Quelle: Blätter 1980 Heft 04 (April)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG DES VERBANDES DEUTSCHER SCHRIFTSTELLER (VS)
       =====================================================
       ZUR ZERSCHLAGUNG DES NDR VOM 2. MÄRZ 1980
       =========================================
       
       (Wortlaut)
       
       Die Bundesdelegiertenversammlung  des V. Schriftstellerkongresses
       des Verbandes  deutscher Schriftsteller  in der  Industriegewerk-
       schaft Druck  und Papier  hat am  2. März  1980 in München zu der
       Zerschlagung des  NDR durch  die Ministerpräsidenten  von Nieder-
       sachsen und  Schleswig-Holstein Stellung  genommen und einstimmig
       die folgende Resolution beschlossen:
       Die Ministerpräsidenten  Albrecht und  Stoltenberg haben den NDR,
       den zweitgrößten  Sender der  Bundesrepublik, im  Alleingang zer-
       schlagen und  damit das gesamte Gefüge der ARD gefährdet. Gleich-
       gültig gegenüber  der Meinung  der diese Anstalten finanzierenden
       Rundfunkteilnehmer und  unter Ausschluß  der Öffentlichkeit wurde
       damit eine  gewachsene Kulturlandschaft verwüstet und für den Zu-
       griff des Staates sowie für private Profitinteressen freigegeben.
       Die Delegiertenversammlung  des VS protestiert aufs schärfste ge-
       gen dieses  Vorgehen. Sie  weist darauf hin, daß durch die grund-
       sätzliche Streichung  von Begriffen wie "künstlerische Verantwor-
       tung", "künstlerische  Freiheit" u.ä. im neuen Staatsvertrag zwi-
       schen Niedersachsen  und  Schleswig-Holstein  bereits  jetzt  die
       Freiheit der  literarischen Äußerung und damit das Grundrecht auf
       Meinungsfreiheit entscheidend beschnitten ist. Der Weg von steti-
       ger Kontrolle bis zum beliebigen Absetzen literarischer Sendungen
       ist damit offen.
       Sie weist  darauf hin,  daß sich das öffentlich-rechtliche System
       der bundesdeutschen  Rundfunkanstalten bewährt  hat, zumal es für
       die immer  wieder nötigen  Verbesserungen genügend Spielraum bie-
       tet. Es  wird der  Aufgabe gerecht,  dem Teilnehmer  Information,
       Bildung und  Unterhaltung zu liefern, während das private Fernse-
       hen den  wirtschaftlichen Zwängen  erliegen muß, das Rundfunkpro-
       gramm zu einer an Massengeschmack orientierten wohlfeilen Ware zu
       degradieren, es  zum Packmaterial  für die  Werbung verkommen  zu
       lassen.
       Die Delegiertenversammlung fordert, daß die durch die neuen tech-
       nischen Möglichkeiten machbaren Projekte in das bestehende System
       der öffentlich-rechtlichen Anstalten eingebunden werden, frei vom
       Einfluß des  Staates sowie von einseitigen politischen oder wirt-
       schaftlichen Gruppierungen.
       Mit  Befremden   stellt  die   Delegiertenversammlung  fest,  daß
       Schriftsteller, die  an einer qualitätvollen Gestaltung der Rund-
       funkprogramme entscheidenden  Anteil haben,  von  den  Beratungen
       Über neue Medien so gut wie ausgeschlossen sind.
       Die Delegiertenversammlung erwartet von allen Mitgliedern des VS,
       daß sie  sich an den Veranstaltungen, Demonstrationen und anderen
       Maßnahmen der Aufklärungsarbeit aktiv beteiligen.
       

       zurück