Quelle: Blätter 1981 Heft 04 (April)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       "TECHNOKRATISCHES GLEICHGEWICHTSDENKEN ALS MOTOR DER AUFRÜSTUNG"
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       - INTERVIEW DES "KÖLNER STADT-ANZEIGER" VOM 24. MÄRZ 1981
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       MIT DR. ERHARD EPPLER
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       (Auszug)
       
       Frage: Herr Eppler, Sie haben bekanntlich ein kritisches Verhält-
       nis zur Nachrüstung. Glauben Sie, daß es zu Verhandlungen mit der
       Sowjetunion kommen  wird, und  wenn nein:  werden die US-Raketen,
       die dann bei uns installiert würden, die Sicherheit Europas erhö-
       hen oder vermindern?
       Antwort: Ich habe beim Parteitag in Berlin im Dezember 1979 gegen
       den Nachrüstungsbeschluß gestimmt und würde das heute wieder tun.
       Mein entscheidendes Bedenken war von Anfang an folgendes: Die Er-
       setzung der zweifellos veralteten SS 4 und SS 5 durch Raketen vom
       Typ SS  20 gibt  der Sowjetunion ein nicht dramatisches, aber er-
       kennbares   Übergewicht   bei   eurostrategischen   Waffen.   Die
       Stationierung von  108 Pershing-Raketen und 464 Marschflugkörpern
       in West-  und Zentraleuropa gibt den USA dagegen die Möglichkeit,
       von nicht  amerikanischem Territorium  aus bei extrem kurzen Vor-
       warnzeiten Moskau, Leningrad oder Kiew zu vernichten.
       Während durch die SS 20 Verbündete der USA und die bei ihnen sta-
       tionierten Waffen  bedroht werden,  würde  durch  die  sogenannte
       Nachrüstung die  Sowjetunion direkt  bedroht. Ich habe von Anfang
       an bezweifelt,  daß die  USA mehr als bloß pro forma darüber ver-
       handeln würden,  wie man Marschflugkörper und SS 20 gegeneinander
       austarieren kann.
       Frage: In Ihrem eben erschienen Buch "Wege aus der Gefahr" werfen
       Sie die  Frage auf,  ob der Westen unter der Führung der USA etwa
       an den  Versuch gehen  solle, die  Sowjetunion totzurüsten. Haben
       Sie Anhaltspunkte dafür?
       Antwort: Es  gibt  immerhin  Berechnungen,  nach  denen  die  So-
       wjetunion 40  Milliarden Dollar aufwenden müßte, um ein System zu
       installieren, mit  dem die  "Cruise  Missile"  abgefangen  werden
       kann. Die Wirksamkeit dieser Systeme ist aber unsicher. Die Frage
       ist, was die Sowjets tun, ehe sie ökonomisch nicht mehr mithalten
       können. C. F. von Weizsäcker fragt, was der Bär tut, ehe oder gar
       wenn er in der Ecke ist.
       Grundsätzlich ist  meine Position nur von daher zu begreifen, daß
       ich im  Augenblick den  Ostblock für  ökonomisch,  politisch  und
       ideologisch bejammernswert schwach halte. Der Westen mit den USA,
       Westeuropa und  Japan ist  sogar militärstrategisch  und geopoli-
       tisch in der besseren Position, erst recht, wenn man China in die
       Betrachtung einbezieht.  Deshalb sehe  ich nicht  ein, warum eine
       übrigens gar  nicht neue  partielle Überlegenheit  der Sowjets in
       Zentraleuropa ausgerechnet  jetzt dramatisiert werden muß, da die
       globale Schwäche der anderen Seite für jedermann erkennbar ist.
       Frage: Welchen  Sinn können  denn Begriffe wie Überlegenheit oder
       Gleichgewicht angesichts der Overkill-Kapazitäten auf beiden Sei-
       ten haben?
       Antwort: Carter  hat ja schon vor fünf Jahren erklärt, ein einzi-
       ges Poseidon-U-Boot  mit seinen  Raketen könne sämtliche sowjeti-
       schen Großstädte vernichten. Und allein die europäischem Kommando
       unterstellten U-Boote  der NATO  können selbst  dann noch der So-
       wjetunion einen  tödlichen Schlag  versetzen, wenn  alle  landge-
       stützten eurostrategischen NATO-Waffen durch einen Erstschlag der
       Sowjets zerstört  sein sollten.  Ein  technokratisches  Gleichge-
       wichtsdenken ist  inzwischen zum  Motor einer ungezügelten Aufrü-
       stung geworden.  Da jeder  aus seinem Blickwinkel vom schlimmsten
       annehmbaren Fall  ausgeht, ist  jeder davon  überzeugt,  daß  das
       Gleichgewicht von  dem aus  verhandelt werden  soll, erst  einmal
       hergestellt werden  muß. Mit  dem Ergebnis,  daß jeder aufrüstet,
       damit man irgendwann einmal abrüsten kann. Es geht um ein Gleich-
       gewicht der Möglichkeiten, nicht um eines der Waffen.
       Frage: Für  viele klingt  das so unmittelbar einleuchtend, daß es
       schwerfällt zu  verstehen, warum  einsichtige  Leute  wie  Helmut
       Schmidt oder  Hans-Dietrich Genscher, denen auch keine unlauteren
       Motive unterstellt  werden können,  in der  Nachrüstungsfrage  zu
       ganz anderen Schlußfolgerungen gelangen.
       Antwort: Ich unterstelle niemandem unlautere Motive. Ich habe zum
       Beispiel auch  nie mit Helmut Schmidt darüber gestritten, wer die
       bessere oder  höhere Moral hat. Mich interessiert, wer die besse-
       ren Argumente hat.
       Frage: Wenn  der Nachrüstungsbeschluß  auf dem Münchener SPD-Par-
       teitag im  nächsten Jahr  korrigiert werden  sollte, müssen  dann
       nicht schwerwiegende Folgen für Partei und Koalition eintreten?
       Antwort: Entweder  das Reden vom Doppelbeschluß war ernst gemeint
       oder nicht. War es ernst gemeint, müssen wir uns im April 1982 in
       München fragen,  was in den 29 Monaten seit der NATO-Entscheidung
       geschehen ist.  Zwei Drittel  der Zeit  bis zur vorgesehenen Auf-
       stellung der Raketen werden dann verstrichen sein. Die Frage wird
       sein, ob  die USA wirklich an Verhandlungen gedacht haben oder ob
       ihr Versprechen  nur eine  Verzierung zur Beruhigung von Gemütern
       war, die  in diesem Punkt ebenso sensibel sind wie Sozialdemokra-
       ten.
       Wenn eine  vernünftige Anstrengung  der Amerikaner sichtbar wird,
       kann ich  mir vorstellen, daß der Parteitag den Berliner Beschluß
       bloß fortentwickelt.  Wenn es  aber so weitergeht wie bisher, daß
       zum Beispiel  der Vorschlag  Breschnews für ein Raketenmoratorium
       so eilfertig,  so peinlich voreilig abgewiesen wird, ohne daß man
       auslotet, was da drinstecken könnte, dann fürchte ich, daß gerade
       die, die  in Berlin der Nachrüstung zugestimmt haben, sich an der
       Nase herumgeführt fühlen.
       
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       *) Wir geben  das Interview,  das unter dem Titel "Wir dürfen der
       Jugend nicht mit Moral kommen" erschien, hier gekürzt um die Fra-
       gen und Antworten zum Thema Jugend wieder.
       

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