Quelle: Blätter 1980 Heft 01 (Januar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ARTIKEL DER "PRAWDA" VOM 31. DEZEMBER 1979
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       ZU DEN EREIGNISSEN IN AFGHANISTAN
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       (Wortlaut)
       
       Bei Redaktionsschluß erreichen uns die ersten Nachrichten und Ma-
       terialien zu  den jüngsten  Ereignissen in Afghanistan. Eine aus-
       führliche Analyse  der Zusammenhänge  ist für die nächste Ausgabe
       der "Blätter"  in Vorbereitung.  Ohne ihr  vorgreifen zu  wollen,
       möchten wir  angesichts des  augenfälligen Mißverhältnisses  zwi-
       schen ausufernden "Kalten-Kriegs"-Spielen einerseits und anderer-
       seits mangelnder  Information über  die Haltung  der sowjetischen
       und afghanischen Seite in den herrschenden Medien den nachstehen-
       den -  vielkommentierten  aber  wenig  zitierten  -  Artikel  der
       "Prawda" und die Erklärung der afghanischen Regierung vom 28. De-
       zember 1979 über den Einsatz sowjetischer Truppen im Wortlaut do-
       kumentieren. D. Red.
       
       In den  letzten Tagen haben sich im Leben des afghanischen Volkes
       wichtige Ereignisse vollzogen.
       Angesichts der imperialistischen Einmischung in die inneren Ange-
       legenheiten des  demokratischen Afghanistan,  einer  Einmischung,
       deren Ausmaß  und Formen  sogar die Existenz der Republik bedroh-
       ten, riefen das Zentralkomitee der Demokratischen Volkspartei und
       die Regierung  der Demokratischen Republik Afghanistan die Bevöl-
       kerung des Landes auf, sich entschlossen zum Schutz der Errungen-
       schaften der  April-Revolution zu  erheben.  Sie  schließen  alle
       fortschrittlichen nationalen  Kräfte im  Namen der Konsolidierung
       eines neuen, freien und unabhängigen Afghanistan zusammen.
       Der Abbruch  des Alten  und der  Aufbau des Fortschrittlichen ist
       immer ein schwieriger, komplizierter Prozeß. Er ist um so schwie-
       riger, als der Widerstand, den der Revolution die innere Reaktion
       und diejenigen  Kräfte, die ihre Macht und ihre Vorrechte verlie-
       ren, entgegensetzen,  durch die  Einmischung der äußeren Reaktion
       ergänzt wird,  sobald der  Imperialismus versucht, den Augenblick
       zu nutzen,  um die Grenzen seiner Herrschaft auszudehnen, ein an-
       deres Volk  niederzukämpfen und zu unterwerfen. Voll und ganz, ja
       doppelt richtig ist das in Anwendung auf das heutige Afghanistan.
       Eines der  ältesten Länder Zentralasiens blieb bis in die jüngste
       Zeit eines  der rückständigsten. Es schien, als ob das Leben dort
       im Mittelalter  erstarrt und das Volk zu einem elenden Dahinvege-
       tieren verdammt  sei. Die Feudalen hielten Gericht und bestraften
       die Menschen  nach eigenem Gutdünken. Damit es ewig so wäre, kul-
       tivierten  sie   den  Obskurantismus,  erlegten  den  Massen  ein
       knechtendes Joch auf, unterdrückten jeden Versuch, in die Dunkel-
       heit der  Rechtlosigkeit und  der Willkür einen Funken Licht hin-
       einzubringen. Zu  dieser morschen  Ordnung sagte  das afghanische
       Volk im April 1978 sein "Nein". Die Werktätigen des Landes nahmen
       dessen Geschicke in ihre Hände.
       Das Leben  erforderte tiefgreifende  Umgestaltungen in  Stadt und
       Land, einen Umbau der Klassen- und Stammesverhältnisse, der sozi-
       alökonomischen Basis  der afghanischen  Gesellschaft, eine Durch-
       setzung, nicht  aber eine  formelle Verkündung der Prinzipien der
       Unabhängigkeit und  Souveränität, des  Dienstes an den nationalen
       Interessen Afghanistans  schlechthin. Ohne  solche Umgestaltungen
       war weder  an eine  wahre Volksherrschaft noch an einen Wohlstand
       des Volkes zu denken.
       Die April-Revolution  wurde von den fortschrittlichen Kräften der
       afghanischen Gesellschaft  geleitet und  verwirklicht, die in der
       Demokratischen Volkspartei  vereinigt  waren,  den  Kräften,  die
       grausamsten Verfolgungen des königlichen Regimes und Repressalien
       unter Daud-Schah ausgesetzt waren. Die April-Revolution wurde mit
       minimalen Opfern durchgeführt. Diese Tatsache zeugt nicht nur da-
       von, daß das frühere Regime sich überlebt hatte, sondern auch da-
       von, daß  das Programm der Demokratischen Volkspartei den breite-
       sten Massen  nah und verständlich war, die die Revolution als ihr
       ureigenstes Anliegen unterstützen.
       Die Feinde  des demokratischen  Afghanistan sahen  ein, daß jeder
       Schritt beim  Aufbau des neuen Lebens, bei der Befreiung des Lan-
       des von den Fesseln der Unterdrückung die Hoffnungen auf eine Re-
       staurierung der verlorengegangenen Positionen immer illusorischer
       machte. Die  äußeren imperialistischen Kräfte gingen ein direktes
       Komplott mit den inneren konterrevolutionären Kräften ein. Sowohl
       die einen  als auch  die anderen nahmen die Geburt der demokrati-
       schen Republik mit unverhohlener Feindschaft auf und machten kein
       Hehl aus  ihrer Absicht, alles zu tun, um Afghanistan von dem von
       ihm gewählten Weg abzubringen.
       Die innere Konterrevolution und die ausländische Reaktion wiegten
       sich in der Hoffnung, daß die April-Revolution den Schlägen nicht
       gewachsen sein  würde, denen  sie ausgesetzt war. Sie waren davon
       derart überzeugt,  daß sie  bereits Monat und Tag nannten, da sie
       im Triumphzug  in Kabul  einziehen würden.  Sie machten  mitunter
       nicht einmal  ein Geheimnis  aus der  Vorbereitung von  Banditen-
       Überfällen auf  die eine oder andere Region. Denn die Reaktionäre
       genossen im  Grunde eine uneingeschränkte Unterstützung der impe-
       rialistischen Kreise  der USA, der Pekinger Führer und der Regie-
       rungen einiger anderer Länder, von denen die konterrevolutionären
       den im Überfluß Waffen, Munition und Geld erhielten.
       Auf dem Territorium Pakistans sind zahlreiche Zentren entstanden,
       die formell  als Flüchtlingslager  bezeichnet werden. Dort werden
       bewaffnete Formationen  ausgebildet, die  nach Afghanistan einge-
       schleust werden.  Dort warten  sie ab  und werden nach Überfällen
       auf afghanische Ortschaften, Verbindungswege und sonstige Objekte
       umgegliedert.
       Unter den Ausbildern dieser Formationen befinden sich Mitarbeiter
       amerikanischer Geheimdienste,  chinesische Spezialisten für soge-
       nannte Partisanenoperationen und sogar "Fachleute" für Wühlarbeit
       aus Ägypten.
       Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen den Reisen ameri-
       kanischer Emissäre  nach Pakistan,  ihrem Besuch in einzelnen Ge-
       bieten Afghanistans  und den Aktivitäten der Kräfte der Rebellen.
       Kein Zufall  war, daß  die Meuterei in Herat, der die afghanische
       Reaktion, Washington und Peking besondere Bedeutung beimaßen, un-
       mittelbar danach  begann, als einer der Anführer der afghanischen
       Konterrevolutionäre im  US-Außenministerium empfangen worden war.
       Es gibt Informationen über die Versuche amerikanischer Vertreter,
       von der  Führung Pakistans die Zustimmung zu einer noch umfassen-
       deren Nutzung  seines Territoriums  zum Einschleusen  bewaffneter
       Formationen in  Afghanistan zu erzwingen. Von Pakistan wurde eine
       noch breitere  Teilnahme an den aggressiven Aktionen gegen Afgha-
       nistan verlangt.
       Man braucht  nicht besonders  scharfsinnig zu sein, um die Motive
       für die Aktionen der USA zu erkennen. In Washington gibt es Poli-
       tiker, die beharrlich einen Ersatz für Positionen suchen, die in-
       folge des  Sturzes des  Schah-Regimes  im  Iran  verlorengegangen
       sind. Der  berüchtigte "strategische  Bogen, den  die  Amerikaner
       seit Jahrzehnten  in der Nähe der Südgrenzen der Sowjetunion auf-
       bauten, wies  Lücken auf.  Um diese  Lücken zu  schließen, möchte
       manch einer das afghanische Volk und gleichzeitig auch die Völker
       anderer Länder dieser Region zur völligen Unterwerfung zwingen.
       Die durch  nichts gerechtfertigte  Einmischung der  imperialisti-
       schen Kräfte  in die  inneren Angelegenheiten  Afghanistans,  die
       ständigen bewaffneten  Invasionen von  außen, darunter  das  Ein-
       schleusen ausländischer  Söldner nach Afghanistan, beschworen für
       das Land  eine große Gefahr herauf. In den Jahren 1978-1979 rich-
       tete die  afghanische Regierung an die Sowjetunion wiederholt die
       Bitte um  Unterstützung, darunter  um  eine  militärische  Unter-
       stützung, um  die bewaffnete  Einmischung  der  imperialistischen
       Kräfte abzuwehren.
       Die Sowjetunion  nahm an,  daß sich  die imperialistischen Kräfte
       von der Unumkehrbarkeit der Änderungen in Afghanistan überzeugen,
       sich in  einem bestimmten  Rahmen halten und den Realitäten Rech-
       nung tragen  würden. Zugleich  verhehlte unser Land nicht, daß es
       die Verwandlung  Afghanistans in ein Aufmarschgebiet für die Vor-
       bereitung  einer   imperialistischen  Aggression  gegen  die  So-
       wjetunion nicht  zulassen werde.  Unwiderruflich vorbei  sind die
       Zeiten,  wo  Afghanistan  als  Stützpunkt  für  Basmatschenbanden
       diente, die  Raubüberfälle auf  mittelasiatische Sowjetrepubliken
       unternahmen.
       Die Feinde stellten jedoch den bewaffneten Kampf gegen das afgha-
       nische Volk nicht ein. Die imperialistische Einmischung nahm Aus-
       maße und  Formen an,  die für  das Volk  Afghanistans  immer  ge-
       fährlicher wurden.
       Die äußere imperialistische Reaktion unternahm und unternimmt un-
       unterbrochen  Anstrengungen,   um  die   Organe  der  Staatsmacht
       auszuholen und  um auch die Reihen der Demokratischen Volkspartei
       Afghanistans zu desorganisieren.
       Die Reaktion  hat einen  Handlanger für  die Verwirklichung ihrer
       volksfeindlichen Absichten  in  der  Leitung  des  demokratischen
       Afghanistan selbst  gefunden. Das  war Hafizullah Amin. Durch Be-
       trug und  Intrigen riß  er die  Haupthebel der  Staatsleitung  an
       sich, stürzte  dann den legitimen Präsidenten Nur Taraki und ver-
       nichtete ihn  physisch. Durch  seine verbrecherischen Handlungen,
       durch grobe  Verletzungen der  Gesetzlichkeit und  Rechtsordnung,
       durch Grausamkeit  und Amtsmißbrauch  brachte er  die Ideale  der
       April-Revolution in Verruf und höhlte sie aus.
       Die Hände  Amins sind mit dem Blut vieler Vertreter des arbeitsa-
       men afghanischen  Volkes, Parteifunktionäre, verdienter Militärs,
       moslemischer Geistlicher  und anderer  ehrlicher Bürger besudelt.
       Amin hat  sich in  der Tat  mit den  Feinden der April-Revolution
       verbündet.
       Unter den  Bedingungen, da  die Einmischung von außen und der von
       Amin im  Lande entfaltete  Terror eine reale Gefahr für die demo-
       kratische Ordnung herauf beschworen hatten, fanden sich in Afgha-
       nistan patriotische Kräfte, die sich nicht nur gegen eine Aggres-
       sion von  außen, sondern  auch gegen Usurpatoren erhoben. Mit Un-
       terstützung seitens des Volkes beseitigten sie Amin. Im Lande ist
       die revolutionäre  Gesetzlichkeit und  Rechtsordnung wiederherge-
       stellt worden.  Die Demokratische Volkspartei und der Staat rich-
       ten ihre  Anstrengungen auf die Verteidigung der Errungenschaften
       der April-Revolution,  der Souveränität,  der Unabhängigkeit  und
       der nationalen Würde Afghanistans.
       Unter den entstandenen Umständen wandte sich die Regierung Afgha-
       nistans erneut  an die  Sowjetunion mit der dringenden Bitte, ihr
       sofortige Hilfe und Beistand im Kampf gegen die äußere Aggression
       zu erweisen.
       Die Sowjetunion  beschloß, dieser  Bitte nachzukommen und ein be-
       grenztes sowjetisches  Truppenkontingent nach Afghanistan zu ent-
       senden, das ausschließlich zur Unterstützung bei der Abwehr einer
       bewaffneten Einmischung  von außen eingesetzt werden soll. Sobald
       die Ursache,  die die  Notwendigkeit dieser  Aktion bedingt  hat,
       entfällt, wird  das sowjetische Kontingent aus Afghanistan wieder
       vollständig abgezogen.
       Bei diesem  Beschluß ging  die Sowjetunion  von der Gemeinsamkeit
       der Interessen  Afghanistans und unseres Landes in den Fragen der
       Sicherheit, die  im Vertrag über Freundschaft, gute Nachbarschaft
       und Zusammenarbeit  von 1978  fixiert sind *), von den Interessen
       der Erhaltung des Friedens in diesem Raum aus.
       In Artikel 4 des sowjetisch-afghanischen Vertrages heißt es: "Die
       Hohen Vertragsschließenden Seiten werden, im Geiste der Tradition
       der Freundschaft  und guten Nachbarschaft wie auch der UNO-Charta
       handelnd, sich  beraten und mit Einverständnis beider Seiten ent-
       sprechende Maßnahmen  zur Gewährleistung der Sicherheit, Unabhän-
       gigkeit und  territorialen Integrität beider Länder ergreifen. Im
       Interesse der Festigung der Verteidigungsfähigkeit der Hohen Ver-
       tragschließenden Seiten  werden sie  fortfahren, ihre Zusammenar-
       beit auf militärischem Gebiet zu entwickeln."
       Die Bitte  der afghanischen Führung und die positive Reaktion der
       Sowjetunion ergeben  sich auch  aus den Bestimmungen des Artikels
       51 der  Charta der  Organisation der  Vereinten Nationen, der das
       unveräußerliche Recht der Staaten auf kollektive und individuelle
       Selbstverteidigung zum  Zwecke der Zurückweisung einer Aggression
       und der Wiederherstellung des Friedens vorsieht.
       Die Hirngespinste über eine "Okkupation Afghanistans durch sowje-
       tische Truppen",  über eine Mitbeteiligung des sowjetischen Mili-
       tärpersonals an  den inneren  Geschehnissen in diesem Lande, über
       eine "Einmischung der Sowjetunion in die inneren Angelegenheiten,
       die eine Gefahr für den Weltfrieden schafft", die in diesen Tagen
       von den  imperialistischen Massenmedien  verbreitet werden, haben
       mit der Wirklichkeit nichts gemein. Dazu lassen sie aber die wah-
       ren Absichten  einiger Kreise, in erster Linie in Übersee, erken-
       nen, die  der Sache des Kampfes der Völker für Freiheit und Unab-
       hängigkeit feindlich gesinnt sind.
       Die sowjetisch-afghanischen  Beziehungen blicken  auf eine  lange
       Geschichte zurück,  und die  Völker unserer  beiden Nachbarländer
       haben allen Grund dazu, auf die zwischen ihnen bestehende Freund-
       schaft Wert  zu legen  und ihre engen, auf gegenseitiger Achtung,
       auf Gleichberechtigung  und Zusammenarbeit beruhenden Beziehungen
       zu achten.
       Die Sowjetunion  erwies und  erweist Afghanistan eine vielfältige
       wirtschaftliche, wissenschaftlich-technische  und  andere  Hilfe.
       Sie trägt  zur Lösung  der komplizierten  Probleme bei, denen das
       Volk auf seinem Wege begegnet, das mit dem Aufbau einer neuen Ge-
       sellschaft begonnen hat. Afghanistan nicht die Hilfe zu erweisen,
       um die  es jetzt ersucht hat, würde bedeuten, die gesamten Erfah-
       rungen unserer  guten und  ehrlichen  Zusammenarbeit  mit  diesem
       Lande durchzustreichen, Afghanistan Auge in Auge mit den imperia-
       listischen Kräften  zu lassen, die beabsichtigen, das afghanische
       Volk der Möglichkeit zu berauben, seine Rechte und seine Freiheit
       in vollem Maße zu genießen.
       Die sowjetische  Hilfe und  Unterstützung für Afghanistan richten
       sich gegen  keine seiner  Nachbarländer, die auch unsere Nachbarn
       sind. Die  Sowjetunion ist  daran interessiert, mit ihnen normale
       Freundschaftsbeziehungen zu  unterhalten, die  auf den Prinzipien
       der Gleichberechtigung,  der gegenseitigem  Achtung und Nichtein-
       mischung in  die inneren  Angelegenheiten beruhen. Die Interessen
       auch dieser  Länder werden  desto mehr gewinnen, je schneller den
       Umtrieben jener  Kräfte ein  Ende gesetzt  wird, die ihre Politik
       ebenso wie  bisher auf  die Fortsetzung  der Auseinandersetzungen
       und das  Provozieren neuer Konflikte und darauf orientieren, Völ-
       ker und Staaten gegeneinander geraten zu lassen, je schneller der
       Frieden in diesem Raum hergestellt wird.
       
       _____
       *) Vgl. den  Wortlaut  des  Vertrages  in  "Blätter"  5/1979,  S.
       637/638.
       

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