Quelle: Blätter 1979 Heft 09 (September)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       LESERBRIEF VON PETER WEISS IN DER "FRANKFURTER
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       ALLGEMEINE ZEITUNG" VOM 31. AUGUST 1979
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       In Ihrer  Ausgabe vom 17. August greifen Sie mich für einen Arti-
       kel über  Vietnam an,  den die schwedische Zeitung Dagens Nyheter
       am 16.  August und die Frankfurter Rundschau am 18. August veröf-
       fentlichten. Sie, die Sie sich niemals über den Vernichtungskrieg
       der USA  gegen Vietnam empörten, zeigen sich nun moralisch entrü-
       stet darüber,  daß in  Vietnam noch  Internierungslager bestehen.
       Ich habe  in meinem  Artikel ausführlich auf die Hintergründe der
       Maßnahmen hingewiesen, zu denen sich die vietnamesische Regierung
       gezwungen sah.
       Als Kritiker  aller staatlichen  Übergriffe gegen  Andersdenkende
       kann ich  natürlich Internierungen  aus politischen  Gründen  nie
       gutheißen. Im  Falle des  von den Nachwirkungen des Krieges immer
       noch schwer  getroffenen Vietnam  sind jedoch  extraordinäre  Um-
       stände zu bedenken. Fest steht folgendes:
       1. Es gab  in dieser  schwierigen Übergangszeit keine andere Mög-
       lichkeit, als  Menschen, die eine Gefahr für das Leben der Nation
       bedeuteten, zunächst in Gewahrsam zu halten.
       2. Es liegt der vietnamesischen Regierung daran, die Internierten
       so schnell wie möglich zu entlassen und für das ökonomische Leben
       wiederzugewinnen.
       3. Nach Angaben  der Regierung  in Hanoi befinden sich heute noch
       etwa 20 000 frühere Kollaborateure der amerikanischen Besatzungs-
       macht in sogenannten Umschulungslagern.
       Ich möchte  Sie, die Sie gerne schnell vergessen, an die Verhält-
       nisse nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern:
       1. Nach einer  Aussage des  amerikanischen Wissenschaftlers  Noam
       Chomsky (in der schwedischen Zeitung Expressen vom 26. August 79)
       befanden sich  bis zum  Juli 1948 etwa 750 000 deutsche Kriegsge-
       fangene in  amerikanischen und  britischen Lagern. In diesen "Re-
       education-camps" wurden  sie, nach Chomsky, zu Strafarbeiten aus-
       genutzt und "vielen Zwängen und Grausamkeiten" unterworfen.
       2. In Frankreich wurden, nach Mitteilung des französischen Histo-
       rikers Raymond  Aron, 30 000  bis 40 000 Kollaborateure der deut-
       schen Besatzungsmacht  während der  Zeit, in  der Eisenhower  die
       Verantwortung für  die zivilen  und militärischen  Tätigkeiten in
       Frankreich trug, hingerichtet oder ermordet. Die Zahl der mit Ge-
       fängnis Bestraften ist mir nicht bekannt.
       3. In Holland wurden im Mai 1945, laut Rijksinstituut voor Oorlog
       Documentatie (RIOD),  120 000 bis 160 000 Menschen inhaftiert. Am
       1.1.1946 befanden  sich noch  86 963 und am 1.1.1948  41 982 Men-
       schen in  Haft. Die  als Kriegsverbrecher  Überführten  erhielten
       langjährige Gefängnisstrafen. 40 Todesurteile wurden vollstreckt.
       4. In Norwegen,  mit einer Bevölkerungszahl von etwa 4 Millionen,
       wurden, nach  Regierungsquellen, 17 136  Menschen,  die  mit  den
       Deutschen zusammengearbeitet hatten, zu Gefängnisstrafen zwischen
       3 und  5 Jahren  verurteilt;  zu  Geldstrafen  verurteilt  wurden
       20 139;  der   Staatsbürgerschaft  verlustig   gingen  7782;  zum
       Tode verurteilt wurden 30.
       5. In Deutschland  wurde eine  systematische Statistik der Anzahl
       von "Entnazifizierungsverfahren"  unzugänglich gemacht. Allein in
       der amerikanischen  Besatzungszone handelte  es sich  schätzungs-
       weise um  eine Million. Über 10 000 wurden in "automatische Haft"
       gesetzt. In  Nachschlagebüchern wird nur von einer "Einstufung in
       fünf Kategorien"  gesprochen, nämlich 1) Hauptschuldige; 2) Bela-
       stete; 3)  Minderbelastete;  4)  Mitläufer;  5)  Entlastete.  Die
       "Sühnemaßnahmen" waren:  Internierung oder  Gefängnis bis  zu  10
       Jahren, Vermögenseinziehung, Amtsverlust, Berufsverbot, Pensions-
       verlust, Geldbußen,  Aberkennung der  Wählbarkeit und der Wahlbe-
       rechtigung u.a.
       In der Bundesrepublik Deutschland, wo Hunderttausende junger Men-
       schen bei  ihrer Berufswahl staatlichen "Anhörungsverfahren" aus-
       gesetzt wurden,  wo mindestens 3000 die Ausübung ihres Wahlberufs
       verboten wurde,  und  wo  weiterhin  eine  minutiöse  Überwachung
       "Andersdenkender" stattfindet,  sollte eine verantwortungsbewußte
       Zeitung sich  heute mit  äußerster Objektivität den Verhältnissen
       in Vietnam zuwenden.
       
       Peter Weiss, Stockholm
       

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