Quelle: Blätter 1980 Heft 05 (Mai)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       INTERNATIONALE PRESSESTIMMEN ZU PRÄSIDENT CARTERS
       =================================================
       GESCHEITERTER MILITÄRAKTION IM IRAN AM 24. APRIL 1980
       =====================================================
       
       Man weiß  nicht, welchen  Aspekt man  herausheben soll angesichts
       des neuerlichen Bankrotts, den Präsident Carter mit seiner Aktion
       zur Rettung seiner Geiseln in Teheran erlitten hat, denn die Nie-
       derlage erscheint  vielfältig und  vernichtend. Die  Annullierung
       des  Projekts   schon  in  seiner  ersten  Phase  aufgrund  eines
       "Materialversagens" zeigt, daß die Angelegenheit, obwohl sie ris-
       kant, ziemlich schlecht organisiert, wenn nicht improvisiert war.
       Der Zusammenstoß, der nach dem Rückzugsbefehl erfolgte und 8 Tote
       in einer iranischen Wüste forderte, bereichert diese Konfusion um
       ein Element  der Panik.  Und schließlich  kann man  sich  fragen,
       warum das  Weiße Haus  es für notwendig erachtet hat, all das so-
       fort zu verkünden, da doch alle Teilnehmenden, einschließlich der
       Toten und  der Verletzten  hätten evakuiert werden können und die
       Iraner, ihren ersten Reaktionen zufolge, keine Ahnung hatten.
       ... Eine Operation im Herzen Teherans hätte viele Risiken herauf-
       beschworen, sowohl  für die Geiseln wie für die Zivilbevölkerung,
       und die  Evakuierung erschien  faktisch unmöglich. Es scheint je-
       doch, glaubt man den Gerüchten, die hartnäckig in Teheran kursie-
       ren, daß  amerikanische Kommandos  nach und  nach heimlich in den
       Iran eingeschleust  worden sind, mit dem Auftrag, sich im gegebe-
       nen Augenblick  an der Botschaft zusammenzufinden. Die Ereignisse
       von Freitag verstärken diese Annahme und lassen vermuten, daß die
       Niederlage noch  dramatischere Dimensionen angenommen hätte, wenn
       die gleiche  Improvisation beim  Angriff dieser Kommandos auf die
       islamischen Kämpfer  vorgeherrscht hätte. ... Im Ausland wiederum
       wird die  Glaubwürdigkeit der  Vereinigten Staaten erneut Schaden
       nehmen. Das  Bild eines  zögernden und vom Pech verfolgten Präsi-
       denten wird verstärkt durch eine Episode, die angesichts der Ana-
       logie zur  gescheiterten Landung  der Exilkubaner  zu Beginn  der
       Präsidentschaft Kennedys  bestimmt als "Schweinebucht des kleinen
       Mannes" tituliert  werden wird.  Was soll man von der Wirksamkeit
       eines Militärapparates halten, von dem die Sicherheit einer guten
       Hälfte des  Planeten abhängt, und der nicht in der Lage ist, zwei
       Flugzeuge in  einer Wüste zu landen, noch bevor es zu irgendeiner
       Feindeinwirkung gekommen  wäre? Was  bleibt von  der "Carter-Dok-
       trin", die  vorgab, die  westlichen Interessen  in  der  gesamten
       Golfregion zu schützen.?
       
       "Le Monde" v. 26.4.1980
       
       Gestern ist  die Welt  in eine außerordentlich ernste Phase ihrer
       Geschichte  eingetreten   und  kein   Gerede  über   "Glück"  und
       "Entspannung" kann  dies noch verschleiern. Man möge gut über die
       Tatsache nachdenken,  daß Herr  Carter nur noch die Wahl zwischen
       zwei Lösungen hat:
       - Die Niederlage  zu akzeptieren,  die Arme sinken und den Dingen
       ihren Lauf  zu lassen.  Konsequenz: Die Sowjets haben freie Bahn.
       Dann möge Gott die Welt retten, Europa, Frankreich!
       - Sich schlagen  und die  Revanche vorbereiten. Aber er kann sich
       keine zweite  Niederlage erlauben. Dieses Mal muß er gewinnen. Er
       wird gezwungen  sein, viel  stärkere Mittel einzusetzen, d.h. das
       Risiko eines sowjetischen Gegenschlags auf sich zu nehmen. Konse-
       quenz: Der Krieg. Dann möge der Herr sich damit beschäftigen, den
       Frieden zu retten! Der Horizont hängt voller schwarzer Wolken.
       
       "Le Figaro" v. 26.4.1980
       
       Jimmy Carter  ist, wie wir gestern betont haben, ein gesunder und
       anständiger amerikanischer  Präsident. Er  ist kein  Gauner  oder
       Schwindler und  man sollte  ihn auch  nicht als Witzfigur ansehen
       (nicht einmal in der ätzenden Tretmühlenatmosphäre der Washingto-
       ner Politik).  Es mag genug billige Schadenfreude über das Fiasko
       irgendwo in  der iranischen Wüste geben; Supermachtgehabe und My-
       then von  John Wayne  und Iwo  Jima -  neu aufgelegt als schwarze
       Farce. Aber  es gab  einen Zug echter Tragik, als sich Mr. Carter
       gestern morgen  um 7  Uhr  Ostküstenzeit  seinem  Fernsehpublikum
       stellte: die  Tragödie nicht  nur von  acht für nichts geopferten
       Menschenleben, sondern  die eines  Mannes, der  weiß, daß  er der
       Führer der  freien Welt  ist, dem aber jede Aktion, die er unter-
       nimmt, zu  einer elenden  Demütigung gerät. Natürlich hätte alles
       ganz anders  kommen können.  Es hätte keinen Maschinenschaden und
       keinen Zusammenstoß  geben müssen. Es hätte ein neues Entebbe ge-
       ben können  mit Blaskapelle  und Konfettiregen. Aber das war nie-
       mals sehr  wahrscheinlich -  was auch  immer die  Logistik de ge-
       scheiterten Mission  war. Von  Arnheim bis Dieppe, von Yom Kippur
       zur Schweinebucht  nach Son Tay, ist die Geschichte ein Buch vol-
       ler militärischer  Desaster; und  nur Hollywood und das anregende
       Charisma von  Männern in Khaki-Uniformen läßt Politiker dies ver-
       gessen. Viel wahrscheinlicher wären die Geiselbefreier in irgend-
       einem Teheraner Kreuzfeuer gefangen worden; viel wahrscheinlicher
       wären einige der Geiseln, einige amerikanische Soldaten und viele
       iranische Studenten  tot auf  dem Platz zurückgeblieben. Und nie-
       mand kann  genau sagen,  was anschließend gewesen wäre, außer daß
       es unendlich  gefährlich für den Weltfrieden und unendlich schäd-
       lich für  die westlichen  Interessen im  Mittleren Osten  gewesen
       wäre. Das  Fiasko in  der Wüste  könnte sich, mit später Einsicht
       und mit  Glück, noch  als Glück  im Unglück  entpuppen. Ohne  Um-
       schweife gesprochen  gibt es mehrere Lehren. Daß Bündniskonsulta-
       tion und  Bündnisloyalität -  in einer derart evidenten Gefahren-
       lage -  keine Einbahnstraße  sein kann.  Daß das Weiße Haus, mit-
       leiderregend schlingernd, Rat viel dringender braucht als simplen
       Gehorsam. Daß Militäroperationen, von kleinem oder großem Umfang,
       niemals so  klinisch und  effektiv sind,  wie die Herren Generale
       vermuten (oder  wie Ronald  Reagan, wenn  er seine  Stahlringe um
       Kuba auswirft, träumt). Daß der Iran sich, in seiner ersten Reak-
       tion auf  die Episode, nicht so blindwütig zeigt wie es das State
       Department befürchtet.  Daß weitere  militärische Abenteuer jetzt
       zweifellos vergessen werden müssen. Daß acht Männer schon sinnlos
       gestorben sind  und daß,  wenn nicht  mehr Menschenleben verloren
       werden sollen, "friedliche und diplomatische Mittel", wie langsam
       und frustrierend  sie auch  sein mögen,  die einzigen verfügbaren
       Mittel sind.
       
       "The Guardian" v. 26.4.1980
       
       ... Aber  die Geduld  des Präsidenten  riß auf verheerende Weise,
       und daß  dabei der  Druck des Wahlkampfs eine Rolle gespielt hat,
       kann kaum bezweifelt werden. Die Passage des amerikanischen Wahl-
       kampfes durch  das Minenfeld  des Mittleren Ostens ist eine haar-
       sträubende Vorstellung.  Und uns drohen noch weitere sechs Monate
       dieses furchterregenden  und obszönen  Slaloms. ... Zumindest ei-
       nige der westlichen Alliierten haben in Luxemburg bei Aktionen in
       Sachen Iran  ökonomischen Sanktionen  - mitgezogen, die sie ziem-
       lich töricht  fanden, um etwas zu vermeiden, was sie für sehr tö-
       richt hielten:  nämlich eine  militärische Intervention. Tatsäch-
       lich wurden  sie damit in die Vorbereitung dessen einbezogen, was
       sie zu  vermeiden versucht hatten - und was, wie es scheint, ohne
       ihr Wissen  schon beschlossene  Sache war.  Das darf nicht wieder
       geschehen. Die  Schweinebucht ist  als Präzedenzfall zitiert wor-
       den. Aber  die Analogie  ist alles andere als exakt. Der Mittlere
       Osten ist  nicht die Karibik. Er ist eine Region, die, sowohl hi-
       storisch als  auch ökonomisch, Europa mehr angeht als Amerika....
       Es ist  auch wichtig, daß Kanzler Schmidt ermutigt werden sollte,
       die Einladung  zu Gesprächen  in Moskau mit Herrn Breschnew anzu-
       nehmen. Wir befinden uns jetzt in einer Weltkrise, die nicht bei-
       gelegt werden  kann, ohne  die Zusammenarbeit  der beiden  Super-
       mächte.... Es  ist mehr  als 140 Jahre her, seit Alexis de Toque-
       ville aufzeigte, daß Amerika außer Kontrolle gerät, wenn ein Prä-
       sident zur  Wiederwahl kandidiert.  Zu jener Zeit betraf dies al-
       lein die  Amerikaner. Jetzt  ist es  eine Angelegenheit,  die die
       Überlebenschancen der Menschheit berührt.
       
       "The Observer" v. 27.4.1980
       
       Das politische  Desaster, daß  die Vereinigten  Staaten gerade im
       Iran erlitten  haben, kann  eine segensreiche Wirkung haben, wenn
       die Europäer  in diesem  Moment, wo  sich die Gemeinschaft in die
       ernsteste Krise  ihrer Geschichte  gestürzt hat, daraus die Lehre
       ziehen, die sich aufdrängt: Niemand, weder Europa, noch die Staa-
       ten, aus  denen es sich zusammensetzt, weder die Völker, noch die
       Individuen, hat  das Recht, die geringste Verantwortung in fremde
       Hände zu legen, gleichgültig wessen und hätte dieser auch die be-
       sten Absichten;  und niemand hat das Recht, auf eigene Handlungs-
       möglichkeiten zu  verzichten und  auf die  Fähigkeit, sich dieser
       frei zu  bedienen. ...  Es geht  nicht darum,  sich zu isolieren,
       Hilfen und  Bündnisse zu  verweigern, aber darum, niemals zu ver-
       gessen, daß  niemand seine Sicherheit, d.h. seine Zukunft gewähr-
       leisten kann, wenn er nicht zunächst auf sich selbst zählt; nicht
       aber, indem er sich auf die unterstellte Weisheit und Macht einer
       vergeblichen "Führerschaft" zurückzieht.
       
       "Le Monde" v. 27.4.1980
       

       zurück