Quelle: Blätter 1979 Heft 01 (Januar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       VORSCHLÄGE UND FORDERUNGEN DES BUNDES DEMOKRATISCHER
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       WISSENSCHAFTLER (BDWI) FÜR EINE DEMOKRATISCHE STUDIENREFORM,
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       BESCHLOSSEN AUF DER 7. A.O. DELEGIERTENKONFERENZ
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       AM 2./3. DEZEMBER 1978 IN TÜBINGEN
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       EIN BEITRAG ZUR DISKUSSION UM DIE NOVELLIERUNG DES
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       HOCHSCHULRAHMENGESETZES
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       (Wortlaut)
       
       Thesen
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       1. Der BdWi  stellt fest, daß die gegenwärtig von staatlicher und
       privatwirtschaftlicher Seite  betriebene Studienreformpolitik ge-
       gen die Interessen der Hochschulwissenschaftler und Studierenden,
       gegen die Interessen der Arbeitnehmer innerhalb und außerhalb der
       Hochschulen verstößt.
       Der BdWi  ruft alle  Hochschulwissenschaftler auf, sich gemeinsam
       mit den  anderen Hochschulangehörigen  sowie den sie repräsentie-
       renden fortschrittlichen politischen und gewerkschaftlichen Orga-
       nisationen gegen  diese wissenschaftsfeindliche und arbeitnehmer-
       feindliche Politik zu wenden.
       2. Der BdWi weist darauf hin, daß die Auswirkungen der Hochschul-
       und Studienreformpolitik von Bund und Ländern der von der Bundes-
       regierung unterzeichneten  UNESCO-"Empfehlung  zur  Stellung  der
       wissenschaftlichen Forscher"  1) widerspricht. Dies betrifft v.a.
       die folgenden Punkte:
       - Das Recht  aller, "am  kulturellen Leben  der Gemeinschaft frei
       teilzunehmen und  am wissenschaftlichen  Fortschritt  und  dessen
       Wohltaten teilzuhaben".
       - Die Empfehlung  an alle Mitgliedstaaten, die öffentliche Finan-
       zierung von  Forschung und  Wissenschaftsentwicklung -  also auch
       der wissenschaftlichen  Ausbildung -  als eine "Form öffentlicher
       Investitionen zu  behandeln, die  sich meistens zwangsläufig erst
       langfristig auszahlen,  und alle geeigneten Maßnahmen zu treffen,
       damit die  öffentliche Meinung über die Berechtigung, ja Unerläß-
       lichkeit dieser Ausgaben laufend unterrichtet wird".
       - Die Aufforderung  an alle  Mitgliedstaaten, die Voraussetzungen
       zu schaffen, damit Hochschulwissenschaftler
       a) in nötiger Unabhängigkeit nach wissenschaftlicher Wahrheit su-
       chen können;
       b) "an der Bestimmung der Ziele und Zwecke ihrer Arbeitsprogramme
       und der  anzuwendenden Methoden, die ihrer Verantwortung in huma-
       nitärer, sozialer und ökologischer Hinsicht entsprechen sollten",
       mitzuwirken;
       c) "zum menschlichen,  sozialen und  ökologischen Wert bestimmter
       Vorhaben ungehindert Stellung zu nehmen";
       d) "einen positiven  und konstruktiven  Beitrag zu  Wissenschaft,
       Kultur und Bildung" zu leisten.
       3. In der  aktuellen Alternative  zwischen einer  verstärkten In-
       dienstnahme von  Wissenschaft und  Ausbildung  in  Forschung  und
       Lehre durch wissenschaftsfremde, privatwirtschaftliche Kräfte und
       der objektiven Notwendigkeit und Möglichkeit, die Hochschulen auf
       die Interessen  der Bevölkerungsmehrheit  zu orientieren,  stellt
       sich der  BdWi an  die Seite  der Gewerkschaften  und  der  fort-
       schrittlichen Studentenverbände.  Nur  im  Zusammenwirken  dieser
       drei Kräfte  - der  Hochschulwissenschaftler, Gewerkschaften  und
       Studenten - wird es möglich sein, eine Kurskorrektur der Studien-
       reformpolitik durchzusetzen.
       In Auswertung  der im  "Wissenschaftler-Bedarfsplan 1978-1980" 2)
       festgestellten Bereiche  der Unterversorgung  der Bevölkerung mit
       wissenschaftlichen Dienstleistungen  weist der  BdWi auf die fol-
       genden Schwerpunktbereiche  hin, die  sowohl in der Personal- und
       Sachmittelausstattung als  auch hinsichtlich einer demokratischen
       Studienreform unbedingte Priorität besitzen:
       - Lehrerausbildung;
       - Medizinerausbildung;
       - Sozial- und Humanwissenschaften;
       - Ingenieur- und Naturwissenschaften.
       Den Kernpunkt  seines spezifischen Beitrages als Wissenschaftler-
       verband sieht  der BdWi  in der Erarbeitung und Verankerung einer
       a r b e i t n e h m e r o r i e n t i e r t e n      W i s s e n-
       s c h a f t  sowie in der gesellschafts- und hochschulpolitischen
       Durchsetzung der entsprechenden Arbeits- und Ausbildungsbedingun-
       gen.
       4. Kriterium eines  demokratischen Neubeginns  in der  Studienre-
       formpolitik ist  die   N o v e l l i e r u n g   d e s   H o c h-
       s c h u l r a h m e n g e s e t z e s   (HRG) und  der ihm  ange-
       paßten Landeshochschulgesetze  (LHG), die  an den Hochschulen und
       bei den Gewerkschaften (also bei den unmittelbar Betroffenen) auf
       eine breite Front der Ablehnung gestoßen sind.
       Als erste  Schritte in  Richtung auf HRG-Novellierung fordert der
       BdWi:
       - Verlängerung der  Fristen für  die Übergangsregelungen der Lan-
       deshochschulgesetze über 1979 hinaus, mindestens in den Bereichen
       Studienreform,  Studentenschaftsrecht   einschließlich  Ordnungs-
       recht, Personalstruktur und Mitbestimmung;
       - Kündigung oder Stornierung der Vereinbarung der Kultusminister-
       konferenz (KMK) über die Bildung gemeinsamer Studienreformkommis-
       sionen sowie der erlassenen Folgebestimmungen, d.h. Auflösung des
       "Koordinierungsgremiums"; keine  Einrichtung neuer  Kommissionen;
       keine Verabschiedung von Empfehlungen;
       - Keine Einführung von Regelstudienzeiten und Kurzstudiengängen.
       Der BdWi  stellt im  folgenden ein demokratisches Instrumentarium
       der Studienreform  zur Diskussion, das von den Erfordernissen ei-
       ner hochschulnahen und arbeitnehmerorientierten Neubestimmung von
       Studieninhalten sowie entsprechenden Studien- und Prüfungsordnun-
       gen ausgeht.
       5. Wie die  Entscheidung über die künftige Entwicklung der Studi-
       enreform ausfällt,  entscheidet  sich  auch  an  den  Hochschulen
       selbst. Deshalb  ruft der BdWi alle Hochschulwissenschaftler auf,
       gemeinsam mit  anderen Hochschulangehörigen, mit den Gewerkschaf-
       ten und  Berufsverbänden aktiv  in die politische Auseinanderset-
       zung einzugreifen.
       Der BdWi befürwortet  d e m o n s t r a t i v e  M i t t e l  der
       Ablehnung bzw.  Verweigerung von  Mehrbelastungen und von solchen
       Staatseingriffen in  die Freiheit  von Forschung  und Lehre,  die
       sich gegen  die Interessen  der Mehrheit der Bevölkerung richten.
       Ziel solcher  Aktivitäten ist die Verteidigung demokratischer Po-
       sitionen in Wissenschaft und Ausbildung, die Festigung der Zusam-
       menarbeit von  Hochschulwissenschaftlern, Studenten  und  Gewerk-
       schaften sowie die Aufklärung der Öffentlichkeit.
       Auch in  der gegenwärtigen Situation der Bedrohung erreichter Re-
       formen an  den Hochschulen der Bundesrepublik ist die weitere Er-
       arbeitung, Verabschiedung,  Erprobung und Propagierung von Alter-
       nativmodellen der Lehre und des Studiums notwendig.
       Unter diesen  Voraussetzungen hochschulnaher und öffentlichkeits-
       bezogener Aktivitäten sowie der Festigung der Zusammenarbeit zwi-
       schen der  Gewerkschaftsbewegung, der Studentenbewegung und allen
       reformbereiten  Hochschulwissenschaftlern   hält  der  BdWi  eine
       b e d i n g t e   M i t a r b e i t  in Studienreformkommissionen
       für sinnvoll.
       
       Begründung
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       1. Staatliche Studienreformpolitik -
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       Bedrohung der Wissenschaftsentwicklung
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       Spätestens seit der Verabschiedung des Hochschulrahmengesetzes im
       Dezember 1975 hat sich eine Schwerpunktverlagerung der Hochschul-
       politik auf  die Neubestimmung  der Studiengänge und Prüfungsord-
       nungen vollzogen.  Bereits in  den Erläuterungen zum HRG erklärte
       die Bundesregierung:  "Die Studienreform ist - nach dem beträcht-
       lichen Ausbau  der Hochschulen  in den  vergangenen Jahren  - die
       wichtigste  hochschulpolitische  Aufgabe  der  nächsten  Jahre...
       Heute brauchen  wir weithin  neugeordnete Inhalte und neue Formen
       von Studium  und Lehre. Studienreform reicht... bis zu grundsätz-
       lichen Fragen  nach dem  Verhältnis von  Bildungs- und Beschäfti-
       gungssystem" 3).
       Die staatliche Studienreformpolitik hat in den letzten Jahren als
       Reaktion auf  die ökonomische Krise und die damit verbundenen Ar-
       beitsmarktprobleme einen  Weg beschritten,  auf dem zugunsten der
       wirtschaftlich Mächtigen die Krisenfolgen allein auf Wissenschaft
       und Ausbildung,  auf die an den Hochschulen beruflich Tätigen und
       auf die  Ausbildung und  Arbeit beanspruchende  Jugend  abgewälzt
       werden.
       Dagegen sind  die im  "Bildungsbericht '70"  der  Bundesregierung
       formulierten Reformziele  4) für eine Neuordnung der Studiengänge
       auf der  Strecke geblieben.  Die Forderungen  der Gewerkschaften,
       Studentenverbände und Wissenschaftler haben kaum in den bestehen-
       den Regelungen Berücksichtigung gefunden.
       Die demokratische  Bewegung im Hochschulbereich sieht sich gegen-
       wärtig  einem  umfassenden  und  ineinanderwirkenden  Bündel  von
       staatlichen Orientierungsmaximen,  politischen und institutionel-
       len Daten gegenüber, das es unmöglich macht, die Ablehnung staat-
       licher Studienreformpolitik allein auf die Kritik des institutio-
       nellen Instrumentariums  oder das Aufweisen der Widersprüche zwi-
       schen dem von den Kultusministern geschaffenen Gremienapparat und
       dem HRG  - besonders  hinsichtlich der Hochschulkompetenz für die
       Studienreform (§ 8, 1 HRG) - zu gründen.
       
       1.1. Elemente der Studienreformpolitik
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       Das qualitativ  Neue der staatlichen Studienreformmaßnahmen liegt
       vielmehr darin,  daß mit Hilfe eines zentralistischen, bundeswei-
       ten "Instrumentariums  der Studienreform"  eine staatliche  Fest-
       schreibung der  Inhaltskomplexe aller  universitären Studiengänge
       mit berufsqualifizierendem  Abschluß in  Angriff  genommen  wird.
       Diese Vorgehensweise, Studieninhalte zu normieren, führt zu einer
       starken Behinderung  der Innovation  der Studieninhalte,  wie sie
       durch die  Entwicklung  der  wissenschaftlichen  Disziplinen  und
       durch die notwendige Professionalisierung dieser Studiengänge er-
       forderlich ist und in Zukunft verstärkt erforderlich sein wird.
       A7 Eckstein sämtlicher bildungs- und hochschulpolitischen Maßnah-
       men seit  1974  -  also  auch  der  Studienreform  -  bildet  die
       "Spar"politik der  öffentlichen Hand,  mit  der  die  finanzielle
       Austrocknung der Hochschulen und der Abbau von qualifizierten Ar-
       beitsplätzen im  öffentlichen Dienst  betrieben wird. Da die vor-
       handenen Finanzmittel  in verstärktem Maße für andere Prioritäten
       - wie  Investitionsförderung ohne  arbeitsplatzschaffende  Konse-
       quenzen und Erhöhung des Rüstungshaushalts - genutzt werden, wird
       Studienreform unter  dem Vorzeichen  von betriebswirtschaftlichen
       Kapazitäts- und  Kostenargumenten betrieben.  Inhaltliche Wissen-
       schaftsstrukturen und Neuansätze sowie der Bedarf an Wissenschaft
       insbesondere im  Bereich sozialer Dienstleistungen werden solchen
       Prioritäten strikt nachgeordnet.
       Der Primat  der Regelstudienzeiten  vor der inhaltlichen Erarbei-
       tung von  Studien- und  Prüfungsordnungen und die im HRG vorgese-
       hene Personalstruktur,  die eine  massive Arbeitszeiterhöhung der
       in der Lehre Tätigen ohne Anpassung der Zahl der Arbeitsplätze an
       die gestiegenen Studentenzahlen bedeutet, sind die entscheidenden
       Symptome für  diese Tendenz. Mit dem nur scheinbar rationalen Ar-
       gument, daß  Studiengänge ohne  Substanzverlust durch  "Entrümpe-
       lung" von  "Überflüssigem" zeitlich  gestrafft  werden  können  -
       wobei tatsächlich  gesellschaftsrelevante und ein Verständnis von
       Wissenschaft fördernde  Inhalte tendenziell  entfernt, bzw. nicht
       aufgenommen werden  - wird  einer Reduzierung und Vereinseitigung
       des Lehrangebotes das Wort geredet.
       Dies steht  in engem Zusammenhang mit rigorosen Stellenstreichun-
       gen und  Besetzungssperren für freie Stellen (im Oktober 1976 wa-
       ren 8523  Stellen nicht  besetzt 5)),  mit der Folge erhöhter Ar-
       beitsbelastung für die an den Hochschulen Tätigen.
       Nicht nur  die Arbeits- und Studienbedingungen werden verschlech-
       tert, sondern  durch die  Trennung von  mehr forschungs- und mehr
       ausbildungsbezogenen Hochschuleinrichtungen  besteht die  Gefahr,
       daß das  Auseinandertreten von  Forschung  und  Lehre  verschärft
       wird. Dies  bedeutet einen  weiteren Schritt  hin zu einer Situa-
       tion, in  der die Lehre in einen immer hoffnungsloseren Rückstand
       hinter die Forschung geraten wird.
       b) In den Schlagworten von der "Angleichung von Bildungs- und Be-
       schäftigungssystem" sowie  der "Entkoppelung  von Bildung und Be-
       rechtigung" kommt  eine staatliche Politik des sozialen Krisenma-
       nagements zum Ausdruck, die einerseits der studierwilligen Jugend
       Studienplätze nicht  vorenthalten kann,  andererseits auch  nicht
       auf eine  Erhöhung des  Arbeitsplatzangebots auf  dem freien  Ar-
       beitsmarkt und  im öffentlichen  Bereich effektiv einzuwirken be-
       reit ist.
       Bis 1972/73  wurde durch den Ausbau der Hochschulen und durch die
       Verbesserung schulischer  Bildungschancen eine  Erhöhung der Stu-
       dentenzahlen und  der  wissenschaftlich  Ausgebildeten  erreicht.
       Dort, wo inhaltliche Reformen in Angriff genommen wurden, zielten
       sie vor allem auf eine Professionalisierung der Studiengänge. Die
       Expansion führte einerseits zu einer Verbesserung beruflicher und
       sozialer Chancen,  andererseits wurde  sie durch  den notwendigen
       Vorlauf an  Qualifikationen begründet, der der Sicherung ökonomi-
       schen Wachstums  durch ein technisches und wissenschaftliches In-
       novationspotential dienen sollte.
       Aufgrund der  relativen Sättigung des traditionellen akademischen
       Arbeitsmarktes vor  allem in der Industrie und der Sparpolitik im
       öffentlichen  Bereich  nach  1973/74  wurde  zunächst  unter  den
       Schlagworten der "Überqualifikation" und der "Akademikerschwemme"
       eine scheinbar "wissenschaftlich" begründete öffentliche Kampagne
       zur Abschreckung  vom Studium  geführt. Da  aber durch die anhal-
       tende generelle  Jugendarbeitslosigkeit eine  erhebliche  soziale
       Unruhe entstand,  und da die Arbeitsmarktstatistiken zeigten, daß
       höher qualifizierte  Jugendliche leichter als andere einen - wenn
       auch geringer  qualifizierten -  Arbeitsplatz immer  noch  finden
       konnten, beschloß  die Ministerpräsidentenkonferenz 1977 die sog.
       "Öffnung der  Hochschulen" unter  der Voraussetzung,  daß sie ko-
       stenneutral sein müsse. Zugleich wurde davon ausgegangen, daß die
       Masse der  auf den  Arbeitsmarkt drängenden Hochschulabsolventen,
       unterstützt durch eine Kampagne gegen die "Privilegien der Akade-
       miker", einschneidende  Einkommensminderungen in Kauf nehmen wür-
       den. Die  alten "Berechtigungen"  sollen auf  diesem Wege von den
       Studiengängen entkoppelt  werden, auf dem Arbeitsmarkt sollen re-
       lativ hohe  Qualifikationen zu  geringeren Kosten eingekauft wer-
       den. Damit  kann  auch  der  weiterhin  bestehenden  und  in  den
       "Orientierungspunkten" des  Bundesministeriums  für  Bildung  und
       Wissenschaft (BMBW)  wie auch  in den  "Empfehlungen" des Wissen-
       schaftsrates (WR)  von 1976  benannten Tendenz  zur Erhöhung  der
       Qualifikationsanforderungen infolge  der technischen  Entwicklung
       Rechnung getragen werden.
       Einen Schritt  weiter geht  der WR  mit seiner Empfehlung, 6- und
       4semestrige Kurzstudiengänge  für die  Masse der Studenten einzu-
       führen, die  sich "berufspraktisch"  qualifizieren  sollen  durch
       "Ergänzungs- und  Erweiterungsmöglichkeiten" wie  Maschineschrei-
       ben, Denkmalspflege  etc. Nur  eine geringe  Elite von  Studenten
       soll in den Langzeit- und Aufbaustudiengängen verbleiben.
       Da jedoch  für die  Absolventen der  Kurzstudiengänge  keine  Be-
       rufschancen gegeben  sind -  wie auch der WR erkennt - und da sie
       allenfalls durch  Substitution bisher  nicht-akademischer  Berufe
       vereinzelt Arbeitsplätze  finden können, werden längerfristig die
       sozialen Probleme  des Arbeitsmarktes  nur  verschärft.  Insofern
       führt diese  staatliche und durch den WR unterstützte Politik des
       sozialen Krisenmanagements  nicht zur  Schaffung auch  nur  eines
       einzigen neuen Arbeitsplatzes, allenfalls wird der Jugend für ei-
       nige Zeit  eine Illusion der Chancenverbesserung geschaffen. Ins-
       gesamt werden nicht Privilegien abgebaut, sondern vorhandene Qua-
       lifikationen auf  Kosten  der  Bevölkerungsmehrheit  brachgelegt,
       d.h. gesellschaftlicher  Reichtum vergeudet.  An den  Hochschulen
       wird die  Ausbildung entwissenschaftlicht. Professionalisierungs-
       ansätze können wegen der intendierten "Mobilität" der Absolventen
       nicht  weiterentwickelt   werden.  Wie   der   BdWi   in   seinem
       "Wissenschaftlerbedarfsplan" dargelegt  hat, kann von "Überquali-
       fikation" und "Akademikerschwemme" nicht die Rede sein.
       Schon aufgrund  der immer  wieder konstatierten Unzuverlässigkeit
       statistischer  Prognosen   des  Akademikerbedarfs   können  diese
       Schlagworte wissenschaftlich  nicht ernst  genommen  werden.  Als
       vergleichsweise objektiver  Bezugspunkt ergibt sich lediglich die
       Tatsache, daß der "Akademisierungsgrad" der Bundesrepublik im in-
       ternationalen Vergleich  der westlichen  Industriestaaten besten-
       falls eine Mittelstellung beanspruchen kann. Gemessen an dem Ent-
       wicklungsniveau der  Bundesrepublik kann  dies nur  bedeuten, daß
       relevante Defizite  im öffentlichen  Bedarf an Hochschulabsolven-
       ten, wissenschaftlichen  Dienstleistungen und Forschungsergebnis-
       sen bestehen.
       Vorschläge zur Finanzierung einer Arbeitsmarktpolitik, die diesen
       realen gesellschaftlichen  Bedarf zugrundelegt und daher neue Ar-
       beitsplätze auch  in nicht  traditionellen Bereichen akademischer
       Berufe erschließen  könnte, sind im "Wissenschaftler-Bedarfsplan"
       und im Memorandum "Alternativen der Wirtschaftspolitik" (1978) 6)
       gemacht worden.
       c) Mit der  Verordnung einer  "Überlastquote" (Notzuschlag)  wird
       den Hochschulen  bei gleichbleibenden  oder nur  kurzfristig ver-
       mehrten Stellen  eine Mehrbelastung  bis zu 26% zugemutet 7). Die
       Folge ist  eine Verschlechterung  der  Betreuungsrelationen,  die
       Überlastung der  wissenschaftlichen und  nicht-wissenschaftlichen
       Mitarbeiter und  die Gefährdung der Forschungstätigkeit in beson-
       ders lehrintensiven  Bereichen  sowie  für  die  Angehörigen  des
       "Mittelbaus", deren  Stellen meist  dem Erwerb wissenschaftlicher
       Grade (Promotion, Habilitation) dienen 8).
       Die kostenneutrale  Öffnungspolitik hat eine Veränderung der Stu-
       diengänge und -formen zur Konsequenz:
       Erschwerung des  Studiums durch  eine unverhältnismäßige  Zunahme
       von rezeptiven  Lernformen sowie  formalen  Selektionsmechanismen
       (z.B. durch  die Wiedereinführung  von Zwischenprüfungen). Abkehr
       von hochschuldidaktisch erprobten Modellen wie Kleingruppenarbeit
       in Tutorien  zugunsten einer  verstärkten  Orientierung  auf  das
       Selbststudium ohne  Anleitung. Die  Auswirkung auf  die Personal-
       struktur zeigt  sich in  der im  HRG  vorgesehenen  Trennung  von
       "Rezeptevermittlern" und Wissenschaftlern.
       d) Die Setzung  staatlicher Rahmenbedingungen  für die Studienre-
       form v.a.  durch das Hochschulrahmengesetz verhindert eine Studi-
       enreformpolitik im  Interesse der  Bevölkerungsmehrheit  und  die
       notwendige Mitbestimmung  aller Betroffenen, insbesondere der Ge-
       werkschaften und der Hochschulen selbst 9).
       - Die Bestimmungen  zur Studienorganisation  und -reform (§§ 7-21
       HRG) schreiben  - nicht  erst infolge der "Vereinbarung" der Kul-
       tusminister-Konferenz (KMK)  - einen  maßgeblichen  Staatseinfluß
       auf die  Gestaltung der Inhalte von Forschung und Lehre fest; die
       in § 3,2-3 HRG aufgenommene Bestimmung zur Freiheit von Forschung
       und Lehre wird damit zum Reglementierungsinstrument.
       - Regelstudienzeiten (§  10,2-4 HRG) und Ordnungsrecht (§ 28 HRG)
       setzen für die Entwicklung demokratischer Initiativen und die Er-
       arbeitung inhaltlicher  Alternativen einen disziplinierenden Rah-
       men, noch bevor Studienreform wirklich betrieben werden kann.
       - Die "Mitwirkungsregelungen"  (§§ 36-41  HRG) schließen wichtige
       Gruppen von  Hochschulangehörigen (wiss.  Mitarbeiter, Studenten,
       nicht-wissenschaftliche Mitarbeiter)  von den Entscheidungen über
       Fragen der  Lehre und  des Studiums  aus; gewerkschaftlich orien-
       tierte Studienreformaktivitäten  treffen so an den Entscheidungs-
       strukturen und Machtverhältnissen der Fachbereiche auf nur schwer
       überwindbare Barrieren.
       - Durch die  Verwässerung des  Gesamthochschulkonzepts (§  4, § 6
       HRG) wird  ein einheitlicher  tertiärer Bildungsbereich  faktisch
       erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. Integrierte Studiengänge
       sind dadurch nicht verpflichtend. Die bestehende Hierarchisierung
       von stärker  theorie- bzw. praxisbezogenen Ausbildungsgängen wird
       im Sinne einer Qualifikationsminderung der Masse der Hochschulab-
       solventen festgeschrieben.
       - Die Regelungen zur Personalstruktur (§§ 42-57, § 75 HRG) besei-
       tigen nicht  die gravierenden Unterschiede zwischen Wissenschaft-
       lern an  Fachhochschulen, Pädagogischen Hochschulen und Universi-
       täten hinsichtlich  der Möglichkeit  zu wissenschaftlicher Tätig-
       keit. Sie  erschweren damit  die Mitarbeit  relevanter Teile  der
       Lehrenden an  Studienreform-Projekten. Die  vorgesehene  Trennung
       des Mittelbaus  in eine  Mehrheitsgruppe von  zu Dienstleistungen
       verpflichteten wissenschaftlichen  Mitarbeitern und  eine Minder-
       heit von  lehr- und  forschungsberechtigten  Hochschulassistenten
       schließt zahlreiche weitere Wissenschaftler vom Reformprozeß aus.
       Die Überleitungsregelungen,  Lehrverpflichtungen usw.  haben  für
       die Lehr- und Forschungspraxis negative Konsequenzen.
       e) Der Oktroi  des staatlich  dominierten  "Instrumentariums  zur
       Studienreform" durch  die KMK-Vereinbarung vom 15. September 1977
       und die  erlassenen Folgebestimmungen  bilden den - vorläufigen -
       Schlußstein   staatlicher    Studienreformpolitik.   Durch    die
       "Vereinbarung"   werden    sowohl    Hochschulangehörige    (bes.
       "Mittelbau" und  Studenten) als auch Gewerkschaften von einer ef-
       fektiven Mitarbeit  ausgeschlossen. Durch staatliche Vorgaben be-
       steht de facto eine Fachaufsicht über die Gestaltung der Studien-
       und Prüfungsordnungen.  Die Stoßrichtung  des  "Instrumentariums"
       richtet sich  auf die  Reglementierung von  Forschung, Lehre  und
       Studium, indem  ein permanenter  Staatseingriff legitimiert  wird
       10).
       
       1.2. Folgen der Studienreformpolitik
       ------------------------------------
       
       Die Folgen  dieser an wissenschaftsfremden Partialinteressen ori-
       entierten staatlichen  Studienreformpolitik sollen  Hochschulwis-
       senschaftler, Studenten und die Bevölkerungsmehrheit tragen.
       a) Die Auswirkungen der aktuellen Politik der Regierung rühren an
       die Substanz  einer weiteren Entwicklung von Wissenschaft in For-
       schung und  Lehre im  Interesse der abhängig arbeitenden Bevölke-
       rung.
       - Durch die  tendenzielle Trennung  von Forschung  und Lehre wird
       sowohl die  Ausbildungsrelevanz von  Wissenschaft untergraben als
       auch die  ständige Fortentwicklung von Studieninhalten an den ak-
       tuellen Forschungsergebnissen verhindert.
       - Durch Sparpolitik, restriktive Kapazitätsmaßnahmen und Studien-
       zeitverkürzungen wird  eine allgemeine wissenschaftliche Qualifi-
       zierung der  Hoch- und  Fachhochschulabsolventen  verhindert  und
       zugleich die  Versorgung der  arbeitenden Bevölkerung mit wissen-
       schaftlichen Dienstleistungen verschlechtert.
       - Verbunden mit  den gegenwärtig  völlig unzureichenden Maßnahmen
       der Förderung  des wissenschaftlichen  Nachwuchses führt die jet-
       zige Studienreformpolitik  statt zu einer Lösung der Ausbildungs-
       probleme zu  einem Problemstau,  der sich  in einer weiteren Ver-
       schlechterung der  Ausbildungsbedingungen der Studenten und Lehr-
       und Arbeitsbedingungen  der Hochschulwissenschaftler niederschla-
       gen wird.
       b) Die Entwicklung  demokratischer Alternativen in Lehre und For-
       schung wird  weitgehend unmöglich  gemacht. Die  Realisierung der
       für die  Bundesrepublik bindenden UNESCO-Empfehlung "Zur Stellung
       der wissenschaftlichen Forscher" rückt in unabsehbare Ferne.
       - Durch die unter dem Stichwort "Entrümpelung" vorgenommene Redu-
       zierung bzw.  Streichung gesellschaftswissenschaftlicher  und er-
       kenntnistheoretisch-methodologischer Ausbildungsinhalte  wird die
       Reflexion des Entstehungs- und Verwendungszusammenhanges von Wis-
       senschaft abgebrochen.
       - Ein an  den realen Arbeitsbedingungen und ihren Gestaltungsmög-
       lichkeiten im  Interesse der  Lohnabhängigen orientierter Berufs-
       praxisbezug wird erschwert, während die enge Anbindung an die be-
       rufspraktischen Vorstellungen der Wirtschaftsverbände - besonders
       in den  natur- und  ingenieurwissenschaftlichen Fachrichtungen  -
       festgeschrieben wird.  Der Ausbau  neuer Ansätze (z.B. studienbe-
       gleitende Praktika  mit arbeitnehmerorientierter  Schwerpunktset-
       zung, wie  sie von den Gewerkschaften entwickelt wurden) und ihre
       Verankerung in  den Studiengängen wird dadurch gefährdet, die In-
       tegration des  Praxisbezuges in der Ausbildung an den Hochschulen
       (z.B. als Prinzip der Einphasigkeit) verhindert.
       - Die Auslagerung von Ausbildungselementen entwertet die Qualifi-
       kation schon  an der  Hochschule (z.B.  in der  Psychologie durch
       Auslagerung der therapeutischen Ausbildung in die Regie der Fach-
       verbände).
       - Die Erprobung neuer z.B. kooperativer Lehr- und Lernformen wird
       durch Überfüllung  von Veranstaltungen, durch Zeitdruck und Über-
       gewicht von Prüfungen unmöglich gemacht; Experimentiermöglichkei-
       ten, bezogen auf Lehrformen, aber auch auf Inhalte und auf Koope-
       ration innerhalb  der Hochschule werden durch Einengung der Kapa-
       zitäten stark behindert.
       - Bestehende Kooperationsbeziehungen zwischen Hochschulen und Ge-
       werkschaften werden durch die Reduzierung der Forschungskapazitä-
       ten und  die Reglementierung  der Studieninhalte  gefährdet,  die
       Aufnahme neuer Beziehungen wird weitgehend verhindert.
       - Der durch  das HRG  gegebene Auftrag  zur Weiterbildung von Ar-
       beitnehmern bleibt unerfüllt.
       c) Langfristige Folgewirkungen  ergeben sich  aus der materiellen
       Gefährdung ganzer Wissenschaftszweige ("Orchideenfächer") und der
       Polarisierung  in   lehrbezogene  "Massen"-disziplinen  und  for-
       schungsintensive Fachrichtungen:
       - Während wesentliche  geschichtlich-philosophische  Gehalte  der
       Philosophie, Geschichts- und Kulturwissenschaften liquidiert wer-
       den, findet  die -  an sich  notwendige - Einführung von didakti-
       schen und  sprachlichen Schwerpunktsetzungen  in die Studiengänge
       primär nach  dem Maßstab  von "Zusatzqualifikationen"  statt. Die
       Ausbildungsfunktion der  genannten  Wissenschaften  wird  dadurch
       eingeengt, wenn nicht beseitigt.
       - Sparmaßnahmen wie  die Kapazitätsverordnung  (KapVO) können zur
       Austrocknung solcher  Disziplinen führen,  die wenig lehrintensiv
       sind.
       - Die z.T.  zu beobachtende  Auslagerung von  Grundlagenforschung
       führt auf  lange Sicht  zu einer  Qualitätsminderung auch  in der
       Lehre 11).
       Die gegenwärtig  betriebene Politik untergräbt erste Ansätze, die
       Arbeit der  Hochschulen auf  die Belange der Bevölkerungsmehrheit
       zu orientieren. Indem sie den Lehr- und Forschungsprozeß entdemo-
       kratisiert -  dabei unter dem Diktat des "Krisenmanagements" eine
       Nachwuchsgeneration von  Wissenschaftlern verschleißt  - und  die
       Wissenschaftsfreiheit beschränkt,  zerstört sie  wesentliche Vor-
       aussetzungen des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns.
       Eine demokratische  Reform der Studieninhalte und -formen und be-
       darfsorientierte Wissenschaftsentwicklung ist unter diesen Bedin-
       gungen unmöglich.
       Eine stringente Verwirklichung der mit der staatlichen Studienre-
       form- und  Hochschulpolitik verbundenen Zielvorstellungen ist an-
       gesichts der in ihr enthaltenen Widersprüche nicht zu erwarten:
       - Der Widerspruch zwischen Bildungs- und Beschäftigungssystem ist
       in unserer  Wirtschafts- und  Gesellschaftsordnung  grundsätzlich
       nicht auflösbar, da eine planvolle Abstimmung zwischen beiden Be-
       reichen immer wieder auf Schwierigkeiten stößt.
       - Die gegenwärtige  Politik der quantitativen "Öffnung" der Hoch-
       schulen, die  der (optischen) Reduzierung der Jugendarbeitslosig-
       keit dienen soll, verschiebt lediglich das Problem von den Abitu-
       rienten zu  den Hochschulabsolventen, da dieses Konzept nicht mit
       der Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze verbunden ist.
       - Der Widerspruch zwischen den allgemeinbildenden Kurzstudiengän-
       gen (WR-Empfehlungen) einerseits und der zunehmend erforderlichen
       Professionalisierung der  Hochschulausbildung andererseits äußert
       sich in  Konflikten zwischen Wissenschaftsrat und Arbeitgeberver-
       bänden.
       - Die staatliche  Politik ist  letztlich auf  die  Mitarbeit  der
       Hochschulen angewiesen.  Gerade hier zeigt sich aber eine weitge-
       hende Ablehnung  der mit  HRG und Landeshochschulgesetzen und dem
       staatlichen Studienreforminstrumentarium  einhergehenden Regelun-
       gen (vgl.  Anm. 15  und 17).  Ein Erfolg  des  Hochschulprotestes
       zeigt sich darin, daß ein Scheitern der vom WR propagierten Kurz-
       studienmodelle nicht mehr ausgeschlossen ist.
       Die Auseinandersetzung um die Studienreformpolitik ist daher noch
       offen.
       
       2. Wissenschaftsentwicklung und Studienreform müssen an
       -------------------------------------------------------
       den Interessen der Bevölkerungsmehrheit ausgerichtet sein
       ---------------------------------------------------------
       
       Studienreform steht gegenwärtig in einem solchen Grade im Zentrum
       der staatlichen  Hochschulpolitik, daß  die Auseinandersetzung um
       ihren konkreten  Inhalt und  ihre institutionellen Bedingungen zu
       einem der  zentralen Hebel für die Verhinderung bzw. Durchsetzung
       der weiteren  Unterordnung der  Hochschulen unter  wissenschafts-
       fremde Interessen geworden ist.
       Von den  Organisationen, die im Hochschulbereich tätig sind, wird
       dies in  zunehmendem Maße  erkannt: So  durch die  "Leitsätze zur
       Studienreform" des  Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und durch
       die "Plattform für eine demokratische Studienreform" des Projekt-
       bereichs Lehrerausbildung  der Vereinigten  Deutschen  Studenten-
       schaft (VDS).
       Angesichts des  strategischen Stellenwertes von Studienreform und
       in Anbetracht  der Notwendigkeit, die Zusammenarbeit zwischen Ge-
       werkschafts-, fortschrittlichen Studenten- und Wissenschaftleror-
       ganisationen zu  vertiefen, legt  der BdWi  diese "Vorschläge und
       Forderungen" vor.
       Ziel des  BdWi ist  es entsprechend seinem Grundsatzprogramm auch
       hierbei, zur  Verwirklichung der im Grundgesetz für die Bundesre-
       publik Deutschland garantierten Wissenschaftsfreiheit (Art. 5 GG)
       und des  demokratischen und sozialen Rechtsstaats (Art. 20 GG) im
       unverkürzten sozialstaatlichen  Bedeutungsgehalt beizutragen. Ei-
       nem Wissenschaftsverständnis,  das politischen  und  ökonomischen
       Interessen privilegierter  Minderheiten  dient,  setzt  der  BdWi
       seine Auffassung  entgegen, daß  Wissenschaft in Forschung, Lehre
       und Studium  den Interessen  der Bevölkerungsmehrheit  zu  dienen
       hat.
       
       2.1. Für die Beseitigung der gesellschaftlichen Unterversorgung
       ---------------------------------------------------------------
       mit wissenschaftlichen Dienstleistungen
       ---------------------------------------
       
       Ausgangspunkt  jeder  arbeitnehmerorientierten  Hochschulpolitik,
       die es  mit der  Verwirklichung des  sozialen und  demokratischen
       Rechtsstaates ernst  meint, ist  der Bedarf der Bevölkerungsmehr-
       heit an  wissenschaftlichen Dienstleistungen.  Hier und  nicht in
       kurz- und  mittelfristigen Lenkungsmaßnahmen der Studentenströme,
       in "arbeitsmarktorientierter Flexibilität" der Hochschulabsolven-
       ten und  in einem System "kostenneutraler" Maßnahmen zur Erhöhung
       der "Durchlaufgeschwindigkeit" sind die Orientierungspunkte einer
       an demokratischen Normen orientierten Studienreform zu suchen.
       Das verlangt  nicht Einsparungen,  sondern eine entschiedene Aus-
       weitung der  Personal- und Sachmittelausstattung der Hochschulen.
       In der Frage der Finanzierung dieser - auch unter konjunkturpoli-
       tischen Vorzeichen  sinnvollen - Maßnahmen schließt sich der BdWi
       den Finanzierungsvorstellungen der
       - "Vorschläge des  DGB zur  Wiederherstellung der  Vollbeschäfti-
       gung" vom Juli 1977 und des
       - "Memorandum: Alternativen  der  Wirtschaftspolitik"  vom  April
       1978 an.
       Die vom  BdWi in  seinem "Wissenschaftler-Bedarfsplan  1978-1980"
       geforderte zusätzliche  Einstellung von  28 000 bis  33 000 Hoch-
       schulwissenschaftlern kann ein erster Schritt sein, um die Unter-
       versorgung der  Bevölkerung mit  Hochschulabsolventen  abzubauen.
       Dies trifft  v.a. auf  die folgenden  gesellschaftlichen Bereiche
       und Tätigkeitsfelder zu 12):
       - Bildungswesen: Vorschulerziehung, Elementarbereich; allgemeines
       und berufliches  Bildungswesen;  Erwachsenenbildung;  Hochschulen
       und Fachhochschulen/tertiärer  Sektor; Lehrerfort- und Weiterbil-
       dung;
       - Gesundheitswesen, insbesondere:  Werksärzte;  Vorsorgebereiche;
       Kliniken;  Gesundheitsbehörden/Sozialversicherung;   Zahnmedizin;
       psychologische Versorgung; Psychiatrie und Neurologie;
       - Alten- und Jugendpflege;
       - Sozialdienste für Randgruppen psychisch und/oder körperlich Be-
       hinderte und  Ausländerfamilien, d.h. vor allem Ausbau kommunaler
       Dienste;
       - Ausbau des Kommunikations- und Dokumentationssystems, Verbesse-
       rung des statistischen Informationssystems;
       - kulturelle  Dienstleistungen   (z.B.  Bibliothekswesen,  Museen
       usw.);
       - öffentliche Dienstleistungen (z.B. Gewerbeaufsicht, Arbeitsver-
       mittlung, Rechtsberatung,  Verbraucherschutz, Steuerbehörden, Fi-
       nanzverwaltung);
       - Rechtspflege, insbesondere  Arbeits- und Sozialgerichtsbarkeit,
       generell Mehrbedarf an Rechtspflegern im öffentlichen Dienst;
       - Förderung von  Technologien, die  zur Verbesserung der Arbeits-
       und Lebensbedingungen der abhängig Beschäftigten führen;
       - Energie- und Rohstofferforschung und -entwicklung;
       - Umweltschutz;
       - Stadtplanung, Stadtsanierung,  Mieterschutz, Erforschung  neuer
       Nahverkehrssysteme;
       - Humanisierung der Arbeit, Unfall- und Arbeitsschutz;
       - Dienstleistungen der Akademiker im Arbeitnehmerinteresse in den
       Betrieben, d.h.  u.a.: Ingenieure zur Überwachung, Einhaltung und
       Verbesserung   der    Arbeitsschutzbestimmungen,   Betriebsärzte,
       -psychologen und  -soziologen, juristische  Berater des Betriebs-
       rates, als  Mitarbeiter der  Betriebsräte vor allem in den mitbe-
       stimmungspflichtigen Unternehmen;
       - Entwicklungshilfe;
       - Verringerung des regionalen Versorgungsgefälles der Bevölkerung
       in der Bundesrepublik.
       Aus diesen Anforderungen ergeben sich einige der dringendsten Be-
       reiche, in  denen nicht nur eine quantitative Ausweitung der Aus-
       bildungs- und  Beschäftigungskapazitäten zu  erfolgen hätte, son-
       dern auch  eine qualitative  demokratische Neubestimmung der Stu-
       dien- und  Prüfungsordnungen, der  Ausbildungsziele, -inhalte und
       -formen unmittelbar beginnen müßte.
       - Lehrerausbildung
       - Medizinausbildung
       - Sozial- und Humanwissenschaften
       - Ingenieur- und Naturwissenschaften
       
       2.2. Für eine arbeitnehmerorientierte Wissenschaft
       --------------------------------------------------
       
       Es besteht  nicht nur  eine quantitative,  sondern zugleich  auch
       eine qualitative  Unterversorgung der  abhängig  Arbeitenden  mit
       Wissenschaft und  ihren Ergebnissen. Um dieses Defizit an Wissen-
       schafts- und  Ausbildungsinhalten zu beseitigen, das durch die in
       Abschnitt 1 genannten strukturellen und sozialen Begleitbedingun-
       gen  noch   vergrößert  werden  wird,  ist  es  notwendig,  jenes
       "Potential von  Wissenschaftlern und  Studenten, die  in sozialer
       Verpflichtung einen Beitrag für eine arbeitnehmerorientierte Wis-
       senschaft leisten  wollen" (H.O.  Vetter) zu stabilisieren und zu
       vergrößern.
       Die DGB-Gewerkschaften als die breiteste Interessenvertretung der
       abhängig Arbeitenden  in der  Bundesrepublik haben ihren Anspruch
       auf eine  "geistige Öffnung" der Hochschulen formuliert: "Die Ar-
       beitnehmer, auf  deren Arbeit  der Reichtum  der Gesellschaft be-
       ruht, und  die damit  auch die  Hochschulen mitfinanzieren, haben
       ein Recht  darauf, daß ihre Probleme, ihre Interessen und Gestal-
       tungsmöglichkeiten Eingang  in Forschung,  Ausbildung und Weiter-
       bildung finden.  Dieser Anspruch  muß Geschichte machen, d.h., er
       muß in  den sozialen und politischen Auseinandersetzungen unserer
       Tage durchgesetzt werden und deshalb wird er hier und heute ange-
       meldet." 13)  In Anerkennung  der Tatsache,  daß die Erkenntnis-,
       Ausbildungs- und  sozialen Funktionen  von Wissenschaft  sich nur
       mit und  nicht gegen  die arbeitenden  Menschen demokratisch ver-
       wirklichen lassen,  greift der BdWi die in der Marburger Rede des
       DGB-Bundesvorsitzenden Heinz  O. Vetter  (Juni 1977)  und in  den
       DGB-"Leitsätzen zur  Studienreform" (Oktober  1978)  formulierten
       Forderungen nach  einer Wissenschaft  und Ausbildung im Interesse
       der Bevölkerungsmehrheit auf.
       Den Zielsetzungen  seines Grundsatzprogramms  folgend, setzt sich
       der BdWi  für die Erarbeitung und Verbreitung einer arbeitnehmer-
       orientierten Wissenschaft  ein, die sich an den folgenden Prinzi-
       pien ausrichtet:
       - Die Erkenntnisfunktion von Wissenschaft, ihr Wahrheitsanspruch,
       verbindet sich  mit ihrer Parteinahme für die arbeitende Bevölke-
       rung.
       - Die soziale Funktion von Wissenschaft als Bereich gesellschaft-
       licher Tätigkeit  macht sie  - wie  jede andere gesellschaftliche
       Tätigkeit -  prinzipiell demokratischer  Kontrolle und Gestaltung
       zugänglich.
       - Die Ausbildungsfunktion  von Wissenschaft  erfordert die Erhal-
       tung und  Ausgestaltung der Einheit von Forschung, Lehre und Stu-
       dium sowie  die maßgebliche Bestimmung der Wissenschaftsproduzen-
       ten und  -abnehmer über  die Struktur, die Formen und die Inhalte
       des Ausbildungsprozesses an den Hoch- und Fachhochschulen.
       Aus dieser  politischen Konzeption  ergibt sich  die prinzipielle
       Absage des BdWi an dirigistische Staatseingriffe einer Studienre-
       form "von  oben", die  sich an  den Partialinteressen der Privat-
       wirtschaft orientieren.
       Um die "geistige Öffnung" der Hochschulen auf dem Boden einer ar-
       beitnehmerorientierten Wissenschaft  Wirklichkeit werden  zu las-
       sen, ist das Zusammengehen der demokratischen Wissenschaftler mit
       den Gewerkschaften  und den  fortschrittlichen Studentenverbänden
       notwendig.
       
       2.3. Essentials
       ---------------
       
       a) Inhaltliche Forderungen:
       ---------------------------
       
       - Hochschulausbildung muß  "sozialverpflichtete Berufsausbildung"
       (Vetter)  sein.   Sie  ist  zu  orientieren  an  den  Zielen  der
       "Sachkenntnis,  Kritikfähigkeit  und  Verantwortungsbereitschaft"
       (23 Thesen) künftig lohnabhängig arbeitender Wissenschaftler. Sie
       erfordert insbesondere  Praxisorientierung, d.h.  zum einen fach-
       bzw. bereichsspezifische  wissenschaftliche  Berufspraxisanalysen
       im Rahmen  des Studiums, die durch entsprechende Stellendenomina-
       tionen und  Forschungsschwerpunkte abgesichert werden müssen; zum
       anderen Entwicklung  von Theorie-Praxis-Beziehungen in geeigneten
       Formen des  Studiums (Projektstudium,  Erkundungen u.a.)  mit der
       Absicht und  Möglichkeit einer  kritischen Auseinandersetzung mit
       der beruflichen Realität.
       - Das bestehende  Ungleichgewicht in  der Schwerpunktsetzung  der
       Forschung zugunsten  der privaten  Wirtschaft muß aufgehoben wer-
       den. Die  Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Be-
       völkerungsmehrheit muß  ihrer gesellschaftlichen  Bedeutung  ent-
       sprechend in der Forschung repräsentiert sein.
       - Neue inhaltliche  Schwerpunkte in  Forschung, Lehre und Studium
       müssen z.B.  werden: Die  Behandlung der  Thematik von  Krieg und
       Frieden in  sozialwissenschaftlichen und politologischen Fächern,
       entsprechend der  UNESCO-"Empfehlung über die Erziehung zu inter-
       nationaler Verständigung  und Zusammenarbeit  und zum Weltfrieden
       sowie die Erziehung im Hinblick auf die Menschenrechte und Grund-
       freiheiten"; die notwendige Ergänzung kurativer Krankheitsbekämp-
       fung durch  eine wissenschaftliche  Methodik präventiver  Gesund-
       heitssicherung in  der Medizin;  die verstärkte  Berücksichtigung
       ökologischer Probleme vor allem in den Naturwissenschaften.
       - Freiheit  von Forschung  und Lehre im Sinne einer arbeitnehmer-
       orientierten Wissenschaft  verlangt die  Verwirklichung der unge-
       hinderten Auseinandersetzung unterschiedlicher wissenschaftlicher
       Ansätze und  ihrer personellen  Repräsentanz an  den Hochschulen.
       Administrative Maßnahmen, wie die verfassungswidrige Berufsverbo-
       tepraxis und Gesinnungsschnüffelei, müssen deshalb sofort beendet
       werden.
       
       b) Strukturelle Forderungen:
       ----------------------------
       
       - Die in  HRG und  WR-Vorschlägen projektierte Differenzierung in
       Kurz- und  Langzeitstudiengänge, deren  Zweck nur  der Erhalt von
       sozialen und  Einkommens-Unterschieden ist, lehnt der BdWi strikt
       ab. Vielmehr  ist  die  Verwissenschaftlichung  berufspraktischer
       Studiengänge weiterzuentwickeln  und die  soziale Durchlässigkeit
       zwischen den  bestehenden kürzeren  und längeren Studiengängen zu
       fördern. Das  Ziel einer  wissenschaftlichen und zugleich berufs-
       praxisorientierten demokratischen  Ausbildung ist  nur im  Rahmen
       einer integrierten Gesamthochschule voll zu verwirklichen.
       - Regelstudienzeiten unter  dem Primat finanzpolitischer "Kapazi-
       täts"maßnahmen,  verbunden  mit  Sanktionen  (Relegation,  BAFöG-
       Streichung) sind inakzeptabel.
       - Wissenschaft ist  der demokratischen  Gestaltung und  Kontrolle
       prinzipiell zugänglich.  Das verlangt eine gleichberechtigte Mit-
       bestimmung aller  Hochschulangehörigen (Drittelparität) in Fragen
       der Lehre,  Forschung und  die  Offenlegung  von  Drittmittelfor-
       schung.
       - Eine demokratische  Praxis in  Lehre und Forschung ist nicht zu
       trennen von  einer Personalstruktur,  die Qualifizierungsmöglich-
       keiten des  wissenschaftlichen Nachwuchses  auf der Grundlage ge-
       eigneter Stellen  sicherstellt und  Kooperationsbeziehungen  zwi-
       schen Nachwuchswissenschaftlern und Hochschullehrern fördert.
       - Die durch  § 21 HRG den Hochschulen aufgetragene Verpflichtung,
       Weiterbildungsmöglichkeiten bereitzustellen,  muß in enger Koope-
       ration mit  den Gewerkschaften eingelöst werden. Dazu ist es not-
       wendig, die personellen und materiellen Voraussetzungen zu schaf-
       fen (etwa  durch Anrechnung von Veranstaltungen der Weiterbildung
       auf das Lehrdeputat).
       - Bestehende  Reformmodelle  (z.B.  Einphasige  Ausbildungsgänge,
       Projektstudium, Formen der Praxisintegration) müssen erhalten und
       neue Modelle müssen in umfassender Weise eingerichtet und erprobt
       werden können.
       
       c) Soziale Forderungen:
       -----------------------
       
       - Ohne die  Verwirklichung von  Chancengleichheit beim  Zugang zu
       den Einrichtungen  des  tertiären  Bildungssystems  (insbesondere
       Studieneingangserleichterungen für  Absolventen  der  beruflichen
       Bildung) wird es keine "geistige Öffnung" der Hochschulen geben.
       Soziale Öffnung  der  Hochschulen  verlangt  kapazitätsschaffende
       Maßnahmen im  Bereich der Personal- und Sachmittelausstattung und
       eine ausreichende Ausbildungsförderung.
       - Verbesserung  der Arbeitsbedingungen  der Wissenschaftler, u.a.
       Hochschulangehörigen. Abschaffung unzumutbarer Zeitverträge.
       Die Auseinandersetzung  um die Durchsetzung dieser Essentials be-
       ginnt an  den aktuellen  Fragen der Studienreformpolitik. Sie ist
       verbunden mit  der grundsätzlichen  Alternative, welchen  Weg die
       Hochschulen und  die Wissenschaft in der Bundesrepublik einschla-
       gen sollen:  den Weg zu einer bürokratisch dirigierten und an den
       Interessen weniger  wirtschaftlich Mächtiger  orientierten  Hoch-
       schule, zur  weiteren Vertiefung  der Gegensätze zwischen Wissen-
       schaftlern und  Bevölkerungsmehrheit, oder den Weg zu einer demo-
       kratischen Neuorientierung von Wissenschaft und Ausbildung im In-
       teresse der abhängig Arbeitenden.
       
       3. Für einen demokratischen Neubeginn der Studienreformpolitik
       --------------------------------------------------------------
       
       Auf der  Grundlage dieser Essentials fordert der BdWi einen prin-
       zipiellen Kurswechsel der Studienreformpolitik. Diese Forderungen
       werden durch die Tatsache unterstrichen, daß nicht nur auf Seiten
       der demokratischen  Wissenschaftler, der  Gewerkschaften und  der
       Studentenverbände Ablehnung  geäußert wird,  sondern daß auch von
       verschiedenen Fachverbänden  und der Westdeutschen Rektorenkonfe-
       renz Kritik  am Vorgehen der Kultusbürokratien laut geworden ist,
       wenn die Intentionen dieser Kritik auch nicht immer mit denen der
       demokratischen Wissenschaftler und Gewerkschaften identisch sind.
       "Jeder reglementierende  Eingriff des  Staates in  die Lehre", so
       die Stellungnahme  des 124. Plenums der WRK, "einschließlich des-
       sen zwangsläufiger  Rückwirkung auf  die Forschung muß deshalb in
       den Hochschulen erhebliche Bedenken und Besorgnis wecken" 14).
       Ein demokratischer  Kurs in  der Studienreformpolitik - das setzt
       die Verwirklichung  einiger  Grundbedingungen  voraus,  ohne  die
       Kurskorrekturen immer nur kosmetische Operationen bleiben würden:
       a) Die im  BdWi-Bedarfsplan ermittelte  Forderung nach  einer zu-
       sätzlichen Einstellung  von 28 000 bis 33 000 Wissenschaftlern an
       den Hochschulen  der Bundesrepublik  in den  Jahren 1978-1980 ist
       ein Eckstein für die Durchsetzung einer demokratischen Studienre-
       formpolitik. Nur eine derartige Ausweitung des Bestandes an Hoch-
       schulwissenschaftlern wird  den  Anforderungen  einer  sinnvollen
       Öffnung der  Hochschulen unter solchen Lehr- und Arbeitsbedingun-
       gen gerecht werden können, die den Kriterien demokratischer Lehr-
       und Lernformen entsprechen (vgl. Bedarfsplan).
       b) Eine zweite  Bedingung für  eine grundsätzliche und demokrati-
       sche Neuorientierung  der Studienreform- und Hochschulpolitik ist
       die Novellierung  der "häßlichen  Reformleiche" (E.  Frister) des
       Hochschulrahmengesetzes. Der  BdWi steht  mit der  Forderung nach
       Novellierung dieses Gesetzes nicht allein. Aus verschiedenen Kul-
       tusministerien, von  Bildungspolitikern der Parteien, von Gewerk-
       schaften und  Studentenverbänden ist  - insbesondere im Zusammen-
       hang mit  dem nationalen  Streik der Studenten im WS '77/78 - der
       Ruf nach Novellierung unüberhörbar geworden 15).
       Der BdWi  begrüßt und  unterstützt  die  Initiative  der  Wissen-
       schafts- und  Bildungssenatoren von  Hamburg und  Bremen von 1977
       für eine  Änderung des  Hochschulrahmengesetzes. Er  fordert eine
       Novellierung v.a. in folgenden Punkten 16):
       - Beseitigung der  "doppelten Mehrheit" der Professoren in Fragen
       der Forschung und Berufungen (HRG § 38).
       - Keine Verletzung des Grundsatzes gesellschaftlicher Verantwort-
       lichkeit der Hochschulen durch die Zusammensetzung der Studienre-
       formkommissionen.
       - Keine Regelstudienzeiten  mit Sanktionscharakter  nach  Maßgabe
       konzernorientierter Studiengänge.  Regelstudienzeiten dürfen  nur
       Beratungscharakter haben;  sie müssen  an den  Erfordernissen der
       Wissenschaftsentwicklung und  einer arbeitnehmerorientierten Aus-
       bildung ausgerichtet sein.
       - Keine Trennung  des wissenschaftlichen  Personals in Dienstlei-
       ster einerseits,  forschungs- und lehrberechtigte Wissenschaftler
       andererseits. Die  Personalstruktur muß  den Anforderungen  einer
       wissenschafts- und  bedarfsgerechten Ausbildung  genügen und aus-
       reichende Qualifikationsmöglichkeiten bereitstellen.
       c) Die Auseinandersetzung  um die  Novellierung des  HRG und  der
       entsprechenden Landeshochschulgesetze  ist ein  zentraler Bezugs-
       punkt für  eine demokratische Studienreform. Dabei ist der zumin-
       dest mittelfristige  Charakter einer  Novellierungsbewegung durch
       Tagesforderungen Rechnung  zu tragen,  deren Durchsetzung den Weg
       zu einem  demokratischen Neubeginn  schon  in  der  gegenwärtigen
       Phase öffnen könnten:
       - Verlängerung der  Fristen für  die Übergangsregelungen der Lan-
       deshochschulgesetze über 1979 hinaus, mindestens in den Bereichen
       Studienreform,  Studentenschaftsrecht   einschließlich  Ordnungs-
       recht, Personalstruktur  und Mitbestimmung.  Nur unter dieser Be-
       dingung kann  eine hochschulbezogene Diskussion der Studienreform
       eingeleitet werden,  die frei  ist vom  Zeitpunkt der Anpassungs-
       frist und dem Primat der Regelstudienzeit.
       - Von den Landesparlamenten und Kultusministern fordert der BdWi,
       die "Vereinbarung  über die Bildung gemeinsamer Studienreformkom-
       missionen der  Länder" vom  15. September 1977 und die erlassenen
       Folgebestimmungen aufzukündigen  bzw. zu stornieren und insbeson-
       dere das  "Koordinierungsgremium" aufzulösen, keine neuen Kommis-
       sionen einzurichten  und die Verabschiedung von Empfehlungen u.ä.
       auszusetzen.
       - Keine Einführung von Regelstudienzeiten und Kurzstudiengängen.
       d) Um Studienreform  an den Hochschulen selbst zu ermöglichen und
       die  Berücksichtigung  arbeitnehmerorientierter  Ausbildungsziele
       und -inhalte von Anfang an zu gewährleisten, ist statt der jetzi-
       gen staatlichen  Superkommission ein  d e m o k r a t i s c h e s
       I n s t r u m e n t a r i u m  notwendig.
       Allein fachspezifische  Hochschulkommissionen sind ein angemesse-
       ner Ausgangspunkt  für die  Neubestimmung der  Studien- und  Prü-
       fungsordnungen. Ihnen sollten angehören:
       - Mindestens zur Hälfte die Vertreter der Hochschulen, die - ent-
       sprechend der  Forderung der  23 Thesen  des DGB - drittelparitä-
       tisch zusammengesetzt sein sollten. Angesichts des BVerfG-Urteils
       zur Mitbestimmung (1973) ist als einzige Zwischenlösung ein Pari-
       tätenschlüssel denkbar, der den Hochschullehrern nur eine einzige
       Stimme Mehrheit  einräumt. Dabei ist auch der Notwendigkeit Rech-
       nung zu  tragen, fachliche  Richtungen, Schulen  etc. durch deren
       Vertreter authentisch zu Wort kommen zu lassen.
       - Ihrer gesellschaftlichen  Bedeutung als Vertretungen der abhän-
       gig arbeitenden Bevölkerungsmehrheit entsprechend sollten die Ge-
       werkschaften so  repräsentiert sein,  daß sie  zusammen  mit  den
       Hochschulvertretern gegenüber  den Vertretern  von Staat  und Ar-
       beitgeberverbänden über  eine deutliche  Mehrheit der  Sitze  und
       Stimmen verfügen.
       Kommissionen auf Landesebene können sinnvollerweise erst dann tä-
       tig werden,  wenn -  im Rahmen  einer realistischen  Frist -  die
       Hochschulkommissionen ihre  Aufgabe erfüllt haben. Ihre Kompeten-
       zen sollten  allein im  Sinne der  formalen Vergleichbarkeit  der
       Studienabschlüsse an  den verschiedenen  Hochschulen eines Landes
       abgesteckt sein.
       Gleiche Aufgaben kämen den Bundeskommissionen zu, die für die An-
       erkennung der Studienabschlüsse zwischen den einzelnen Bundeslän-
       dern zu sorgen hätten. Den Vertretern der Hochschulen und der Ge-
       werkschaften wäre  mindestens die Hälfte der Sitze und Stimmen in
       den Landes- und Bundeskommissionen einzuräumen.
       Die Arbeit  dieser Kommissionen  muß  durch  Hochschuldidaktische
       Zentren unterstützt  werden, wie  sie der  DGB in den "Leitsätzen
       zur Studienreform" fordert, und ist durch Qualifikationsforschung
       unter arbeitsorientierten  Gesichtspunkten vorzubereiten  und  zu
       begleiten.
       Der BdWi stellt dieses Modell für ein demokratisches Instrumenta-
       rium der  Studienreform zur  Diskussion, um die Novellierungsdis-
       kussion und  -bewegung zu  unterstützen. Verbunden mit einer Ver-
       längerung der Umsetzungsfristen über das Jahr 1979 hinaus und ei-
       ner Kündigung  oder Stornierung der KMK-"Vereinbarung" könnte ein
       wirksamer Schritt zu einer gründlichen Diskussion der Anforderun-
       gen einer demokratischen Neubestimmung der Studien- und Prüfungs-
       ordnungen getan werden.
       
       4. Die ersten Schritte zu einer demokratischen Studienreform
       ------------------------------------------------------------
       müssen von Hochschulen und Gewerkschaften selbst eingeleitet
       ------------------------------------------------------------
       werden
       ------
       
       Schon jetzt  können und  müssen von  den Hochschulen, von Wissen-
       schaftlern, Studenten  und nicht-wissenschaftlichen  Mitarbeitern
       sowie den  Gewerkschaften Schritte  eingeleitet werden, um in der
       Öffentlichkeit jene demokratischen Alternativen der Studienreform
       zu verankern, die aufgrund der gegebenen Regelungen in den Studi-
       enreformkommissionen in  der Minderheit  bleiben werden.  Es geht
       darum, schon  heute die Kräfte eines demokratischen Neubeginns in
       der Studienreform  zusammenzuführen und  sichtbar zu  machen. Nur
       auf diesem  Wege wird der für die Durchsetzung der aktuellen For-
       derungen notwendige  öffentliche Druck auf die Parlamente und Re-
       gierungen entfaltet werden können.
       a) Von diesen  Zielsetzungen  leiten  sich  die    A k t i o n s-
       s c h r i t t e  ab, die der BdWi allen vorschlägt, welche an ei-
       ner demokratischen  Neuorientierung der  Studienreformpolitik in-
       teressiert sind:
       - Entscheidende Bedeutung  kommt dem aktiven politischen Eingrei-
       fen der  Hochschulwissenschaftler in die aktuelle bildungspoliti-
       sche Auseinandersetzung  um das  HRG, die  Regelstudienzeiten und
       die Studienreform  zu. Die  zahlreichen Stellungnahmen  17) gegen
       die Regelstudienzeiten  und  Kurzstudiengänge,  die  von  wissen-
       schaftlichen Gesellschaften, Fakultätentagen und Hochschulgremien
       vorliegen, sind  ein Beweis  dafür, daß die staatliche Studienre-
       formpolitik an den Hochschulen keine Basis hat.
       - Demonstrative Ablehnung  bzw. Verweigerung von Mehrbelastungen,
       wie sie  durch Deputatserhöhungen,  Zunahme der Belastungen durch
       die  Wiedereinführung   von  Zwischenprüfungen   und  dergleichen
       entstehen.
       - Fortführung und Intensivierung der Zusammenarbeit von Hochschu-
       len und  Gewerkschaften in Lehre, Forschung und Weiterbildung mit
       dem Ziel, einer arbeitnehmerorientierten Wissenschaft und Ausbil-
       dung zum  Durchbruch ZU verhelfen. Dabei bestimmen sich die aktu-
       ellen Kriterien  der hochschulpolitischen  Zusammenarbeit an  der
       Ablehnung des  HRG bzw.  der Forderung nach Novellierung, der Ab-
       lehnung von  Regelstudienzeiten sowie  des  staatlichen  "Instru-
       mentariums der Studienreform".
       - Die weitere  Erarbeitung, Verabschiedung und öffentliche Propa-
       gierung demokratischer  Studiengänge und Prüfungsordnungen an den
       Fachbereichen, die sich an den fachspezifischen, wissenschaftsor-
       ganisatorischen und  sozialen  Bedingungen  einer  demokratischen
       Studienreform orientierten  und dies mit einer Ablehnung der wis-
       senschafts- und arbeitnehmerfeindlichen Bestandteile des HRG bzw.
       Landeshochschulgesetzes verbinden.
       Öffentlichkeitswirksame  Propagierung  solcher  Alternativmodelle
       über den Fachbereich oder die Hochschule hinaus, z.B. durch "Tage
       der offenen  Tür", demonstrative Aktionen (wie während des natio-
       nalen Streiks der Studenten im WS '77/78).
       Unter Voraussetzung  dieser Aktionsschritte  an  den  Hochschulen
       selbst ist  die koordinierte Mitarbeit in Studienreformkommissio-
       nen überhaupt nur sinnvoll.
       b) Wesentliche Bedingung  ist auch hier die enge Kooperation zwi-
       schen Hochschulwissenschaftlern, Studenten und Gewerkschaften bei
       der Vorbereitung,  Durchführung und öffentlichkeitsbezogenen Aus-
       wertung der Arbeit in den Kommissionen. Notwendig ist es, daß ein
       gemeinsamer Kriterienrahmen  für eine demokratische Studienreform
       entwickelt wird.  Basis eines  solchen Rahmens  können  die  DGB-
       "Leitsätze zur  Studienreform", die VDS-"Plattform für eine demo-
       kratische Studienreform"  und die  hier vorliegenden  "Vorschläge
       und Forderungen..." des BdWi sein.
       - Die Mitarbeit in den Kommissionen zielt auf die Erarbeitung de-
       mokratischer Alternativvorschläge unter Ablehnung von Regelstudi-
       enzeiten und Kurzstudiengängen, auf die Publizierung entgegenlau-
       fender   Projekte    sowie   auf    die   Verhinderung    solcher
       "Rahmenordnungen" u.  dergl., die  die  Gestaltungskompetenz  der
       Hochschulen einengen  und dadurch die Verwirklichung von Ansätzen
       einer hochschulbezogenen  Studienreform im  Arbeitnehmerinteresse
       behindern.
       c) Eine erste  Etappe der Auseinandersetzung um Studienreform und
       Hochschulgesetzgebung wird  mit dem  z. Zt. geltenden Anpassungs-
       termin des  Landeshochschulrechts an  das HRG (Januar 1979) abge-
       schlossen.
       Der BdWi schlägt vor, diesen Termin zu einer Bestandsaufnahme der
       Hochschulpolitik und  zur Propagierung demokratischer Alternativ-
       konzeptionen zu nutzen.
       Elemente dieser Aktion zum Jahresanfang 1979 könnten sein:
       - Herausgabe einer Sammlung von Stellungnahmen zu HRG und Landes-
       hochschulgesetzen von  Hochschulgremien, Wissenschaftlerorganisa-
       tionen, Fachverbänden, Studenten und Gewerkschaften.
       - Vorbereitung einer HRG-Musternovelle.
       - Durchführung von "Hochschul-Tagen '79 zur demokratischen Studi-
       enreform", bei  denen  fachspezifische  Alternativen  vorgestellt
       werden;  Aussprachen   zwischen  Hochschulen  und  Gewerkschaften
       stattfinden; Diskussionen und Absprachen über das gemeinsame wei-
       tere Vorgehen vorangetrieben werden können.
       
       _____
       1) Vgl. Empfehlung  zur Stellung der wissenschaftlichen Forscher,
       hrsg. von der Deutschen UNESCO-Kommission, Köln 1976.
       2) Vgl. die  Angaben im  BdWi-Wissenschaftler-Bedarfsplan,  abge-
       druckt in:  K. Holzkamp,  Eine Wende  in der Hochschulpolitik ist
       notwendig, Hefte  zu politischen  Gegenwartsfragen, Bd.  35, Köln
       1978.
       3) Erläuterungen zum HRG (Material der Bundesregierung).
       4) Bildungsbericht '70. Bericht der Bundesregierung zur Bildungs-
       politik, Bonn 1970, S. 95 ff.
       5) Vgl. z.B.  Hochschulbildung und  Arbeitsmarkt. Ausbildung  und
       Beschäftigung hochqualifizierter  Arbeitskräfte (Institut für Ar-
       beitsmarkt und  Berufsforschung  der  Bundesanstalt  für  Arbeit,
       Nürnberg), Nürnberg 1975. Zu diesem Problembereich vgl. insgesamt
       Bernd Güther, Intelligenz ohne Arbeit. Zur Entwicklung des akade-
       mischen  Bildungs-   und  Beschäftigungssystems,   in:  "Blätter"
       2/1978, S.  205 ff.  Memorandum Alternativen der Wirtschaftspoli-
       tik, Bund-Verlag  Köln 1978, Kurzfassung in: "Blätter" 5/1978, S.
       62 ff.
       7) Vgl. BdWi-Bedarfsplan.
       8) Vgl. Zwischenergebnisse der von GEW und ÖTV durchgeführten Um-
       frage "Arbeitsverhältnisse  in Hochschule und Forschung", in: "Im
       Brennpunkt. Meinungen  - Modelle - Materialien aus der Arbeit der
       GEW", Juni 1976.
       9) Vgl. zum  folgenden D.  Keiner/D Schmidt, Die hochschulpoliti-
       schen Rahmenbedingungen der Studienreform, hrsg. v. GEW-Hauptvor-
       stand, Ref.  Hochschule und Forschung, Frankfurt 1976; ebenso: D.
       Keiner, Gewerkschaften und Studienreform - Einschätzung der durch
       das HRG  veränderten hochschulpolitischen  Rahmenbedingungen, in:
       VDS-Studienreform und Arbeitnehmerinteresse, Köln 1978.
       10) Vgl. K. Naumann, Die "Instrumentarien zur Studienreform", und
       die Aufgaben  des BdWi, in: "BdWi-Forum" 33, S. 10 ff. Ebenso: E.
       Hültenschmidt u. H. Thoma, Die Auseinandersetzung um die Studien-
       reform, "Blätter 10/1978, S. 1246 ff.
       11) Vgl. P.M.  Kaiser, Aktuelle Tendenzen in der Wissenschaftspo-
       litik  am  Beispiel  der  Deutschen  Forschungsgemeinschaft,  in:
       "Sozialistische Politik" 34/35, Mai 1976, S. 95 ff. Der BdWi hält
       eine Liste  von  außeruniversitären  Forschungseinrichtungen  und
       eine Dokumentation ihrer Hauptarbeitsgebiete für erforderlich. In
       diesem Zusammenhang  muß die Bedeutung des Abzugs bestimmter For-
       schungsrichtungen aus  der Hochschule  für deren Ausbildungsfunk-
       tion bewertet  werden. Diese  Analyse sollte  in Forderungen nach
       Kooperationen und Reintegration münden.
       12) Vgl. zum folgenden BdWi-Bedarfsplan.
       13) Heinz Oskar  Vetter, was  erwarten die Gewerkschaften von den
       Hochschulen?, in "Blätter", 8/1977, S. 970.
       14) Zum Problem staatlicher Vorgaben für die Aufstellung von Stu-
       dienordnungen. Stellungnahme  des 124.  Plenums der Westdeutschen
       Rektorenkonferenz vom 13./14. Februar 1978.
       15) Von folgenden  Parteivertretern und  Gremien wurde bisher die
       Forderung nach  HRG-Novellierung erhoben:  vom Bremer  Senat  (am
       31.10.77), von  den Senatoren Biallas und Franke aus Hamburg bzw.
       Bremen  (Diskussionsveranstaltung   der  Universität  Hamburg  am
       28.11.77), von  FDP-Bundestagsabgeordneten (am  2.12.77), von der
       FDP-Bayern (am  2.12.77), von  der SPD-Landtagsabgeordneten  Wet-
       tig-Danielmeyer (am  7.12.77), vom FDP-Landtagsabgeordneten (NRW)
       Röricht  (Diskussionsveranstaltung  der  Universität  Münster  am
       8.12.77), vom  hessischen Kultusminister  Krollmann (Diskussions-
       veranstaltung der  TH Darmstadt  am 9.12.77), vom FDP-MdB Cronen-
       berg (12.12.77),  von der  FDP-Bundestagsfraktion (am  29.12.77),
       von SPD/FDP-Kultusministern (am Rande der Kultusministerkonferenz
       am 23.1.78), vom SPD-Landtagsabgeordneten (Bayern) Bödderlich (am
       12.2.78) u.a.m.
       16) Im folgenden sind nur die für die Studienreform unverzichtba-
       ren Novellierungsbereiche angesprochen.
       17) Vgl. den  folgenden (unvollständigen)  Überblick zu Stellung-
       nahmen gegen Regelstudienzeiten und Kurzstudiengänge:
       a) Resolution der Internationalen Gesellschaft der Bildenden Kün-
       ste: "Die Einführung von Regelstudienzeiten widerspricht dem Cha-
       rakter künstlerischer  Ausbildungsgänge. Eine Festlegung der Stu-
       diendauer kann  bestenfalls denkbar  sein für  bereits genau  er-
       kannte Qualifikationserfordernisse  in  bestimmten  Teilbereichen
       der künstlerischen  Berufspraxis. (...) Diesen Widersprüchen zwi-
       schen Berufsausbildung  und  beruflicher  Wirklichkeit  nun  eine
       technokratische Reglementierung  entgegenzusetzen, muß zwangsläu-
       fig zu  einer Zementierung von Zustanden führen, die ohnehin pro-
       blematisch und untragbar sind."
       b) Stellungnahme der  Rektoren der  Pädagogischen Hochschulen zum
       Entwurf einer neuen Prüfungsordnung für das Lehramt an Grund- und
       Hauptschulen (Baden-Württemberg):  "Die zur  Zeit wohl von keiner
       Seite mehr  in Zweifel  gezogene  Erkenntnis,  daß  niemand  nach
       6semestrigem Studium  bereits alle Qualifikationen besitzen kann,
       um als  Lehrer vollwertig  den von ihm verlangten Erziehungs- und
       Lehrauftrag wahrnehmen zu können, bleibt im Entwurf der Prüfungs-
       ordnung unberücksichtigt. (...) Aufgrund der angesprochenen Unzu-
       länglichkeiten des Entwurfs wird eine Zurücknahme und Neubearbei-
       tung erforderlich."
       c) Entschließung der  Fakultät für  Architektur  der  Universität
       Karlsruhe zur Festsetzung einer Regelstudienzeit: "Selbst bei ei-
       ner quantitativen Einschränkung des Fächerangebots und der Studi-
       enleistungen sowie  einer Veränderung  der Organisation der Lehre
       ist es nicht möglich, in der geforderten Zeit von 8 Semestern die
       notwendigen Sach-  und Methodenkenntnisse zu vermitteln und deren
       Anwendung so zu üben, daß die Hochschulabsolventen zu verantwort-
       lichem Handeln  befähigt werden. (...) Die Fakultät für Architek-
       tur kann aus den oben genannten Gründen eine kürzere Studiendauer
       als 10  Semester nicht verantworten. Die Festsetzung einer Regel-
       studienzeit als maximale Studiendauer muß abgelehnt werden."
       d) Rektorenkonferenz der  Kunsthochschulen und der Musikhochschu-
       len: "Die  Konferenz der Direktoren, Rektoren und Präsidenten der
       westdeutschen  Kunsthochschulen  einschließlich  Berlins  spricht
       sich, wie  bereits zuvor die Rektorenkonferenz der Musikhochschu-
       len dafür  aus, daß  die Regelstudienzeit  von acht Semestern für
       die Kunsthochschulen  nicht verbindlich  gemacht werden  kann. in
       ähnlicher Weise wie für den Sektor der Musikhochschulen gelte für
       die künstlerische, künstlerisch-gestalterische, kunstpädagogische
       und künstlerisch-wissenschaftliche  Ausbildung insgesamt,  daß in
       der Regel  nach einem  achtsemestrigen Studium ein berufsqualifi-
       zierender Abschluß nicht zu erreichen sei." (DUZ/HD 13/78)
       e) Wirtschafts- und  sozialwissenschaftlicher Fakultätentag: "Der
       am 2.  Juni in  Berlin abgehaltene wirtschafts- und sozialwissen-
       schaftliche Fakultätentag  hat sich  in einer Entschließung gegen
       die Bestrebungen,  ein 6semestriges  Kurzstudium der Wirtschafts-
       wissenschaften an den Universitäten einzuführen, gewandt."
       f) Konferenz der  Fachbereiche Physik: "Daraus wird die Forderung
       nach einer  zehnsemestrigen Regelstudienzeit  für das Fach Physik
       abgeleitet. Die Empfehlungen lehnen jedoch die Sanktionen ab, die
       von staatlicher  Seite beim  Überschreiten der Regelstudienzeiten
       vorgesehen sind."
       g) Fachbereichsrat  Chemieingenieurwesen  der  FH  Aachen-Jülich:
       "Der Fachbereichsrat  spricht sich  gegen eine Studienreform aus,
       deren zentrales  Element die Durchsetzung sogenannter Regelstudi-
       enzeiten ist."
       h) Konvent der  Universität Kiel:  "Da durch die Einführung einer
       Regelstudienzeit weder  die Kapazität  der Hochschule vergrößert,
       noch die  Ausbildung verbessert  wird, lehnt der Konvent die Ein-
       führung einer Regelstudienzeit ab."
       i) Senat der WWU Münster: "Ebenso bedrohlich erscheint die Regle-
       mentierung, die die Freiheit der akademischen Lehre durch den Re-
       ferentenentwurf erfährt.  (Vgl. z.  B. Ermächtigung für den Mini-
       ster zur  Einführung neuer und zur Aufhebung bestehender Studien-
       gänge §  112, Abs.  4; Festlegung  von Regelstudienzeiten  § 113;
       Verordnung zur  Aufstellung von  Studien- und Prüfungsordnungen §
       114 Abs.  7). Aus  der Beschränkung  der Freiheit der Lehre folgt
       zwangsläufig eine Einengung der Freiheit des Studiums, die ihrer-
       seits zu einer weitgehenden Verschulung des Studiums führt."
       k) Fachbereichsrat Physik der WWU Münster "Der FBR lehnt die Ein-
       führung einer  Regelstudienzeit als  einer für alle verbindlichen
       längsten Studiendauer grundsätzlich ab."
       l) Dekan des  FB Romanistik  und Slavistik  der WWU Münster: "Die
       Regelstudienzeit muß,  wenn sie  überhaupt eingeführt werden soll
       flexibel gehandhabt werden..."
       m) Kommission für  Lehre und studentische Angelegenheiten der WWU
       Münster: "Durch  die mit der Regelstudienzeit verbundene Exmatri-
       kulation nach  Überschreiten der  Prüfungsfrist werden  mehr neue
       Probleme geschaffen  als alte gelöst: - Die von der Regelstudien-
       zeit erhoffte Kapazitätswirkung dürfte gering sein. Die Regelstu-
       dienzeiten werden zu einer weiteren Verschulung des Studiums füh-
       ren und  selbständiges wissenschaftliches  Arbeiten der Studenten
       unmöglich machen. Die meisten Studiengänge sind in der angestreb-
       ten Regelstudienzeit  nicht zu  bewältigen (... ) Die Zwangsexma-
       trikulation nach  Überschreiten der  Regelstudienzeit  macht  aus
       vielen Studenten soziale Härtefälle."
       n) Konvent der  FH Frankfurt: "Der Konvent lehnt Regelstudienzei-
       ten und  damit verbundene  Androhung von  Zwangsexmatrikulationen
       entsprechend den Bestimmungen des HRG und des hessischen LHG-Ent-
       wurfs als geeignetes Mittel zur Verbesserung der Studiensituation
       ab. Als  Ausgangspunkte für eine Studienreform widersprechen sol-
       chermaßen   administrativ   verordnete   Regelstudienzeiten   mit
       Zwangsexmatrikulation den  Anforderungen einer qualifizierten und
       demokratischen Ausbildung."
       o) Fachbereichsrat Medizin  der Universität Hamburg: "Der Fachbe-
       reichsrat Medizin hält grundsätzlich die Einführung von Regelstu-
       dienzeiten den  Grundsätzen eines wissenschaftlichen Studiums für
       nicht angemessen. Die Einführung von Regelstudienzeiten steht dem
       Ziel entgegen, die Studenten zu befähigen, Studieninhalte wissen-
       schaftlich selbständig  zu erarbeiten  und deren Bezug zur Praxis
       zu erkennen."
       p) Stellungnahme des Deutschen Romanistenverbandes und der Konfe-
       renz der  Romanischen Seminare vom 7. bzw. 8. Oktober 1978 zu den
       Empfehlungen des  Wissenschaftsrates zu  "Umfang und Struktur des
       Tertiären Bereichs"  vom 21.  Juni 1976  und zur "Differenzierung
       des Studienangebots"  (Romanistik) vom 7. Juni 1978: "Die geplan-
       ten Studiengänge,  wie z.B.  der 'Diplom-Romanist',  sind wissen-
       schaftlich  nicht   vertretbar.  Drei-   oder   gar   zweijährige
       'polyvalente' Kurzstudiengänge  ohne konkreten  Bezug zu  Wissen-
       schaft und  Berufspraxis nutzen  weder der Allgemeinheit noch dem
       Bewerber. Wo  es um die Sprachausbildung für Betriebswirte, Inge-
       nieure etc.  geht, ist  diese vordringlich  durch den  Ausbau der
       Sprachenzentren zu  sichern. Da  die Leistungsfähigkeit der Hoch-
       schulen nur  noch  nach  betriebswirtschaftlicher  Kosten-Nutzen-
       Rechnung bemessen  wird (Deputate,  KapVO)  und  Neueinstellungen
       höchstens noch  zur Befriedigung  von Ersatznachfrage stattfinden
       sollen, ist die Romanistik als wissenschaftliches Fach bereits in
       ihrem Personalbestand  ernsthaft bedroht.  Denn die  Empfehlungen
       sehen im  wesentlichen nur  noch eine sprachpraktische Ausbildung
       der Absolventen neuer Studiengänge vor."
       q) Weitere Stellungnahmen,  in denen die Einführung von Regelstu-
       dienzeiten, 6semestrigen Kurzstudiengängen, Zwangsexmatrikulatio-
       nen usw. abgelehnt wird:
       - Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft
       - Konvent der Universität Saarbrücken
       - Senat der FH Münster
       - Senat der FH Emden
       - Konzil der Universität Oldenburg
       - Fachbereichsrat Psychologie der Universität Marburg
       - Fachbereichsrat  Gesellschaftswissenschaften   der  Universität
       Marburg
       - Senat der Universität Bremen
       - Fachbereichsrat Chemie der Universität Hamburg
       - Fachbereichsrat Geschichte der Universität Hamburg
       - Fachbereichsrat Wirtschaftswissenschaften der FH Emden
       - Fachbereichsrat Sozialwesen der FH Emden
       r) Stellungnahmen von DGB-Landesbezirken gegen "Studienreform von
       oben" und  für die  Novellierung des HRG. in ihren Stellungnahmen
       zu den  LHG-Entwürfen bzw.  verabschiedeten LHGs  haben sich fol-
       gende DGB-Landesbezirke gegen die gegenwärtige Studienreformpoli-
       tik und  für die  Novellierung des HRG ausgesprochen: Baden-Würt-
       temberg, Nordmark,  Hessen, Rheinland-Pfalz, Berlin (West), Nord-
       rhein-Westfalen,  Niedersachsen  und  Bremen.  Entsprechende  Be-
       schlüsse und Entschließungen wurden auch auf dem Gewerkschaftstag
       der GEW 1977 und dem 11. o. Bundeskongreß des DGB (Mai 78) verab-
       schiedet.
       

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