Quelle: Blätter 1978 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUFRUF ZU EINEM KONGRESS GEGEN DIE ATOMARE ZUSAMMENARBEIT
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       BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND - SÜDAFRIKA IN BONN
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       AM 11./12. NOVEMBER 1978
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       (Wortlaut)
       
       Das Apartheid-Regime  in Südafrika  ist gesetzgewordenes  Verbre-
       chen. Die  schwarze Mehrheit der Bevölkerung wird täglich entwür-
       digt, ausgebeutet, unterdrückt, ihrer Menschenrechte beraubt.
       Die Diskriminierten leben überwiegend in verheerenden gesundheit-
       lichen und  sozialen Verhältnissen. Ihr Einkommen liegt unterhalb
       des offiziellen  Existenzminimums. Es  ist trotz  des  besonderen
       Reichtums Südafrikas niedriger als in neun anderen schwarzafrika-
       nischen Staaten.  Die Weißen dagegen haben sich einen Lebensstan-
       dard angeeignet, der einer der höchsten der Welt ist.
       Das Apartheid-Regime dient zur Aufrechterhaltung der Ausbeutungs-
       verhältnisse in  Südafrika. Auch westeuropäische und nordamerika-
       nische Konzerne  nutzen diese  rassistische  Gesellschaftsordnung
       zur Erzielung riesiger Gewinne. Allein die bundesdeutschen Unter-
       nehmen haben sich mit 10-12 Mrd. DM in Südafrika engagiert.
       Doch das Ende der Apartheid ist absehbar. Der jahrzehntelange Wi-
       derstand gegen  die Unterdrückung hat seit den Aufständen von So-
       weto einen neuen Höhepunkt erreicht. Zudem gibt der Sieg über Ko-
       lonialismus und  Rassismus in den Nachbarstaaten den südafrikani-
       schen Befreiungsbewegungen  neue Möglichkeiten  für den  Kampf um
       Freiheit und  Unabhängigkeit. Die Brutalität und Unnachgiebigkeit
       des Vorster-Regimes  haben dazu  geführt, daß dieser Kampf offen-
       sichtlich nicht  mehr ohne  Waffen geführt werden kann. Algerien,
       Vietnam, Guinea-Bissau, Moçambique und Angola haben bewiesen, daß
       sich der  Freiheitswille eines  Volkes auch  von militärisch weit
       überlegenen Mächten nicht unterdrücken läßt.
       Mehr und  mehr Regierungen erkennen die Gefahr, die das rassisti-
       sche Regime  für den Frieden in der Welt bedeutet. Sie unterstüt-
       zen daher  den Kampf  der  unterdrückten  Südafrikaner  für  ihre
       Rechte. Die  Vereinten Nationen  faßten eine Vielzahl von Resolu-
       tionen gegen  das System  der Apartheid.  Der  Weltsicherheitsrat
       verhängte im  November 1977  erstmals in  seiner Geschichte gegen
       einen Mitgliedsstaat  ein bindendes  Embargo gegen  die Lieferung
       von Waffen und Rüstungsgütern.
       Die USA,  Frankreich, Großbritannien,  Kanada und die Bundesrepu-
       blik haben jedoch durchgesetzt, daß die Waffenproduktion nach den
       bisher vergebenen Lizenzen fortgeführt und die atomare Aufrüstung
       durch die  Hilfe nichtstaatlicher  Institutionen  weiterbetrieben
       werden können.  Auch die sonstige wirtschaftliche und technologi-
       sche Zusammenarbeit mit Südafrika wurde nicht unterbunden. Außer-
       dem ist damit zu rechnen, daß sich nicht alle Mitgliedsstaaten an
       die Embargobeschlüsse halten werden.
       Das Verhalten der Bundesregierung bei diesen Entscheidungen zeigt
       erneut die  Doppelzüngigkeit ihrer  Südafrika-Politik: in  Worten
       verurteilt sie  zwar das  unmenschliche Apartheid-System, gleich-
       zeitig aber  stärkt sie  es durch wirtschaftliche, technologische
       und militärische  Zusammenarbeit. Sie  verhilft dem  Regime sogar
       zur Atombombe!
       In einer  Dokumentation der  südafrikanischen  Befreiungsbewegung
       "African National  Congress" vom  September 1975 wurde nachgewie-
       sen, daß  Südafrika eine  Urananreicherungsanlage nach einem Ver-
       fahren baut,  das von der staatlich kontrollierten Firma STEAG in
       Essen entwickelt  und heimlich an das rassistische Regime weiter-
       gegeben wurde.  Lieferungen von wichtigen Teilen für diese Anlage
       erfolgten u.a. durch die Firmen MAN, Siemens und Linde. Auch ame-
       rikanische, französische und Schweizer Firmen sind beteiligt. Die
       Lieferungen wurden  von den  jeweiligen Regierungen genehmigt und
       zum größten Teil mit staatlichen Kreditgarantien abgesichert.
       Der Bau  einer Urananreicherungsanlage ist für Südafrika der ent-
       scheidende Schritt  auf dem Weg zur Atombombe. Diese Bombe zu er-
       halten, ist  das Ziel des südafrikanischen Regimes, wie aus Äuße-
       rungen seiner  Politiker und der Nichtunterzeichnung des Atomwaf-
       fen-Sperrvertrags hervorgeht.  Die atomare  Bewaffnung wird  Süd-
       afrika in  die Lage  versetzen, die  Befreiungsbewegungen und die
       Nachbarstaaten zu  bedrohen; bei der Skrupellosigkeit der in Süd-
       afrika Herrschenden  muß mit dem Einsatz der Atomwaffen gerechnet
       werden.
       Um eine solche Katastrophe zu vermeiden, fordern wir von der Bun-
       desregierung, die  für das  deutsch-südafrikanische  Atomgeschäft
       die Verantwortung trägt:
       - den unverzüglichen Stopp aller Lieferungen für die südafrikani-
       sche Urananreicherungsanlage;
       - die Beendigung  jeglicher nukleartechnologischer Zusammenarbeit
       mit dem  rassistischen Minderheitsregime  und die  Kündigung  des
       deutsch-südafrikanischen Kulturabkommens,  das Grundlage  für die
       wissenschaftliche Kooperation ist;
       - die strikte  Einhaltung des  vom Weltsicherheitsrat  verhängten
       Waffenembargos sowie  die Beendigung jeglicher sonstiger Form der
       militärischen Zusammenarbeit;
       - die Unterbindung jeglicher wirtschaftlicher Beziehungen;
       - die Anerkennung und Unterstützung der Befreiungsbewegungen, die
       von den  Vereinten Nationen und der Organisation für Afrikanische
       Einheit anerkannt werden, ANC und PAC.
       Alle Personen  und Organisationen,  die diese  Forderungen unter-
       stützen, sind  aufgerufen, sich  am internationalen Kongreß gegen
       das Atomgeschäft mit Südafrika zu beteiligen.
       
       Reinhard Brückner, ehemaliger Direktor der Christlichen Akademie,
       Johannesburg - Ingeborg Drewitz, stellvertretende Vorsitzende des
       Verbandes der  Schriftsteller in der IG Druck und Papier - Helmut
       Gollwitzer, Professor  in Berlin,  Mitglied des  Ehrenkuratoriums
       der Anti-Apartheid-Bewegung  (AAB) -  Dieter Hooge, Bildungsrefe-
       rent beim  DGB-Bildungswerk Hessen  - Walter  Kreck, Professor in
       Bonn -  Benjamin Locher,  Kirchenat -  Eckhard Minthe,  Pfarrer -
       Martin Niemöller,  Ehrenpräsident der  Deutschen  Friedensgesell-
       schaft -  Vereinigte Kriegsdienstgegner  (DFG-VK) -  Erika Runge,
       Schriftstellerin, Mitglied  des Ehrenkuratoriums der AAB - Eckart
       Spoo, Vorsitzender  der Deutschen  Journalistenunion (dju) in der
       IG Druck und Papier - Dorothee Steffensky-Sölle, Theologin.
       

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