Quelle: Blätter 1979 Heft 01 (Januar)


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       DREISSIG JAHRE BUNDESREPUBLIK
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       Erlebnisse und Gedanken
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       Von Martin Niemöller
       
       Das dritte  Jahrzehnt der BRD geht zu Ende. Aus diesem Anlaß wer-
       den die  "Blätter" eine  Reihe in- und ausländischer Beiträge zur
       Auseinandersetzung mit  der erst  in Ansätzen  geschriebenen  Ge-
       schichte der BRD, ihrer Entwicklung vom "Provisorium" zum "Modell
       Deutschland", veröffentlichen.  Der nachstehende Beitrag von Mar-
       tin Niemöller,  dem "großen alten Mann" der bundesdeutschen Frie-
       densbewegung, eröffnet die Reihe. D. Red.
       
       1979 wird  die Bundesrepublik  30 Jahre alt. Das hat 1949 (damals
       sprach man vom "Provisorium") wohl kaum jemand für möglich gehal-
       ten. (Ein  gleiches gilt  für die im Gegenzug gegründete Deutsche
       Demokratische Republik).  Überdies sind diese 30 Jahre in unserem
       Jahrhundert die  längste Periode  ohne Krieg  für unser deutsches
       Volk gewesen,  jedenfalls ohne  "heißen Krieg", wie man wohl ein-
       schränken muß.  1892 geboren,  betroffen von  beiden Weltkriegen,
       U-Bootsoffizier im  Ersten und  KZ-Häftling im Zweiten Weltkrieg,
       habe ich  vermutlich mehr von diesem Jahrhundert gesehen als man-
       cher der  Festredner zum  30jährigen Bestehen der Bundesrepublik,
       als deren  bloße Vorgeschichte  uns im  Rückblick alles  vor 1949
       oder 1945  Geschehene erscheinen  mag. Wenn  ich den Weg, den Zu-
       stand und  die Zukunftsaussichten  dieser Bundesrepublik  erwäge,
       dann gehen  meine Gedanken  zwangsläufig zurück  zu den Anfängen,
       zum sogenannten  "Nullpunkt". Mir  macht der  Vergleich  zwischen
       dem, was  wir damals  wußten, ahnten,  planten und erhofften, und
       dem, was daraus geworden ist, zu schaffen.
       Als im  Jahre 1948  das Ende  des Ersten Weltkrieges 30 Jahre zu-
       rücklag, dachten  wir "Alten"  kaum noch  daran, denn  inzwischen
       hatten  wir   den  "Zweiten   Weltkrieg"  erlebt   und  überlebt.
       "Weltkriege" enden nicht mehr mit einem Friedensschluß: Der erste
       ging mit  dem Friedens-Diktat  zu Ende,  der zweite brachte nicht
       einmal mehr  ein Friedens-Diktat, sondern einen einzigen Trümmer-
       haufen, der  dritte könnte nur noch in einer unvorstellbaren, al-
       les Leben  auf unserem  Planeten auslöschenden  Explosion  enden.
       Friede auf  unserer Erde,  "Weltfriede" ist  die einzige  Überle-
       benschance für  uns und  für alles Leben, was ist und noch kommt.
       Die gesamte  Menschheit ist  gegenwärtig -  ob sie  es weiß  oder
       nicht weiß  - von  Lebensangst befallen  und dadurch gelähmt oder
       auf hektischer  Flucht vor  der geahnten Katastrophe. Diese Angst
       ist in  den vergangenen Jahrzehnten nicht weniger geworden; "man"
       hat sie  vielfach sogar  mit  Absicht  und  des  Gewinnes  halber
       genährt und  gepäppelt, um  mit  Rüstungsproduktion  und  -finan-
       zierung wirtschaftliche  Vorteile zu  erzielen und  sie sich  mit
       Millionen Menschenleben bezahlen zu lassen. (Siehe Vietnam, siehe
       Nah-Ost, siehe  Afrika, siehe  das Hungersterben von Millionen in
       der Dritten Welt.)
       Wir Christen  im deutschen  Volk können leider nicht den Anspruch
       erheben, daß  wir dieser fatalen Entwicklung entgegengetreten wä-
       ren oder  das auch  nur ernsthaft versucht hätten. Wir haben zwar
       1945 ein  "Schuldbekenntnis" abgelegt  und  damals  erklärt,  wir
       wollten "einen  neuen Anfang" machen; aber das Neue wurde ein Ab-
       klatsch des Alten, weil wir wie gebannt auf die eigene Not blick-
       ten und die Not der anderen nicht einmal da sehen wollten, wo wir
       sie selbst verschuldet oder wenigstens mitverschuldet hatten. Die
       Vergangenheit hat uns immer wieder eingeholt und wird uns solange
       nicht zu  einem möglichen  "neuen Anfang"  freigeben, wie wir vor
       lauter Jagen  und Streben nach Wohlstand verdrängen, was wir 1945
       alle mehr  oder weniger  klar gewußt, aber schon 1949 in den Wind
       geschlagen haben.
       
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       Was wußten wir 1945 (und 1947, 1948 vielleicht schon nicht mehr)?
       Eins schien  damals jedermann  klar zu sein: Nach 1945 konnte und
       durfte man nicht einfach "weitermachen". Es ging doch darum, eine
       Vergangenheit zu  liquidieren, die  unser Volk,  die Siegermächte
       und die  ganze Völkerwelt loszuwerden leidenschaftlich erhofften.
       Zunächst hat  es auch den Anschein gehabt, als sollten die Folge-
       rungen schnell  und gründlich  gezogen werden,  um für  ein neues
       menschlich-mitmenschliches Beieinanderleben  die notwendigen Vor-
       aussetzungen zu  schaffen. Es  sah wirklich so aus, als wären die
       Geister des  Nazismus und  des Militarismus  tot auf  der Strecke
       geblieben. Es  schien damals selbstverständlich, daß für den Neu-
       aufbau gerade  jene Kräfte nötig wären und eingesetzt werden müß-
       ten,  deren   Widerstand  gegen  den  hemmungslos-selbstsüchtigen
       Machtdrang der  Dritten Reiches  mobil geworden  war, und die die
       daraus folgenden Konsequenzen überstanden und überlebt hatten. Es
       ging um  Wiedergutmachung geschehenen Unrechts, um Wiederherstel-
       lung und  Ausbau des  Friedens. Niederreißen  und Zerstören  geht
       schnell, Aufbauen braucht Zeit, aber in dieser Zeit sind diejeni-
       gen nicht untätig geblieben, denen an einer wirklichen Umkehr, an
       einem Neuaufbau von Grund auf nicht gelegen war. Manch einer, der
       zur Hitlerzeit  verfolgt wurde,  mußte sich schon bald darauf er-
       neut bedroht  und verdächtigt  sehen. Die  Erkenntnis, die  uns -
       etwa im KZ - damals geworden ist und die uns, Christen und Juden,
       Kommunisten, Sozialdemokraten  und Liberale  gegenseitig als auf-
       einander angewiesene und zueinander gehörige Mitmenschen erkennen
       und anerkennen gelehrt hat, hat sich nicht durchgesetzt.
       1945 hat  es einmal so ausgesehen, als hätten wir Deutschen wirk-
       lich ein  und für  allemal vom  Krieg genug, und es schien völlig
       überflüssig, für  die Parole  "Nie wieder Krieg!" noch Propaganda
       zu machen.  In Deutschland  wollte kein Mensch eine Wiederbewaff-
       nung. Man hatte sich durchaus damit abgefunden, daß die drei Sie-
       germächte bestimmten,  es dürfe keine deutsche Wehrmacht mehr ge-
       ben. Die Menschheit, auch die Christenheit, hatte den Krieg satt.
       1948 sprach  es der  "Ökumenische Rat  der Kirchen" auf seiner 1.
       Vollversammlung in Amsterdam deutlich aus: "Kriege sind gegen den
       Willen Gottes!",  und schon  vorher hatte ein solch konservativer
       und in der preußisch-deutschen Tradition beheimateter Kirchenmann
       wie der  Berlin-Brandenburgische Bischof  Dibelius  festgestellt:
       "Auf der Gewalt ruht kein Segen!". Aber was hat die Kirche getan?
       Die Überzeugung,  kein Mensch  denke mehr an Krieg oder Wiederbe-
       waffnung, erwies  sich nur zu bald als Illusion; als die Hungers-
       not, die  allergrößte Not, die die Menschen in den ersten Monaten
       und Jahren  belastet hatte,  allmählich überwunden  war, da waren
       die Kräfte  der Vergangenheit, die sich 1945 nirgendwo in der Öf-
       fentlichkeit sehen  ließen, im  Verborgenen nicht untätig geblie-
       ben; sie  hatten Verbündete unter den Besatzungsmächten gefunden,
       die ihrerseits  demokratische Eigeninitiative  der Deutschen  mit
       Argwohn betrachteten,  vielfach unterbanden  und die aus den Kon-
       zentrationslagern oder  Emigration heimgekehrten,  zum demokrati-
       schen Neuaufbau  entschlossenen Nazigegner  eher behinderten  als
       förderten; der  aufkommende Konflikt zwischen den Besatzungsmäch-
       ten in Ost und West begünstigte natürlich die Leute, die die neue
       Front -  gemeinsam mit  den Westmächten gegen Rußland am liebsten
       schon vor 1945 gebildet hätten!
       Als die  evangelische Christenheit  in Deutschland  1945, als  es
       noch keinen  Staat wieder  gab, einen Neuanfang machen mußte oder
       durfte, da  langte es  zwar zum  kirchlichen Schuldbekenntnis von
       Stuttgart; aber  von denselben  "Kirchenführern" (wie  sie damals
       hießen) wurde  ein Wort  des Bruderrates  der Bekennenden  Kirche
       "Zum politischen  Weg unseres Volkes" im August 1947 (Darmstädter
       Wort) nicht akzeptiert, in dem es hieß: "Wir sind in die Irre ge-
       gangen, als  wir übersahen, daß der ökonomische Materialismus der
       marxistischen Lehre  die Kirche an den Auftrag und die Verheißung
       der Gemeinde  für das  Leben und  Zusammenleben der  Menschen  im
       Diesseits hätte  gemahnen müssen.  Wir haben  es unterlassen, die
       Sache der  Armen und Entrechteten gemäß dem Evangelium von Gottes
       kommendem Reich zur Sache der Christenheit zu machen!" Statt sich
       zu besinnen  und zu konzentrieren, beschäftigte sich die 1945 ge-
       schaffene Evangelische Kirche in Deutschland nur mit sich selbst,
       mit ihrer  Verfassung, mit den Fragen ihrer eigenen Struktur; und
       sie hat  bitter dafür  bezahlen müssen. Für das Gesellschaftspro-
       blem und  seine zukunftsweisende  Lösung geschah  von seiten  der
       Kirche so gut wie nichts, die große Chance war ungenützt vorüber-
       gegangen. Wieder  erwies sich,  wie ich  rückblickend  mit  aller
       Klarheit sehe,  der gleiche  Fehler als  verhängnisvoll, der  die
       große Mehrheit  der Christenheit  so blind gegenüber den Anfängen
       der Naziherrschaft  gemacht hatte  und der,  wie die schreckliche
       "Radikalen-Hatz" zeigt,  heute noch  nicht ausgestanden  ist: der
       Antikommunismus! (Sehr  zu Recht  stellte Heinrich  Albertz fest,
       daß für  die offizielle Bundesrepublik Kommunisten heute fast die
       gleiche Rolle spielen wie für das Dritte Reich einst die Juden!)
       Ich erinnere  mich an  ein mich sehr persönlich anrührendes, aber
       sicher symptomatisches Erlebnis, als ich mit meiner Frau nach dem
       Kriege vor  dem Krematorium  in Dachau  stand. An  einem Baum vor
       diesem Gebäude  hing ein  weißgestrichenes Kistenbrett  mit einer
       schwarzen Inschrift.  Dort stand  zu lesen:  "Hier wurden  in den
       Jahren 1933-1945  238 756 Menschen verbrannt". Als ich es gelesen
       hatte, merkte ich, daß meine Frau ohnmächtig wurde. Ich mußte sie
       stützen und  merkte zugleich, wie mir ein kalter Schauer über den
       Rücken lief.  Ich glaube,  meine Frau  wurde ohnmächtig, weil sie
       diese Viertelmillionen-Zahl  las. Die  hatte mich  nicht  bewegt,
       denn sie  sagte mir nichts Neues. Was mich in diesem Moment traf,
       war etwas  anderes. Das waren die beiden Zahlen: "1933-1945", die
       da standen.  Und ich  faßte nach meinem Alibi und wußte, die zwei
       Zahlen, das ist der Steckbrief des lebendigen Gottes gegen Pastor
       Niemöller. Mein  Alibi reichte  vom 1.  Juli 1937 bis Mitte 1945,
       Aber da  stand: "1933-1945". Adam, wo bist Du? Mensch, wo bist Du
       gewesen? Ja,  ich wußte, von Mitte 1937 bis zum Ende hast Du Dein
       Alibi. Aber,  Du wirst  gefragt: "Wo warst Du 1933-1937?" Und ich
       konnte dieser  Frage nicht  ausweichen. 1933  war ich  ein freier
       Mann. 1933  - in  dem Augenblick,  dort im  Krematoriumshof  fiel
       vieles mir  ein -  ja, 1933,  richtig: Hermann Göring rühmte sich
       öffentlich, daß  die kommunistische  Gefahr beseitigt  sei.  Denn
       alle Kommunisten,  die noch  nicht um  ihrer "Verbrechen"  willen
       hinter Schloß  und Riegel  sitzen, sitzen nun hinter dem Stachel-
       draht der  neu gegründeten  Konzentrationslager. -  Adam, wo bist
       Du? Mensch,  Martin Niemöller,  wo bist  Du  damals  gewesen?  So
       fragte Gott  aus diesen  beiden Zahlen.  Und es fiel mir ein: Die
       ganze Sache  hat mir  ja damals  gar keinen Eindruck gemacht; ir-
       gendwo im Winkel des Herzens habe ich vielleicht gedacht: Eigent-
       lich sind  wir doch  auf diese  Weise die  ganze Gottlosen-Gefahr
       losgeworden. Aber  daß diese  Menschen, die ohne Gesetz, ohne An-
       klage, ohne Untersuchung, ohne Urteil, einfach ihrem Beruf, ihrer
       Familie, ihrem  Leben weggenommen,  der Freiheit  beraubt wurden,
       daß diese  Menschen eine  Frage Gottes an mich waren, auf die ich
       im Angesicht  Gottes damals  hätte antworten  müssen, daran hatte
       ich nicht  gedacht. Ich  war damals kein freier Mensch, ich hatte
       mich damals bereits meiner wahren Verantwortung begeben.
       Es waren  Erlebnisse  wie  dieses,  die  hinter  dem  Stuttgarter
       "Schuldbekenntnis" stehen. Es war die Erinnerung einer nicht mehr
       vergessen zu  machenden Erfahrung: der Gemeinsamkeit der Christen
       und der  Atheisten, der  Kommunisten und Sozialdemokraten in Hit-
       lers Konzentrationslagern, in der gemeinsamen Not, in der gemein-
       samen Gegnerschaft  gegen die Nazibarbarei. Ich habe diese Erfah-
       rung einmal  folgendermaßen formuliert (und bin damit oft zitiert
       worden): Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwie-
       gen; ich  war ja  kein Kommunist.  - Als sie die Sozialdemokraten
       einsperrten, habe  ich geschwiegen;  ich war  ja kein Sozialdemo-
       krat. - Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich nicht prote-
       stiert; ich  war ja  kein Gewerkschaftler. - Als sie mich holten,
       gab es  keinen mehr,  der protestierte... 30 Jahre Bundesrepublik
       haben, auch  wenn es  manchmal anders  erschien, dieser Erfahrung
       nichts von ihrer Aktualität nehmen können. Das ist meine Überzeu-
       gung. Und wenn man sich heute auf den Widerstand im Dritten Reich
       berufen möchte,  so bin  ich der  Überzeugung, daß auch heute und
       morgen ein  ähnlicher innerer  Widerstand gegen  alles, was unser
       Volk und  unseren Staat,  oder unsere Staaten, wieder auf den Weg
       einer militärisch untermauerten Machtpolitik führen und verführen
       will, eine  Notwendigkeit darstellt.  Wir müssen  wohl  in  allem
       Ernst die Frage stellen und ihr standhalten, ob denn der Ungeist,
       der schrankenlose Machttrieb, der mit Menschen kurzerhand als mit
       brauchbaren Mitteln  rechnet und verfährt, um die eigene Macht zu
       gewinnen und zu festigen, auszudehnen und aufrechtzuerhalten, und
       der sie  gewaltsam ausschaltet,  kaltstellt,  einsperrt  und  um-
       bringt, wo  sie als störend und gegensätzlich wirkend, kurzum als
       nicht brauchbar  angesehen und  beurteilt werden  - ob dieser Un-
       geist mit  dem Tode  Hitlers und mit dem Untergang seines Reiches
       verschwunden ist und deshalb nur noch eine historische Erinnerung
       darstellt, die  uns gleichwohl  eine Lehre,  eine Warnung vermit-
       telt?!
       
       II
       
       Erinnern wir uns also der Ausgangssituation, in der diese Bundes-
       republik vor  30 Jahren entstand. Tatsächlich herrschte in Europa
       ein allgemeiner  Hunger nach  Frieden, als  der Krieg  endlich zu
       Ende war. Aber da gab es noch ein großes Land, das nur einen Teil
       des Krieges miterlebt und den Krieg nicht im eigenen Lande zu er-
       leiden gehabt  hatte. Das  waren die  USA, und  die besannen sich
       bald -  Anfang 1947  - darauf,  daß sie gemeinsam mit einem alten
       Feind mit  der UdSSR gekämpft hatten. Was sollte aus dem Verhält-
       nis zwischen  ihnen werden?  Die Tatsache  - ganz gleich, was die
       Ursache gewesen sein mag - war auf alle Fälle die, daß in den USA
       die alte  Feindschaft wieder angeheizt wurde. Das geschah vor und
       in aller  Öffentlichkeit im  Januar 1947, als ich gerade 6 Wochen
       meines allerersten  Besuchs in  den USA hinter mir hatte. Die USA
       waren damals unbestritten die gewaltigste Großmacht der Welt, die
       einzige Macht,  die im  eigenen Lande keine Kriegsschäden wieder-
       gutzumachen hatte,  und die einzige Macht, die über die Atomwaffe
       verfügte, mit  der man  mit einer  einzigen Bombe! - 240 000 Tote
       und mehr als 100 000 auf den Tod Verwundete in Hiroshima zustande
       gebracht, "gemacht"  hatte. Kein Wunder, daß die UdSSR vor diesem
       mächtigsten aller Gegner Angst hatte und aufgerüstet blieb, zumal
       die USA  in der  Herstellung und Entwicklung der ABC-Waffen fort-
       fuhren und  ihre Anti-Kommunismus-Propaganda wieder aufleben lie-
       ßen und  verschärften. Die  ganze Welt hat von 1947 bis 1954 beim
       Gedanken an den Ost-West-Konflikt gezittert, zumal er unabwendbar
       zu einem neuen Weltkrieg würde führen müssen; und keiner wußte im
       Grunde, wie  das vermieden  werden könnte. 1949 kam dann eine er-
       leichternde Atempause,  weil mit der russischen Atombombe die mi-
       litärische Allmacht der USA erledigt war. Ich erinnere mich deut-
       lich, wie  ich damals gerade beim Abflug aus Australien die Nach-
       richt von einem Reporter erhielt und ihm antwortete: "Nun wird es
       nicht mehr so ganz leicht einen wirklichen Krieg zwischen Ost und
       West geben!" - Aber es gab den "Kalten Krieg", und bei dem ist es
       für Jahrzehnte  geblieben. Und  es hat  nicht lange gedauert, bis
       unser deutsches  Volk in diesen Kalten Krieg mithineingezogen und
       dadurch hoffnungslos zerrissen wurde.
       Noch 1952  war der  Osten geneigt  gewesen - jedenfalls bot er es
       damals an  -, einer deutschen Wiedervereinigung zuzustimmen, wenn
       die Neutralisierung  eines wiedervereinigten Deutschland vertrag-
       lich geregelt  und gesichert würde. Man hat damals dieses Angebot
       in den  Papierkorb wandern  lassen, vermutlich  weil Amerika noch
       andere Zukunftspläne  hatte, für  die ihm  ein wiedervereinigtes,
       aber neutrales Gesamtdeutschland nicht genehm war, wie denn über-
       haupt von  den westlichen Siegermächten kein einziger Schritt zur
       Wiedervereinigung  unternommen   wurde,  obgleich   die   Teilung
       Deutschlands eindeutig  durch die  Westmächte veranlaßt,  in  die
       Wege geleitet  und durchgeführt  worden war. Jedenfalls wurde die
       neue DM-Währung  unter bewußtem  Ausschluß der  russischen Besat-
       zungszone und des Ostsektors von Berlin im Jahre 1948 eingeführt,
       und das  westdeutsche Staatengebilde  Bundesrepublik  Deutschland
       wurde im  Jahr darauf  geschaffen, nicht  nur ohne  Befragung der
       deutschen Bevölkerung,  sondern gleichfalls ohne Fühlungnahme mit
       der vierten  Besatzungs- und  Siegermacht. Desgleichen wurde dann
       im künstlich  geteilten Rest-Deutschland auf westlicher Seite die
       Aufrüstung begonnen,  was ja zum Ausscheiden meines Freundes Hei-
       nemann aus  Adenauers erstem  Bundeskabinett führte.  Die Hinter-
       gründe dieser politischen, zweifellos vom Westen gesteuerten Ent-
       wicklung sind noch nicht abschließend historisch-wissenschaftlich
       erhellt; persönlich bin ich überzeugt, daß hier die westliche und
       auch die  westdeutsche Wirtschaft ein maßgebendes Wort mitgespro-
       chen hat;  ich entsinne  mich einer  Aussprache, die  am 21. März
       1950 im Adam-Stegerwald-Haus in Königswinter zwischen dem Rat der
       EKiD und der CDU unter Beteiligung Adenauers stattfand. Nach die-
       sem Gespräch  wandte sich  ein westlicher Industrieller, Mitglied
       der Bekennenden Kirche und MdB der CDU, an mich: "Sie wollen also
       die Wiedervereinigung?" Und dann, als ich das mit größter Selbst-
       verständlichkeit bejaht  hatte, fuhr  er fort: "Bruder Niemöller,
       wissen Sie denn nicht: dann sind wir alle 'pleite'; denn wir kön-
       nen nicht  auch noch  die russisch  besetzte Zone sanieren!". Man
       wollte damals  die Wiedervereinigung  nicht, sondern wollte - aus
       höchst durchsichtigen  Gründen - erst einmal das eigene Schäfchen
       ins trockene bringen.
       Die Bevölkerung  wurde nicht  befragt, weder über die Bildung des
       Parlamentarischen Rates,  noch über das von diesem ausgearbeitete
       Grundgesetz, noch  über die  Gründung der Bundesrepublik Deutsch-
       land 1949. Die Bundestagswahlen 1949 wurden nicht über die später
       dann offenkundig  gewordenen Pläne  Adenauers und  der hinter ihm
       stehenden Kräfte  zur Zementierung  eines in den alten Besitzver-
       hältnissen restaurierten  westdeutschen Separatstaates und späte-
       ren NATO-Bollwerks  abgehalten; daher habe ich mich 1949 erstmals
       an der Wahl nicht beteiligt und allen, die damals zur Wahl gegan-
       gen sind,  gesagt: Mit dieser Wahl habt ihr die Spaltung Deutsch-
       lands besiegelt.  Zwar hatten  wir eine  demokratische Verfassung
       bekommen, in  der Menschenrechte und Friedensbemühungen nicht al-
       lein geschützt, sondern geradezu als Bürgerpflicht vorgeschrieben
       sind. Aber  dies Grundgesetz  wurde im folgenden nicht dahin ent-
       wickelt, daß  den Menschenrechten  Wirkungsmöglichkeiten  gegeben
       wurden und  daß das  Friedensstreben praktisch  gefördert  worden
       wäre; vielmehr  wurden die  im Grundgesetz verankerten Rechte der
       Person beschnitten und die Friedensbemühungen von Bürgern unseres
       Staates mit  allen erdenklichen  Mitteln behindert. Wehrgesetzge-
       bung und  später Notstandsgesetze, Außen- und Innenpolitik trugen
       wieder das  Kennzeichen des  Strebens nach  Macht, die keine Ver-
       pflichtung zur  Solidarität mit  dem Schwächeren, für den Frieden
       mehr gelten lassen will. Es war der Geburtsfehler des neuen Staa-
       tes, daß  der Antikommunismus  zu seiner  Staatsideologie und Ge-
       schäftsgrundlage gemacht  wurde. Das  war 1949/50  bereits besie-
       gelt: Als Staat im Einflußbereich der Amerikaner mußten wir anti-
       kommunistisch sein.
       Nun hieß  es, die  gesamte westliche  Welt müsse den "Kampf gegen
       den Atheismus"  des Ostens  im Namen von Religion und Christentum
       mit  allen   Mitteln  der   Propaganda  wieder  aufnehmen.  Diese
       "Kreuzzugs"-Propaganda hatte  einen ganz  erheblichen  Anteil  am
       Kalten Krieg  zwischen Ost und West. Man hat bei uns im Westen in
       der Zeit  des Kalten Krieges so getan, als müßten wir Christentum
       und Menschlichkeit  gegen den  bolschewistischen Kommunismus ver-
       teidigen; in Wirklichkeit aber ging es um die Stärkung und Erhal-
       tung einer  Wirtschaftsgesellschaft, in der dem Gewinnstreben des
       Individuums keine  oder möglichst wenig Schranken gesetzt werden.
       Demgegenüber gibt  es anscheinend  eine sogar traditionell gewor-
       dene Vermeidung  des prophetischen Worts in der christlichen Kir-
       che, die  mir selber  auch sehr  spät zu Bewußtsein gekommen ist,
       als es mir aufging, daß ich noch niemals eine Predigt gehört habe
       über den  Text: "So spricht der Herr: Ihr könnt nicht Gott dienen
       und dem  Mammon!" Und  ob das  nicht gerade das prophetische Wort
       ist, das  gerade heute  notwendig ausgesprochen  werden muß, weil
       die Mammonhörigkeit hinter aller Rüstungstreiberei und aller Pro-
       paganda steckt, die den Haß gegen die Atheisten predigt, aber das
       kommunistisch-sozialistische Wirtschaftssystem  meint,  weil  das
       den Mammon  vom Throne  stößt, um  - vielleicht - andere Abgötter
       darauf zu  setzen. Es geht dem "Antikommunismus" im Grunde um den
       Mammon, der  nicht gestürzt werden darf und dem deshalb jedes Op-
       fer gebracht  werden muß  - und  wenn die  ganze Menschheit dabei
       draufgeht!
       
       III
       
       Die erst  heimlichen und in der Öffentlichkeit verleugneten, dann
       offen betriebenen Vorbereitungen Adenauers und der Amerikaner für
       eine Remilitarisierung  der Bundesrepublik  standen im  schroffen
       Gegensatz zu  den Erwartungen und Wünschen der deutschen Bevölke-
       rung und  mußten infolgedessen die Auseinandersetzung um die Wie-
       derbewaffnung (und schließlich NATO-Einbindung statt Neutralität)
       zu einer  der aufwühlendsten  Streitfragen der Bundesrepublik bis
       in die  60er Jahre  hinein machen.  Die Befürworter der Wiederbe-
       waffnung haben  es nie  gewagt, über ihre Pläne abstimmen zu las-
       sen. Im Gegenteil: Leute wie Strauß erklärten damals, wer je wie-
       der ein Gewehr in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfallen. Als
       klar wurde, worauf die Politik Adenauers, der sich so gerne anti-
       militaristisch gab  und damit  brüstete, nie  Soldat  gewesen  zu
       sein, in  Wahrheit hinauslief,  waren viele  tief empört über die
       heuchlerische Vorgehensweise  des CDU-Kanzlers.  Gustav Heinemann
       trat, wie  gesagt, vom  Amt des Innenministers zurück. Ich wandte
       mich damals  mit einem dringenden Schreiben an Theodor Heuss, den
       damaligen Bundespräsidenten,  und setzte  mich für  eine Volksab-
       stimmung über  die Frage  der Wiederbewaffnung ein. Heuss antwor-
       tete mir, eine Volksbefragung sei nach dem Grundgesetz nicht mög-
       lich. Als  ich ihn  daraufhin noch einmal anrief, erklärte er mir
       am Telefon,  das Volk sei zur Entscheidung über eine solche Frage
       noch nicht  reif. Ich  meine, die  Deutschen, die damals in einer
       Volksabstimmung mit  Sicherheit die Wiederbewaffnung massiv abge-
       lehnt hätten, waren reif genug zu wissen: der Krieg ist Wahnsinn.
       Wahnsinn ist es auch, so zu tun, als könne man sich darauf vorbe-
       reiten. Darauf  Geld, Zeit  und Kraft  zu verschwenden,  kann gar
       keine andere Wirkung haben, als daß die Menschen sich schließlich
       doch an  den Gedanken  gewöhnen, daß der Krieg eines Tages kommen
       wird. Man hat uns Menschen sogar für so dumm verkauft, daß man in
       einer  an  alle  Haushalte  verteilten  Broschüre  den  Vorschlag
       glaubte verbreiten  zu können,  im Fall  eines  Atombombenabwurfs
       könne man  sich durch  eine Aktentasche  auf dem  Kopf oder einen
       aufgespannten  Regenschirm  einen,  wenn  auch  minimalen  Schutz
       schaffen.
       Eine große  Partei, die  das Wort  "christlich"  in  ihrem  Namen
       führt, stellte  fast zwei  Jahrzehnte lang  die Regierung unseres
       Staates und machte ihn wieder zur stärksten Militärmacht im west-
       lichen "freien" Europa. Die Wiederaufrüstung und in ihrem Gefolge
       die Wiedereinführung  der allgemeinen  Wehrpflicht brachten es in
       aller Deutlichkeit  an den  Tag, wie  die Bundesrepublik zu ihrem
       demokratischen Grundgesetz  steht: Man  ist in maßgebenden Regie-
       rungskreisen gar  nicht mehr  glücklich darüber, daß dem Gewissen
       der staatlich  angeordneten Kriegspflicht  gegenüber der  Vorrang
       eingeräumt ist; das feierlich im Grundgesetz verbriefte Recht des
       Bürgers, daß  "niemand gegen  sein Gewissen  zum Kriegsdienst mit
       der Waffe  gezwungen werden darf", wurde vom "christlich" regier-
       ten Staat  tausendfach gebrochen,  indem unser Staat Menschen als
       Richter über das Gewissen einsetzte, sich selbst zum Richter über
       das Gewissen  aufwarf, ohne  daß eine  christliche Kirche dagegen
       Einspruch erhob.
       Unsere konkrete  Situation war  wieder einmal die, daß eigentlich
       alle Menschen  und Völker mitsamt ihren Regierungen Frieden haben
       und schaffen möchten, daß sie aber zugleich völlig ratlos vor der
       Frage stehen,  was sie denn praktisch zur Erreichung dieses Ziels
       tun können. Diese Ratlosigkeit fand ihren erschütternden Ausdruck
       darin, daß  man wiederum  einen Ausweg  versuchte, von dem längst
       erfahrungsgemäß feststand, daß er - statt am Krieg vorbeizuführen
       - geradeswegs  in den Krieg hineinführt. Die beiden großen Mächte
       rüsten; und  da man  des Friedens  nicht sicher sein kann, möchte
       man wenigstens  für den  Kriegsfall eine  Überlegenheit schaffen;
       alle Lehren der jüngsten Vergangenheit scheinen vergessen.
       Besonders gefährlich wurde die Remilitarisierungspolitik dadurch,
       daß ja  der ganze  Zündstoff in Europa als einem der dichtest be-
       völkerten Teile  der Erde  aufgehäuft liegt, und daß ausgerechnet
       hier ständig mit dem Feuer gespielt und gedroht wird.
       
       IV
       
       1955 trat  die Bundesrepublik  der NATO bei (im Gegenzug entstand
       der Warschauer  Pakt). und führte die allgemeine Wehrpflicht wie-
       der ein.  Kein Mensch  schien mehr daran zu denken, daß es nur 10
       Jahre zuvor  im Potsdamer Abkommen der drei Siegermächte geheißen
       hatte, daß  der Militarismus und seine Wurzeln in Deutschland ein
       für allemal  beseitigt werden müßten. Man hatte die Angst vor dem
       Kommunismus hoch genug gesteigert, und der letzte Krieg lag jetzt
       immerhin ein  volles Jahrzehnt zurück. Die Bundeswehr sollte, wie
       es hieß,  nur der Verteidigung dienen. Erst ganz langsam und all-
       mählich -  Presse, Rundfunk und das neu aufkommende Fernsehen ta-
       ten nichts oder doch fast nichts dazu - begriffen wir in der Bun-
       desrepublik, daß  es im  Falle eines kriegerischen Konflikts eine
       Verteidigung für  uns, wie  für Europa insgesamt, überhaupt nicht
       mehr geben  kann. Frankreich  zog als erster Staat die Konsequen-
       zen. Es  schied aus der NATO aus und begann auf eigene Faust eine
       Verständigung mit  der östlichen Großmacht; doch die NATO behielt
       ihre Rüstungspolitik  bei, wurde  indes sehr  kleinlaut, wenn die
       Frage der Verteidigungsmöglichkeiten angerührt wurde. Man spricht
       nicht mehr  davon, man  spricht statt  dessen von "Abschreckung":
       Wir müssen  rüsten -  so heißt es jetzt -, damit der Gegner nicht
       angreifen kann!  Wir dienen also durch Rüstung dem Frieden: Wehr-
       dienst ist  Dienst für den Frieden! Als ich im Jahr 1910 als See-
       offizier begann,  da war  es derselbe  Trost, mit  dem uns jungen
       Leuten über  auftretende Gewissensbedenken bei unserer Ausbildung
       im Kriegshandwerk  hinweggeholfen werden  sollte: "Die  Wehrmacht
       schützt den  Frieden, und im Kriegsfall schützt sie Vaterland und
       Heimat!"
       Seit 1954  mußte eigentlich jedermann wissen, daß mit der Wasser-
       stoffbombe die kriegerische Kraftprobe zur praktischen Unmöglich-
       keit geworden  war, weil  seitdem ein Krieg zwischen Mächten, die
       diese Waffe  besitzen, das  Ende der Menschheit bedeuten wird. In
       den folgenden  Jahren konzentrierte sich die Sorge der Menschheit
       infolgedessen auf  die alle  angehende Frage, ob und wie ein sol-
       cher Krieg zwischen Ost und West vermieden oder verhindert werden
       könne. Die Christenheit sah sich genötigt, sich ernsthaft mit der
       jahrhundertelang vernachlässigten  Friedensfrage zu  befassen und
       alle Traditionen  zu revidieren.  Dieser Prozeß  ist  noch  lange
       nicht abgeschlossen,  aber doch damals schon deutlich in Gang ge-
       kommen. Christliche Friedensbemühungen und Friedensorganisationen
       sind keine  von der  Kirche verleugneten und theologisch-lehrhaft
       bestrittenen Fehlentwicklungen  mehr, sondern haben in Kirche und
       Theologie ihren,  wenn auch weiterhin umkämpften, Platz gefunden.
       Versöhnungsbund, Christlicher  Friedensdienst, Christliche  Frie-
       denskonferenz, Pax Christi-Bewegung, das alles sind Marksteine am
       Wege eines sich vollziehenden Wandels.
       Ich erinnere  mich daran, daß Papst Pius XII. eine nachdrückliche
       Warnung vor  der Wasserstoffbombe  ausgesprochen hatte,  weil sie
       das Ende der Menschheit bedeuten könne. Noch ahnte ich nichts von
       der grenzenlosen  Wirkungsmöglichkeit der  Atomverschmelzung, der
       Wasserstoffbombe, aber  maßgebende Kernphysiker  bestätigten  mir
       den Ernst  der Gefährdung.  So regte ich im Rat der evangelischen
       Kirche an,  eine ähnliche  Initiative zu ergreifen wie der Papst.
       Darauf beantragte der Bischof von Bayern, erst einmal einen Fach-
       mann zu  befragen. Als  solcher wurde  dann der  damals schon als
       Philosophieprofessor in  Hamburg wirkende Pascual Jordan, bekannt
       geworden  als   Apologet  der  Atomrüstung,  vorgeschlagen.  Sein
       Gutachten besagte,  die Verlautbarung  des Papstes sei weit über-
       trieben, und der Rat der evangelischen Kirche lehnte nunmehr eine
       eigene Initiative  ab. -  Ich wandte mich an Otto Hahn in Göttin-
       gen, den  ich als  Glied meiner Gemeinde in Berlin-Dahlem kannte.
       Ihm berichtete  ich über die Debatte im Rat, und er erklärte sich
       bereit, mit  mir und  zwei bis drei weiteren Kirchenmännern unter
       Zuziehung einiger  Wissenschaftler aus  seinem engeren  Kreis  zu
       sprechen. Wir  trafen uns  in Wiesbaden, Dibelius, Gollwitzer und
       ich. Hahn  hatte Heisenberg  und C.F. Weizsäcker mitgebracht. Als
       Einladender richtete ich die Frage an Otto Hahn: "Herr Professor,
       wir sind  hier, weil die Entwicklung der Wasserstoffbombe uns zu-
       tiefst bedrückt.  Der Papst  hat gesprochen,  und wir möchten Sie
       fragen, ist die Sache wirklich so schlimm, wie der Papst sie dar-
       stellt?" "Nein,  viel schlimmer." "Für uns Wissenschaftler ist es
       kein Problem  mehr, einen Apparat zu bauen, mit dem man alles Le-
       ben auf  unserem Planeten  auslöschen kann. Das ist nur noch eine
       Frage der  Technik!" -  Auf meine weitere erschrockene Frage, was
       denn passiert  wäre, wenn Hitler im April 1945 in der Reichskanz-
       lei in Berlin einen solchen Apparat gehabt hätte, antwortete Hahn
       nicht mehr.  - Nur Heisenberg sprach noch ein Wort: "Herr Pastor,
       dann brauchten wir uns darüber keinen Kopf mehr zu zerbrechen!"
       Alle Warnungen und Proteste halfen nichts: Die Regierung Adenauer
       trieb ihre Bemühungen, der Bundeswehr Zugang zu den Atomwaffen zu
       verschaffen, voran.  Die Weltmeinung  dagegen wandte  sich  immer
       entschiedener gegen  die Kernwaffenversuchsreihen der Großmächte,
       und die  Warnungen vor  den Gefahren  der Atomrüstung zogen immer
       weitere Kreise.  Am zweiten Ostertag des Jahres 1958 fand der er-
       ste "Ostermarsch"  vor den Toren des englischen Atomwerkes Alder-
       maston seinen  Abschluß. Ich  werde den Tag nicht vergessen, weil
       er der  Anfang einer  Bewegung wurde.  Dies war die Hoffnung, die
       ich in  meiner Schlußansprache  an die Tausende, die durch Regen,
       Schnee  und   bittere  Kälte  ausgehalten  hatten,  zum  Ausdruck
       brachte. In  der Bundesrepublik  entstand die Bewegung "Kampf dem
       Atomtod!", an  der sich eine Zeitlang auch Führer der SPD und der
       Gewerkschaften beteiligten. - Tatsächlich scheiterte der Versuch,
       der Bundeswehr  offiziell unmittelbaren  Zugang zu  Atomwaffen zu
       verschaffen. Die  Atomsprengköpfe, die  in ungeheuerlichen Massen
       in unserem  Lande  lagern,  blieben  "unter  amerikanischem  Ver-
       schluß". Allerdings  ist das ein schwacher Trost. - Auch Volksbe-
       fragungen in  der Frage der Atombewaffnung, wie sie in Bremen und
       Hamburg bereits eingeleitet worden waren, wurden unterbunden, so-
       gar ausdrücklich vom Verfassungsgericht. Die SPD zog sich aus der
       Bewegung gegen  den Atomtod  zurück. Die Ostermarschierer, die in
       den folgenden  Jahren und in rasch wachsender Zahl die Mobilisie-
       rung der Bevölkerung gegen die Atomkriegsgefahr betrieben, wurden
       zunächst geflissentlich  "totgeschwiegen" oder  -  als  das  doch
       nicht mehr  möglich war  - lächerlich  zu  machen  versucht,  und
       schließlich -  als auch  das nicht mehr verfing, - mit bösartigen
       Verleumdungen bekämpft.
       Man hat es sich eine ganze Menge kosten lassen, um unser Mühen zu
       lähmen und  die Bürger  unseres  Staates  von  den  Ostermärschen
       fernzuhalten. Dazu mußte natürlich wieder der Kommunismus als ab-
       schreckendes Gespenst  herhalten, als  ob ihm  am Ende doch viel-
       leicht mit  Atombomben beizukommen  wäre? Staatsmänner und Regie-
       rungen sollten  lieber erst einmal darauf bedacht sein, den Zünd-
       stoff zu  beseitigen, an dem der Krieg sich entzünden könnte, und
       die Zündschnüre  durchzuschneiden, die  ein Wahnsinniger oder ein
       Verbrecher -  nur für sie und zur Erreichung ihres Ziels kommt ja
       ein Krieg noch in Betracht - in Brand setzen könnte.
       In der  Ostermarschbewegung ging  es uns, wie in der ganzen Bewe-
       gung gegen  die Wiederbewaffnung  damals und  für Entspannung und
       Abrüstung heute  - um  eine aufrichtige  und ehrliche Demokratie.
       Wenn die Demokratie nämlich aufrichtig und ehrlich ist, dann gibt
       es keinen  Krieg. Bislang aber hatte das Volk bei den Dingen, die
       sein Leben  oder Sterben  angehen, nichts  zu sagen. In den Wahl-
       kämpfen wurde die Friedensfrage möglichst umgangen und alles, was
       damit zu  tun hat,  ebenfalls: Wiederbewaffnung,  Militärbündnis,
       atomare Rüstung,  Notstandsgesetze.  Die  Bevölkerung  wird  auch
       nicht so  unterrichtet,  daß  ihr  sachliches  Interesse  geweckt
       würde: sie könnte ja dann mitreden wollen, und was würde dann aus
       der Totalherrschaft der etablierten politischen Parteien werden?!
       -
       Das war  es, was  man uns  so übel  genommen hat: Wir wollten und
       wollen der  Öffentlichkeit deutlich  machen, daß Wissenschaft und
       Politik  keine  Spezialangelegenheiten  besonders  interessierter
       Gruppen sind und ihnen nicht zur freien Verfügung überlassen wer-
       den dürfen,  weil sie  Folgen zeitigen und Verhältnisse schaffen,
       die von ungezählten Menschen erlitten und ertragen werden müssen.
       
       V
       
       In den  60er Jahren  hat sich jenes "Parteienkartell", das die in
       der Remilitarisierungsfrage  schon kaltblütig  demonstrierte Miß-
       achtung tatsächlicher  Oppositionsströmungen in  der  Bevölkerung
       verkörpert, voll  entwickelt. Die  Bundesrepublik erwies sich als
       eine "Demokratie", die mit dem, was man früher darunter verstand,
       nur noch  den Namen  gemein hat.  Das Volk  wählt alle vier Jahre
       eine Partei, und die Parteien sind sich längst darüber einig, daß
       das Volk  keine andere  als ihre  Meinung zu wählen imstande sein
       darf. Die  Kommunisten waren verboten, das Entstehen neuer, oppo-
       sitioneller Parteien  wurde möglichst  verhindert.  Die  Parteien
       verstehen sich  nicht mehr als Vertretungen von Bevölkerungs- und
       Gesellschaftsgruppen. Und sie haben es verstanden, alle möglichen
       Probleme unter  sich abzumachen  und nur ja keine Gelegenheit zur
       Erkundung der  Volksmeinung zu geben. Im Wahlkampf werden politi-
       sche Probleme  niemals nach  vorn und zur Kenntnis der Wähler ge-
       bracht. Sie  werden nicht  gefragt, ob  Frieden oder Krieg, Abrü-
       stung oder  Aufrüstung, Leben  oder Tod  sein soll; dazu sind die
       Wähler "zu dumm". Der Wähler darf einmal seinen Stimmzettel abge-
       ben und laufend seine Steuern zahlen; er darf auch mit seinem Le-
       ben dafür  zahlen, was  die Parteien und das Parlament anrichten,
       ohne ihn zu fragen. Die Parteien üben ihr diktatorisches Regiment
       aus, sobald  die Wahlen vorüber sind, und die Wählerschaft hat zu
       schweigen; bis  zur nächsten  Wahl ist das Volk stumm; wer redet,
       wird zum Schweigen gebracht. Mittel dafür gibt es genug.
       In den  50er und  60er Jahren  konnte man noch darauf setzen, daß
       die Mehrheit  der Bevölkerung,  durch Wiederaufbau und wachsenden
       Lebensstandard in Anspruch genommen, stillhalten werde. - Revolu-
       tionäre Gedanken können zwar in Zeit des wachsenden "Wohlstandes"
       entstehen, aber  eben nicht  zur Auswirkung  gelangen: Das allge-
       meine Interesse  verlangt nach  einem  ungestörten  Fortgang  des
       Wohlstandswachstums und  hört keine  Aufforderung lieber  als die
       Warnung: "Keine  Experimente!" So  die seinerzeitige  Wahlparole!
       Diese Zeit erwies sich als denkbar ungeeignet für Kursänderungen.
       Aber wo der Wohlstandstrend unsicher wird oder zu werden scheint,
       da denken  die maßgebenden  herrschenden Kreise naturgemäß an die
       Sicherung ihrer  Position, weil jeder dann eintretende "Notstand"
       das Ende,  auch ihrer  Machtposition, zur  Folge haben könnte. Es
       war  also   nicht  weiter   verwunderlich,  daß  die  sogenannten
       "Notstandsgesetze" genau  in dem Augenblick mit Nachdruck betrie-
       ben und  schließlich verabschiedet  wurden, als  mit  der  ersten
       Wirtschaftskrise 1966-68  ein Anwachsen  der Unzufriedenheit  un-
       übersehbar wurde.
       Der innenpolitischen Erstarrung entsprach in den 60er Jahren eine
       zunehmende außenpolitische  Isolierung  der  Bundesrepublik.  Der
       einzige Staat,  der es  damals wohl  an allgemeiner Unbeliebtheit
       mit uns  aufnehmen konnte, war vielleicht Südafrika. Verwoerd und
       Seebohm (der  Verkehrsminister und  Ostlandreiter  Adenauers,  d.
       Red.) habe ich damals wohl einmal gesagt, sind vermutlich die Na-
       men, hinter denen das heute lebende Menschengeschlecht die perso-
       nifizierte Unmenschlichkeit  vermutet. Innerhalb  Europas  könnte
       wohl auch  der Name  Strauß genannt  werden. Vor dem Ersten Welt-
       krieg hatte  es eine  ähnliche, selbstverschuldete Isolierung des
       deutschen Reiches  gegeben, die  unserem Volk  als Resultat einer
       geplanten Einkreisungspolitik  dargestellt wurde, in Wirklichkeit
       aber auch  - und nicht nur "auch" - die Frucht einer planmäßigen,
       auf Machtmehrung  zielenden Aufrüstung war. Haben wir seither ei-
       gentlich irgend etwas aus unserer Geschichte hinzugelernt?
       Die Menschheit hat heute einen Anspruch darauf, daß Politiker und
       Militärs, die einen Krieg noch als Mittel der Politik ansehen und
       ihn etwa sogar vorbereiten, als Wahnsinnige erkannt und behandelt
       werden. -  Zwischen Ost und West kann es keinen Krieg mehr geben,
       der  nicht   das  Ende   bedeutet.  Darum  sind  aber  auch  alle
       "defensiven" Vorbereitungen  für einen  solchen Krieg Unsinn, und
       deshalb -  das wurde uns im Kampf gegen die Notstandsgesetze klar
       - haben  derartige "Staatsschutz"-Maßnahmen  einen "Sinn" nur für
       den Fall  innerpolitischer Streitigkeiten.  Hier sind die Gewerk-
       schaften angesprochen  und alle,  die gesellschaftliche und wirt-
       schaftliche Neuordnungen  erstreben, denn  so etwas kann nur ohne
       Vernichtungs-"Waffen" erreicht  bzw. verhindert werden, indem die
       jeweilige demokratische  Majorität sich  dafür die verfassungsmä-
       ßige Bevollmächtigung verschafft.
       Die wahren  Beschützer und Erhalter des Staates sind, wie ich als
       Präsident der  deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte  Kriegs-
       dienstgegner einmal gesagt habe, sowohl die Kriegsdienstverweige-
       rer aus  Gewissensgründen als auch die Kritiker und Nichtbefolger
       von sogenannten Notstandsgesetzen usw.
       Gibt es gegen eine falsche Politik keine parlamentarische Opposi-
       tion mehr,  dann brauchen  wir die  außerparlamentarische Opposi-
       tion, damit  wir das Verhängnis aufhalten, das - wenn es eintritt
       - die  fatalen Ergebnisse  der Hitlerzeit weit übertreffen würde.
       Denn kein  Politiker irgendwo  in der  Welt hat noch eine Antwort
       auf die Frage, was werden soll, wenn die Armen gegen die Reichen,
       wenn die  Hungrigen gegen die Satten, wenn die Farbigen gegen die
       Weißen aufstehen  und ihre  Menschenrechte einfordern,  die ihnen
       die Weißen,  Reichen und  Satten weggenommen  haben oder schuldig
       geblieben sind.
       Wir brauchen  "Frieden und  Freundschaft",  wenn  das  auch  eine
       "kommunistische Parole"  ist. Eine  Parole braucht  nicht deshalb
       falsch zu  sein, weil sie von Kommunisten ausgegeben wurde; viel-
       leicht wäre  es besser gewesen, wir hätten sie erfunden und - vor
       allen  Dingen   -  geübt!   Hier  liegt  heute  die  Aufgabe  des
       "Widerstandes", und  zwar in  allen Ländern und Völkern, in denen
       die alte,  heute aber  verhängnisvolle Machtpolitik  noch  Trumpf
       ist. Und  wo dieser  Widerstand nicht  von einer  parlamentarisch
       etablierten Opposition vertreten wird, da braucht es eben die au-
       ßerparlamentarische Opposition,  eine demokratische  Bewegung, um
       die öffentliche Meinung zu mobilisieren und zu beeinflussen.
       Als das Parteienkartell sich bis hin zur " Großen Koalition" ver-
       festigte, da  flossen denn auch Ende des 60er Jahre alte und neue
       Opposition gegen  den innen-  und außenpolitischen  Kurs  unserer
       Bundesrepublik in einer außerparlamentarischen Opposition, zusam-
       men, die  hat immerhin einiges in Bewegung setzen können. Daß die
       erklärte oder  unerklärte Große Koalition (bzw. Allparteienkoali-
       tion) der  etablierten Parteien,  die wir  im Grunde heute wieder
       haben, Anfang  der 70er  Jahre aufgebrochen  werden konnte und in
       einer so wesentlichen Frage wie der Ostpolitik eine Kurskorrektur
       möglich wurde,  hat als Ursache neben der veränderten weltpoliti-
       schen Lage  ganz sicher  auch die  beharrliche, oft so auswegslos
       erscheinende  Kleinarbeit  der  Friedensbewegungen,  der  Kriegs-
       dienstgegner und der Atomgegner, wie auch der seinerzeitigen Stu-
       dentenbewegung und  der APO, kurzum jener vielfältigen demokrati-
       schen Bewegung, die heute - wie z.B. über Bürgerinitiativen - im-
       mer neue Lebensbereiche erfaßt.
       Wenn ich  nach 30  Jahren Bundesrepublik, trotz allen Geredes von
       "Tendenzwende" (woran  mancher aber  schon gar  nicht mehr  gerne
       denkt!) und trotz aller tatsächlich alarmierenden Rechtstendenzen
       der letzten  Jahre eine "Heilung" der Geburtsfehler der Bundesre-
       publik, eine  demokratische Zukunft  unseres Landes  für  möglich
       halte, dann im Blick auf dieses demokratische und menschlich-mit-
       menschliche Potential, das sich über alle Rückschläge und Enttäu-
       schungen teilweise  oder scheinbar  ergebnisloser Auseinanderset-
       zungen hinweg  in diesen  30 Jahren  entwickelt hat. Diese Kräfte
       machen "demokratische  Bewegung" möglich,  und  zu  ihnen  zählen
       Christen wie  Atheisten, Sozialdemokraten wie Liberale und Kommu-
       nisten. Entscheidend  ist, ob  es ihnen gelingen wird, wachsenden
       Einfluß auf  die Politik  der  Bundesrepublik  auszuüben.  -  Aus
       vielen Gesprächen  - Gesprächen  mit Mitgliedern der verschieden-
       sten Friedens- und Solidaritätsbewegungen wie auch mit Politikern
       in "Ost  und West"  und nicht zuletzt in der Dritten Welt- glaube
       ich zu wissen, daß man in der demokratischen Bewegung der Bundes-
       republik sehr  klar erkennt,  worin die Probleme unserer Zeit be-
       stehen, von  denen das  Überleben der  Menschheit abhängt. Klarer
       als in  vielen Ministerien und Parteibürokratien. In meinen Augen
       ist die  Frage der Erhaltung des Friedens und damit die Frage der
       Entspannungs- und  Abrüstungspolitik nach wie vor die vordringli-
       che, erste  Lebensfrage der  Menschheit, in  der es aber nach wie
       vor ohne den ständigen Druck des Friedenswillens der Völker nicht
       recht weitergehen  wird. Daneben ist immer deutlicher die Not und
       der Selbstbehauptungswille  der Völker der Dritten Welt getreten;
       ihre Probleme  finden in  Solidaritätsbewegungen, darunter vielen
       christlichen Initiativen,  mehr Ausdruck  und Beachtung als heute
       noch bei  uns. -  Auch in dieser Frage müssen Regierungen und Öf-
       fentlichkeit immer  neu darauf  hingewiesen werden,  daß es keine
       christliche,  keine   menschlich  verantwortbare  Alternative  zu
       friedlicher Verständigung  im Nord-Süd-Konflikt  wie im Ost-West-
       Konflikt gibt  und daß die Überwindung von Hunger und Verelendung
       ebenso die  Beendigung der Rüstungsverschwendung verlangt wie die
       Überlebensfrage. Das fängt mit der Verhinderung eines Atomkrieges
       an, der  uns alle  verbrennen würde,  und hört mit der Beendigung
       des wirtschaftlichen Vernichtungskrieges gegen unsere Umwelt, ge-
       gen die  natürlichen  Grundlagen  allen  Lebens  nicht  auf.  Ich
       glaube, daß  auch in  dieser Hinsicht die demokratische Bewegung,
       hier besonders  die Umwelt-Bürgerinitiativen,  weitblickender und
       realistischer sind  als Regierungen,  die um  jeden Preis und mit
       allen Kräften  und Mitteln wirtschaftliche Interessen fördern und
       durchsetzen wollen.  In 30 Jahren Bundesrepublik hat es sich, an-
       gefangen mit  der über die Köpfe der Bevölkerung hinweg erfolgten
       Remilitarisierung wieder  und wieder  gezeigt, daß  eine Politik,
       die die  Bevölkerung uninformiert  und unmündig hält, in die Irre
       führt. Wenn  es immer  noch solche  Politik gibt,  so liegt  dies
       nicht zuletzt auch an der mühseligen Langsamkeit, mit der wir uns
       von traditionellen Feindbildern und Vorurteilen, wie es in erster
       Linie immer  noch der Antikommunismus ist, freimachen. Die Völker
       der Dritten  Welt haben es uns vorexerziert. Sie haben sich nicht
       einfach in  den Ost-West-Konflikt  vereinnahmen lassen,  sondern,
       ohne überholte  Klischees zu übernehmen, darauf geachtet, mit wem
       sie ihre  Überlebensinteressen sichern  können und mit wem nicht.
       Vergleichbares spielt  sich auch in den demokratischen Bewegungen
       in unserer Bevölkerung ab. Ich selbst weiß aus langjähriger Frie-
       densarbeit, daß  es Aufgaben gibt, für die auch Christen und Kom-
       munisten gemeinsam eintreten können und sollen.
       Die Bundesrepublik  wird sich  von ihrer  unseligen Staatsdoktrin
       freimachen müssen  für eine  bessere und "mehr demokratische" Zu-
       kunft. Das  Schicksal der Berufsverbote, die - wohl eine List der
       Geschichte! -  den Antikommunismus  vollends ins  Gerede gebracht
       haben, zeigt,  daß dieser Auseinandersetzung nicht mehr auszuwei-
       chen ist.  Die Bundesrepublik  hat eine Zukunft nur noch in einer
       friedlichen Welt,  die die  realen Konflikte erkennt und sich ge-
       meinsam an  eine Lösung  macht, ohne sich durch weltanschauliche,
       politische oder rassische Mauersperren abschrecken zu lassen. Wir
       alle brauchen den Frieden und zu seiner Gewinnung den Dialog.
       
       

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