Quelle: Blätter 1979 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       "DER SCHOSS IST FRUCHTBAR NOCH" -
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       GIFTGAS IN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND
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       Der Hamburger  Giftmüllskandal, ausgelöst  durch einen  tödlichen
       Unfall und  immer neue  Funde von Giftgasmunition auf dem Gelände
       der Hamburger  Chemie-Firma Stoltzenberg, der im vergangenen Sep-
       tember tagelang  die Titelseiten der Zeitungen beherrscht und zum
       Rücktritt des  Hamburger Justiz-Senators  geführt hat,  ruft eine
       Reihe verdrängter Fragen in Erinnerung, zumal die Firma Stoltzen-
       berg und  ihre Giftgasmunition nicht zum erstenmal in die Schlag-
       zeilen gerät.  Schon 1970  hatten Günter  Wallraff und Jörg Heim-
       brecht vom  VDS-Projektbereich Kriegsforschung vergeblich auf die
       jetzt zum  Skandal gewordene Giftgefahr hingewiesen. Aber bereits
       1928 hatte  ein aufsehenerregendes  Unglück in der gleichen Firma
       geheime Giftgasaufträge der Reichswehr publik werden lassen. Spä-
       ter arbeitete  Stoltzenberg für  die Nazi-Wehrmacht  und nach dem
       Krieg schließlich für die Bundeswehr. Spätestens hier stellt sich
       die beunruhigende  Frage, ob die Kontinuität über Äußerlichkeiten
       hinausgeht, besonders wenn die Behandlung der jüngsten Ereignisse
       in Hamburg den Verdacht erweckt, daß eher Senatoren und womöglich
       Regierende Bürgermeister  geopfert werden, als daß eine öffentli-
       che Diskussion  der Rolle  des Großauftraggebers Bundeswehr zuge-
       lassen würde.  Material zu den angeschnittenen Fragen liefert das
       im folgenden  dokumentierte Nachkriegs-Kapitel  eines 1978 in der
       DDR erschienenen,  z.Z. vergriffenen  Buches zur  Geschichte  der
       chemischen Kampfstoffe:  Olaf Groehler,  Der lautlose Tod, Berlin
       1978, S. 315-334. D. Red.
       
       Kein Zweig  imperialistischer Kriegsvorbereitung  ist in  größere
       Geheimhaltung getaucht  als der  der chemischen  Rüstung. Wer nur
       auf Grund zeitgenössischer Mitteilungen und Bekundungen beschrei-
       ben wollte, was Reichswehr und Wehrmacht auf diesem Gebiet taten,
       müßte zu  der Meinung  gelangen, er  jage einem Phantom nach, das
       bloß in  seiner Phantasie  existiere.  Er  würde  sich  in  einem
       Gestrüpp von  Enthüllungen, Teilwahrheiten  und vor allem von De-
       mentis verstricken,  die den  einzigen Zweck haben, von der Wahr-
       heit abzulenken.
       In einer  ähnlichen Situation befindet sich jeder, der das Wagnis
       unternimmt, zu  untersuchen, wie es mit den chemischen Kriegsvor-
       bereitungen des Imperialismus der Gegenwart beschaffen ist.
       Die Spuren zerfließen schon, wenn man verfolgen will, was aus den
       Giftgasvorräten Hitlerdeutschlands geworden ist, wo nach 1945 die
       Männer abgeblieben  sind, die ihre Produktion leiteten oder ihren
       Einsatz ins Auge faßten.
       Bekanntlich hatte  im Frühjahr  1945 eine große Ost-West-Bewegung
       stattgefunden, in deren Ergebnis sich zum Zeitpunkt der Kapitula-
       tion die  Masse der Giftkampfstoffe in drei Räumen konzentrierte:
       in der  sogenannten Alpenfestung,  besonders im Lager St. Georgen
       am Chiemsee,  im Thüringer  Raum und  in Westfalen-Niedersachsen,
       insbesondere im  Sennelager und  bei Munster  1).  Die  in  Nord-
       deutschland -  Swinemünde, Mölln, Schwerin, Jessenitz - liegenden
       Bestände der  Kriegsmarine wurden  wahrscheinlich noch  kurz  vor
       Kriegsende teilweise  vernichtet, ganz  im Sinne  des letzten uns
       erhalten gebliebenen  Keitel-Befehls vom  18. April,  Kampfstoffe
       "seewärts abzufahren"  2). So  beluden wenige Tage vor dem 8. Mai
       in Flensburg  auf dem  Harniskai Zahnärzte  und Dentisten, die zu
       einem Fähnrichlehrgang zusammengezogen worden waren, die Frachter
       mit Gelbkreuzgranaten und -bomben. Am südlichen Ausgang des Klei-
       nen Belt  versenkte man  die tödliche Last über eine weite Fläche
       in der  Ostsee 3). In denselben Tagen verließen diesen Hafen zwei
       weitere Schiffe  - eine Rheinschute mit 1000 BRT und eine hollän-
       dische Tjalk  mit 500  BRT -,  beladen mit  70 000 bis 80 000 Ta-
       bungranaten, um  in der  Flensburger Förde in dreißig Meter Tiefe
       auf Grund gesetzt zu werden.
       Diese Meeresverseuchung  machte fünfzehn  Jahre später Schlagzei-
       len, als  sich die  Bundesregierung nach vierjährigem Drängen der
       schleswig-holsteinischen Landesregierung  entschloß, die Munition
       wieder zu  heben. Im Sommer 1959 wurde der Kohlenfrachter "August
       Peter" vom Schiffsfriedhof geholt und von der Bundesregierung zur
       Bergung genutzt 4). Danach betonierte man die 15-cm- und 10,5-cm-
       Tabungranaten jeweils  zu mehreren  Stück in Stahlfässern ein und
       versenkte sie  unter Beobachtung  strenger Sicherheitsmaßnahmen -
       so wurden  zwar nicht wie in Dyhernfurth Menschen, aber Kanarien-
       vögel, Mäuse  und Heuschrecken  im Laderaum  untergebracht, deren
       Verenden durch möglicherweise austretendes Gas höchste Alarmstufe
       auslösen sollte - im Sommer 1960 an einer geheimgehaltenen Stelle
       im Atlantik.  Obgleich behauptet  wurde, daß die zu 72% mit Tabun
       und zu  20% mit  Chlorbenzol als  Stabilisator gefüllten Granaten
       sich unter  Bildung von Blausäure weitgehend zersetzt hätten, und
       die Bundesregierung  diese Maßnahme  als humanitären Akt gewertet
       wissen wollte,  kommen dem  Beobachter Zweifel, ob sie in der Tat
       nur von völlig uneigennützigen Motiven getragen war: Jahre später
       wurde nämlich  bekannt, daß  die Bundeswehr  über gewisse  - wenn
       auch nicht sehr große Bestände an Tabun verfüge, die man aus die-
       ser faschistischen Munition entnommen hatte 5).
       War das ein Hauptzweck der Bergungsaktion?
       Wenn man  außerdem hinzufügt, daß Ende der fünfziger Jahre inner-
       halb der Bundeswehr die Vorbereitungen auf einen chemischen Krieg
       begannen, zuvor  vier Jahre  lang, von 1954 bis 1958, niemand ein
       Interesse an  der "Verlagerung" des Flensburger Tabuns zeigte, so
       erscheint es nicht abwegig, hier einen Zusammenhang zu vermuten.
       Doch greifen  wir nicht vor. Verweilen wir noch bei der Situation
       des Jahres 1945.
       Die Masse  der im  faschistischen Deutschland produzierten Kampf-
       stoffe war  mehr oder  minder wohlberechnet den US-amerikanischen
       und britischen  Streitkräften in  die Hände  gespielt worden. Der
       größte Teil  war für  sie ohne  jedes Interesse. Insbesondere die
       Lostvorräte wurden  ab November 1945 von ihnen auf Schiffe verla-
       den und  in der Nordsee, dem Skagerrak sowie im Atlantik versenkt
       6). Es  ist die Rede davon, daß auf sechsundzwanzig Schiffen ein-
       gelagerte 20 000 Tonnen chemischer Gifte in küstennahen Gewässern
       auf Grund liegen sollen 7).
       Weitaus sorgsamere  Behandlung erfuhren dagegen die vorgefundenen
       faschistischen Spitzenkampfstoffe, insbesondere Tabun. Sie wurden
       gesammelt und,  wie es den Anschein hat, in Großbritannien einge-
       lagert. Gleichzeitig  bemühten sich  Spezialkommandos der  briti-
       schen und  amerikanischen Regierung,  jener Offiziere und Wissen-
       schaftler habhaft  zu werden,  die an der Entwicklung dieser Ner-
       vengifte beteiligt  waren. Dabei  lief der amerikanische Imperia-
       lismus, der am 21. Mai 1945 die Operation "Overcast", am 13. März
       1946 umbenannt  in "Paperclip", eingeleitet hatte, dem britischen
       den Rang  ab 8).  Zu denen, die zunächst alle ins Lager Kranzberg
       im Taunus  eingeliefert wurden, gehörte Schrader, der "Entdecker"
       von Tabun  und Sarin 9), der in zweijähriger Internierung die Er-
       gebnisse seiner  langjährigen Arbeit auf dem Gebiet der phosphor-
       organischen Chemie  bis ins  einzelne niederschreiben mußte. Aber
       auch der General der Nebeltruppe Ochsner, der Chemiker Wirth, die
       Chemiebürokraten, Gasoffiziere  und Industriemanager  Ehmann, Fi-
       scher, Brodi,  Drilling, Bomberg, Wolf Mommsen und andere hielten
       in den Jahren 1947/48 ihre Erfahrungen für das Chemical Corps der
       US-Armee fest.  Dem entsprach,  daß das  Thema der faschistischen
       Gaskriegsvorbereitungen -  bei der Anklage gegen die Hauptkriegs-
       verbrecher in Nürnberg immerhin angesprochen - im Verfahren gegen
       die Hauptproduzenten  nicht einmal erwähnt wurde. Im Prozeß gegen
       dreiundzwanzig Repräsentanten  der IG Farben, unter ihnen Krauch,
       Ambros und  Hörlein, dessen  Hauptverhandlung am  27. August 1947
       begann und  mit der  Urteilsverkündung am  29. Juli  1948 endete,
       sprach das Militärgericht VI der Vereinigten Staaten den Giftgas-
       spezialisten Hörlein frei, erklärte zur Verwendung des von der IG
       gelieferten Zyklon B für die Vergasung von Millionen Menschen so-
       gar ausdrücklich,  daß das Beweismaterial "zur Feststellung einer
       strafbaren Handlung"  der Angeklagten nicht ausreicht 10). Krauch
       zu sechs Jahren Haft, Ambros zu acht Jahren verurteilt, von denen
       sie jedoch nur einen Teil absaßen, wurden nur für schuldig befun-
       den, Zwangsarbeiter  ausgenutzt zu  haben. Alle  übrigen Anklage-
       punkte wie  Planung, Vorbereitung  und Durchführung von Angriffs-
       kriegen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit
       ließ man fallen.
       Wer Presse,  Zeitschriften und  Publikationen jener Zeit durchmu-
       stert, muß  den Eindruck  haben, als  hätte es  im faschistischen
       Deutschland niemals Kampfstoffe gegeben.
       Das änderte sich im Zusammenhang mit der ersten großen Aggression
       des US-Imperialismus  in Korea. Im November 1953 druckte das ein-
       flußreiche US-Nachrichtenmagazin  "Collier", das zwei Jahre zuvor
       die im  Zeichen des  kalten Krieges  entfesselte Rüstungshysterie
       mit der  Vision eines  dritten,  atomaren  Weltkrieges  angeheizt
       hatte, einen  Beitrag unter  dem Titel:  "G-Gas. A  New Weapon of
       chilling Terror"  (Nervengas. Eine  neue Waffe  erstarrenden Ter-
       rors).
       Über den  Sinn derartiger  Veröffentlichungen schrieb  die  "Neue
       Rheinzeitung" am  24. April  1951: "Das  Nervengas wird  als wir-
       kungsvoller als  die Atombombe  oder selbst  die Wasserstoffbombe
       bezeichnet." Zum ersten Mal wurde in diesem Artikel eingestanden,
       daß diese  G-Gase direkt auf den Forschungsergebnissen und Rezep-
       ten der Wissenschaftler des Naziregimes beruhten, in den USA ver-
       vollkommnet und nun in Massen hergestellt würden.
       Sich mehrende  Unfälle, Katastrophen und Explosionen in den Nach-
       folgewerken der  IG Farben  - wie  im Winter 1954 bei der BASF in
       Ludwigshafen -  ließen die  Frage auftauchen, ob nicht bereits in
       Westdeutschland ebenfalls  erneut Giftgas  erzeugt würde.  Das im
       Rahmen der  Zusammenarbeit zwischen  OKH und  IG ab  1940 im Raum
       Gendorf errichtete  Kampfstoffwerk war beispielsweise von der De-
       montage ausgenommen worden und produzierte als "Anorgana U.S. Ad-
       ministration Gendorf"  weiter 11).  Das war  nicht nur ein grober
       Bruch des  Potsdamer Abkommens,  sondern stand  auch im schroffen
       Gegensatz zu  den Maßnahmen,  die in der sowjetischen Besatzungs-
       zone Deutschlands  gegen derartige Firmen ergriffen worden waren.
       Das in  Löderburg bei Staßfurt liegende Kampfstoffwerk, Hauptpro-
       duzent von Arsinöl, wurde am 30. Oktober 1945 auf Grund des SMAD-
       Befehls Nr.  124 beschlagnahmt, damit allen Einmischungsversuchen
       der nach Hannover ausgewichenen Direktoren Feise und Rüsberg ent-
       zogen und  zwischen dem  1. September  1945 und dem 31. März 1946
       als Rüstungsbetrieb  vernichtet 12).  Voller Trauer  schrieb  der
       Konzernbeauftragte Hugo  Zerneckel am 5. März 1946 an seinen han-
       noverschen Auftraggeber,  daß nun  damit  begonnen  sei,  "unsere
       Firma zu Grabe zu tragen" 13).
       Von der Regierung der polnischen Volksrepublik wurde das Giftgas-
       unternehmen Dyhernfurth  in die  Oderwerke der  organischen Indu-
       strie (Rokita) umgewandelt. Die friedliche Nutzung der Anlagen in
       Brzeg Dolny  wurde allerdings  behindert durch  die faschistische
       Tabunhinterlassenschaft. Große Mengen von Kampfstoffresten in den
       Fabrikhallen führten  zur  Vergiftung  von  zehn  Arbeitern.  Ta-
       bunschlamm verseuchte  für nahezu  zehn Jahre das Oberflächenwas-
       ser, was  den Tod  von Haustieren  in den umliegenden Dörfern be-
       wirkte 14).
       Während in  der DDR  und in Volkspolen den industriellen Urhebern
       des lautlosen  Todes ein  für allemal  der Boden entzogen wurden,
       erfuhren die  Giftrezepturen des  IG-Forschers Schrader gerade in
       dieser Zeit  neue Anwendungsmöglichkeiten.  Wie wir  heute,  nach
       über zwanzig  Jahren, wissen, begannen die amerikanischen Streit-
       kräfte Ende  der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre, da sie in
       Korea den Einsatz von Atombomben, aber auch von Nervengasen erwo-
       gen, mit  der Produktion  von Raketen,  deren Gefechtskopf  Sarin
       aufnehmen sollte  15). Diese  ungeheuerliche Tatsache  wurde  be-
       kannt, als  die USA am 18. August 1970 das außer Dienst gestellte
       Liberty-Schiff "Le Baron Russel" mit 6000 Kilogramm Sarin, in Ge-
       fechtsköpfe verfüllt,  453 Kilometer  von der Küste Floridas ent-
       fernt, im Einzugsbereich des Golfstroms, in 4500 Meter Tiefe ver-
       senkten. Selbst  energische internationale  Proteste gegen  diese
       Umwelt- und  Meeresverschmutzung und  die daraus  erwachsende Ge-
       fährdung der  Weltbevölkerung konnten  diese Aktion nicht verhin-
       dern.
       Die Gefährlichkeit  solcher  sich  jeder  Kontrolle  entziehenden
       Giftstoffdeponien in  den Ozeanen  ist daran ablesbar, daß es al-
       lein bis  1971 zu einundachtzig Verätzungen, insbesondere bei Fi-
       schern, und zur Vernichtung von vergifteten Fischen gekommen ist,
       Schäden, die aus der 1945 erfolgten Ablagerung von Lost durch die
       Kriegsmarine in der Ostsee herrühren 16).
       Die Aufmerksamkeit  der Weltöffentlichkeit  für die  sonst hinter
       einem dichten  Rauchvorhang  verborgenen  imperialistischen  Gas-
       kriegsvorbereitungen wurde  Ende der  siebziger und zu Beginn der
       siebziger Jahre  insbesondere durch  die Tatsache  geschärft, daß
       die amerikanischen Streitkräfte in Südostasien einen folgenschwe-
       ren chemischen  Krieg entfesselten, der in seinen Dimensionen nur
       mit dem  Kampfstoffeinsatz im  ersten Weltkrieg  vergleichbar war
       17). Die  immer deutlicher  ins öffentliche  Bewußtsein  tretende
       Barbarei des US-Imperialismus, der in seinem konterrevolutionären
       Bemühen vor keinem Mittel zurückschreckte, sowie die gleichzeitig
       durchsickernden Nachrichten  über verheerende  Giftgasunfälle  in
       den USA  selbst -  wie im  März 1968,  als durch ein fehlerhaftes
       Ventil einer  F 104 "Starfighter" 1200 Liter Nervengas versprüht,
       vom Wind bis zu 35 Meilen fortgetragen wurden und in der Nähe des
       Versuchsfeldes von  Dugway zum  Massensterben  von  6400  Schafen
       führten -  hatten zur  Folge, daß sich weltweit der Kampf für ein
       Verbot jeglicher  Anwendung und  Produktion von chemischen Kampf-
       stoffen verstärkte.
       Die Vollversammlung der Vereinten Nationen beschloß am 16. Dezem-
       ber 1969  mit 80 gegen 3 Stimmen - USA, Australien und Portugal -
       sowie 36  Stimmenthaltungen -  alle übrigen  NATO-Länder,  Japan,
       Neuseeland und  Südafrika -,  auch die  Tränen- und  Reizgase für
       eine unzulässige Kriegswaffe zu erklären. Sie erweiterte und prä-
       zisierte damit die Genfer Abmachungen von 1925  18).
       Seit Bestehen  der Bundeswehr  und der  weltweiten Aktivität  der
       Chemiegiganten der  BRD gab  es wiederholt Hinweise und Vermutun-
       gen, daß  Militärs, Wissenschaftler  und Industrielle an der Ent-
       wicklung und  Produktion von  chemischen  Kampfstoffen  beteiligt
       seien. So  gründeten die  Farbenfabriken Bayer AG eine amerikani-
       sche Tochtergesellschaft  unter dem  Namen "Chemargo Corporation"
       in Missouri,  die Herbizide  sowie phosphororganische Insektizide
       produzierte und  sie auch  an die US-Armee nach Vietnam lieferte.
       In Südafrika  investierte derselbe Konzern ab 1966  4,2 Millionen
       Mark, um  ein chemisches  Kombinat zu  errichten,  das  ebenfalls
       Kampfstoffe erzeugen konnte und an dem überdies der faschistische
       Gaskriegsspezialist Wirth  als Berater  mitwirkte 19).  Derartige
       Enthüllungen wurden  von der Regierung der BRD stets mit dem Hin-
       weis abgetan, daß sie sich im Oktober 1954 bei Abschluß der Pari-
       ser Verträge  verpflichtet habe,  keinerlei chemische oder bakte-
       riologische Waffen  herzustellen noch sich auf derartige Einsatz-
       zwecke vorzubereiten.
       Der Schleier  des Geheimnisses,  der über den Gaskriegsplänen des
       deutschen Imperialismus der Nachkriegszeit lag, wurde erstmals am
       6. Dezember 1968 gelüftet. Der neun Jahre als Mikrobiologe im In-
       stitut für  Aerobiologie in  Grafschaft tätige Dr. Ehrenfried Pe-
       tras war  angesichts der  forcierten chemischen Aufrüstung in der
       BRD im  November 1968  in die  DDR übergetreten und enthüllte auf
       einer vom  Außenministerium  veranstalteten  Pressekonferenz  vor
       zweihundert Journalisten  Hauptrichtungen,  Hauptaktivitäten  und
       Struktur bundesdeutscher  Aggressionsvorbereitung auf  diesem Ge-
       biet 20).  Er wies nach, daß fünfundachtzig Institute, Firmen und
       Konzerne an  der Erforschung, Entwicklung und Produktion biologi-
       scher und chemischer Kampfstoffe beteiligt seien.
       Was die  Enthüllungen von  Petras so  bestürzend machte, war auch
       die Tatsache,  daß sie  verdeutlichten, wie  hier naturgetreu ein
       Organisationsschema kopiert  worden war, das Reichswehr und Wehr-
       macht vorexerziert hatten.
       Als zentrales Organ fungierte das dem Bundesverteidigungsministe-
       rium unterstehende  Bundesamt für  Wehrtechnik und Beschaffung in
       Koblenz. Es  nimmt im wesentlichen die Aufgaben wahr, die vormals
       das Heereswaffenamt erfüllte.
       Wie einst  die Wa  Prüf 9 gibt es nunmehr ein Referat T II 2, das
       die Regie  bei der  Entwicklung von  B- und C-Waffen innehat. Wie
       einst die  Reichswehr, jedoch  verfeinert und in größerem Rahmen,
       hat man  ein sorgfältig  gewebtes Netz der Geheimhaltung gefloch-
       ten, das  bei Auftragserteilung  die Auftragnehmer jedem Verdacht
       entzieht, kriegschemische Forschungen zu treiben.
       Versammelte die Reichswehr ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter in
       einem Arbeitskreis,  so funktionierte  die Bundeswehrführung  die
       1949 gegründete  Fraunhofer-Gesellschaft zur  Förderung der ange-
       wandten Forschung  für ihre  Zwecke um,  die ihr hinfort als Ver-
       mittlungszentrum  für   die  gesamte   geheime  Waffenentwicklung
       diente. Mit  den Universitätsinstituten  in Bonn,  München, Saar-
       brücken, Kiel,  Göttingen, Mainz, Hamburg und Frankfurt/M. wurden
       wie bei der Reichswehr Arbeitskontrakte geschlossen 21).
       Daneben baute sich die Bundeswehr - auch wie gehabt - eigene For-
       schungseinrichtungen auf.  Die Funktion  des einstigen  Spandauer
       Gaslaboratoriums übernahm das 1958 geschaffene Institut für Aero-
       biologie, das nach den Angaben von Petras sich vor allem der Neu-
       entwicklung biologischer  und chemischer Kampfstoffe und dem Ein-
       satz von  Aerosolen widmete,  optimale Nachweis- und Entgiftungs-
       verfahren ausprobierte  sowie Forschungen  über individuellen und
       kollektiven Schutz gegen Massenvernichtungsmittel betrieb 22).
       Die Aufgaben der einstigen Heeresgasschutzstelle Celle wurden der
       ABC-Abwehrschule Sonthofen  übertragen, während  die dritte Säule
       der bundeswehreigenen Kampfstofforschung nicht einmal eines Umwe-
       ges bedurfte:  Wie eh  und je diente als Erprobungsstelle das bei
       Breloh gelegene  10 500 Hektar  große Munsterlager, einst bei der
       faschistischen Wehrmacht mit dem Tarnnamen Raubkammer bezeichnet,
       jetzt sich unter der schlichten Chiffre E 53 verbergend.
       Von 1945  bis 1948  hatten britische  Truppen hier den chemischen
       Krieg mit faschistischer Gasmunition geübt, schließlich die Füll-
       anlagen geschleift,  die Kampfstoffe  teils vernichtet,  teils im
       Meer versenkt.  Von 1948 bis 1954 hatte ein hannoversches Bomben-
       räumkommando versucht,  das Gelände  zu entrümpeln 23). Doch 1958
       übernahm die  Bundeswehr das  alte Terrain  erneut für  die alten
       Aufgaben. Wie  Petras bekundete,  diente E 53 als Übungsplatz; um
       schlagartige, langfristige  Verseuchungen zu  testen, wurden hier
       spezielle Versuche  mit phosophororganischen Verbindungen an Tie-
       ren und  auf der menschlichen Haut vorgenommen 24), kurzum, wurde
       all das  wiederholt, was  seit den dreißiger Jahren in Raubkammer
       gang und gäbe war.
       Ähnlich wie  einst bei  der Reichswehr  zielte die Zusammenarbeit
       mit den Chemiekonzernen darauf ab, die labormäßigen Voraussetzun-
       gen für eine industrielle Erzeugung zu sichern. Die moderne Groß-
       produktion von  Chemikalien auf  dem Gebiet  des Pflanzenschutzes
       und der  Schädlingsbekämpfung, die  alle auf  phosphororganischen
       Verbindungen beruhen  und damit zugleich Grundlage für die Gewin-
       nung von  Nervengasen sind,  machte  es  offensichtlich  unnötig,
       diese Seite  der Zusammenarbeit  besonders zu forcieren. Aber wie
       einst im  Zeichen des  faschistischen Vierjahresplanes die angeb-
       lich unbegrenzten  Rohstoffvorräte für  die Kampfstoffherstellung
       betont wurden,  so verkündete  die Arbeitsgemeinschaft  für Wehr-
       technik in  der Konzeption  vom April  1964: "Die hochentwickelte
       chemische Industrie  verfügt über  umfangreiche  Forschungs-  und
       Produktionskapazitäten und kann sich auf technische Einrichtungen
       und Kader  aus dem  zweiten Weltkrieg  stützen. Die Rohstoffbasis
       für B- und C-Waffen ist gesichert." 25)
       Wer die  Aussagen von Petras in Kenntnis der einstigen Gaskriegs-
       vorbereitungen des  deutschen Imperialismus  las, der  konnte nur
       folgern, daß  der deutsche Militarismus nichts gelernt, aber auch
       nichts vergessen,  daß er bis ins Detail seine Giftgasmaschinerie
       rekonstruiert hatte.
       Auf die  Enthüllungen des  Dr. Petras  antwortete Bonn prompt mit
       Dementis, die  alles als Brunnenvergiftung und üble Nachrede hin-
       stellten.  Das  Bundesverteidigungsministerium  betonte  im  Juli
       1969, die BRD habe auf den Einsatz und die Herstellung chemischer
       Waffen freiwillig  verzichtet, die Bundeswehr sei allerdings ver-
       pflichtet, für  ihren Schutz vor Kampfstoffen zu sorgen, betreibe
       jedoch ausschließlich Verteidigungsforschung 26).
       Auf die  Note der DDR-Regierung vom 27. August 1969, in der gegen
       die Entwicklung und Lagerung von B- und C-Waffen in der Bundesre-
       publik protestiert  wurde 27), reagierten die herrschenden Kreise
       Bonns noch gereizter. Schlagzeile der "Frankfurter Rundschau" vom
       30. August:  "Vorwürfe der  DDR haltlos.  Keine chemischen Waffen
       entwickelt." Willy  Brandt erklärte  am 2. September in Wiesbaden
       vor Gewerkschaftern  der IG  Chemie: "Es wird keine solchen deut-
       schen Waffen  - weder in der Herstellung, noch im Besitz, noch in
       der Verfügung - geben." 28) Am 12. September richtete die Bundes-
       regierung ein Memorandum an die Vereinten Nationen, in dem es un-
       ter anderem  hieß: "Die BRD hält sich strikt an die eingegangenen
       Verpflichtungen. Sie stellt weder bakteriologische noch chemische
       Kampfstoffe her,  noch besitzt sie biologische und chemische Waf-
       fen zu Einsatzzwecken." 29)
       Als es schon fast so schien, als wäre es den Regierenden am Rhein
       gelungen, ihre  Gaskriegsvorbereitungen hinter  einer dichten pa-
       pierenen Hülle  von Noten,  Dementis und Erklärungen vergessen zu
       machen, veranstaltete  der Verband Deutscher Studentenschaften in
       Bonn am  7. Januar 1970 eine Pressekonferenz, in der der Nachweis
       geführt wurde,  daß die  Forschungen der Farbenfabriken Bayer und
       ihres einstigen  Mitarbeiters Schrader  an neuen und zusätzlichen
       Phosphorderivaten der  Entwicklung chemischer Kampfstoffe dienen.
       Obwohl die  Bayer-Werke sofort  am selben Tag Protest anmeldeten,
       mit einem  Prozeß drohten  und der damalige Verteidigungsminister
       Helmut Schmidt den IG-Farben-Nachfolgern am 5. Februar 1970 einen
       "Persilschein" ausstellte,  sickerte im  Frühjahr 1970 anhand von
       Dienstvorschriften durch,  daß die Bundeswehr seit 1969 mit Reiz-
       stoffhandgranaten unter  der Bezeichnung  CM-DM-ME  (gefüllt  mit
       Chloracetophenon und  Adamsit), CN-M 7, CN-MF (alle auf der Basis
       von Chloracetophenon)  und CSC (auf der Basis von Chlorbenzylide-
       moloditrinil) ausgerüstet  war 30).  Eine durch  sie  verursachte
       Vergiftung bewirkte  folgende Symptome: Tränenfluß, äußerst star-
       kes Brennen der Augen, Verbrennung der Haut, Brechreiz, Verätzung
       der Atemwege,  Druckgefühl in Stirn und Ohren, Angstgefühle, Tau-
       meln und  bei schweren  Wirkungen in  geschlossenen Räumen Kreis-
       laufstörungen, Bewußtlosigkeit  und Tod  durch Ersticken.  Anhand
       des Einsatzes  dieser Kampfstoffe  in Vietnam konnte nachgewiesen
       werden, daß  CS-Gas unter bestimmten Bedingungen zum Tod von zehn
       Prozent der  Erwachsenen und  neunzig Prozent  der Kinder führte.
       Gerade auf  Grund dieser  "Erfahrungen" hatte die UNO bekanntlich
       beschlossen, auch chemische Reizstoffe als unzulässige Kriegsmit-
       tel zu  bezeichnen. Das  "Spandauer Volksblatt"  konstatierte  in
       seiner Ausgabe vom 3. Mai 1970, daß die Bundesregierung Ende 1969
       hoch und  heilig beschworen  habe, die  Bundeswehr besitze  keine
       chemischen Waffen, nunmehr aber sei das Gegenteil bewiesen.
       Am 25.  Mai 1970 griff das I. BRD-Fernsehen in die Giftgasdiskus-
       sion ein.  In der  Sendung "Monitor"  wurde eine Reportage ausge-
       strahlt,  der   unter  anderem   folgender  Text  unterlegt  war:
       "Erprobungsstelle 53,  ein unauffälliges  Schild,  ein  harmloser
       Name. Doch dahinter verbirgt sich eine der geheimnisvollsten Ein-
       richtungen der Bundeswehr: die Abteilung zur Erprobung mit chemi-
       schen Kampfstoffen. Die Bevölkerung fand die drastische Formulie-
       rung: Hexenküche. Das Gebiet hat Tradition als Giftküche. Bereits
       im zweiten  Weltkrieg haben hier Chemiker an der Entwicklung che-
       mischer Waffen  gearbeitet. Und  heute hat sich der Verdacht ver-
       stärkt, daß jetzt wieder international geächtete Kampfstoffe ent-
       wickelt werden." 31)
       Angesichts dieser  Enthüllungen der  DDR, der  Zeitschrift  "Kon-
       kret", des  Verbandes Deutscher Studentenschaften und schließlich
       der Monitor-Sendung ergriff die Bundeswehrführung die Flucht nach
       vorn. Sie  lud Anfang Juni 1970 dreißig Journalisten zu einem Tag
       der "offenen  Tür" in  die  Erprobungsstelle  53  ein.  Das  Echo
       lautete in  den meisten  Fällen wie  gewünscht. Die "Hannoversche
       Presse" vom  8. Juli:  "Keine Geheimnisse in Munsterlager. Kampf-
       stoffdepot ist nur ein Labor." "Saarbrücker Zeitung" vom 9. Juli:
       "Kein Geheimnis hinter eisernen Türen." "Rheinische Post" vom 12.
       Juli: "Bundeswehr  gewährte Einblick  in die  Hexenküche. Märchen
       der Vorbereitung auf Gaskrieg widerlegt." Und schließlich "Christ
       und Welt" vom 19. Juli: "Das verlogene ABC. Märchenonkel und che-
       mische Waffen."  ZDF-Moderator Gerhard  Loewenthal, der ebenfalls
       zu den nach "Raubkammer" Geladenen gehörte, führte die Verharmlo-
       sungs- und  Tarnungsaktion an. Er erklärte rundheraus, "nur wirk-
       lich Böswillige  können jetzt noch behaupten, die Bundeswehr ent-
       wickle C-Waffen".
       Doch es  gab auch  zweifelnde, bedenkende Stimmen. "Kölner Stadt-
       Anzeiger" vom  25. Juni:  "Ganz  ohne  Gift  ist  die  Bundeswehr
       nicht." "Welt  der Arbeit" vom 10. Juli: "Zweifel gesät." Und die
       "Neue Rheinzeitung"  vom 8. Juli schrieb: "Bisher war die Öffent-
       lichkeit der festen Überzeugung: Im Besitz der Bundeswehr gibt es
       keine atomaren, biologischen und chemischen Waffen. Jetzt erfährt
       man, daß diese Enthaltsamkeit doch nicht hundertprozentig ist. Zu
       Test- und  Abwehrzwecken werden  auch von diesen heimtückischsten
       und gefährlichsten  Waffen der  Menschheit einige  in 'Kilogramm-
       portionen' in  deutscher Regie  gelagert... Warum aber wurde hier
       jahrelang streng geheimgehalten, was jetzt, da es aufgedeckt ist,
       als selbstverständlich  und harmlos  hingestellt wird? Und müssen
       wirklich 80  deutsche Wissenschaftler  und Techniker  mit  diesen
       Giftstoffen ständig experimentieren?"
       Angesichts ihrer  bekannt gewordenen  Aktivitäten auf  dem krieg-
       schemischen Sektor  bezog die Bundeswehrführung eine neue Vertei-
       digungsstellung. Sie räumte ein, es gebe - allerdings nur winzige
       Mengen -  moderner Kampfstoffe.  "Alle diese Versuche wären stüm-
       perhaft und  theoretisch, sollte  man sie lediglich mit Simultan-
       mitteln durchführen,  natürlich bedarf es der Verwendung von Ori-
       ginalgiften, um  ganz bestimmte  Reaktionen und  die Tauglichkeit
       der Schutzmaßnahmen  und -geräte  zu prüfen.  Hierfür stellen die
       USA und  England scharf  kontrollierte und  überwachte Mengen der
       oben bezeichneten Gifte zur Verfügung." 32)
       Die Legende von den winzigen scharf überwachten Mengen von Ultra-
       giften für  die Bundeswehr  brach zusammen,  als Anfang Juli 1970
       der Schriftsteller Günter Wallraff die Ergebnisse eigener Recher-
       chen veröffentlichte.  Er hatte  eine Firma  angerufen,  die  uns
       nicht unbekannt  ist, weil  sie seit  den frühen zwanziger Jahren
       eine höchst unrühmliche Rolle bei den Gaskriegsvorbereitungen des
       deutschen Imperialismus  spielte: die "Dr. Hugo Stoltzenberg Che-
       mische Fabrik.  Gasmasken und Atemfilter", die in Hamburg-Bahren-
       feld, Schnakenburgallee  167, ihren  Sitz hinter brüchigen Mauern
       hat, den  industriellen Stammhalter der Reichswehr auf diesem Ge-
       biet bis  zur Giftgaskatastrophe  von 1928.  Chef war  1970 immer
       noch der  inzwischen  siebenundachtzigjährige  Stoltzenberg,  der
       sich als erklärter Preuße betrachtete.
       Bei dieser  Firma also  meldete sich Wallraff telefonisch und gab
       sich als  Beauftragter Kruse  des Bundesamtes für Wehrtechnik und
       Beschaffung in Koblenz. "Mein Anruf klingt offenbar vertraut. 'Da
       ist Koblenz',  sagt die  Dame von  der Telefonzentrale und stellt
       gleichzeitig durch.  Ich bin mit dem Prokuristen der Firma, Herrn
       Leuschner, verbunden.  'Guten Tag,  Herr  Leuschner',  sage  ich,
       'hier ist Kruse BWB. Ist es möglich, daß wir in der nächsten Zeit
       noch mal  eine größere  Menge Stickstofflost  über Sie beziehen?'
       ... 'Ja,  können wir  machen', sagt  er nur, 'wieviel soll's denn
       sein?' -  'Nun, diesmal  brauchen wir fast die doppelte Menge vom
       vorigen Mal',  sage ich." Der letzte Auftrag lautete auf 35 Kilo,
       diesmal sollen  also 70  Kilo  Stickstofflost  geliefert  werden.
       Wallraff erfährt  im Gespräch  auch, daß Stoltzenberg die Bundes-
       wehr mit Tabun versorgt habe 33).
       Als der  Schriftsteller seine  Recherchen veröffentlicht, gibt es
       prompt die üblichen Dementis, die allerdings zwischen den Betrof-
       fenen nicht  so recht abgestimmt sind. Bonn, 16. Juli: "Ein Spre-
       cher des  Bundesverteidigungsministeriums bezeichnete die Behaup-
       tung als 'unwahr', daß das Bundesverteidigungsministerium von der
       chemischen Fabrik  Stoltzenberg in Hamburg oder einem anderen Un-
       ternehmen das  Haut- und  Atemgift 'Lost'  bezogen habe." Gleich-
       falls Bonn, 16. Juli: "Ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministe-
       riums in  Bonn sagte zu den Vorwürfen des VDS, die Bundesrepublik
       habe sich  in den WEU-Verträgen dazu verpflichtet, keine biologi-
       schen und  chemischen Kampfstoffe  herzustellen. Die  Herstellung
       geringer Mengen  dieser Gifte  zu Forschungszwecken sei in diesen
       Verträgen jedoch ausdrücklich ausgenommen." 34)
       Wallraff hält  es für unwahrscheinlich, "daß mit der Firma Stolt-
       zenberg der einzige bundesdeutsche Kampfstoffproduzent aufgespürt
       wurde. Es  ist wieder  einmal nur  die Spitze  des Eisbergs,  die
       sichtbar gemacht wurde." 35)
       Der "Kölner  Stadt-Anzeiger" vom  17. Juli fragt einigermaßen be-
       troffen: "Doch Giftgas für die Bundeswehr?"
       Aber derartige Stimmen bleiben die Ausnahme. Der Prokurist Stolt-
       zenbergs kann  sich an  nichts mehr erinnern und leugnet, daß das
       Telefongespräch überhaupt  stattgefunden habe.  Das Bundesamt für
       Wehrtechnik und  Beschaffung behauptet,  niemals von Stoltzenberg
       oder irgendeiner  anderen Firma in der BRD Lost bezogen zu haben,
       und die  Zeitschrift "Publik"  entdeckt in  ihrer Ausgabe vom 31.
       Juli plötzlich:  "'Lost' ist zu alt für Skandale." Das Blatt ent-
       hüllt bei dieser Gelegenheit, daß die in Rede stehenden Tabunmen-
       gen aus  der Bergungsaktion  von 1959/60 stammen und von der Bun-
       deswehr entnommen  wurden. Es  rechtfertigt zugleich  den  Besitz
       chemischer Reizgase mit der Behauptung: "Die Handhabung und Lage-
       rung von  CS und  CN fällt  nicht unter die Bestimmungen des WEU-
       Vertrages, da  sie auch vor den Vereinten Nationen nicht als che-
       mische Kampfstoffe, sondern als Reizstoffe gelten."
       Überblickt man die Ereignisse zwischen 1969 und 1970, so wird of-
       fenbar, wie  der Führungsmannschaft  auf der Bonner Hardthöhe Zug
       um Zug  nachgewiesen werden  konnte, daß  sie die  Öffentlichkeit
       jahrzehntelang belogen und in die Irre geführt hatte. Aus der to-
       talen Leugnung wurde schließlich das kleinlaute Eingeständnis, es
       gebe in  der Bundeswehr  sowohl Gaskriegsvorbereitungen  als auch
       bestimmte Vorräte  an Ultragiften. Wallraffs Enthüllungen machten
       schließlich schlaglichtartig  deutlich, daß alle sogenannten Kon-
       trollmechanismen umgangen  werden konnten und sich die Bundeswehr
       in den  Besitz beliebiger  Mengen von Kampfstoffen zu setzen ver-
       mochte.
       Alle Behauptungen,  die kriegschemischen  Maßnahmen dienten  aus-
       schließlich Verteidigungszwecken,  blieben fragwürdig  und  unbe-
       weisbar, da  es nahezu  unmöglich ist,  zu unterscheiden, ob bei-
       spielsweise Arbeiten  über die Aerolisierung von Kampfstoffen dem
       Angriff oder  der  Abwehr  nützen.  Und  die  phosphororganischen
       Pflanzenschutzmittel können  zur Vertilgung  von Unkraut oder zur
       chemischen Kriegführung eingesetzt werden.
       Seit dem Jahre 1970 ist es in der Öffentlichkeit wieder still ge-
       worden um  diese Gefahren.  1975 machte  noch einmal eine Meldung
       Schlagzeilen. In  der Nacht vom 26. zum 27. April 1975 sollten 51
       Literflaschen Lost  aus der Erprobungsstelle 53 verschwunden sein
       36). Nach einigen Wochen - welche Menge mußte dort lagern und was
       für eine Übersicht darüber bestehen? - verlautete, es wären nur 7
       Flaschen entwendet  worden, wobei  als Täter  eine anarchistische
       Gruppe verdächtigt  wurde. Das  löste im Mai 1975 Giftgasalarm im
       Bundestag aus, da man einen Anschlag befürchtete 37). Schließlich
       stellte sich  heraus, daß der Diebstahl offensichtlich nur vorge-
       täuscht war,  um auf  die Existenz des Munsterlagers und die dort
       nach wie vor betriebenen kriegschemischen Aktivitäten der Bundes-
       wehr aufmerksam zu machen 38).
       Es hat sich also seit 1970 in dieser Hinsicht wohl kaum etwas ge-
       ändert. Das  wird durch  andere Meldungen  des Jahres 1975 bestä-
       tigt. Im  Zusammenhang mit dem Giftgasskandal von Seveso enthüllt
       die italienische  Zeitschrift  "Espresso",  daß  in  diesem  Werk
       Kampfstoffe für  die NATO  produziert und den Sondereinheiten für
       chemische Kampfführung der USA und der BRD zur Verfügung gestellt
       wurden 39).  Auch hinsichtlich  der Ausrüstung mit Reizkampfgasen
       hat sich in der Bundeswehr keine Veränderung vollzogen. Im Gegen-
       teil, durch die Bewaffnung von Polizeieinheiten mit der sogenann-
       ten Chemischen  Keule, die auf dem bereits von der faschistischen
       Wehrmacht verwerteten  Kampfstoff Chloracetophenon  beruht,  wird
       der Kreis  derjenigen erweitert,  die derartige  Waffen einsetzen
       können.
       In jüngster  Zeit wurden  Bemühungen militanter imperialistischer
       Kreise bekannt,  die chemische Rüstung dadurch erheblich voranzu-
       treiben, daß  man auf  eine neue  Technologie umsteigt,  die eine
       Verwendung völlig  neuer hochtoxischer Substanzen ermöglicht. Die
       Technologie der sogenannten Binärwaffen beruht darauf, daß gering
       toxische Vorprodukte  bevorratet und  getrennt in Geschosse abge-
       füllt werden.  Der eigentliche Kampfstoff entsteht erst beim Ein-
       satz, wenige Sekunden vor dem Einschlag, nachdem sich die einzel-
       nen Bestandteile  zu einem  besonders gefährlichen Gift verbunden
       haben. Eine  der Konsequenzen  dieser Wirkungsweise besteht dann,
       wie der  Direktor der  Forschungsstelle für chemische Toxikologie
       der  Akademie   der  Wissenschaften   der  DDR,  Karlheinz  Lohs,
       schreibt, daß der Aggressor seine Absichten sehr gut verschleiern
       kann. "Er kann die erforderlichen Vorprodukte in der zivilen che-
       mischen Industrie herstellen, bevorraten und, falls erforderlich,
       auch anderweitig  verwerten, das  heißt, sie  für die Herstellung
       von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln oder zur Er-
       zeugung chemisch-technischer  und pharmazeutischer  Produkte ein-
       setzen." 40)
       Die Binärwaffen bedeuten für die chemischen Kampfstoffe eine neue
       Stufe der  Eskalation, zeigen, mit welcher Intensität an der Ver-
       vollkommnung dieser Massenvernichtungsmittel gearbeitet wird.
       Diese Entwicklung  zu stoppen ist der einzige Ausweg, die Mensch-
       heit vor der Gefahr eines totalen Giftgaskrieges zu bewahren. Das
       Anwachsen der  Weltfriedensbewegung, die  Einschränkung des Hand-
       lungsspielraums  der  militantesten  imperialistischen  Politiker
       durch die  konstruktive Friedenspolitik der sozialistischen Staa-
       tengemeinschaft unter  Führung der  Sowjetunion und  das Eingehen
       imperialistischer Politiker  auf die  weltpolitischen  Realitäten
       bietet Voraussetzungen  dafür. Mit der am 10. August 1972 in Mos-
       kau, London  und Washington erfolgten Unterzeichnung der interna-
       tionalen Konvention  über das Verbot der Entwicklung, Herstellung
       und Lagerung  bakteriologischer (biologischer) und toxischer Waf-
       fen sowie  über deren  Vernichtung, die  im März 1975 ratifiziert
       wurde und  der sich inzwischen über hundert Staaten angeschlossen
       haben, ist  ein erster  Schritt getan, um eine der gefährlichsten
       Arten von Massenvernichtungsmitteln auszuschalten.
       Wie die im August 1976 und im April 1977 zwischen der Sowjetunion
       und den  USA in  Genf geführten Gespräche über den Abschluß einer
       Konvention zum  Verbot der gefährlichsten, tödlich wirkenden che-
       mischen Kampfstoffe  anzeigen 41),  ist möglicherweise  der Zeit-
       punkt nicht  mehr fern,  da zumindest weitere Teilabkommen reali-
       siert werden.
       In einigen Jahren wird dann vielleicht dieser Exkurs über sechzig
       Jahre Gaskriegsvorbereitungen  des  deutschen  Imperialismus  nur
       noch ein  Thema rein  historischen Interesses  sein, nur noch be-
       drückender Rückblick, ohne beklemmenden Ausblick.
       
       _____
       1) Siehe die  Lagekarte des OKW vom 20. März 1945, in: Militärar-
       chiv der Deutschen Demokratischen Republik (MA), W 31.60/20.
       2) Ebd.
       3) "Der Tagesspiegel" v. 12.8.1970.
       4) "Die Welt" v. 26.2.1960.
       5) "Publik" v. 31.7.1970.
       6) Rise of CB Weapons, S. 153 und S. 305.
       7) "Süddeutsche Zeitung" v. 10.9.1970.
       8) James McGovern,  Spezialisten und  Spione, Gütersloh  1967, S.
       249 ff.
       9) Siegfried Franke/Peter Franz/Werner Warnke, Lehrbuch der Mili-
       tärchemie, Bd. 2, Berlin 1969, S. 523/524.
       10) Fall 6, S. 256.
       11) Franke/Franz/Warnke, a.a.O., S. 530.
       12) Wirtschaftsfacharchiv der Kaliindustrie, AI ER, 2d, Nr.2, Bl.
       18 ff.
       13) Ebd.
       14) Henryk Czernik,  Filie  obozu  koncentracyinego  Groß-Rosen/w
       Brzegu Dolnym  (Dyhernfurth I  i II),in:  "Studia nad faszyzmen i
       Zbrodniami Hitlerowstzimi I", S. 198.
       15) "Stuttgarter Zeitung" v. 12.8.1970.
       16) "Kölner Stadtanzeiger"  v. 14.8.1970; "Stuttgarter Zeitung v.
       28.5.1971.
       17) Rise of CB Weapons, S. 162 ff.
       18) Yearbook of  the United  Nations 1969, Bd. 23, New York 1972,
       S. 24 ff.
       19) Franke/Franz/Warnke, a.a.O., S. 531/532.
       20) S. hierzu und im folgenden: Bonn bereitet Giftkrieg vor, Ber-
       lin 1969, S. 8 ff.
       21) Ebd., S. 22.
       22) Ebd., S. 13.
       23) "Süddeutsche Zeitung" v. 31.5./1.6.1975.
       24) Bonn bereitet Giftkrieg vor, a.a.O., S. 18.
       25) Ebd., S. 46.
       26) "Süddeutsche Zeitung" v. 25.7.1969.
       27) "Neues Deutschland" v. 30.8.1969.
       28) "Die Welt" v. 3.9.1969.
       29) "Die Welt" v. 13.9.1969.
       30) "Deutsche Volkszeitung" v. 1.5.1970.
       31) Zit. nach: "Kölnische Rundschau" v. 19.6.1970.
       32) "Die Welt,. v. 23.6.1970.
       33) Günter Wallraff,  Unerwünschte Reportagen,  Berlin  1970,  S.
       307/308.
       34) "Die Welt" v. 17.7.1970.
       35) Wallraff, a.a.O., S. 310.
       36) "Die Welt" v. 15.5.1975.
       37) "Frankfurter Rundschau" v. 17.5.1975.
       38) "Süddeutsche Zeitung" v. 31.5./1.6.1975.
       39) "Neues Deutschland" v. 14./15.8.1975.
       40) Karlheinz  Lohs,  Der  Mißbrauch  chemischer  Forschung,  in:
       "Spektrum", 6/1975, S. 6.
       41) "Neues Deutschland"  v.  31.8.1976;  "Neues  Deutschland"  v.
       12.4.1977.
       

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