Quelle: Blätter 1978 Heft 12 (Dezember)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       MATERIALIEN ZU KARLHEINZ DESCHNERS GLOSSE "ZENSUR TUT NOT!"
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       Schon mehrfach hatten wir Karlheinz Deschner um eine Glosse gebe-
       ten und Ende Oktober kam dann "Schwere Zeit für Päpste". Nach ei-
       ner redaktionellen  Diskussion riefen  wir an  und erklärten, daß
       wir das  Manuskript nicht  bringen wollten.  Daraufhin kam einige
       Tage später "'Zensur tut not!'" (Vgl. S. 1428 dieses Heftes). Da-
       mit sich  der Leser  selbst ein Bild von der "Kontroverse" machen
       kann, dokumentieren  wir im  folgenden den Text der ersten Glosse
       "Schwere Zeit  für Päpste"  sowie einen  Brief der  Redaktion  an
       Karlheinz Deschner. D. Red.
       
       Karlheinz Deschner: Schwere Zeit für Päpste
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       Schon im  5. Jahrhundert  die größten Grundherrn des Römerreichs,
       hatten sie  noch im  20. vom "Nutzen der Armut", den sie priesen,
       eher den  Nutzen. Selbst ihr allerhehrster Stern - in Rom "Angelo
       bianco", der  weiße Engel, von Reinhold Schneider "ein Mensch wie
       ein Lichtstrahl"  genannt, für  Bischof Graber  gar der  lang er-
       sehnte "Engelpapst" -, noch Pius XII., hochwürdigster Mitstreiter
       Francos, Mussolinis und Hitlers, sparte, getreu dem Wort (dessen,
       den er  besonders vertrat)  "Sammelt nicht Schätze auf Erden...",
       ganz privat  80 Millionen Mark in Valuten und Gold. Gewannen doch
       auch die  teuren Neffen,  die an  fast jedem Big-Business-Skandal
       des Landes  beteiligten  kurialen  Großwürdenträger  und  Fürsten
       Carlo, Marcantonio  und Giulio  Pacelli, unter  den Fittichen des
       engelgleichen Oheims, Pastor angelicus, 120 Millionen Mark.
       Dann aber  vergaß der  gutmütig dicke Johannes, daß nur eines not
       tue! Und schon mußte Nachfolger Paul ernstlich "an Unsere heilige
       Armut und  den  Mangel  Unserer  Geldquellen"  erinnern,  an  den
       "mißlichen Umstand...,  daß die Kirche der materiellen Mittel er-
       mangelt, die  sie für  ihre Werke  der unbegrenzten Wohltätigkeit
       und Barmherzigkeit braucht..."
       Dies um  so mehr,  als die Gläubigen Schlagzeilen schreckten wie:
       "Erzbischof betrog  Papst Paul  um 752 Millionen". Denn auch wenn
       es ein  paar weniger  gewesen, die  ihn Mafioso  (?) Sindona,  im
       trauten Verein mit dem Institutssekretär "Für Werke der Religion"
       gekostet, dem  Vatikan-Bank-Boss Monsignore  Marcinkus ("heiliger
       Gorilla" genannt)  - schmerzlich  doch allemal.  Zwar errechneten
       die Priester,  nach ihnen  freilich kaum  wohlgesinnten  Kreisen,
       eben damals  der Kirche, i.e. dem mystischen Leib Christi, allein
       für das  "Heilige Jahr"  1975 ein  "Geschäft" von  12  Milliarden
       Franken. Doch  selbst wenn  es ein  paar mehr  gewesen - man weiß
       doch, wie einem das Geld in der Hand zerrinnt...
       Zuletzt hatte Paul bloß noch drei Särge - aus "schlichtem Zypres-
       senholz", so  gings um die Welt, der eine, ein "einfacher Eichen-
       sarg" der  andere, vom  Bleisarg zu  schweigen. Auch  brannte nur
       "eine Osterkerze"  über dem Ärmsten. Und 110 Regierungsdelegatio-
       nen, 7000  Polizisten sowie  die Fernseher  von fast  50  Ländern
       schauten dies Elend mit entsetzt starren Augen.
       Ach, was  blieb da  Johannes Paul  I. noch? Nur sein Lächeln! Und
       jedermann fast betörte er damit, bloß nicht so mach cleveren Bru-
       der Kardinal.  Konnte dieser  Luciani doch  auf Tiara,  Thron und
       Tragsessel verzichten, bald wie ein Dorfpope sprechen, bald Lach-
       stürme in  (Pauls kostbarer) Audienzhalle entfesseln, "ich" sogar
       sagen statt "Wir", ja Gottvater, horribile dictu, mehr zur Mutter
       erklären. Noch  aber war  nichts Offizielles  unterzeichnet! Noch
       vielleicht der  Heilige Geist  zu korrigieren?  Ja, wie  man  so,
       rings um  den Stuhl  der Stühle, sehr um den da Sitzenden sich zu
       sorgen begann,  so sorgte  er, der  schon vor  seiner Wahl  deren
       "drohende Gefahr"  beschworen, nun  erst recht  um  sich  selbst;
       wurde er,  bei allem  Lächeln, "bedrückt"  durch  das  Amt,  "mit
       Furcht" erfüllt,  ja es schien ihm, als habe er, wie Petrus, sei-
       nen Fuß  aufs Wasser gesetzt und müsse, "aus Angst vor dem wüten-
       den Sturm", gleich rufen: "Herr rette mich!"
       Zu spät!  Schon hatte einer jener jähen Tode ihn erfaßt, woran es
       der Historie  der Heiligen Väter nicht fehlt. Ein schlichter Myo-
       kardinfarkt, so  häufig in  dieser Zeit!  Ausgeschlossen, rief da
       zwar gleich der Sekretär in Venedig, der seinen Patriarchen - vor
       dessen Konklavereise  noch medizinisch  untersucht und ohne Herz-
       krankheit befunden  - als  wohltrainierten Dolomitenwanderer  ge-
       kannt. "Ein  solcher Mensch  stirbt nicht an Herzinfarkt." Andere
       riefen: Autopsie!  Aber die  Kurie verwies  schnell aufs Kirchen-
       recht; zu  schnell. Und  zu Unrecht.  Denn bloß, wie begreiflich,
       ein altes Tabu verbot hier, die vatikanische Tradition! Und nicht
       einmal die, wie die Obduktion von Pius VIII. (1830) beweist.
       Während alldem  aber lag der herzliche Versager teils mit geball-
       ter Faust  und schmerzverzerrten  Zügen, teils  noch im  Tode lä-
       chelnd da. War er ja, wenig originell zwar, doch amtlich, zuletzt
       in "Die Nachfolge Christi" vertieft. Oder, gleichfalls offiziell,
       in verschiedenste  Vortragstexte. Oder, eine weitere (indiskrete)
       Version, in  wichtige  Personalakten,  Bischofsernennungen.  Oder
       doch genug.  In jeweils  anderen Beschäftigungen  jedenfalls rief
       der Herr  ihn ab.  Welcher wohl?  Wer das wüßte! Doch stets: "bei
       angezündetem Licht".  Denn Dunkel  duldete die  Sache nicht! Auch
       stand fest:  Sekretär John  Magee fand  ihn zuerst:  sehr früh am
       Morgen schon.  Doch dann hatte ihn, früher noch, die Nonne Benve-
       nuta entdeckt,  vom Pontifex  selber aus Venedig eingeführt - was
       nun keineswegs  heißt, er sei bereits vor seinem Hingang im sieb-
       ten Himmel  gewesen, wie  unlängst in  Paris  (immer  eine  Reise
       wert), noch  Bischof Tort, der im Bordell, und Kardinal Daniélou,
       der bei  Nackttänzerin Mimi  entschlief, alle im Dienst, versteht
       sich, da  dringender Seelsorge,  dort nicht minder aufschiebbarer
       Caritas, wie  man kirchlicherseits  mit  nur  allzu  angebrachtem
       Todernst betonte.
       Rom aber hatte nun neuen pekuniären Kummer. Schienen doch, so las
       man's, wegen  des zweiten Konklave, zehn Millionen kaum greifbar.
       Fast gleichzeitig jedoch, parenthetisch, erreichte mich die Nach-
       richt, das  Schweizer Kloster  Einsiedeln, eins  unter Tausenden,
       habe "unwidersprochen 100 Millionen Franken Jahresumsatz" und er-
       ziele auch  noch "bei  der Einkommensteuer  die Traumquote  0 (in
       Worten: Null)".
       Doch siehe,  da lächelte  bereits Johannes  Paul II.  Ob über die
       zehn Millionen, die wieder ihre Runde machen mochten um die Welt'
       Ob über die schwankenden Flüge des Heiligen Geistes, der zunächst
       über den Prälaten Siri und Benelli, dann über Colombo und Poletti
       schwebte, ehe er sich auf ihn, Wojtyla, niederließ? Oder lächelte
       er einfach, weil nun erwiesen, daß globale Politik auch mit einem
       Immer-nur-lächeln sich machen ließ (und immer vergnügt, wie es in
       jener Operette  von dazumal trillerte, deren tieftrauriger Folge-
       text freilich  - "doch  wie's da  drin aussieht, geht niemand was
       an..." -  nun fast  wie eine Art profaner Prophetie auf ein armes
       Papstherz erscheint)?  Oder lächelte  er gar,  weil ihm,  obschon
       auch er in " Schwierigkeiten und Angst", doch klar genug war, daß
       ja nun nicht auch den zweiten Johannes Paul gleich ein Herzversa-
       gen hinwegraffen  konnte, nach  allen Regeln  der Wahrscheinlich-
       keit? Und vielleicht nicht nur nach ihnen?
       Sogar mancher  Kuriale mochte  jetzt lächeln.  Zumal allen dort -
       rund viertausend - Extragehälter winkten, bei Papsttod und Papst-
       wahl; macht, in zwei Monaten, sechs; was ihre "heilige Armut" na-
       türlich noch  vergrößern muß  - ungeachtet  der da  weltbekannten
       Schufterei. (Beantwortete  doch, so  das Ondit,  selbst  Johannes
       XXIII. die  Frage, wieviele  Menschen im  Vatikan arbeiten,  ohne
       Zaudern mit: "Etwa die Hälfte.")
       Und deshalb,  sowie aus  manchen noch ungenannten Gründen, würden
       auch Wir  am liebsten immerzu lächeln und, wäre Unser Konto nicht
       chronisch überzogen,  selbst Wir, fürwahr, noch einen Scheck nach
       Rom schicken:  - in das Faß ohne Boden, das weder die Pforten der
       Hölle noch die des Himmels je zu stopfen vermögen.
       
       Brief an Karlheinz Deschner
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       Lieber Herr Deschner,
       uns kurzerhand  mit einer zweiten Glosse zu überraschen, war kein
       übler Schachzug. Sie wußten, was Sie taten, als Sie von der Wahr-
       heit schrieben,  die wir  lieber etwas diplomatischer gehabt hät-
       ten, von Furcht vor Abbestellungen und schließlich von Zensur und
       Selbstzensur. Und  dann Ihr  Begleitbrief: "Lieber  Herr Bayertz,
       das Klügste  wäre natürlich,  Sie brächtens  selber. Aber Politik
       geht bekanntlich noch über Klugheit hinaus. Nichts für ungut, wie
       man im Fränkischen sagt. Freundliche Grüße Ihres Karlheinz Desch-
       ner". Kurz:  Sie wollten uns in aller Freundschaft unter Zugzwang
       setzen. Schön,  wir bringen also Glosse 2 und, damit man die auch
       verstehen kann,  dokumentieren wir dazu den Text von Glosse 1 und
       diesen Brief.
       Wenn wir  "Schwere Zeit  für Päpste" zunächst zurückgeschickt ha-
       ben, so  geschah dies  eingedenk dessen, daß wir "Blätter für ...
       Politik" heißen und uns - wenn wir etwas über den Papst bringen -
       mit der   P o l i t i k   des Papstes befassen. Der Inhalt seiner
       Brieftasche interessiert uns eigentlich genauso beiläufig wie die
       Unstände, umter  denen seinerzeit  eine New  Yorker Prostituierte
       Ihrem Landesvater Franz Josef Strauß das Portemonnaie aus der Ge-
       säßtasche zog.
       Gewiß, es war die Wahrheit, als Sie schrieben, daß die Geschichte
       der katholischen  Kirche   a u c h   eine Geschichte profaner Ge-
       schäfte und  unfrommer Beutelschneiderei  ist. Selbst uns hier im
       frommen Köln ist dies nicht verborgen geblieben. Wir haben keinen
       Grund, diese Wahrheit zu fürchten und ein paar Abbestellungen ist
       uns zur Not ein klarer Kurs schon wert. Nur sind wir der Meinung,
       daß die  Finanzlage des  Vatikan eine  jener Wahrheiten ist, über
       die Politik hinauszugehen hat (wenn ich Ihren Satz einmal variie-
       ren darf).  Denn: zählen  das katholische Establishment und seine
       Geschäfte mehr  als die katholischen Stahlarbeiter, die in diesen
       Tagen mit  ihren Kollegen für die 35-Stunden-Woche streiken? Oder
       als die  Katholiken in  Chile, die sich gemeinsam mit Sozialisten
       und Kommunisten  gegen den  Terror der  Junta wehren? So wahr wie
       das finanzielle  Gebaren des  Vatikans, so  wahr  ist  das  fort-
       schrittliche Engagement vieler überzeugter Katholiken hierzulande
       wie auch  anderswo (Denken  Sie an Camillo Torres oder an Ernesto
       Cardenal, heute  Sprecher der  Sandinistas in Nicaragua). Und was
       den Papst  angeht, so gibt es bei Ihnen im Fränkischen ja Zeitge-
       nossen genug,  denen die  "Ostpolitik" des Vatikan nicht schmeckt
       und gewisse  Enzykliken schon gar nicht. Das ist neu und gibt uns
       zu denken.
       Für die  "Blätter" ging  es daher  nicht um  "Rücksichtnahme" auf
       zartfühlende Katholiken,  um Takt  oder Diplomatie. Die "Blätter"
       haben sich  seit ihrer  Gründung immer bemüht, in den politischen
       und sozialen  Auseinandersetzungen die  Fragen in den Mittelpunkt
       zu rücken, die die größte Gemeinsamkeit zwischen allen Teilen der
       demokratischen Bewegung  ermöglichen. Und  im konkreten Fall ging
       es darum, die Zusammenarbeit mit Katholiken nicht durch einen Ar-
       tikel zu  erschweren, der als ein Frontalangriff auf den Katholi-
       zismus hätte  verstanden werden  können - den es als homogene In-
       stitution überhaupt nicht gibt. Sektierertum ist jedenfalls nicht
       unsere Sache  und wir  glauben nach  wie vor, daß dies mit Furcht
       vor Abbestellungen  ebensowenig zu tun hat. wie mit (Selbst) Zen-
       sur.
       Und schließlich:  für einen Autor sind Platz-Gründe nie ein Argu-
       ment. Aber  so unerschöpflich die Phantasie und das Schreibpapier
       von Autoren  ist, so  begrenzt ist  der Platz  in unseren Heften.
       (Sie merken: Das ist das Lamento eines geplagten Redakteurs.) Wir
       haben für die Glosse in jedem Monat eine Seite, Ihre Glosse hatte
       zwei Seiten.  Das ist  Formalismus,  aber  leider  nicht  ändern.
       Schreiben Sie doch demnächst nur eine Seite- und dafür lieber öf-
       ter.
       Nichts für ungut, wie man auch im Rheinischen sagt,
       
       Ihr
       Kurt Bayertz
       

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