Quelle: Blätter 1978 Heft 09 (September)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       "DAS GRÜNE MANIFEST" - PROGRAMM DER PARTEI "GRÜNE AKTION ZUKUNFT"
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       (GAZ) VOM 13. JULI 1978
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       (Wortlaut)
       
       1. Unsere Politik  ist verantwortlich  gegenüber Kindern,  Enkeln
       und künftigen  Generationen. Für  ihr und unser Überleben ist die
       Bewahrung der  ökologischen Grundlagen  alles Lebens - Luft, Was-
       ser, Boden, Pflanzen- und Tierwelt- Voraussetzung.
       2. Das derzeitige  ökonomische System  der Menschen  in den Indu-
       strieländern zerstört  diese Voraussetzungen  mit der  Folge  der
       Selbstvernichtung. Darum  muß die Ökonomie in Übereinstimmung mit
       den Naturgesetzen gebracht und in sich selbst zu einer Wirtschaft
       des dynamischen Gleichgewichts ausgestaltet werden.
       3. Es ist ein Irrtum, daß die jetzige materialistische Verschwen-
       dungswirtschaft noch  das Glück  und die Lebenserfüllung der Men-
       schen fördere.  Der Mensch wird in diesem materialistischen Fron-
       dienst immer  gehetzter und  unfreier, je  länger er  dem  Götzen
       dient, den man fälschlich "wirtschaftliches Wachstum" nennt.
       4. Die unhaltbare  Wachstums-Ideologie ist  bereits  im  Begriff,
       weltweit  zusammenzubrechen.   Die  jetzigen  Versuche,  weiteres
       "wirtschaftliches Wachstum"  zu erzwingen,  werden die Krise ver-
       schärfen und um so eher in eine noch größere Katastrophe münden.
       5. Die wahrheitsgemäße Aufklärung muß an die Stelle der haltlosen
       Versprechungen treten,  die das  materielle Anspruchsdenken immer
       höher treiben,  welches auf einer begrenzten und überfüllten Erde
       nicht mehr erfüllt werden kann. Es kann nicht mehr angehen, jeder
       Bevölkerungsgruppe reihum  das Meiste zu versprechen, sondern al-
       len - besonders den schwachen Gruppen - das Mindeste auf Dauer zu
       sichern.
       6. Nur in  einer Gleichgewichtswirtschaft können Preise und Löhne
       stabil gehalten und damit sozial gerechte Verhältnisse geschaffen
       werden; denn die Inflation trifft die Schwächsten. Sie verhindert
       die dauerhafte Sicherung der Renten und die Steuergerechtigkeit.
       7. Unser Ziel  ist es,  allen Menschen ein sinnerfülltes Leben zu
       ermöglichen. Die  Erfüllung findet  jeder Einzelne  vorwiegend in
       seinen geistig-seelischen, kulturellen und religiösen Erlebnissen
       sowie in den sozialen Bindungen seiner Familie, der Wohn- und Ar-
       beitsgemeinschaft innerhalb  seines  Heimatlandes.  Gegenseitiges
       Vertrauen und  Helfen muß die ökonomische Rücksichtslosigkeit ab-
       lösen. Auch das Opfer kann den Wert unseres Daseins erhöhen.
       8. Alles muß  einfacher werden:  der Mensch,  die Verwaltung, die
       Technik, der Verkehr. Nur dann bekommen wir wieder mehr Freiheit,
       weniger  Konsumzwang  und  Leistungsterror,  damit  auch  weniger
       Streß, Neurosen und andere Leiden.
       9. Das Leben beginnt in der Familie. Den Müttern als dem wichtig-
       sten Stand  des Volkes muß mehr Anerkennung und Gerechtigkeit zu-
       teil werden. Den Frauen stehen überall die gleichen Rechte zu wie
       den Männern,  besonders das Recht auf gleichen Lohn für die glei-
       che Arbeit.
       10. Die Bildungspolitik  muß davon ausgehen, daß der junge Mensch
       verschiedene Entwicklungsstadien durchläuft und auch unterschied-
       liche Begabungen  und Möglichkeiten mitbringt. Eine echte Lebens-
       Schule muß dieser Verschiedenheit gerecht werden.
       11. Im gesamten Bildungssystem muß der verantwortliche Umgang mit
       der Umwelt  gepflegt und  gelehrt sowie  zu solidarischem Handeln
       erzogen werden.  Das Ziel  ist eine  angstfreie und  selbständige
       Persönlichkeit. Mammutschulen  sollten abgebaut  und private Aus-
       bildungsstätten gefördert  werden. Die Freiheit von Forschung und
       Lehre muß  garantiert sein, ohne daß sich beide der gesellschaft-
       lichen Verantwortung entziehen.
       12. Ein jeder  Mensch hat  Anspruch auf eine sinnvolle Tätigkeit.
       Die derzeitige  rationalisierte Massenproduktion verschwendet En-
       ergien und  Rohstoffe und  macht immer mehr Menschen überflüssig.
       Nur durch  Dezentralisation und  Förderung der handwerklichen Be-
       rufe bekommen wir dauerhafte Arbeitsplätze, Lehrstellen und einen
       marktwirtschaftlichen Wettbewerb.
       13. Künftig werden  die weltweit  knapper  und  teurer  werdenden
       Grundstoffe deren  höchst sparsamen  Einsatz erzwingen.  Menschen
       werden Arbeit  haben, weil langlebige Qualitätsprodukte und deren
       Reparatur, die  Wiederverwendung, der  Umweltschutz aller Art und
       soziale Dienstleistungen arbeitsintensiv sind.
       14. In unserem  Energie- und Wirtschaftskonzept ist die Atomener-
       gie überflüssig.  Die Nutzung der natürlichen regenerierbaren En-
       ergiequellen wie  Sonne, Wind,  Wasser (auch  Gezeiten) sowie die
       Wärme-Kraft-Koppelung sind  zu fördern - ebenso der sparsame Ein-
       satz von Energie durch entsprechende Preisgestaltung.
       15. Neue technische  Projekte sind  vor ihrem Beginn daraufhin zu
       überprüfen, ob  der Aufwand  an Rohstoffen  und Energie sowie die
       unvermeidlichen Umweltschäden noch in einem sinnvollen Verhältnis
       zum Nutzen für den Menschen stehen. Die Werbung für unnötige oder
       gesundheitsschädliche Artikel  ist einzustellen.  Wahrheitsgemäße
       Informationen über  Wirkung und Inhalt zu verkaufender Waren sind
       vorzuschreiben.
       16. Die Entwicklung  neuer Technologien mit dem Ziel langlebiger,
       wiederverwendungsfähiger Gebrauchsgüter  unter sparsamer  Verwen-
       dung von Energie und Rohstoffen wird nicht nur die internationale
       Abhängigkeit der  deutschen Wirtschaft  verringern. Damit  werden
       auch neue  zukunftsträchtige Exportchancen  geschaffen; denn  nur
       solche "Kreislauftechnologien"  können das Überleben der Menschen
       in aller Welt sichern.
       17. Die Landwirtschaft  hat die  lebenswichtige Aufgabe,  uns mit
       gesunden Lebensmitteln weitestgehend aus dem eigenen Land zu ver-
       sorgen. Die Entwicklung naturnaher und giftfreier Produktionswei-
       sen sowie  biologischer Schädlingsbekämpfungsmittel  ist zu  för-
       dern. Landwirtschaftliche  Neben- und  Zuerwerbsbetriebe sind  zu
       erhalten; sie  erhöhen die  wirtschaftliche Sicherheit  in Zeiten
       des Arbeitsplatzmangels.
       18. Die Landschaft  und der fruchtbare Boden, auf dem die Sonnen-
       energie über  Jahrtausende unschätzbare  Werte hervorbringt, sind
       zu bewahren.  Neue Industriebetriebe  sind in  der Regel  nur auf
       aufgegebenen bebauten Flächen zu errichten.
       19. Der Wasservorrat unterliegt im Bereich der Bundesrepublik ei-
       ner besorgniserregenden  Verschlechterung. Eine vorsorgliche Was-
       serwirtschaft erfordert  den umgehenden  Schutz des  Grundwassers
       und der  Oberflächengewässer vor  Verunreinigungen und Entnahmen,
       die über der örtlichen Ergiebigkeit liegen.
       20. Wir fordern  die Beendigung  der Stadt  und  Land  fressenden
       Straßen-Neubauten, die  nicht mehr  nötig sind,  sondern die ver-
       kehrstechnische Verbesserung  bestehender Straßen,  den  Bau  von
       Rad- und  Fußwegen und  damit der  Sicherheit von Leib und Leben.
       Nötig ist  der Ausbau des energiesparenden öffentlichen Verkehrs-
       netzes, besonders der Bundesbahn.
       21. Städte- und  Wohnungsbau haben  die  Entfaltungsmöglichkeiten
       des Menschen  zu fördern,  indem überschaubare Lebensbereiche ge-
       schaffen werden.  Die Innenstädte müssen wieder bewohnbar werden.
       Die Zersiedelung  der Landschaft,  insbesondere das  unorganische
       Auswuchern der Großstädte, ist zu unterbinden.
       22. Die zentralistische  und bürgerfeindliche  Gebietsreform  ist
       auf ihr  sinnvolles Maß  zurückzufahren. Die  Verwaltung  muß  so
       überschaubar und  bürgernah organisiert werden, daß die Betroffe-
       nen und  die Bürgerinitiativen  bei allen Planungen und Entschei-
       dungen mitwirken können.
       23. Die enge  Verflechtung von  Wirtschaft, Parteien und Behörden
       muß aufgelöst  werden, damit die ökologischen Erfordernisse gegen
       die wirtschaftlichen  Interessen durchgesetzt werden können. Par-
       lamentarier und  Staatsbeamte dürfen  keine Aufsichtsratsmandate,
       Beraterverträge oder  ähnliche Verpflichtungen  in der Wirtschaft
       und Verwaltung übernehmen.
       24. Ein jeder  Bürger ist  vor Gewalttaten aller Art zu schützen,
       besonders Frauen  und Kinder.  Andererseits müssen die Freiheiten
       des demokratischen Rechtsstaates aufrecht erhalten werden, so be-
       sonders das Recht zur gewaltlosen Demonstration.
       25. Durch eine  Reform ist  das Steuersystem so zu gestalten, daß
       es für  Steuerzahler, -berater und -beamte verständlich wird. Die
       Steuergerechtigkeit muß  dabei in wesentlichen Punkten verbessert
       werden.
       26. Außenpolitisch sind  wir für  eine Politik  der Partnerschaft
       und des  friedlichen Zusammenlebens  mit allen  Völkern, auch mit
       denen des Ostblocks.
       27. Wir fordern  das Selbstbestimmungsrecht für alle Menschen und
       Völker, so auch für alle Deutschen.
       28. Wir haben  die moralische  Pflicht, den armen Völkern zu hel-
       fen, besonders bei der Stabilisierung ihrer Bevölkerung. Partner-
       schaftliche Hilfe  kann nicht  im Export umweltzerstörender Indu-
       strien bestehen,  sondern in der Lieferung angepaßter handwerkli-
       cher und mittlerer Technologien.
       29. Weitere atomare  Zerstörungswaffen, besonders  die lebensver-
       nichtende Neutronenwaffe,  lehnen wir  ab. Unser  Ziel  ist  eine
       atomwaffenfreie Zone  in Europa  und eine  schrittweise Abrüstung
       aller Mächte.
       Wir sind  für einen  Ausbau der  europäischen Gemeinschaft,  wenn
       diese auf  ökologischer Grundlage  unter  dem  Gesichtspunkt  der
       langfristigen Zukunftssicherung erfolgt.
       

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