Quelle: Blätter 1981 Heft 05 (Mai)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       OFFENER BRIEF VON INGEBORG DREWITZ, BERNT ENGELMANN, HELMUT
       ===========================================================
       GOLLWITZER, WALTER JENS, DIETER LATTMANN UND DEN INITIATOREN
       ============================================================
       DES "BIELEFELDER APPELLS" AN DEN SPD-VORSITZENDEN WILLY BRANDT
       ==============================================================
       VOM 30. APRIL 1981
       ==================
       
       (Wortlaut)
       
       Sehr geehrter Willy Brandt,
       seit einigen  Monaten wird  in der  Bundesrepublik eine intensive
       und immer weitere Kreise der Bevölkerung einbeziehende Diskussion
       über die  sog. Nachrüstung  geführt. In christlichen Kreisen bei-
       spielsweise hat diese Frage ein bisher kaum gekanntes Gewicht be-
       kommen. Einige  Gewerkschaftstage des  vergangenen  Jahres  haben
       dazu eindeutig ablehnende Beschlüsse gefaßt. In allen politischen
       Parteien, insbesondere  in der  SPD, wächst  die Zahl derjenigen,
       die die  Stationierung der neuartigen amerikanischen Mittelstrec-
       kenraketen ablehnen.
       Leider ist  aber festzustellen,  daß die  Kritiker der  Brüsseler
       NATO-Entscheidung dabei  zunehmend einer  Kampagne von Unterstel-
       lungen, Beschimpfungen  und Verleumdungen  seitens bester  Kreise
       der "Nachrüstungs"-Befürworter  und diesen  nahestehender  Medien
       ausgesetzt sind.
       Einen vorläufigen,  unrühmlichen Höhepunkt in dieser Auseinander-
       setzung schuf  zu unserem großen Bedauern der Bundesgeschäftsfüh-
       rer der  SPD, Herr  Peter Glotz, mit einem Schreiben vom 8. April
       1981 an alle SPD-Landesverbände, Bezirke und Unterbezirke, in dem
       er vor  der Unterzeichnung des "Krefelder Appells" warnt. Die von
       Herrn Glotz  in diesem  Schreiben aufgestellten Behauptungen ent-
       sprechen nicht  den Tatsachen.  Wir verweisen in diesem Zusammen-
       hang auf  den Brief  des Generalmajor  a.D. Gert  Bastian vom 11.
       April 1981  an Herrn  Glotz, in dem dessen Behauptungen zurückge-
       wiesen und richtiggestellt werden.
       Immer mehr  Bürger unseres Landes sehen in der Stationierung wei-
       terer amerikanischer  Atomraketen eine  lebensbedrohende  Gefahr.
       Wir halten  es für  absolut legitim,  wenn sich  Menschen  dieser
       Überzeugung, unabhängig  von Partei- und Konfessionszugehörigkeit
       zusammenfinden, um  "Demokratie zu wagen", d.h. eine Unterschrif-
       tensammlung zu beschließen, die von der Bundesregierung die Rück-
       nahme ihrer Zustimmung zum NATO-Beschluß fordert.
       Wir empfinden  es als sehr bedenklich, wenn die Wahrnehmung eines
       demokratischen Rechts,  nicht zuletzt durch das Vorgehen des Bun-
       desgeschäftsführers der  SPD, tatsächlich  zu einem  Wagnis wird,
       indem Menschen,  die sich  dieser Forderung  anschließen,  unter-
       stellt wird,  sie würden "vielleicht mit bester Absicht - politi-
       schen Schaden" anrichten.
       Wir wenden  uns an  Sie, weil wir erwarten, daß Sie Ihren Einfluß
       als Vorsitzender  der  Sozialdemokratischen  Partei  Deutschlands
       geltend machen,  um den politischen Schaden, den Herr Glotz durch
       seinen Brief angerichtet hat, durch eine öffentliche Richtigstel-
       lung seiner  Behauptungen wiedergutzumachen.  Die Diskussion über
       eine Existenzfrage  unseres Landes  darf weder innerhalb noch au-
       ßerhalb der SPD durch die Verbreitung von Unwahrheiten unzumutbar
       belastet werden.
       Wir gehen  davon aus,  daß Sie mit uns der Meinung sind, daß sich
       Menschen, trotz  aller Verdienste  der SPD  um die  Friedens- und
       Entspannungspolitik, auch  außerhalb der  SPD zusammenfinden kön-
       nen, um  ihren Beitrag  zum Erhalt dieser Politik ohne Mißachtung
       ihres Engagements zu leisten.
       
       Mit freundlichen Grüßen
       
       Ingeborg Drewitz
       Bernt Engelmann
       Prof. D. Helmut Gollwitzer
       Prof. Dr. Walter Jens
       Dieter Lattmann
       Dieter Begemann
       Peter Peyer
       

       zurück