Quelle: Blätter 1980 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DOKUMENTATION ZUR ATOMKRIEGSGEFAHR UND ZUR AUSEINANDERSETZUNG MIT
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       DER NEUEN US-ATOMKRIEGSSTRATEGIE IN DER BUNDESREPUBLIK
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       Acht Thesen zur neuen Atomkriegsstrategie der USA und zur
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       "Nachrüstung", vorgetragen von Dr. Alfred Mechtersheimer
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       (MPI Starnberg) auf einer Pressekonferenz in Bonn am
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       11. September 1980
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       (Wortlaut)
       
       Am 11. September 1980 wurde auf einer Pressekonferenz in Bonn ein
       von bekannten deutschen und internationalen Militärfachleuten und
       Friedensforschern  erarbeitetes   Taschenbuch   mit   dem   Titel
       "Aufrüsten, um  abzurüsten?" vorgestellt.  Einer der Autoren, Dr.
       Alfred Mechtersheimer  vom Max-Planck-Institut  in Starnberg, äu-
       ßerte sich  in acht Thesen über die "neue amerikanische Atomstra-
       tegie und  den Nachrüstungsbeschluß  der NATO".  Nachstehend  der
       Wortlaut dieser  außerordentlich prägnanten  Problemübersicht. D.
       Red.
       
       1. die  neue amerikanische  Abschreckungsstrategie  (Presidential
       Directive 59) vergrößert die Kriegsgefahr in Europa und verändert
       die Grundlagen der Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutsch-
       land. Die  Bundesregierung und  die politischen  Parteien  dürfen
       sich der Diskussion über die Konsequenzen nicht länger entziehen.
       2. Die  Vorstellungen auf militärische Ziele begrenzbaren strate-
       gischen Nuklearkrieg  führen zu  können, macht  den Krieg  wieder
       denkbar. Aus  den politischen  Waffen zur  Kriegsverhütung werden
       militärische Instrumente,  mit denen  "gesiegt" werden kann. Wäh-
       rend sich bisher weder die Sowjetunion noch die USA bei einem nu-
       klearen Schlagabtausch einen Gewinn erhoffen konnten, könnte dies
       künftig für  denjenigen möglich sein, der dem anderen zuvorkommt.
       Die Sorge beider Seiten vor der möglichen Erstschlagfähigkeit des
       anderen führt  zur tatsächlichen  Erstschlagkapazität beider Sei-
       ten.
       3. Dieser "Remilitarisierungsprozeß" der strategischen Waffen hat
       sich schon lange abgezeichnet. Die jetzt verkündete amerikanische
       Strategie hat  deshalb eine  neue Qualität,  weil sie der techni-
       schen Entwicklung vorauseilt und damit den qualitativen Rüstungs-
       wettlauf zusätzlich  antreibt und  nicht zuletzt  dadurch die An-
       sätze der Rüstungskontrollpolitik zunichte macht.
       4. Die neue US-Strategie erkauft eine größere Schonung der Bevöl-
       kerung mit der Erhöhung der Kriegswahrscheinlichkeit. Da aber die
       Reaktionen der  Sowjetunion nicht zuverlässig eingeschätzt werden
       können, wäre  das  Ergebnis  der  neuen  Strategie  eine  größere
       Kriegswahrscheinlichkeit und die Vernichtung der Zivilisation.
       5. Nach  der offiziellen  Interpretation soll  der  amerikanische
       Präsident mit  Hilfe der  neuen Strategie eine größere Handlungs-
       freiheit  erhalten,  damit  die  Abschreckung  glaubhafter  wird.
       Glaubhafter kann  sie aber nur sein, wenn der Einsatz der nuklea-
       ren Waffen in einer militärischen Krise wahrscheinlicher ist. Da-
       durch wird vor allem in Europa der Atomwaffeneinsatz erleichtert.
       6. Die  572 Pershing-II-Raketen und die Cruise-Missiles, die nach
       dem NATO-Ratsbeschluß vom Dezember 1979 eingeführt werden sollen,
       sind die für Europa bestimmten Waffen dieser neuen amerikanischen
       Nuklearstrategie. Die Eignung zur atomaren Ausschaltung militäri-
       scher Ziele  in der Sowjetunion ist das eigentliche Motiv für die
       Stationierung. Die  Modernisierung des  sowjetischen Mittelstrec-
       kenpotentials begünstigte  die Durchsetzung  dieser Entscheidung.
       Rüstungskontrolle spielte dabei keine Rolle, zumal aus amerikani-
       scher Sicht die 572 Waffen der militärische Mindestbedarf sind.
       7. Mit Hilfe dieser in Europa stationierten amerikanischen Waffen
       könnte sich  entsprechend der  neuen  Strategie  tatsächlich  ein
       Atomkrieg begrenzen  lassen, nämlich  auf Europa.  Hier aber, vor
       allem in  dem dichtbesiedelten  Mitteleuropa, würde ein nuklearer
       Krieg auch  dann zu  einem atomaren  Holocaust werden,  wenn  die
       Atomwaffen auf militärische Ziele gerichtet wären.
       8. Die  europäischen NATO-Partner  der USA  sind  aufgerufen,  in
       recht  verstandener   atlantischer  Solidarität  den  sogenannten
       Nachrüstungsbeschluß zur Stationierung neuer Atomwaffen in Europa
       im Lichte  der neuen US-Nuklearstrategie zu überprüfen. Vor allem
       die neue Bundesregierung hat darüber zu entscheiden, ob sie einen
       Rüstungsschritt ermöglichen  oder verhindern  will, der den Atom-
       krieg in Europa wahrscheinlicher macht.
       
       
       Interview mit General a.D. Wolf Graf Baudissin über die jüngste
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       Entwicklung der US-Atomstrategie in der "Neuen Hannoverschen
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       Presse" vom 14. April 1980
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       (Wortlaut)
       
       Frage: Die  USA haben ihre Militärstrategie verändert. Sie wollen
       einen atomaren  Angriff nicht mehr durch "massive Vergeltung" ge-
       gen die  Städte des Feindes, sondern durch gezielte Schläge gegen
       militärische Ziele  beantworten. Kommt das für den Fachmann über-
       raschend?
       Baudissin: Derartiges ist seit Verteidigungsminister Schlesinger,
       also seit  1974, in  der Diskussion. Hinter der jetzigen Ankündi-
       gung stecken  meiner Meinung  nach auch  viel Wahlpropaganda  und
       sonstige innenpolitische  Gründe. Die  sowjetischen Raketenrampen
       liegen in einem Gürtel beiderseits der Transsibirischen Bahn zwi-
       schen Moskau  und Wladiwostok. Wenn die USA - aus welchen Gründen
       auch immer  - einen  Schlag gegen diese Systeme auslösen, wird es
       für die  Führung der  UdSSR nicht einfach sein zu erkennen, ob er
       gegen die  Städte oder  gegen die Streitkräfte gerichtet ist. Ich
       kann nur  nicht vorstellen, daß man bei einer solchen Planung si-
       cher sein  kann, daß  der Gegner  entsprechend zurückhaltend rea-
       giert -  vor allem  da er  sich in Minuten, vor dem Aufschlag der
       bereits fliegenden Systeme, entschließen muß.
       Frage: Wirft diese Planung nicht auch prinzipielle Probleme auf?
       Baudissin: Sehr  ernste sogar.  Eines davon ist die Frage: Wollen
       wir uns  in Europa  auf Kriegführung  und sogar  auf eine atomare
       einstellen, oder  wollen wir bei der Strategie der Kriegverhütung
       bleiben? Kriegverhütung  ist nur  möglich, wenn  das  Risiko  der
       Kriegführung so hoch wie möglich ist - für beide Seiten. Von die-
       sem Prinzip  abzugehen, halte ich für außerordentlich gefährlich.
       Denn selbst ein begrenzter konventioneller Krieg würde heute Mit-
       teleuropa weit  schlimmer verwesten als der Zweite Weltkrieg. Wer
       sich überhaupt  gedanklich auf Kriegführung einstellt, ist leicht
       dazu verführt, die Realität des Krieges zu verharmlosen.
       Frage: Wie beurteilen Sie dabei die Strategie der UdSSR?
       Baudissin: Sie steht schon aus ideologischen Gründen auf dem her-
       gebrachten Standpunkt,  daß Krieg ein Mittel der Politik ist. Wir
       wollen keinen Krieg, argumentiert man, aber wenn die andere Seite
       uns einen  aufzwingt, wollen  wir ihn auch gewinnen. Lange hat es
       aus sowjetischer  Sicht keinen Unterschied in der Beurteilung der
       Chancen in  einem konventionellen und einem nuklearen Krieg gege-
       ben. Nun  mehren sich dort die Sen dafür, sich auf Kriegverhütung
       umzustellen, während man im Westen beginnt, Kriegführungs-Strate-
       gien zu propagieren. Die UdSSR ist seit jeher nicht nur technolo-
       gisch, sondern  auch im strategischen Denken einige Jahre zurück;
       ich hoffe  nur, daß  der jetzige Rückgriff des Westens auf vornu-
       kleare Vorstellungen  die Kriegführungs-Tendenzen  im Osten nicht
       neu belebt.
       Frage: Kann  die UdSSR  ihren Rückstand  in der Waffentechnologie
       denn aufholen?
       Baudissin: Das  ist schwer  zu prophezeien. Die Rüstungsindustrie
       ist fast  der einzige Sektor in der UdSSR, der in Technologie und
       Management mit  westlichen Maßstäben  zu messen  ist.  Wo  Moskau
       Schwerpunkte setzt, kann es den Westen zweifellos ein- und parti-
       ell sogar  überholen. Im allgemeinen haben allerdings die USA die
       Nase vorn.
       Frage: Nicht  zuletzt die  Moskaureise von Helmut Schmidt hat die
       seit Afghanistan  eingefrorene Ost-West-Atmosphäre  wieder  etwas
       aufgetaut. Wie  kann die  Rüstungskontrolle nun inhaltlich voran-
       kommen?
       Baudissin: Es  liegt eine  Anzahl von Vorschlägen auf dem Tisch -
       nicht nur die Breschnew-Offerte vom Oktober oder das NATO-Angebot
       vom Dezember  1979. Man  sollte nun  die entsprechenden  Verhand-
       lungspakete aufschnüren.  Ich halte es für unsinnig, auf Motivsu-
       che zu  gehen: Was  will der Osten eigentlich? Kein Verhandlungs-
       partner legt  gleich sein  letztes Angebot  auf  den  Tisch.  Ich
       glaube, die  Zeit spricht vor allem für die Vereinbarung vertrau-
       ensbildender Maßnahmen.  Sie bedeuten  keinen Eingriff  in Zahlen
       oder Qualität von Waffensystemen oder Truppen. Aber Austausch von
       Informationen, Manöverbesuche,  Anmeldung von  Truppenbewegungen,
       Offenlegen von  Rüstungsdaten usw.  verbessern  die  gegenseitige
       Durchsichtigkeit, bauen  Mißtrauen ab und schaffen so die Voraus-
       setzung für  spätere Reduzierungen;  sie machen Vertragstreue ge-
       genseitig kontrollierbar.
       Frage: Selbst  wenn Ost  und West sich auf weitere Vereinbarungen
       zur Rüstungskontrolle  verständigen -  macht die  Entwicklung der
       Waffentechnologie sie nicht zur Makulatur?
       Baudissin: In  der Tat bietet die Technologie uns Waffen, die im-
       mer destabilisierender  wirken. Nehmen Sie nur die U-Boot-Aufklä-
       rungs- und Abwehrmittel. Die strategische Stabilität beruht heute
       zu erheblichem Teil auf der Tatsache, daß U-Boote nicht rechtzei-
       tig zu entdecken und zu bekämpfen sind. Sollten wir auch auf die-
       sem und  anderen Gebieten weitere "Fortschritte" machen, herrscht
       Instabilität; alle Beteiligten fühlen sich bedroht.
       Frage: Ist diese für Rüstungskontrolle grundsätzliche Gefahr noch
       in den Griff zu bekommen?
       Baudissin: Man  kann über den Brüsseler NATO-Beschluß verschiede-
       ner Meinung  sein. Ich begrüße ihn, weil er das erste Modell bie-
       tet, wie  man geplante  Waffensysteme rechtzeitig  zur Diskussion
       stellt. Wir sehen an der sowjetischen Mittelstreckenrakete SS 20,
       wie schwer es ist zu verhandeln, wenn Systeme erste einmal produ-
       ziert werden. Ich würde daher den Brüsseler Ansatz gern zu Struk-
       turen ausgebaut  sehen, welche  die Rüstungsdynamik  beider Bünd-
       nisse kooperativ  steuern, das  heißt, in denen 5, 6, 7 Jahre vor
       Produktionsbeginn die  Rüstungsplanungen verglichen und aufeinan-
       der abgestimmt werden können.
       
       
       Erklärung der 30. Pugwash-Konferenz in Breukelen (Niederlande)
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       vom 20.-25. August 1980
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       (Wortlaut)
       
       Niemals zuvor  hat die Menschheit vor einer so ernsten Gefahr ge-
       standen. Ein  großer Nuklearkrieg würde das Ende der Zivilisation
       bedeuten und  könnte zur  Ausrottung des Menschengeschlechts füh-
       ren. Dennoch  sind überall  in der Welt militärische mächtige Na-
       tionen, die  über außerordentlich große Reserven an Nuklearwaffen
       verfügen, offenbar  nicht in der Lage, ihre Differenzen im gegen-
       seitigem Verständnis  und durch  Verhandlungen beizulegen. Im Ge-
       genteil, die  Nuklearwaffen nehmen zahlenmäßig zu und werden per-
       fektioniert: es  besteht die  Gefahr ihrer  Verbreitung in vielen
       anderen Staaten.  Obendrein wird in einigen Ländern versucht, den
       üblen Doktrinen  eines begrenzten und sogar eines gewinnbaren Nu-
       klearkriegs Ansehen zu verleihen.
       Inzwischen nehmen  die jährlichen  Militärausgaben,  die  ohnehin
       schon 500 Milliarden Dollar übersteigen, in aller Welt weiter zu,
       wobei der  geplante Zuwachs  20 Milliarden  Dollar pro Jahr über-
       trifft. Dadurch  werden wertvolle materielle und menschliche Res-
       sourcen vergeudet,  die zur  Verbesserung der  Lebensbedingungen,
       insbesondere in  den Ländern der dritten Welt, dringend gebraucht
       würden. Die ökonomische soziale und politische Ungleichheit führt
       unausweichlich zu  instabilen Situationen in den einen oder ande-
       ren Welträumen,  was starken äußeren Kräften den Vorwand zur Ein-
       mischung gibt  und gefährliche Spannungsherde schafft, die lokale
       Kriege auslösen  können. Solche Konflikte können sich sehr leicht
       zu einem großen Nuklearkrieg auswachsen.
       Wenn nicht  umgehende und  effektive Schritte  zur Eindämmung und
       Eliminierung solcher  Tendenzen  unternommen  werden,  sehen  wir
       einen großen  und katastrophalen Kernkrieg noch vor dem Ende die-
       ses Jahrhunderts  voraus. Ein solcher Krieg würde Tod und Zerstö-
       rung bedeuten,  die der  menschlichen  Gesellschaft  schon  keine
       Handlungsfreiheit mehr  ließen. Die  Erhaltung des  Menschen  als
       biologische Art wäre gefährdet. Unter diesen Umständen ist unsere
       Pflicht als  Wissenschaftler, als  Repräsentanten des Menschenge-
       schlechts klar: Wir müssen für die Erhaltung des Lebens kämpfen.
       Das ist die Hauptthese der 30. Pugwash-Konferenz, die vom 20. bis
       zum 25. August 1980 in Breukelen (Niederlande) stattgefunden hat.
       Pugwash-Konferenzen zu Problemen der Wissenschaft und internatio-
       naler Beziehungen  werden seit 1957 abgehalten. Sie sind die Ant-
       wort auf einen Appell, mit dem sich Bertrand Russell, Albert Ein-
       stein und  neun andere  weltbekannte Wissenschaftler 1955 an ihre
       Kollegen wandten,  "eine Konferenz  einzuberufen und die Gefahren
       zu erörtern,  die infolge der Entwicklung von Massenvernichtungs-
       waffen entstanden sind". Jetzt, 25 Jahre später, nach beträchtli-
       chen Anstrengungen  und großen  Hoffnungen, fühlen  wir uns  ver-
       pflichtet, unsere  Regierungen, alle Menschen der Welt zu warnen:
       "Sollen wir dem Menschengeschlecht ein Ende setzen, oder soll das
       Menschengeschlecht den Krieg ausschließen?"
       Die vor  uns stehenden  Probleme sind nicht einfach; wir leben in
       einer komplexen  Welt. Aber  solange die Nationen nicht erkennen,
       daß Gewalt  zu immer  mehr Gewalt führt, daß Drohungen nur zu Ge-
       gendrohungen führen,  wird die  Todesgefahr akut bleiben. Es gibt
       keine Alternative zu Verhandlungen. Im Osten oder Westen, im Nor-
       den oder Süden, die Erhaltung des Lebens auf der Erde hängt davon
       ab, daß alle Nationen anerkennen, daß es keine Rechtfertigung für
       einen Krieg  geben kann, daß zur Lösung aller Streitfragen fried-
       liche Mittel gesucht werden können und müssen.
       Wir rufen  alle Männer  und Frauen guten Willens in allen Ländern
       der Welt auf, sich aktiv einzusetzen für:
       - die Wiederaufnahme ernsthafter Verhandlungen zwischen der UdSSR
       und den USA;
       - die Einstellung des nuklearen und konventionellen Rüstungswett-
       laufs in Europa wie überall;
       - die Einstellung  der Einmischung  äußerer Nationen in Konflikte
       der dritten Welt.
       Die Erreichung  dieser Ziele  kann den bestehenden katastrophalen
       Trend zum Krieg aufhalten und den Boden für eine vollständige nu-
       kleare Abrüstung  bereiten, was  die unbedingte Voraussetzung für
       einen dauerhaften Frieden darstellt.
       Wir können  nicht umhin, uns zum Schluß auf das Russell-Einstein-
       Manifest zu berufen, das heute genauso aktuell ist wie in den Ta-
       gen, da  es geschrieben  wurde: "Vor  uns liegt, wenn wir wollen,
       ein ständiger  Fortschritt auf dem Wege zu Glück, Wissen und Ver-
       nunft. Sollten  wir wirklich  den Tod  wählen,  weil  wir  unsere
       Streitigkeiten nicht  vergessen können?  Als Menschen appellieren
       wir an  Menschen: Wenn  Ihr das könnt, ist der Weg zu einem neuen
       Paradies frei;  wenn nicht,  liegt vor Euch das Risiko eines uni-
       versalen Todes.
       
       
       Resolution "Entspannung und Abrüstung" des 13. Ordentlichen
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       Gewerkschaftstages der IG Metall vom 21.-27. September 1980
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       (Wortlaut)
       
       Der in  der letzten  Septemberwoche tagende  Gewerkschaftskongreß
       der IG Metall verabschiedete unter dem Titel "Entspannung und Ab-
       rüstung" eine aufsehenerregende Resolution, die u.a. eine deutli-
       che Absage  an den  Nachrüstungsbeschluß des  NATO-Rates und  die
       Atomkriegsstrategie der USA enthält. Wir dokumentieren im folgen-
       den den mit deutlicher Mehrheit angenommenen Beschluß des Gewerk-
       schaftstages, der  sich in  wesentlichen Aussagen  mit  den  Ent-
       schließungen Nr.  2 und  3 des vom 14. bis 20. September tagenden
       Kongresses der  Gewerkschaft Handel,  Banken  und  Versicherungen
       (HBV) deckt. D. Red.
       
       Ausgehend von  den Grundsätzen der internationalen Gewerkschafts-
       bewegung fordert  der 13.  ordentliche Gewerkschaftstag erneut zu
       einer Politik  der Entspannung und Abrüstung auf. Die Aufrechter-
       haltung des  Friedens hat für die Arbeitnehmer absoluten Vorrang.
       Trotz aller  ideologischen Gegensätze  in der  Welt gibt es keine
       Alternative zu  einer Politik der Entspannung und des friedlichen
       Neben- und  Miteinanders der Völker. Im letzten Jahrzehnt sind in
       wesentlichen  Bereichen   Erfolge  beim  Übergang  von  der  Kon-
       frontation zur Kooperation erzielt worden.
       Die vertrauensbildende  Atmosphäre  in  den  Ost-West-Beziehungen
       wurde jedoch durch den militärischen Einmarsch der Sowjetunion in
       den blockfreien Staat Afghanistan nachhaltig gestört. Der 13. or-
       dentliche Gewerkschaftstag  verurteilt diese militärische Aggres-
       sion der  Sowjetunion, er  fordert den  vollständigen Rückzug der
       sowjetischen Truppen aus Afghanistan und hofft, daß die UdSSR zur
       Entspannungspolitik zurückkehrt.
       Die Ratifizierung  des SALT-II-Abkommens durch den amerikanischen
       Kongreß ist  eine Voraussetzung  für die Fortführung der Verhand-
       lungen zwischen  den Großmächten  über eine  wirksame Reduzierung
       der strategischen Waffen (SALT III). Die derzeit jährlich auf 500
       Milliarden Dollar  gestiegenen weltweiten Rüstungsausgaben müssen
       dringend durch internationale Vereinbarungen gesenkt werden.
       Entspannung und  Abrüstung kann  nicht ohne  oder gegen eines der
       großen weltpolitischen Lager erreicht werden. Deshalb wendet sich
       der 13.  ordentliche Gewerkschaftstag auch und gerade in der der-
       zeitigen Lage  gegen eine Politik des kalten Krieges. Der 13. or-
       dentliche Gewerkschaftstag verurteilt den Beschluß des NATO-Rates
       zur Bestückung West-Europas mit Mittelstrecken-Raketen.
       Er hält  Abrüstung und  Entspannung  als  Grundvoraussetzung  für
       eine, die  Arbeitnehmer überzeugende Reformpolitik 1). Er fordert
       alle gesellschaftlichen und politischen Kräfte in der Bundesrepu-
       blik Deutschland  auf, sich für die Sicherheit des Friedens durch
       eine Politik der Entspannung einzusetzen.
       Eine europäische  und internationale  Friedensordnung muß das Le-
       bensrecht aller  Nationen, deren  Selbstbestimmung und die Unver-
       letzlichkeit der  Grenzen respektieren.  Der Gewerkschaftstag ist
       sich bewußt, daß für die an der Nahtstelle der Bündnissysteme ge-
       legene und exportierte Bundesrepublik Deutschland die Perspektive
       des Friedens,  der Entspannung  und der Abrüstung ganz besonderes
       Gewicht hat.
       Auf diesem Wege war die Konferenz über Sicherheit und Zusammenar-
       beit in  Europa (KSZE)  ein Meilenstein,  der den Erwartungen der
       Gewerkschaftsbewegung entsprach.  Sie ist der umfassendste Koope-
       rationsversuch zwischen  Ost und West, den es seit Ende des Zwei-
       ten Weltkrieges  in Europa  gegeben hat.  Dies gilt  von den drei
       Hauptbereichen der  Schlußakte gleichermaßen, nämlich in den Fra-
       gen der Sicherheit, der Zusammenarbeit in den Bereichen der Wirt-
       schaft und  Wissenschaft sowie  in humanitären und anderen Berei-
       chen. Die  IG Metall  fordert die  beteiligten Länder auf, in der
       bevorstehenden Nachfolgekonferenz  diese Politik  wirksam fortzu-
       setzen.
       Ein wesentlicher Bestandteil der Entspannungspolitik ist die Nor-
       malisierung der  Beziehungen zwischen  den beiden deutschen Staa-
       ten. Trotz Belastungen von seiten der DDR ist die Bilanz der bis-
       herigen Bemühungen  zur  Verwirklichung  des  Grundlagenvertrages
       insgesamt positiv.  Die IG  Metall hat die Deutschlandpolitik der
       sozialliberalen Koalition  von Anfang  an unterstützt und bekennt
       sich ungeachtet  aller Schwierigkeiten erneut zur Fortführung der
       innerdeutschen Entspannungspolitik.
       Der Gewerkschaftstag  erwartet von  der Bundesregierung,  daß sie
       auch künftig  alle Möglichkeiten,  zu Abrüstungsvereinbarungen zu
       gelangen, nutzen  wird. Sie  muß mit  gebotener Zähigkeit und Um-
       sicht an  den internationalen  Verhandlungen  über  beiderseitige
       ausgewogene Truppenreduzierung  (MBFR) durch  eigene  Initiativen
       aktiv mitwirken.  Rüstungspolitische Alleingänge der Militärbünd-
       nisse oder  einzelner Bündnisstaaten  müssen unbedingt  vermieden
       werden. Der  Gewerkschaftstag verurteilt deshalb die neuesten rü-
       stungstechnologischen Entwicklungen  in den  Vereinigten Staaten,
       die die Führung eines begrenzten Atomkrieges ermöglichen 2).
       Die Sowjetunion wird aufgefordert, die Produktion und die Statio-
       nierung neuer  Mittelstreckenraketen einzustellen, damit die NATO
       ihren Nachrüstungsbeschluß  annullieren  kann.  Unabhängig  davon
       fordert der  Gewerkschaftstag die  Bundesregierung auf,  zusammen
       mit den  westlichen Bündnispartnern eine nicht an Bedingungen ge-
       knüpfte Verhandlungsbereitschaft zu zeigen.
       Der Gewerkschaftstag bekräftigt die ablehnende Haltung der IG Me-
       tall gegenüber  der Ausweitung der deutschen Rüstungsexporte. Die
       Bundesregierung wird  aufgefordert, weiterhin keine militärischen
       Güter in  Spannungsgebiete zu liefern. Die Erfahrung hat gezeigt,
       daß Rüstungsproduktion  auf Dauer  keine Beschäftigungssicherheit
       bietet. Das  Vollbeschäftigungsziel ist  kein Hinderungsgrund für
       Abrüstungspolitik.
       Der Gewerkschaftstag  fordert, daß  alle beteiligten  Regierungen
       sich für  die Sicherung des Friedens, für Entspannung und für Ab-
       rüstung bei den entsprechenden internationalen Verhandlungen ein-
       setzen.
       
       _____
       1) Die beiden vorstehenden Sätze wurden - nach einer entsprechen-
       den Empfehlung der Antragskommission - durch Mehrheitsbeschluß in
       den Text der Resolution aufgenommen.
       2) Der vorstehende Satz wurde - nach einer entsprechenden Empfeh-
       lung der  Antragskommission - durch Mehrheitsbeschluß in den Text
       der Resolution  aufgenommen. Der  von 56  Delegierten des Gewerk-
       schaftstages eingebrachte  Ergänzungsantrag wurde  wie folgt  be-
       gründet: "Nach Ablauf der Antragsfrist wurde am 7. August 1980 in
       Presse, Rundfunk  und Fernsehen  über die  'Direktive 59' des US-
       Präsidenten berichtet.  Mit der Direktive wird die bisherige ame-
       rikanische Nuklearstrategie  revidiert: Nicht  mehr 'Abschreckung
       durch gesicherte  gegenseitige Vernichtung', sondern die Vernich-
       tung ausgewählter Punktziele - die durch die höhere Treffgenauig-
       keit der  neuen Generation von Interkontinentalraketen ermöglicht
       wird -  ist nunmehr zentraler Punkt der neuen Strategie. Zusammen
       mit der  am 25.  August 1980 bekannt gewordenen Entwicklung eines
       von Radarstrahlen  nicht mehr  zu ortenden  Kampfflugzeuges  (das
       'das militärische  Gleichgewicht beträchtlich  verändern würde' -
       US-Verteidigungsminister Brown  laut 'Spiegel' vom 1.9.1980) ent-
       steht so  'Erstschlagskapazität' d.h.  die mögliche Chance, durch
       einen vorbeugenden  Angriff einen Gegenangriff des Gegners auszu-
       schließen oder jedenfalls in seinen Auswirkungen stark zu verrin-
       gern. Erklärtes  Ziel der  neuen Strategie  ist es,  zeitlich und
       räumlich begrenzte Atomkriege möglich zu machen."
       
       
       Berliner Erklärung katholischer Christen gegen die Atomrüstung
       --------------------------------------------------------------
       aus Anlaß des 86. Deutschen Katholikentages vom 4.-8. Juni 1980
       ---------------------------------------------------------------
       in Berlin (West)
       ----------------
       
       (Wortlaut)
       
       Die im  folgenden wiedergegebene "Berliner Erklärung katholischer
       Christen gegen  die Atomrüstung" und der sie ergänzende Text-Vor-
       schlag für  einen Brief  an die katholischen Bischöfe in der Bun-
       desrepublik wurden  während des  Berliner Katholikentages  Anfang
       Juni auf  einer groß Veranstaltung im Rahmen des "Katholikentages
       von unten" verlesen bzw. ausgelegt. Sie entstanden unter dem Ein-
       druck vor  allem des sogenannten Nachrüstungsbeschlusses der NATO
       vom Dezember  1979 und  der Absicht, auch in katholischen Kreisen
       in bezug  auf den  Problembereich Rüstung/Abrüstung  einen Umden-
       kungsprozeß einzuleiten. D. Red.
       
       Wir lehnenden  Einsatz von Atomwaffen - gleich ob zu Verteidigung
       oder zum Angriff bedingungslos ab. Angesichts der Entwicklung der
       Waffentechnik und  der Weltsituation halten wir ihn für unverein-
       bar mit dem Beispiel und der Botschaft Jesu Christi und der Lehre
       der katholischen Kirche.
       Wir fordern  deshalb die  Bundesregierung und  alle  unsere  Mit-
       menschen auf,  alle nur möglichen Schritte zu unternehmen, in den
       nächsten Jahren die atomare Rüstung im Bereich der Bundesrepublik
       entscheidend zu  verringern und schließlich alle Atomwaffen abzu-
       rüsten. Als  ersten Schritt fordern wir den Verzicht auf die Sta-
       tionierung zusätzlicher  Mittelstreckenwaffen (Cruise Missile und
       Pershing II).
       Wir wollen  darauf hinwirken,  daß unsere  Kirche sich  nicht mit
       allgemeinen Friedensappellen  begnügt, sondern  mehr  als  bisher
       konkret ihren Teil zu Frieden und Abrüstung in der Bundesrepublik
       beiträgt.
       Anhang:  Textvorschlag  für  einen  Brief  an  die  Bischofe  der
       Bundesrepublik
       Sehr geehrter Herr Bischof!
       Angesichts der  Krisen, die  unsere Welt erschüttern, sind wir ob
       des Schweigens  unserer Bischöfe  verunsichert, welchen  Weg  der
       Friedenssicherung die Kirche in der Bundesrepublik gehen will.
       Diese Verunsicherung ist um so größer, als wir in der Bundesrepu-
       blik direkt und mit unabsehbaren Folgen von einem denkbaren Welt-
       krieg betroffen  wären.  Durch  die  geplante  Stationierung  von
       Cruise Missile und Pershing II Raketen in der Bundesrepublik soll
       das System  der Abschreckung  fortgesetzt und  der Frieden weiter
       gesichert werden.  Was aber,  so fragen  wir, wenn  das Abschrec-
       kungssystem versagt?  Es liegt  doch in  der Logik  militärischen
       Denkens, daß stationierte Raketen in solche einem Falle auch ein-
       gesetzt werden.
       Da es  uns als  katholischen Christen  nicht erlaubt  ist, an dem
       Einsatz dieser Waffen mitzuwirken,
       (1) fordern wir dazu auf, auch schon der geringsten Versuchung zu
       solch einem  Einsatz größten  Widerstand entgegenzusetzen;  d.h.,
       wir fordern  von Ihnen, Herr Bischof, eine entschiedene Stellung-
       nahme gegen  die Stationierung  weiterer Atomraketen  in  unserem
       Land.
       (2) "...  jede Kriegshandlung,  die auf Vernichtung ganzer Städte
       oder weiter  Gebiete und  ihrer Bevölkerung  unterschiedslos  ab-
       stellt,... (ist)  ein Verbrechen gegen Gott und den Menschen, das
       fest und  entschieden zu  verwerfen ist." (II. Vatikanum. Gaudium
       et spes,  Art. 80.)  Dies gilt, wie sich aus dem Zusammenhang er-
       gibt auch im Falle einer "sittlich erlaubten" Verteidigung.
       
       
       "Frieden schaffen ohne Waffen" - Aufruf der Aktionsgemeinschaft
       ---------------------------------------------------------------
       Dienst für den Frieden zu einer bundesweiten Friedenswoche vom
       --------------------------------------------------------------
       16.-22. November 1980
       ---------------------
       
       (Wortlaut)
       
       Seit dem  Ende des Zweiten Weltkrieges, der mehr als 50 Millionen
       Menschenleben kostete,  hat es  über 120 Kriege gegeben. Ihre Ge-
       samtdauer betrug  mehr als  350 Jahre.  69 Länder und die Streit-
       kräfte von  81 Staaten  waren  beteiligt.  Das  Rüstungskarussell
       dreht sich  mit zunehmender Geschwindigkeit. Die jährlichen Welt-
       ausgaben für  militärische Zwecke  betragen schon  jetzt mehr als
       800 Milliarden  DM. Bald  ist die Billionen-Grenze überschritten.
       Dieses Geld fehlt den Verhungernden unserer Erde.
       Wir hören,  "Mut zur Rüstung" sei heute notwendig. Dem halten wir
       entgegen: FRIEDEN  SCHAFFEN OHNE  WAFFEN. Weder  ein heißer, noch
       ein erneuter  kalter Krieg darf entstehen. Frieden ist der Ernst-
       fall, so Gustav Heinemann. Aber: "Ein dritter Weltkrieg ist wahr-
       scheinlich". (C.  F. von  Weizsäcker) Deshalb: "Wir wollen unsere
       Gedanken und Worte disziplinieren, daß kein Spielen mit dem Krieg
       sich mehr  in uns  rührt und  kein friedensfeindliches  Wort mehr
       über unsere  Lippen kommt."  (Helmut Gollwitzer) Wir müssen drin-
       gender denn je für eine Friedenspolitik contra Abschreckungsstra-
       tegie eintreten.  Umkehr auf  dem eingeschlagenen  Weg wären  zum
       Beispiel kalkulierte einseitige Abrüstungsschritte.
       Gegenüber dem  Wettrüsten besteht  vielfach ein  Ohnmachtsgefühl.
       Wer sich  ohnmächtig fühlt,  sieht die Möglichkeiten des Handelns
       nicht. Wir  müssen uns  stärker unseres  Friedensauftrages bewußt
       werden. Es  gilt, Initiativen zu fördern, die diesem Ziel dienen.
       Eine Initiative  ist die  der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste
       und der anderen Mitglieder der Aktionsgemeinschaft Dienst für den
       Frieden, zu  einer bundesweiten  Friedenswoche  unter  dem  Motto
       FRIEDEN SCHAFFEN  OHNE WAFFEN  aufzurufen. Kirchengemeinden,  Ju-
       gendorganisationen, Schulen, Gewerkschaften, Dritte-Welt-Gruppen,
       Bürgerinitiativen, Frauengruppen,  Seniorenkreise, ... kurz: alle
       sind aufgerufen, sich an den Aktivitäten vom 16. bis 22. November
       1980 in  der ihnen möglichen Form zu beteiligen, sei es mit einem
       Gottesdienst, Veranstaltungen, Aktionen,
       Ausstellungen, Unterrichtseinheiten  oder gar durch die Organisa-
       tion einer Friedenswoche vor Ort.
       
       Kontaktanschrift: Aktion  Sühnezeichen / Friedensdienste, Jebens-
       straße 1, 1000 Berlin 12
       
       
       Appell des Weltparlaments der Völker für den Frieden
       ----------------------------------------------------
       vom 23. September 1980
       ----------------------
       
       (Wortlaut)
       
       
       Vom 23.-27.  September 1980  fand in Sofia ein "Weltparlament der
       Völker für  den Frieden" statt, an dem 2260 Teilnehmer 134 Länder
       und über  100 internationale Organisationen vertraten. Das Plenum
       dieser in der Bundesrepublik viel zu wenig beachteten Versammlung
       verabschiedete am  23. September  einmütig einen  Appell für  den
       Frieden, dessen Wortlaut wir nachstehend dokumentieren. D. Red.
       
       Die Völker  der Welt  sind tief beunruhigt. Nie zuvor war die Ge-
       fahr eines  nuklearen Weltbrandes  so groß.  Das nukleare Rüsten,
       die Anhäufung  todbringender Waffen haben kritische Ausmaße ange-
       nommen. Durch  eine weitere Rüstungseskalation könnte eine außer-
       ordentlich gefährliche  Lage entstehen, in der die Menschheit von
       Ausrottung bedroht wäre.
       Die "neue  Nuklearstrategie" ist ein großangelegtes Täuschungsma-
       növer: Den  Völkern soll  vorgespiegelt werden,  es sei  möglich,
       einen begrenzten  oder regionalen Kernwaffenkrieg zu führen, ohne
       eine weltweite  nukleare Katastrophe auszulösen. Wir weisen diese
       gefährlichen, unmenschlichen Absichten entschieden zurück.
       Seit mehr  als drei Jahrzehnten haben die Völker die Entfesselung
       eines Weltkrieges  erfolgreich verhindert  und  mit  Hingabe  für
       Abrüstung und Entspannung gekämpft - sie weigern sich, an solchen
       Machenschaften teilzuhaben. Sie fordern: Schluß mit der Anhäufung
       der Waffen und dem Säbelrasseln. Schluß mit Aggression und Gewal-
       tandrohung. Die  Gefahr eines  nuklearen Krieges  muß  abgewendet
       werden.
       Wir appellieren  an Vernunft  und Verantwortungsbewußtsein  aller
       Politiker und Staatsmänner, wir appellieren an die Regierungen:
       Keine neuen  Rüstungsprogramme. Hört auf mit der Produktion neuer
       Arten von  Massenvernichtungsmitteln -  Raketen, Neutronenwaffen,
       chemischer und aller anderen Waffenarten. Reduziert die Arsenale.
       Ächtet die  Kernwaffen. Verhandelt.  Eine  andere  Wahl  gibt  es
       nicht.
       Wir appellieren an alle, denen der Friede teuer ist: Betroffen zu
       sein genügt  nicht, besorgt  zu sein  ist nicht genug. Die Völker
       haben die  Macht, den  Frieden zu  wahren, er ist ihr Grundrecht.
       Jetzt muß gehandelt werden.
       Lassen wir  alles Trennende beiseite. Schließen wir uns zusammen,
       um die  Gefahr eines  Atomkrieges ein  für allemal zu beseitigen.
       Gebieten wir  jenen Einhalt,  die unsere  Welt immer näher an den
       atomaren Abgrund drängen. Erheben wir unsere Stimme mit einer nie
       dagewesenen Stärke.
       
       
       Aufruf des Koordinationsausschusses Ökologie und Frieden zu
       -----------------------------------------------------------
       Aktionen "Gegen Rüstung und Atom" am 25. Oktober 1980 in
       --------------------------------------------------------
       Nordhorn/Lingen
       ---------------
       
       (Wortlaut)
       
       Wir stehen  an der  Schwelle des gefährlichsten Jahrzehnts in der
       Geschichte der  Menschheit. Ein  Dritter Weltkrieg  ist nicht nur
       möglich, sondern wird auch wahrscheinlicher:
       - in Europa,  dem Hauptschauplatz der Ost-West-Auseinandersetzun-
       gen, geht der wahnsinnige Rüstungswettlauf ungebrochen weiter und
       wird durch neuartige Atomraketen zusätzlich beschleunigt;
       - durch den  Export von  Rüstungsgütern und atomaren Technologien
       in die Länder der Dritten Welt werden neue Krisengebiete geschaf-
       fen und die Kriegsgefahr erhöht;
       - die ungerechte  Verteilung des  Wohlstands, die  Ausbeutung der
       Dritten Welt  und der  wirtschaftliche Konkurrenzkampf  drohen zu
       einem militärischen Konflikt um die restlichen Rohstoffe auszuar-
       ten. Die derzeitig vorbereitete Aufstellung "Mobiler Einsatztrup-
       pen", um  die Ölfelder  im Nahen und Mittleren Osten zu besetzen,
       droht Europa in einen Krieg hineinzuziehen.
       Ökologische Krisen und weltweite Aufrüstung gefährden den Frieden
       und unsere Lebensgrundlagen.
       Wir leben schon jetzt auf einem atomaren Pulverfaß. Auf dem Boden
       der Bundesrepublik  lagern über  7000 Atomsprengköpfe.  Im Rahmen
       des sogenannten  "zivilen" Atomprogramms sollen noch weitere ato-
       mare Anlagen hinzukommen, von Anreicherungsanlagen über Brennele-
       mente-Fabriken, Atomkraftwerken,  Wiederaufbereitungsanlagen  bis
       zu Atommüllagern.  Wie die  militärische Atomforschung die Grund-
       lage für  das "zivile"  Atomprogramm war, so können diese Anlagen
       heute den Grundstoff für die Herstellung von Atombomben liefern.
       Die Gefahren eines katastrophalen Unfalls durch technische Mängel
       oder durch  menschliches Fehlverhalten  erhöhen sich ständig. Al-
       lein in  den letzten Monaten hat die Welt durch Computerfehler in
       der amerikanischen  Raketenzentrale dreimal für einige Minuten am
       Rande eines  atomaren Weltkriegs  gestanden. Wie  die Katastrophe
       von Harrisburg gezeigt hat, ist trotz aller Sicherheitsbeteuerun-
       gen der  Atomlobby ein  Super-GAU bei  atomaren Anlagen jederzeit
       möglich.
       Viele Bürger  sind nicht mehr bereit, die Risiken der Atomenergie
       und die  Bedrohung durch das Wettrüsten tatenlos hinzunehmen, und
       leisten Widerstand  gegen das  "zivile" und militärische Atompro-
       gramm. Aber  den Militärs  und Berufspolitikern  gelingt es immer
       wieder, durch  eine ungeheuere  Manipulation des  Denkens und die
       Erzeugung von Angst eine öffentliche Diskussion über die steigen-
       den Kriegsgefahren  und die  anhaltende Aufrüstung zu verhindern.
       Mit falschen  Formeln wie dem "Gleichgewicht des Schreckens", daß
       Rüstung zur  Friedenssicherung und  Kriegsdienst als  "Dienst für
       den Frieden"  erforderlich sei,  wurde die  Bevölkerung über  die
       wachsende Bedrohung der gesamten Menschheit im unklaren gelassen.
       35 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben die Militärblöcke
       NATO und  Warschauer Pakt ein unglaubliches Vernichtungspotential
       von 3,7  Millionen Hiroshima-Bomben  angehäuft. Auf beiden Seiten
       werden ständig  neue Atomwaffen  produziert. Der Einsatz auch nur
       eines Teils  dieser Bomben  kann  die  Vernichtung  der  gesamten
       Menschheit und allen Lebens zur Folge haben.
       Entgegen den  Bekenntnissen zu  Frieden und Abrüstung erhöhen die
       Regierungen tatsächlich  Jahr für  Jahr die Zahl der Waffen. Auch
       in der  Bundesrepublik treiben die führenden Kräfte, Parteien und
       Politiker von  Regierung und Opposition dieses alte Spiel weiter.
       Durch massive Unterstützung seitens der Bundesregierung wurde mit
       der demagogischen  Formel "Nachrüstung" in der NATO durchgesetzt,
       in den  Jahren 1981-1983 neue Atomwaffensysteme - cruise missiles
       und Pershing II  - in Osteuropa zu stationieren, den größten Teil
       davon auf  bundesdeutschem Boden.  Produktion  und  Stationierung
       dieser Mittelstreckenraketen begünstigen Strategien eines auf Eu-
       ropa begrenzten Atomkriegs.
       Im Osten  wie im Westen gilt: Frieden ist nur jenseits von Waffen
       und militärischer Gewalt möglich. Sicherheit ist im Atomzeitalter
       militärisch nicht  herzustellen, das Wettrüsten bleibt eine stän-
       dige Gefahr.  Frieden läßt  sich dauerhaft  nur durch eine konse-
       quente Entspannung  und echte Abrüstungsschritte bei atomaren und
       konventionellen Waffen  erreichen. Die Einführung neuer Waffensy-
       steme, der Aufschub des SALT II-Abkommens, der Aufbau einer west-
       europäischen Atomstreitmacht,  das Bestreben zur Rekrutierung von
       Frauen für  den Kriegsdienst sind Versuche einflußreicher Kräfte,
       den Kalten  Krieg wiederzubeleben  und internationale Krisen hem-
       mungslos für  eine weitere Aufrüstung und Militarisierung der Ge-
       sellschaft auszunutzen.
       Ökologie- und  Friedensbewegung sind  sich bewußt:  Ein Krieg be-
       droht das  Überleben der Menschheit. Rüstung und militärische Ma-
       növer sind  zugleich die  sinnlosesten Formen der Rohstoffvergeu-
       dung, Umweltverschmutzung und Naturzerstörung. Die ungeheuerliche
       Verschwendung von  900 Milliarden  Mark Rüstungsausgaben pro Jahr
       in der  gesamten Welt  ist mitverantwortlich dafür, daß Millionen
       Menschen durch  Unterentwicklung, Krankheiten,  Hunger oder durch
       Verschmutzung der  Luft, Wasser  und Boden  in ihrer Existenz ge-
       fährdet sind.  Auch bei  uns wehren  sich Bürgerinitiativen gegen
       Landschaftszerstörung und Lärmbelästigung durch das Militär.
       Die Sicherung  des Friedens  und der Lebensgrundlagen ist bei den
       herrschenden Politikern  schlecht aufgehoben. - Wir müssen selbst
       die Initiative  ergreifen! Der  weltweiten Bedrohung  stellen wir
       unsere internationale Zusammenarbeit entgegen!
       Unser Ziel, Leben zu schützen, drückt sich auch in unseren Wider-
       standsaktionen aus.  Wir wollen - wie die Platzbesetzer in Gorle-
       ben -  gewaltfrei demonstrieren  und damit Formen des zivilen Wi-
       derstands entwickeln.
       Wir rufen  alle Bürger  zu Demonstrationen gegen das militärische
       und zivile Atomprogramm auf:
       Beteiligt Euch  am bundesweiten Aktionstag am 25. Oktober mit ei-
       ner Demonstration in Nordhorn/Lingen "Gegen ein atomares Emsland"
       Wir rufen  auf, weitere  gemeinsame Aktionen  m anderen  Regionen
       durchzuführen. Unter  dem Motto: "Atomkraftwerke und Atomwaffen -
       gemeinsam abschaffen" fordern wir:
       - Abrüstung in  Ost und  West. Eine  vertrauensbildende  Schritte
       durch die Bundesrepublik.
       - Keine Stationierung  neuer Atomraketen  auf bundesdeutschem Bo-
       den. Schaffung einer atomwaffenfreien Zone Mitteleuropa.
       - Stillegung  aller Atomanlagen. Einstellung des Exports atomarer
       Anlagen.
       - Keine Frauen  in die  Bundeswehr. Uneingeschränktes  Recht  auf
       Kriegsdienstverweigerung.
       - Entgiftung der  Umwelt. Keine  Verschwendung von Rohstoffen und
       Energie.
       - Umstellung der Atomwirtschaft und der Rüstungsindustrie auf zi-
       vile und  sozial nützliche Güter. Verstärkter Einsatz natürlicher
       Energiequellen.
       
       Koordinationsausschuss Ökologie und Frieden.
       Kontaktanschriften: BBU,  Hellbergstr. 6, 7500 Karlsruhe 21. DFG-
       VK, Rellinghauser Str. 214, 4300 Essen 1.
       
       
       Aufruf zur Internationalen Manifestation gegen die atomare
       ----------------------------------------------------------
       Aufrüstung In Europa am 26. Oktober 1980 in Kaiserslautern
       ----------------------------------------------------------
       
       (Wortlaut)
       
       Stoppt die atomare Aufrüstung in Europa
       
       - Den NATO-Atomraketenbeschluß aufheben
       - Jetzt verhandeln
       Die NATO hat beschlossen, neue US-Atomraketen herzustellen und in
       unserem Land zu stationieren. Diese Cruise Missiles und Pershing-
       II-Raketen führen  zu verschärften  Spannungen und  zu  Mißtrauen
       zwischen Ost  und West.  Mit ihnen wird der Frieden in Europa be-
       droht.
       Denn die neue Atomkriegsstrategie der USA ('Präsidenten-Direktive
       59') sieht  vor: mit den neuen Raketen und mit der Neutronenbombe
       soll ein  überraschender, auf Europa begrenzter Atomkrieg führbar
       werden. Der  Einsatzbefehl des  Präsidenten der USA würde für Eu-
       ropa ein  atomares Inferno  heraufbeschwören, in  dem unser  Volk
       nicht eine Stunde Überleben könnte.
       Die Bundesregierung  muß darum  ihre Zustimmung  zu dem  NATO-Be-
       schluß zurücknehmen. Für unsere Sicherheit brauchen wir nicht im-
       mer tödlichere  Massenvernichtungswaffen. Wir brauchen Verständi-
       gung, Entspannung und Zusammenarbeit: Schluß mit dem Wettrüsten.
       Dafür müssen  wir aktiv  werden. Die  UNO hat  zu einer Weltabrü-
       stungswoche vom 24. bis 30. Oktober aufgerufen.
       Kommt zur  Internationalen Manifestation:  Demonstrieren wir  ge-
       meinsam mit  Nachbarn aus Belgien, Frankreich, Holland am 26. Ok-
       tober 1980 in Kaiserslautern.
       Denn die  neuen Atomraketen werden mit Sicherheit in der Nähe von
       Kaiserslautern über  Ramstein, dem  größten NATO-Flughafen in Eu-
       ropa, eingeflogen  und in  Miesau, dem  größten  Waffendepot  der
       Welt, gelagert. Von hier aus werden sie über ganz Westeuropa ver-
       teilt.
       Stoppt die atomare Aufrüstung in Europa!
       Wir  demonstrieren   gemeinsam  mit   Franzosen,   Belgiern   und
       Niederländern in Kaiserslautern am 26. Oktober 1980.
       Internationale Manifestation:  14 Uhr Stiftsplatz; Eröffnung: Pa-
       stor Martin  Niemöller; Ansprache:  Professor Karl  Bechert,  MdB
       a.D. sowie Vertreter aus Frankreich, Belgien, Holland.
       Demonstration: 13  Uhr - ab Pfaffstr./Stadtpark (Frankreich, Bel-
       gien, Saar); ab Waldschlößchen/Bremerstr. (Bayern, Baden-Württem-
       berg); ab Mannheimer Str./Kaserne (Hessen, Rheinland).
       
       Weitere Informationen:  Komitee für Frieden, Abrüstung und Zusam-
       menarbeit, Gottesweg 52, 5000 Köln 51.
       

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