Quelle: Blätter 1978 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       OFFENER BRIEF DER VVN - BUND DER ANTIFASCHISTEN AN DEN
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       BUNDESKANZLER ZUM MAJDANEK-PROZESS VOM 15. JULI 1978
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       (Wortlaut)
       
       Das Präsidium  der VVN - Bund der Antifaschisten hat in einem Of-
       fenen Brief an Bundeskanzler Helmut Schmidt Kritik am Verlauf des
       Düsseldorfer Majdanek-Prozesses  geübt und den Bundeskanzler auf-
       gefordert, für eine kompromißlose Verfolgung und gerechte Bestra-
       fung der Verantwortlichen und der Henkersknechte einzutreten. Der
       Brief hat folgenden Wortlaut:
       
       Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
       Wie Ihnen  bekannt ist, haben der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus
       Thüsing und  einige andere Kollegen eine Anfrage an die Bundesre-
       gierung gerichtet,  wie sie den Majdanek-Prozeß beurteilt. In ei-
       nem Interview  mit dem  Deutschlandfunk hat  er u.a.  gesagt: "Es
       darf nicht  weiter geschwiegen werden - auch von Politikern nicht
       - zu diesen Prozessen, vor allem nicht zum Majdanek-Prozeß.
       Ungestraft hätten  sich Politiker zu anderen Prozessen vielfältig
       geäußert. Und  wenn es  z.B. in den Terroristenprozessen ähnliche
       Skandale gegeben  hätte wie  im Majdanek-Prozeß,  "hätten wir ein
       ganzes Bündel  von Gesetzesvorlagen  - auch  zur Veränderung  der
       Strafprozeßordnung - auf dem Tisch des Bundestages liegen..."
       Auch der  NRW-Landtagsabgeordnete Hans  Jürgen Büssow  macht sich
       offensichtlich Sorgen über diesen Prozeß, der seit mehr als 2 1/2
       Jahren geführt  wird und  möglicherweise noch  weitere zwei Jahre
       dauern soll.  Seine Anfrage  bezog sich  vor allem  auf den kalt-
       schnäuzigen  Zynismus  von  Angeklagten  und  Advokaten  und  auf
       neonazistische Begleiterscheinungen.  Was allerdings die NRW-Lan-
       desregierung durch  ihren Justizminister,  Frau Inge Donnepp, er-
       klären ließ, ist mehr als beschämend. In diesem Verfahren habe es
       "keine antisemitischen  und  neonazistischen  Propagandaauftritte
       gegeben".
       Herr Bundeskanzler,  seit Monaten  wird das Majdanek-Verfahren in
       der in-  und ausländischen Presse als "Gespensterprozeß", als der
       "zwielichtigste  und  skandalträchtigste  Prozeß  bundesdeutscher
       Rechtsgeschichte", als "Prozeß in der Krise" und dergleichen mehr
       charakterisiert. Wir fragen Sie: zu Unrecht?
       Hier einige wenige Fakten. Schon vor Monaten wurde durch den Vor-
       sitzenden des  sogenannten Kampfbundes  Deutscher Soldaten, Erwin
       Schönborn -  ehemaliger Arbeitsdienstführer -, eine rechtsextreme
       "Aktionsgemeinschaft zur  Beendigung der NS-Prozesse und Freilas-
       sung aller  Verurteilten" gegründet.  Im und vor dem Gerichtssaal
       wurden von  neonazistischen Propagandisten Pamphlete verteilt wie
       "Anne Franks Tagebuch - eine Fälschung"; die rechtsgewirkte Zeit-
       schrift "Unabhängige Nachrichten", worin die Massenmorde, die so-
       genannte Endlösung  als von  "Juden erfundene  Lügen"  bezeichnet
       werden; die Schrift "der Auschwitz-Betrug" u.a.
       Die Hersteller und Verbreiter dieses antisemitischen Unflats, Udo
       Walendy und Wolf Dieter Rothe, waren oft im Gerichtssaal anwesend
       und unterhielten  Kontakte mit  den Angeklagten. Dieter Rothe hat
       an den  Leiter der Zentralstelle für Verfolgung von NS-Verbrechen
       einen Drohbrief geschrieben, in dem es u. a. heißt: "Der Schatten
       Ihrer heutigen  Tätigkeit wird  sich wie  ein Fluch auf Ihr Leben
       legen."
       Oder z.B.  Verteidiger wie  der Rechtsanwalt Ludwig Bock, der in-
       zwischen entpflichtet  worden ist  und gegen den ein Ermittlungs-
       verfahren wegen  Verdachts der  versuchten Verleitung zur Falsch-
       aussage eingeleitet  wurde. Bock  hat in einem Rundfunk-Interview
       mit der  BBC "die Errichtung von Menschenvernichtungsfabriken zum
       speziellen Zweck  'Antideutscher Greuelpropaganda'  zum Teil erst
       nach dem Krieg nicht ausgeschlossen". Wenn in KZ-Lagern, so Bock,
       überhaupt Menschen  ums Leben gekommen seien, dann durch Mithäft-
       linge, Seuchen  und Flugzeugbombardements.  Das Gericht möge prü-
       fen, ob  es sich  bei den  in einem  ZDF-Film gezeigten "lebenden
       Skeletten"  um   Menschen  gehandelt   habe,  die  möglicherweise
       "aufgrund einer  Krankheit abgemagert" waren. Dieses ist ein wei-
       teres Beispiel unwürdiger und beschämender Äußerungen des Rechts-
       anwaltes Bock, der jetzt, allerdings aus anderen Gründen, aus dem
       Verfahren ausgeschieden ist.
       Aber der Altnazi Hans Mundorf ist noch weiter Verteidiger. Er war
       es, der  im Zusammenhang mit Zeugenaussagen, die von Menschenver-
       brennungen durch Geruchswahrnehmung berichtet hatten, ein Gutach-
       ten forderte,  wie eigentlich  verbranntes  Menschen-  von  Tier-
       fleisch zu unterscheiden sei. Mundorf leugnet schlichtweg den Be-
       schluß der  berüchtigten Wannsee-Konferenz  über die "Endlösung",
       das heißt Vernichtung der Juden.
       Und der Dritte im Bunde ist der Rechtsanwalt Hermann Stolting II,
       der als  ehemaliger NS-Staatsanwalt  am Sondergericht in Bromberg
       polnische Arbeiter zum Tode, zu langjährigen Zuchthausstrafen, zu
       Zwangslager und  Deportation  wegen  Bagatelldelikten  verurteilt
       hat. Ist ein solcher Mann in einem solchen Prozeß nicht eine Her-
       ausforderung der demokratischen Öffentlichkeit?
       Herr Bundeskanzler,  sollen wir Ihnen von der systematischen Ver-
       schleppungstaktik, von  den  zahlreichen  unsinnigsten  Befangen-
       heitsanträgen, von  der kränkenden  Behandlung der  ausländischen
       Zeugen, von  der beschämenden  Atmosphäre im Gerichtssaal, die in
       keiner Weise der Substanz des Prozesses gerecht wird, berichten?
       Herr Bundeskanzler,  wir stimmen  dem Bundestagsabgeordneten Thü-
       sing zu: "Es darf nicht weiter geschwiegen werden!" Es ist an Ih-
       nen, Herr Bundeskanzler, ein offenes Wort in aller Öffentlichkeit
       zu sprechen.  Im Majdanek-Prozeß  wird die  ganze abgründige Welt
       der faschistischen  Unmenschlichkeit offenbar, die gegen Menschen
       vieler Nationen  praktiziert worden  ist. Im Gedenken an die Hun-
       derttausende und  Millionen Opfer  und ihre  Angehörigen darf  es
       nicht zugelassen  werden, daß  die furchtbaren Verbrechen der Ha-
       kenkreuzbarbarei geleugnet,  bagatellisiert und umgemünzt werden,
       ohne daß ein entscheidendes Wort dazu aus berufenem Munde gespro-
       chen wird.
       Herr Bundeskanzler,  haben Sie  den Mut,  unserer Bevölkerung und
       der Weltöffentlichkeit  ein ungeschminktes  Bild von der Grausam-
       keit und Unmenschlichkeit in den Vernichtungslagern des Naziregi-
       mes, also auch in Majdanek, zu geben. Treten Sie für eine kompro-
       mißlose Verfolgung und eine gerechte Bestrafung der Verantwortli-
       chen und der Henkersknechte ein.
       
       Mit vorzüglicher Hochachtung:
       Präsidium der VVN - Bund der Antifaschisten
       

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