowjetunion gibt
       weiterhin militärischen  Beistand. Die angolanische Regierung ist
       gezwungen, um  die Fortsetzung  des Beistands zu bitten, weil die
       Bedrohung der Integrität Angolas immer noch besteht. Erst letzten
       Monat drangen  wieder südafrikanische  Truppen in  Angola ein und
       verursachten schwere  Opfer unter  den Flüchtlingen  aus Namibia.
       Die UNITA  erhält weiterhin Unterstützung von außen. Es hat fort-
       gesetzt Angriffe von FNLA-Truppen über die Grenze zwischen Angola
       und Zaire  gegeben; sie  wurden von  ausländischen Kräften finan-
       ziert und  mit Waffen  unterstützt und operierten mit der aktiven
       oder stillschweigenden Unterstützung der Regierung von Zaire. Das
       alles ist  den  Geheimdiensten  Südafrikas  und  denen  der  USA,
       Frankreichs und  einiger anderer  westlicher Länder  bekannt.  Es
       würde nicht geschehen ohne ihre Zustimmung und ihr Zutun. Es wäre
       nicht glaubhaft,  daß die  Regierungen jener Länder nicht wüßten,
       was ihre Geheimdienste tun.
       Die Geschichte  der Ex-Katanga-Gendarmen  beginnt vor der Unabhä-
       gigkeit von  Angola. Es  waren keine  Aktionen der  MPLA, die sie
       nach Angola  brachten, noch  wurden sie von der MPLA ausgebildet.
       Sie sind für Afrika eine lebende Mahnung an den entschiedenen und
       schamlosen Versuch  des Westens,  den ehemaligen  Kongo (Leopold-
       ville) für  seine eigenen ökonomischen Interessen zu zerstückeln.
       Als dieser Versuch zunichte gemacht worden war, zogen sich einige
       dieser  Gendarmen   nach  Angola  zurück  und  blieben  dort  als
       Flüchtlinge. Jetzt  haben sich  die Dinge  geändert;  der  Westen
       beurteilt Zaire anders und benutzt es, um Angola zu destabilisie-
       ren. Es  wäre deshalb  nicht verwunderlich, wenn Angola sich sei-
       nerseits gezwungen  fühlte, die Beschränkungen, die es den zairi-
       schen Flüchtlingen in Nordangola auferlegte, aufzuheben.
       Ob eine solche Politik korrekt oder klug ist - das bleibt der Be-
       urteilung überlassen; nichtsdestotrotz ist sie verständlich. Aber
       eins ist klar. Es gibt keinen Anhaltspunkt, daß Kuba oder die So-
       wjetunion in  diese Vergeltung verwickelt sind. Das US-Außenmini-
       sterium soll  das einmal  gesagt haben;  die Kubaner haben solche
       Behauptungen unablässig und überzeugend zurückgewiesen.
       Kuba und  die Sowjetunion  sind also  aus verständlichen  Gründen
       nach Angola gekommen und noch dort, und zwar auf Ersuchen der an-
       golanischen Regierung.  Es gibt  keinerlei Beweis, daß sie direkt
       oder indirekt  in irgendwelche Kämpfe innerhalb Zaires verwickelt
       waren.
       Kubanische  und   sowjetische  Truppen   befinden  sich  auch  in
       Äthiopien, und  zwar auf Ersuchen der äthiopischen Regierung. Die
       Ursachen  ihrer  Anwesenheit  sind  wohlbekannt.  Sie  haben  den
       Äthiopiern geholfen,  ihr Land  gegen ausländische  Aggression zu
       verteidigen. Sie  waren nicht ebensowenig wie die äthiopische Re-
       gierung - in irgendwelche Kämpfe außerhalb der äthiopischen Gren-
       zen verwickelt.  Und es  gibt einige Anhaltspunkte für die Vermu-
       tung, daß  die kubanische  Regierung jedenfalls einen Unterschied
       macht zwischen den Kämpfen im Ogaden und den Kämpfen in Eritrea.
       Wo sonst  gibt es, von diesen beiden Ländern abgesehen, in Afrika
       sowjetische oder  kubanische Truppen?  Es gibt  einige kubanische
       und sowjetische Staatsbürger und einige chinesische Staatsbürger,
       die dabei  helfen, die  südafrikanischen Freiheitskämpfer  im Ge-
       brauch von Waffen zu unterrichten, die Afrika von kommunistischen
       Ländern für  den Freiheitskampf  in Rhodesien und Namibia erhält.
       Abgesehen von  vagen Gemeinplätzen  und Gerüchten, die darauf ba-
       sieren, welche  Art Jacken die Leute tragen, gibt es keine seriö-
       sen Annahmen dafür, daß diese Truppen außerdem irgendwo anders in
       Afrika operieren oder stationiert sind.
       So wird  also auf  der Basis, daß sich sowjetische und kubanische
       Truppen in  zwei afrikanischen Staaten aufhalten, im Westen mäch-
       tig Furore  gemacht über die sogenannte sowjetische Durchdringung
       Afrikas. Und  diese Truppen  sind in den beiden genannten Ländern
       auf Ersuchen  der legitimen  und anerkannten  Regierungen und aus
       Gründen, die für jeden vernünftigen Menschen wohlbekannt und völ-
       lig verständlich sind. Dennoch erheben die westlichen Länder Ein-
       spruch und  halten Versammlungen ab, vorgeblich, um zu ergründen,
       wie die  Freiheit Afrikas  gegen das  verteidigt werden kann, was
       sie die sowjetische Durchdringung nennen.
       Lassen Sie  es mich ganz klarmachen. Tansania will nicht, daß ir-
       gendwer von  außerhalb  Afrikas  Afrika  regiert.  Wir  bedauern,
       selbst in  dem Moment, wo wir es anerkennen, daß gelegentlich die
       Notwendigkeit für  eine afrikanische Regierung besteht, militäri-
       sche Hilfe von einem nichtafrikanischen Land zu erbitten, nämlich
       dann, wenn es seine nationale Integrität von außen bedroht sieht.
       Wir wissen,  daß die  Reaktion auf ein solches Ersuchen bei jeder
       der Großmächte  von dem  bestimmt wird, was die betreffende Groß-
       macht für  in ihrem eigenen Interesse liegend hält. Wir haben uns
       zu der  Erkenntnis genötigt  gesehen, daß  die meisten  als Groß-
       mächte bekannten  Länder es  nicht für  unter ihrer Würde halten,
       bestehende und genuin afrikanische Probleme und Konflikte zu ver-
       schärfen, wenn sie sich dadurch einen Vorteil versprechen. Wir in
       Tansania glauben,  daß die  afrikanischen Länder sich einzeln und
       durch die OAU vor solchen Aktionen schützen müssen. Aber wir müs-
       sen Afrika  vor der  Gefahr schützen, daß es durch irgendeine an-
       dere Nation  oder Nationengruppe  benutzt wird.  Die  Gefahr  für
       Afrika kommt  nicht allein von den Staaten des Ostblocks. Der We-
       sten betrachtet  Afrika immer  noch als Teil seiner Einflußsphäre
       und handelt dementsprechend. Die gegenwärtigen Entwicklungen zei-
       gen, daß die größere unmittelbare Gefahr für Afrikas Freiheit von
       Staaten aus diesem westlichen Block ausgeht.
       
       Fünfte Kolonne
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       Es wäre  gut, wenn die OAU genügend geeint wäre, um in Afrika ein
       Oberkommando und  eine Panafrikanische  Sicherheitstruppe  einzu-
       richten. Wenn dies geschehen wäre und wenn sich dann die OAU ent-
       scheiden würde, ausländische Unterstützung für diese Truppe anzu-
       fordern, könnte  man ernsthaft  etwas dagegen einwenden. Aber die
       OAU hat  keine solche  Entscheidung getroffen.  Es ist höchst un-
       wahrscheinlich, daß  die OAU-Versammlung  in Karthoum in der Lage
       sein wird,  einstimmig der  Schaffung einer solchen militärischen
       Truppe zuzustimmen - oder, falls sie es täte, daß sie in der Lage
       sein würde, einstimmig zu vereinbaren, welche Länder man um Hilfe
       bitten würde, falls dies notwendig würde.
       Bis jedoch  Afrika auf  der Ebene  der OAU nicht eine solche Ent-
       scheidung getroffen hat, kann es keine Panafrikanische Truppe zur
       Verteidigung Afrikas  geben. Es  ist darüber hinaus nur zu offen-
       sichtlich, daß  die jenigen, die die Idee vorangetrieben und ver-
       sucht haben,  eine solche  Truppe einzurichten,  nicht an Afrikas
       Freiheit interessiert sind. Es war Paris, von wo dies Gerede über
       eine Panafrikanische  Sicherheitstruppe ausging. Es war Paris und
       später Brüssel, wo man sich traf, um diese und damit zusammenhän-
       gende Fragen,  die "Freiheit" Afrikas betreffend, zu diskutieren.
       Die OAU  trifft sich  im Juli  in Karthoum; aber uns erzählt man,
       daß die  Freiheit Afrikas  und ihre Verteidigung im Juni in Paris
       und Brüssel diskutiert werden.
       Es gibt  nur einen Grund, warum die Idee Europas, eine Panafrika-
       nische Sicherheitstruppe oder eine Afrikanische Friedenstruppe zu
       errichten oder  zu initiieren,  nicht augenblicklich und weltweit
       Erstaunen und Bestürzung auslöst. Dieser eine Grund ist die fort-
       bestehende  Anmaßung,   daß  Afrika   Teil  der  westeuropäischen
       "Einflußsphäre" sei  und immer  bleiben müsse. Diese Anmaßung ist
       bis heute  kaum in Frage gestellt worden. Selbst einige afrikani-
       sche Staaten halten sie für ausgemacht.
       Wir alle  kennen die machtpolitischen Tatsachen in der Welt. Aber
       man kann  von uns  mehr erwarten,  daß wir diese neue Beleidigung
       Afrikas und  der Afrikaner  ohne  Einwand  hinnehmen.  Wir  mögen
       schwach sein,  aber wir sind Menschen; wir wissen sehr wohl, wann
       man uns vorsätzlich provoziert und beleidigt.
       Die Franzosen haben Truppen in vielen Ländern Afrikas. Im Tschad,
       in der  Westsahara, in Mauretanien, und jetzt auch in Zaire, ste-
       hen französische  Truppen im  Kampf gegen  Afrikaner.  Frankreich
       hält weiter  Mayotte besetzt. Aber es gibt keine Versammlungen in
       Washington oder  selbst in Moskau, um die Bedrohung der afrikani-
       schen Freiheit  durch die  französische Durchdringung  Afrikas zu
       erörtern. Noch  sollte es  solche Versammlungen geben. Aber nicht
       einmal Afrika diskutiert diese Frage, nicht einmal in Afrika. Der
       Grund ist  sehr einfach.  Es ist  die fortgesetzt  bestehende An-
       nahme, es  sei nur  natürlich, wenn  französische, belgische oder
       britische Truppen  sich in  Afrika aufhalten; aber der Aufenthalt
       von Truppen  eines Nicht-Mitgliedstaates des westlichen Blocks in
       Afrika gilt als eine Bedrohung.
       Eine Bedrohung für wen? Für Afrikas Freiheit oder für die Beherr-
       schung Afrikas  durch die  früheren Kolonialmächte und ihre Alli-
       ierten, die heute mit viel subtileren Mitteln und mit Hilfe einer
       afrikanischen Fünften Kolonne operieren? Die Antworten auf solche
       Fragen sind  ganz klar.  Es hat  laufend Einfälle  Südafrikas und
       Rhodesiens nach  Angola, Botswana, Zambia und Moçambique gegeben.
       Der Westen  hat sich darüber nicht sehr betroffen gezeigt, ebenso
       wenig wie seine neuentdeckten Stellvertreter in Afrika.
       Als die  UdSSR 1968 ihre Truppen in die CSSR schickte, war Tansa-
       nia eines  der vielen  Länder, die  protestierten. Wird erwartet,
       daß wir  nicht protestieren  sollten, wenn  westliche Mächte ihre
       Truppen in  ein afrikanisches  Land  schicken?  Diese  "Rettungs-
       operationen" scheinen fast immer mit dem Tod einer Menge unschul-
       diger Menschen  und der  Rettung der Regierung zu enden. Aber das
       wird offensichtlich  in Europa  nicht als  Einmischung in afrika-
       nische Angelegenheiten  betrachtet  Stattdessen  beruft  dasselbe
       Land, das  die militärische  Expedition  ingangsetzte,  hinterher
       eine Versammlung  ein, um,  wie man sagt, die Freiheit Afrikas zu
       diskutieren.
       
       Sowjetische Frontlinie
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       Man sollte  keinen Irrtum erliegen. Was auch immer die offizielle
       Tagesordnung sein  mag -  die Pariser  und Brüsseler  Konferenzen
       diskutieren nicht die Freiheit Afrikas. Sie diskutieren die fort-
       bestehende Beherrschung  Afrikas und  die  anhaltende  Ausnutzung
       Afrikas durch  westliche Mächte. Zusammengenommen sollen sie eine
       Art 2. Berliner Konferenz darstellen.
       Die tatsächliche  Tagesordnung, innerhalb und außerhalb der offi-
       ziellen Sitzungen,  befaßt sich mit zwei Punkten. Sie befaßt sich
       mit dem  Neokolonialismus  in  Afrika  aufgrund  wirtschaftlicher
       Zielsetzungen -  der wirklichen Kontrolle Afrikas und der afrika-
       nischen Staaten.  Das werden die Franzosen übernehmen. Sie befaßt
       sich auch  mit der Nutzung Afrikas im Ost-West Konflikt. Das wer-
       den die USA anführen.
       Diese beiden  Vorhaben werden  koordiniert, so daß sie sich wech-
       selseitig fördern,  und man  wird die  Aufteilung der  erwarteten
       Profite - und Kosten - ausarbeiten. An diesem Punkt - die Teilung
       der Beute - werden sehr wahrscheinlich Streitigkeiten auftreten.
       Aber es  mag sein,  daß die Kosten höher sind, als die Teilnehmer
       ahnen. Tansania  ist nicht  der einzige nationalistische Staat in
       Afrika. Nationalisten  gibt es  überall. Früher oder später - und
       so lange  es nötig sein wird - wird Afrika gegen Neokolonialismus
       kämpfen, so  wie es gegen Kolonialismus gekämpft hat. Und am Ende
       wird es gewinnen. Länder des Westblocks, die versuchen, dem Kampf
       gegen den  Neokolonialismus Widerstand  zu leisten,  sollten  zur
       Kenntnis nehmen,  daß nicht allein afrikanische Länder im Verlauf
       dieses Kampfes leiden werden.
       Noch wird  sich Afrika als ganzes damit abfinden, in der Ost-West
       Auseinandersetzung benutzt  zu werden.  Wir  sind  schwach,  aber
       schwache Länder  haben durchaus  schon Großmächte in große Verle-
       genheit und manche Schwierigkeit gebracht. Wenn der Westen bewei-
       sen will,  sei es  den Russen oder den eigenen Völkern gegenüber,
       daß er  dem Kommunismus  gegenüber  nicht  nachgiebig  ist,  dann
       sollte er seine Aufmerksamkeit dahin richten, wo die sowjetischen
       Panzer stehen  und die sowjetische Frontlinie verläuft. Sie soll-
       ten keine  Entschuldigung dafür  erfinden, den  Ost-West Konflikt
       nach Afrika  zu tragen.  Denn wenn  sie damit  Erfolg haben, wird
       Afrika leiden,  und Afrikas  Freiheit wird  leiden; aber  es kann
       sich auch  als sehr  kostspielig  für  diejenigen  erweisen,  die
       Afrika als neues Feld für die Ost-West-Konfrontation auswählen.
       Die afrikanischen  Völker haben denselben Wunsch wie jedes andere
       Volk auch,  frei zu  sein und ihre Freiheit zum eigenen Nutzen zu
       gebrauchen. Sie  haben dieselbe Entschlossenheit, für dieses Ziel
       zu arbeiten und zu kämpfen. Die Afrikaner wissen, daß außer ihnen
       niemand an  ihrer Freiheit interessiert ist. Dieses Gerede in Eu-
       ropa über  eine Panafrikanische Sicherheitstruppe ist eine Belei-
       digung für Afrika und eine Herabwürdigung der afrikanischen Frei-
       heit.
       Es macht  kaum einen Unterschied, ob die europäischen Initiatoren
       dieses Planes  Afrikaner finden, die den Kampf für sie führen. Es
       gab Afrikaner,  die mit  den Kolonial-Invasoren  kämpften, es gab
       Afrikaner, die  bei der  Versklavung ihrer  afrikanischen  Brüder
       halfen, und  es gab  Afrikaner, die gegen die Freiheitsbewegungen
       kämpften. Aber wir bitten jene afrikanischen Regierungen, die zu-
       gestimmt haben mögen, bei diesem Plan mitzuwirken, gut nachzuden-
       ken, bevor sie weitergehen. Wir haben die OAU. Mit all ihren Feh-
       lern und  Unzulänglichkeiten ist  sie die einzige panafrikanische
       Organisation, die  es gibt  und der  es um  die Freiheit  Afrikas
       geht. Verhindern  wir, daß  wir sie  - und  Afrika -  spalten, in
       jene, die  militärisch mit dem Westen alliiert sind und jene, die
       sich in  der Folge  davon gezwungen sehen könnten, Hilfe woanders
       gegen den afrikanisch unterstützten Neokolonialismus zu suchen.
       Wir leugnen  nicht das  Prinzip, daß jeder afrikanische Staat das
       Recht hat,  Hilfe, sei  es militärische,  sei es wirtschaftliche,
       von einem  Land seiner Wahl zu erbitten. Im Gegenteil, wir beste-
       hen auf diesem Recht. Angola, Äthiopien, Tschad, Zaire - wir alle
       haben dieses Recht. Es steht dem Westen nicht an, Einwände vorzu-
       bringen, wenn  Angola Beistand  von der  UdSSR erbittet. Es steht
       dem Osten  nicht an,  zu protestieren,  wenn  Djibuti  Hilfe  von
       Frankreich erbittet.  Und das  angesprochene Land  hat immer  das
       Recht zu entscheiden, ob es diese Hilfe gewährt.
       Wir streiten  auch nicht  ab, daß  alle afrikanischen Regierungen
       von einigen  Rebellen bedroht  werden können,  die möglicherweise
       von ausländischen  Elementen finanziert  werden, selbst  wenn sie
       (die Regierungen)  von der  Masse ihres  Volkes voll  unterstützt
       werden. Unter  solchen Umständen  sucht eine Regierung sicherlich
       zu Recht Beistand, um eine vorübergehende Krise zu überwinden und
       ein Land,  das darauf  eingeht, sollte deshalb nicht des Neokolo-
       nialismus' angeklagt  werden. Andere Regierungen in Afrika treten
       das Erbe  chaotischer Verhältnisse  an und brauchen etwas länger-
       fristige Unterstützung, um währenddessen zu versuchen, ihrem Volk
       wirklich Frieden zu bringen und ihr Land im Interesse dieses Vol-
       kes zu entwickeln.
       Aber wir müssen das Prinzip zurückweisen, daß ausländische Kräfte
       das Recht haben, afrikanische Regierungen an der Macht zu halten,
       die überall als korrupt oder unfähig oder als eine Bande von Mör-
       dern erkannt  sind, wenn  ihre Völker versuchen, Wandel zu schaf-
       fen. Afrika  kann nicht  zulassen, daß seine gegenwärtigen Regie-
       rungen durch  den Neokolonialismus oder weil es Kalten Krieg oder
       ideologische Konflikte zwischen Großmächten gibt, für alle Zeiten
       einzementiert werden.  Die Völker  jedes einzelnen  afrikanischen
       Landes haben  in der  zweiten Hälfte  des 20. Jahrhunderts ebenso
       das Recht,  eine korrupte Regierung abzulösen, wie in der Vergan-
       genheit die  Völker Englands,  Frankreichs und Rußlands das Recht
       hatten, ihre eigenen verrotteten Regimes zu stürzen. Das chinesi-
       sche Volk hat einen langen, historisch bedeutsamen und exemplari-
       schen Kampf  gegen die Lakaien und "rennenden Hunde" des Imperia-
       lismus im  sogenannten unabhängigen  China geführt.  Will man den
       Völkern Afrikas das gleiche Recht verweigern?
       Zu welcher  Kategorie diese  oder jene  Krise einer afrikanischen
       Regierung zu  zählen ist, mag Gegenstand ernsthafter Meinungsver-
       schiedenheiten sein. Aber wenn ein und dieselbe Regierung ständig
       zu ausländischer  Hilfe Zuflucht  nehmen muß,  um ihre  Kontrolle
       über das  Land aufrecht  zu erhalten, würden die meisten Menschen
       anfangen sich  zu fragen,  ob die Regierung wirklich den Rückhalt
       ihrer Bürger  hat. Jene ausländischen Mächte, die wirklich an der
       Freiheit Afrikas  und nicht  an seiner  Beherrschung interessiert
       sind, werden dann entscheiden, daß die Zeit gekommen ist, Halt zu
       machen. Und  wenn sie  nicht so  handeln, dürfen  sie nicht über-
       rascht sein, wenn das restliche Afrika ihre Intervention als Aus-
       druck neokolonialer  Beherrschung versteht und als Äußerung ihrer
       Absicht, die  Kontrolle über diesen Teil Afrikas aufrechtzuerhal-
       ten.
       Westeuropa und  die USA  sind daran  interessiert, ständig freien
       Zugang zu  den Bodenschätzen  Afrikas zu  haben, um  ihre  eigene
       Wirtschaft aufrecht  zu erhalten.  Aber dieser  Zugang wird nicht
       durch Korruption  oder durch  Unterstützung für  Korruption gesi-
       chert; er wird durch solche Unterstützung vielmehr gefährdet. Der
       Zugang ist  auch nicht  abhängig von  der Ideologie,  für die die
       einzelnen afrikanischen  Regierungen Partei ergreifen. Die augen-
       blicklichen politischen  und wirtschaftlichen  Realitäten Afrikas
       zwingen alle afrikanischen Länder, ihre Bodenschätze dort zu ver-
       kaufen, wo sie die besten Preise erzielen und wo sie im Austausch
       die Güter erhalten, die sie selber brauchen. Für beide Behauptun-
       gen spricht vieles.
       Die Absicht  dieser Erklärung ist es, klar zu machen, daß wir ein
       Recht westeuropäischer Länder, Afrika zu beherrschen, nicht aner-
       kennen. Genauso  würden wir  Versuche von Ostblockländern, Afrika
       zu beherrschen, zurückweisen. Insbesondere wollen wir klarmachen,
       daß Tansania  die Arroganz  und die  Verachtung jener verurteilt,
       die vorgeben,  eine Panafrikanische  Sicherheitstruppe oder  eine
       Afrikanische Friedenstruppe zugunsten Afrikas schaffen zu wollen.
       Entweder wird Afrika dies selbst tun, oder es wird keine Panafri-
       kanische Truppe,  die die  Freiheit  Afrikas  verteidigt,  geben;
       höchstens wird  es etwas  geben, das sich selbst so nennt und ein
       Instrument erneuter  ausländischer Beherrschung dieses Kontinents
       ist.
       Tansania weist  die Behauptung  zurück, daß  Afrikas Freiheit von
       einer Sicherheitstruppe  verteidigt werden  kann, die europäische
       Mächte organisiert  oder initiiert  haben. Wir werden eine solche
       Truppe als  Instrument des  Neokolonialismus in unserem Kontinent
       betrachten.
       Das Ziel  der Unabhängigkeitskämpfe  in Afrika  war die  Freiheit
       Afrikas und der Afrikaner. Unsere unabhängigen Regierungen dürfen
       nicht Instrumente zur Aufrechterhaltung der ausländischen Beherr-
       schung in neuer Form werden. Vielmehr müssen sie Instrumente wer-
       den, mit denen die Völker Afrikas sich und ihre Länder entwickeln
       und ihre Freiheit derart ausweiten, daß sie schließlich ein Leben
       in Würde für jeden einzelnen Afrikaner bedeutet. Wir müssen einen
       langen Weg  gehen - wir alle, in jeder afrikanischen Nation. Aber
       Tansania wird  jedem Versuch widerstehen, unsere Entwicklung ein-
       zuschränken und zu verhindern, daß sie sich in die genannte Rich-
       tung bewegt.  Tansania wird jedem Versuch Widerstand entgegenset-
       zen, die  Beherrschung Afrikas unter dem Deckmantel einer vorgeb-
       lichen Verteidigung Afrikas zu erneuern und zu verstärken.
       

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