Quelle: Blätter 1980 Heft 05 (Mai)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DOKUMENTE ZUR AUSEINANDERSETZUNG UM DIE TEILNAHME
       =================================================
       AN DEN OLYMPISCHEN SPIELEN 1980 IN MOSKAU
       =========================================
       
       Nach der  unter dem Druck der Regierung Carter zustandegekommenen
       Entscheidung des  amerikanischen Nationalen Olympischen Komitees,
       die Olympischen  Spiele in  Moskau zu  boykottieren, sprach  sich
       auch die  Bundesregierung in einer Empfehlung an das NOK der Bun-
       desrepublik offiziell gegen die Entsendung bundesdeutscher Sport-
       ler aus. Mit dieser deutlichen Geste zugunsten einer in zunehmen-
       dem Maße  unberechenbaren amerikanischen  Außenpolitik stellt die
       Bundesregierung die Erhaltung der weltweiten olympischen Bewegung
       und den  Sportverkehr mit der Sowjetunion in Frage; sie erschwert
       zugleich Erhalt und Ausbau der wirtschafts- und kulturpolitischen
       Verbindungen, die  in den  zurückliegenden Jahren geknüpft werden
       konnten und längst zu einem wesentlichen Bestandteil der Entspan-
       nungspolitik geworden sind.
       Wir dokumentieren  im folgenden  die erwähnten  Erklärungen sowie
       die Reaktion  betroffener Sportler  und Bürger  - soweit  sie bis
       Ende April  vorlagen - und verweisen zudem auf den im Februarheft
       1980 der  "Blätter" veröffentlichten Aufsatz von Sven Güldenpfen-
       nig: "Olympische  Spiele 1980  in Moskau. Sportpolitik als Schau-
       platz der internationalen Auseinandersetzungen."
       
       D. Red.
       
       Resolution des Olympischen Komitees der USA zu den Spielen
       ----------------------------------------------------------
       in Moskau vom 12. April 1980
       ----------------------------
       
       (Wortlaut)
       
       Mit Rücksicht  darauf, daß  das Internationale Olympische Komitee
       (IOC) die  Olympischen Sommerspiele  1980 nach  Moskau, Union der
       Sozialistischen Sowjetrepubliken (Sowjetunion), vergeben hat; und
       mit Rücksicht  darauf, daß  der Präsident der Vereinigten Staaten
       von Amerika das Olympische Komitee der Vereinigten Staaten (USOC)
       gedrängt hat,  dem IOC  vorzuschlagen, die  Sommerspiele 1980  in
       Moskau zu verschieben, zu verlegen oder abzusagen; und
       mit Rücksicht  darauf, daß  der Präsident  des USOC die Forderung
       des Präsidenten der Vereinigten Staaten dem Exekutiv-Ausschuß des
       IOC in  Lake Placid,  New York,  vorlegte, der diese Forderung am
       12. Februar 1980 ablehnte; und
       mit Rücksicht  darauf, daß  der Präsident der Vereinigten Staaten
       mit Brief  vom 15. Februar 1980 erklärte, "Es ist meine Entschei-
       dung, daß  die Vereinigten Staaten, wenn die sowjetischen Truppen
       bis zum  20. Februar 1980 nicht vollständig aus Afghanistan abge-
       zogen sind,  keine Mannschaft  zu den Spielen entsenden sollten";
       und
       mit Rücksicht  darauf, daß  die Streitkräfte der Sowjetunion sich
       bis zu diesem Datum nicht aus Afghanistan zurückgezogen und nicht
       mit dem Abzug begonnen haben; und
       mit Rücksicht  darauf, daß das USOC feststellt, daß bestimmte US-
       Amateursportler schon  Plätze für  die Olympiamannschaft 1980 er-
       rungen haben und weitere Sportler angestrengt trainiert haben, um
       sich um  Plätze in  der Mannschaft 1980 zu bewerben, und das USOC
       seine Verantwortung  gegenüber den  Amerikanern erfüllen  möchte,
       die das  USOC und die betreffenden Sportler unterstützt und Mann-
       schaften für  die Olympischen  und die  Panamerikanischen  Spiele
       vorbereitet, ausgewählt und angemeldet haben; und
       mit Rücksicht  darauf, daß das USOC bis zum 24. Mai die Anmeldung
       für die Olympischen Sommerspiele 1980 vornehmen muß,
       hat das  Olympische Komitee der Vereinigten Staaten deshalb jetzt
       nach ausführlichen  Diskussionen der  Delegiertenversammlung, zu-
       sammengetreten an diesem 12. April 1980,
       beschlossen, weil der Präsident der Vereinigten Staaten dem Olym-
       pischen Komitee  der Vereinigten  Staaten mitgeteilt  hat, daß im
       Hinblick auf die internationalen Ereignisse die nationale Sicher-
       heit des  Landes in  Gefahr ist, zu entscheiden, keine Mannschaft
       zu den  Olympischen Sommerspielen  1980 nach Moskau zu entsenden,
       aber die  Olympiamannschaft der  USA in der üblichen Weise auszu-
       wählen, um  die Sportler,  die als  Olympioniken trainiert worden
       sind, anzuerkennen, und
       weiterhin beschlossen, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten
       dem Olympischen  Komitee der  Vereinigten Staaten am 20. Mai 1980
       oder vorher mitteilt, daß die internationalen Vorgänge wieder mit
       den nationalen  Interessen vereinbar  sind und  die nationale Si-
       cherheit nicht  länger gefährdet ist, seine Sportler für die Som-
       merspiele 1980 anzumelden.
       
       Beschluß der Bundesregierung über eine Empfehlung an das
       --------------------------------------------------------
       Nationale Olympische Komitee der Bundesrepublik Deutschland
       -----------------------------------------------------------
       
       1. Die Bundesregierung empfiehlt dem Nationalen Olympischen Komi-
       tee für  Deutschland, keine  Mannschaft oder einzelne Sportler zu
       den Olympischen  Sommerspielen 1980 in Moskau und Tallinn zu ent-
       senden. In  Übereinstimmung mit  der Gemeinsamen  Presseerklärung
       des Präsidenten  der Vereinigten Staaten von Amerika und des Bun-
       deskanzlers vom  5. März  1980 hält  sie eine Teilnahme deutscher
       Sportler an  den Olympischen  Sommerspielen 1980  nicht für ange-
       bracht, solange  die sowjetische Besetzung Afghanistans andauert.
       Sie steht auch in dieser Frage zu ihrem Verbündeten USA.
       2. Die  Bundesregierung hat  wiederholt erklärt, daß es Sache der
       Sowjetunion sei,  die  Voraussetzungen  dafür  zu  schaffen,  daß
       Sportler aller  Länder an  den Spielen teilnehmen können. Der So-
       wjetunion ist  bekannt, daß sie diese Voraussetzungen durch einen
       Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan schaffen kann. Die
       mit einer Mehrheit von 104 Stimmen angenommene Resolution der Ge-
       neralversammlung der  Vereinten Nationen  vom 14. Januar 1980 hat
       den unverzüglichen Rückzug verlangt. Die Sowjetunion hat dies bis
       heute nicht  getan. Es liegen auch keine Anzeichen dafür vor, daß
       sich die  Lage bis zum Ablauf der Anmeldefrist für die Nationalen
       Olympischen Komitees  (am 24.  Mai) ändert.  Die Sowjetunion  hat
       vielmehr deutlich gemacht, daß sie ihre Truppen derzeit nicht ab-
       ziehen will.
       3. Die  Bundesregierung weiß,  daß ein Verzicht auf eine Olympia-
       Teilnahme viele  Sportler schwer  trifft, die sich seit Jahren in
       hartem Training vorbereitet und persönliche Opfer gebracht haben.
       Die Olympischen  Spiele können  aber nicht  isoliert vom  Weltge-
       schehen gesehen  werden. Deshalb  appelliert die  Bundesregierung
       ebenso an  die staatsbürgerliche  Verantwortung unserer  Sportler
       und Sportorganisationen  wie an  deren Solidarität mit den Sport-
       lern anderer  Staaten, die an der Olympiade nicht teilnehmen wer-
       den. Die Bundesregierung wird an der bewährten Leistungssportför-
       derung uneingeschränkt  festhalten und Sportbegegnungen im inter-
       nationalen Bereich weiterhin nachdrücklich fördern
       
       Warendorfer Erklärung bundesdeutscher Spitzensportler für eine
       --------------------------------------------------------------
       Beteiligung an  den Olympische  Spielen in  Moskau vom  20. April
       1980
       -----------------------------------------------------------------
       -
       
       (Wortlaut)
       
       Wir deutschen  Sportler verurteilen  das Vorgehen der Sowjetunion
       in Afghanistan  aufs Schärfste. Jedoch hoffen wir noch immer, daß
       die UdSSR  die Voraussetzung  für eine  Teilnahme der Sportle aus
       aller Welt  an den Olympischen Spielen 1980 schafft. Gleichzeitig
       distanzieren wir uns in alle Deutlichkeit von den Versuchen poli-
       tischer Splittergruppen,  die Interessen der Sportler als die ih-
       ren darzustellen.  Wir begrüßen  die Absicht der Bundesregierung,
       die Entscheidungsfreiheit  des NOK  in vollem Umfang unangetastet
       zu lassen.  Dabei haben  wir für  die  zu  erwartende  politische
       Empfehlung Verständnis.  Diese  Empfehlung  sehen  wir  als  eine
       Stellungnahme an, die auf rein politischen Erwägungen beruht. Die
       überwältigende Mehrheit der Olympia-Kandidaten ist jedoch der An-
       sicht, daß  wir unsere Entscheidung zusätzlich auf sportliche und
       sportpolitische Gesichtspunkte zu stützen haben.
       Es  wird  befürchtet,  daß  eine  Nichtteilnahme  bundesdeutscher
       Sportler an den Olympischen Spielen in Moskau nicht nur die Olym-
       pischen Spiele,  sondern auch  alle anderen internationale Sport-
       wettkämpfe und  Begegnungen gefährden  wird. Uns erscheint es äu-
       ßerst zweifelhaft, ob bei einer solchen Nichtteilnahme in Zukunft
       noch Länderkämpfe,  Europa- und  Weltmeisterschaften in gewohnter
       Weise stattfinden  werden. Die UdSSR könnte Gleiches mit Gleichem
       verbinden und  so den Sport mehr und mehr zu einem Instrument der
       Politik machen. Die in jahrelanger Arbeit aufgebauten Sportbezie-
       hungen zwischen  Ost und  West würden  auf diese Weise gefährdet.
       Für uns  Sportler stellt  sich dann die Frage, ob es unter diesen
       Voraussetzungen überhaupt  noch sinnvoll  ist, Leistungssport  zu
       betreiben.
       Nach gewissenhafter  Abwägung sportlicher  und politischer  Argu-
       mente befürwortet  eine große Mehrheit der Olympia-Kandidaten die
       Teilnahme einer  Mannschaft an  den Olympischen  Spielen 1980  in
       Moskau. Wir  sind der  Ansicht, daß der Sport allein kein taugli-
       ches Mittel  einer politischen Demonstration sein kann. Der Sport
       ist der schwächste Partner zwischen Politik, Wirtschaft und ande-
       ren Bereichen.  Er darf  nicht dazu  dienen, Sanktionen, die dort
       ausgeblieben und  Solidaritätsappelle, die dort ungehört verhallt
       sind, aufzufangen.
       Deshalb wünschen  wir, daß  sich unser  NOK für eine Teilnahme an
       den Olympischen  Spielen 1980  in Moskau  ausspricht und  daß die
       Meinung der  Aktiven in  die Entscheidungsfindung  mit einbezogen
       wird. Weil wir befürchten, daß mit einer Nichtteilnahme die Olym-
       pische Idee  zu Grabe  getragen wird,  stehen wir heute vor ihnen
       und rufen ihnen zu: OLYMPIA LEBT!
       
       Aufruf "Olympia soll leben!" von Sportlern und Bürgern der
       ----------------------------------------------------------
       Olympiastadt München vom Februar 1980
       -------------------------------------
       
       (Wortlaut)
       
       Wir wehren  uns gegen  die zunehmenden  Versuche, mit politischen
       Boykottdrohungen gegen die Olympischen Spiele in Moskau die olym-
       pische Idee  von Frieden  und Völkerfreundschaft  ad absurdum  zu
       führen.
       Gerade jetzt, angesichts der zunehmenden internationalen Spannun-
       gen und der aktuellen Gefährdung des Weltfriedens, scheint es uns
       notwendiger denn  je, das  friedliche und kameradschaftliche Mit-
       einander der Völker, das auch im olympischen Gedanken seinen Aus-
       druck findet, zu fördern.
       Wir fordern  deshalb von  der Bundesregierung, dem amerikanischen
       Druck nicht  nachzugeben und  sich in  der Frage  der Olympischen
       Spiele nicht  zum Handlanger  der Carterschen Außenpolitik machen
       zu lassen, die auch in den USA selbst auf zunehmenden Widerspruch
       stößt.
       Wir bitten Sie deshalb, sich unserer Forderung anzuschließen: Die
       Olympischen Spiele 1980 in Moskau müssen stattfinden!
       Therese Angeloff,  Schriftstellerin -  Ernst  Antoni,  mehrfacher
       oberbayerischer  Meister  im  Kunstspringen  -  Jürgen  Berghoff,
       Werklehrer, Personalrat  - Horst Bergmann, Ingenieur, Betriebsrat
       - Arend Bertzbach, Pastor - Sepp Bierbichler, Schauspieler - Theo
       Bolkart, Olympia-Teilnehmer  im Schwimmen  1968 in  Mexiko - Paul
       Breitner, vielfacher  Fußball-Nationalspieler - Reinhold Brember-
       ger, Arzt  - Dr. Barbara Bronnen, Schriftstellerin - Hartmut Dre-
       wes, Pastor  - Bernd  Dürnberger, Fußballspieler  (FC  Bayern)  -
       Erich Eckinger,  technischer Zeichner,  Jugendvertreter -  Gisela
       Elsner, Schriftstellerin  - Ruth  Fenko,  Pastorin  -  Hans-Georg
       Frieser, Sozialarbeiter,  Personalrat - Wolfgang Fritz, Gesamtju-
       gendvertreter -  Dr. Rainer  Gehring, Industriepfarrer  -  Matina
       Günther, Kartograph, Betriebsrätin - Dr. Jochen Haink, Chemiker -
       Dr. Michael Hatry, Dramaturg - Beppo Herweck, Trainer, Leiter der
       Münchner Springerschule  - Michaela  Herweck, fünffache  deutsche
       Meisterin im  Kunstspringen, Olympiateilnehmerin 1972 - Friedrich
       Hitzer, Chefredakteur  - Bärbel Högemann, Schülerin, Klassenspre-
       cherin -  Beppo Hofeditz,  Fußballspieler (TSV  1860  München)  -
       Prof. Dr. Horst Holzer, Soziologe Heinrich Horrelt, Angestellter,
       Betriebsrat -  Peter Huber,  Werkzeugmacher, Betriebsrat  -  Karl
       Kaufmann, Angestellter  - Wolfgang  Kern, Jugendvertreter - Albin
       Killat, Jugend-Vizeweltmeister  im Turmspringen  - Alois Kirchho-
       fer, Jugendvertreter  - Peter Knoch, Stadtplaner, Gesamtbetriebs-
       ratsvorsitzender - Helmut Kremers, Fußballspieler (FC Schalke 04)
       - Franz  Xaver Kroetz, Dramatiker - August Kühn, Schriftsteller -
       Manfred Mayer,  Schriftsetzer, Betriebsratsvorsitzender  - Helmut
       Menzel, Gewerkschaftssekretär  - Wolfgang Michel, Jugendvertreter
       - Gerd  Nies, Rechtsanwalt - Hermann Offner, Betriebsrat - Hertha
       Paarmann, Sozialarbeiterin,  Personalrätin -  Carlo  Schellemann,
       Maler und  Graphiker - Franz Schmatz, Maschinenschlosser, Jugend-
       vertreter  -  Hans  E.  Schmitt-Lermann,  Rechtsanwalt  -  Walter
       Schoffs,  langjähriges  Mitglied  der  Kanu-Nationalmannschaft  -
       Bernd Schwegmann,  Konditor, Fußballschiedsrichter  - Dr.  Jürgen
       Peter Stoessel,  Tierarzt und  Publizist - Franz Stützinger, Fuß-
       balltrainer -  Dr. Gerd Tersteegen, Rechtsanwalt - Dr. Ernst Uhl,
       Pastor - Berthold Wahlich, Studienrat mit Facultas Sport - Helmut
       Walbert, Schriftsteller - Ingeborg Weigand, Malerin Wilfried Wen-
       zel, Jugendpfleger,  Personalratsvorsitzender  -  Thomas  Zander,
       Fußballspieler (TSV  1860 München)  - Dimitrios  Zevos, Gesamtju-
       gendvertreter -  Guido Zingerl,  Maler und  Grafiker, und weitere
       1100 Unterzeichner.
       

       zurück