Quelle: Blätter 1980 Heft 05 (Mai)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       "WISSENSCHAFTLER ANALYSIEREN KONZEPTION UND FUNKTION VON
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       FRANZ JOSEF STRAUSS" - KONGRESS DES BUNDES DEMOKRATISCHER
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       WISSENSCHAFTLER (BDWI) IN BONN AM 27./28. JUNI 1980
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       (Wortlaut)
       
       Am 27./28. Juni 1980 fährt der "Bund demokratischer Wissenschaft-
       ler" in  Bonn (Beethovenhalle)  einen Kongreß  zum Thema "Wissen-
       schaftler analysieren  Konzeption und  Funktion von  Franz  Josef
       Strauß" durch. Die Tagung beginnt am Freitag, den 27.6. um 14 Uhr
       und endet  am Samstag,  den 28.6.  um 13 Uhr. Anmeldungen sind zu
       richten an:  Bund demokratischer Wissenschaftler e.V., Geschäfts-
       stelle, Postfach 1162, 3550 Marburg/Lahn, Tel. 06421/21395.
       
       Derzeit treten  verschiedene Initiativen  hervor, die  mit unter-
       schiedlicher politischer  Motivation und differenzierter Zielset-
       zung einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Kanzlerkandida-
       ten der  CDU/CSU, Franz Josef Strauß, mit dem durch ihn vertrete-
       nen Programm sowie mit den hinter ihm stehenden konservativen und
       reaktionären Kräften leisten wollen.
       Sie führen  diese Auseinandersetzung  in dem  Bewußtsein, daß die
       Bundestagswahlen im  Herbst für  die innere  Entwicklung  unseres
       Landes ebenso  wie für  seine Stellung in Europa und der Welt von
       historischer Bedeutung sind.
       Die Mitglieder  des Bundes  demokratischer Wissenschaftler (BdWi)
       werden sich an diesen Initiativen beteiligen. Darüber hinaus sind
       Wissenschaftler  in  dieser  Auseinandersetzung  herausgefordert,
       einen eigenständigen Beitrag zu leisten, der mit ihrem Arbeitsge-
       biet Wissenschaft  und mit ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen
       und Interessen verknüpft ist.
       Die Nominierung  von Franz Josef Strauß zum Kanzlerkandidaten be-
       deutet einen "Rechtsruck" in der gesellschaftspolitischen Strate-
       gie der  konservativen und  reaktionären Kräfte.  Sie antizipiert
       eine Politik  des innen-  und außenpolitischen  "Roll Back" gegen
       alle demokratischen  und sozialistischen  Kräfte sowie  gegen die
       Gewerkschaftsbewegung. Sie  zielt auf  die Liquidierung wichtiger
       Ergebnisse der sozialliberalen Reformpolitik der frühen siebziger
       Jahre, auf die Restauration des erstickenden ideologischen Klimas
       der Periode  des Kalten Krieges. Sie beinhaltet das Konzept einer
       restaurativen  Krisenüberwindungsstrategie,  die  auf  der  einen
       Seite den  Abbau sozialpolitischer  Leistungen und der Reallöhne,
       die Einschränkung von Mitbestimmungs- und Kontrollrechten der Ar-
       beitnehmerschaft und  der Gewerkschaften,  Massenarbeitslosigkeit
       als Dauererscheinung  und die  bewußte Verhinderung  von Chancen-
       gleichheit im  Bildungswesen zum Programm erhebt -, andererseits,
       als notwendig  frankierende Maßnahmen, durch den Abbau demokrati-
       scher Rechte  und die  Verstärkung der  Tendenzen zum autoritären
       Staat den Handlungsspielraum der gesamten demokratischen Bewegung
       einengen will.
       Wissenschaftler haben  die Möglichkeit  und die Verpflichtung, in
       der Öffentlichkeit  den Charakter  dieses politischen  Konzeptes,
       seine geschichtlichen  und ideologischen  Wurzeln, seine Interes-
       sengebundenheit und  seinen Herrschaftscharakter, seine gefährli-
       chen gesellschaftlichen  wie politischen Wirkungen darzulegen und
       zu kritisieren.
       - Die Kampagne  des Franz  Josef Strauß wird ideologisch von kon-
       servativen und  reaktionären Wissenschaftlern  mitgetragen. Deren
       Argumente auf gesellschafts-, wirtschafts-, kultur- und bildungs-
       politischem Gebiet zu begegnen, ist eine vorrangige Aufgabe demo-
       kratischer Wissenschaftler. So muß beispielsweise die von der CSU
       initiierte Diskussion zum Thema "Sozialismus Nationalsozialismus"
       in diesem  Sinne als  eine Herausforderung für Historiker und Ge-
       sellschaftswissenschaftler, aber  auch  für  Naturwissenschaftler
       mit historischem  Erkenntnisanspruch und  sozialem Engagement be-
       griffen werden.  Ähnliches gilt für die Versuche, reaktionäre Be-
       gabungsideologien und  biologisch-sozialdarwinistische Positionen
       im Bereich  der pädagogischen,  psychologischen und medizinischen
       Wissenschaften wieder  hoffähig zu  machen. Auch fordert die Eti-
       kettierung der  Strauß'schen Konzeption als "christliche Politik"
       eine besondere  Stellungnahme  christlicher  Wissenschaftler  und
       Theologen.
       - Demokratische Wissenschaftler,  die sich  im vergangenen  Jahr-
       zehnt  für  die  inhaltliche  und  institutionell-rechtliche  De-
       mokratisierung des Bildungs- und Ausbildungswesens auf allen sei-
       nen Stufen eingesetzt haben, sind durch die Gefahr, daß sich über
       eine Kanzlerschaft von Franz Josef Strauß und die politische Füh-
       rungsrolle  der   CSU  in  einer  künftigen  Bundesregierung  das
       "Bayerische Modell" der Bildungspolitik auf Bundesebene verallge-
       meinern könnte,  in ganz besonderer Weise betroffen. Wir betrach-
       ten es  als unsere Aufgabe, am Beispiel dieses "Modells" und sei-
       ner geistigen  Wurzeln -  wie insgesamt am Beispiel konservativer
       Bildungspolitik -  dessen antidemokratische  und inhumane Inhalte
       und Wirkungen zu verdeutlichen.
       - Angesichts der engen Verbindungen reaktionären Politik und aka-
       demischer Wissenschaft in der neueren deutschen Geschichte - ins-
       besondere in  der Weimarer  Republik und im Zusammenhang der gei-
       stigen und  politischen Wegbereitung  für die Machtübertragung an
       den Faschismus im Jahre 1933 - kommt demokratischen Wissenschaft-
       lern heute  eine besondere  geschichtliche Verantwortung  zu. Sie
       müssen in  der Öffentlichkeit  des In- und Auslandes deutlich ma-
       chen, daß  ein relevanter Teil der Wissenschaftler in der Bundes-
       republik aus  der Geschichte  Lehren gewonnen  hat, daher  bereit
       ist, für  die Verhinderung  jener Wende  nach rechts einzutreten,
       die die  konservativen und reaktionären Kräfte durch die Nominie-
       rung von  Franz Josef Strauß zum Kanzlerkandidaten und durch sei-
       nen Wahlsieg herbeiführen wollen.
       
       Bund demokratischer Wissenschaftler
       

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