Quelle: Blätter 1981 Heft 06 (Juni)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       OFFENER BRIEF DER KREFELDER INITIATIVE "DER ATOMTOD BEDROHT UNS
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       ALLE - KEINE ATOMRAKETEN IN EUROPA!" AN BUNDESKANZLER HELMUT
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       SCHMIDT VOM 14. MAI 1981
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       (Wortlaut)
       
       Am 14. Mai 1981 veranstalteten die Initiatoren des "Krefelder Ap-
       pells" aus  Anlaß der  Reise von Bundeskanzler Schmidt in die USA
       eine Pressekonferenz  in Bonn,  auf der sie den nachstehend doku-
       mentierten Offenen  Brief an den Bundeskanzler der Öffentlichkeit
       übergaben. Auf der von Prof. Dr. Helmut Ridder geleiteten Presse-
       konferenz sprachen:  Dieter Begemann ("Bielefelder Appell"), Man-
       fred Coppik,  MdB, Ingeborg Drewitz, Dieter Lattmann, Werner Lutz
       (Bundesvorsitzender der  Deutschen Jungdemokraten), Prof. Dr. Ur-
       sula  Ranke-Heinemann,   Klaus  Thüsing,  MdB,  Klaus-Peter  Wolf
       (stellvertr. Bundesvorsitzender  der Jungsozialisten)  und Daniel
       Elsberg, USA.  Pastor Heinrich Albertz teilte anläßlich der Pres-
       sekonferenz brieflich mit: "... ich unterstütze den Krefelder Ap-
       pell, weil sich in ihm eine breite Front gegen den programmierten
       Rüstungswahnsinn zusammengefunden hat. An diese Front werden sich
       die Befürworter  des sog.  Nachrüstungsbeschlusses gewöhnen  müs-
       sen." D. Red.
       
       Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
       Wir bitten Sie, davon Kenntnis zunehmen, daß bis jetzt schon über
       800 000 Bürger  unseres Landes - darunter vor allem auch Abgeord-
       nete und Mitglieder Ihrer Partei - einen Appell unterzeichnet ha-
       ben, in dem die Bundesregierung aufgefordert wird, die Zustimmung
       zur Stationierung  von Pershing-II-Raketen  und Marschflugkörpern
       in Mitteleuropa zurückzuziehen.
       Dieses Ergebnis ist vor allem auch dank der Unterstützung unserer
       Initiative aus den Gewerkschaften und Kirchen, Kultur und Wissen-
       schaft, durch  Frauen- und  Jugendorganisationen sowie der Ökolo-
       giebewegung in  kaum einem halben Jahr erzielt worden, obwohl der
       "Krefelder Appell"  von einem  Großteil der Presse totgeschwiegen
       oder als  "kommunistisch unterwandert" diffamiert worden ist. Das
       läßt vermuten,  daß tatsächlich  noch weit  mehr  Mitbürger  eine
       Überprüfung der Brüsseler Beschlüsse vom 12.12.1979 wünschen.
       Nichts kann  jedenfalls darüber  hinwegtäuschen, daß  immer  mehr
       Deutsche mit  der beabsichtigten  Stationierung nuklearer Mittel-
       streckenwaffen in  ihrem Land nicht einverstanden sind, sehen sie
       doch in  diesem Vorhaben  - im Gegensatz zur offiziellen Darstel-
       lung -  keine akzeptable  Antwort der NATO auf die auch von ihnen
       abgelehnte sowjetische  Raketenrüstung, sondern  das Ergebnis von
       Veränderungen im nuklearen Kriegsführungsdenken der USA, als des-
       sen Instrumente die "Nachrüstungs"-Waffen ohne jeden Zusammenhang
       mit der sowjetischen SS-20 unverzichtbar sind.
       Bei dieser Sachlage und angesichts des von der amerikanischen Re-
       gierung offen  bekundeten Vormachtstrebens kann auch nicht an ein
       Interesse dieser  Regierung geglaubt  werden, die in Rom angekün-
       digten Verhandlungen  mit einem  Ergebnis abzuschließen,  das den
       Verzicht auf die "Nachrüstung" ermöglichen wurde.
       Die Fiktion  vom "Doppelbeschluß" darf deshalb einer Aufkündigung
       dieses Rüstungsvorhabens  nicht länger  im Wege stehen, zumal die
       NATO auch  ohne landgestützte  Mittelstreckensysteme über ein zur
       glaubhaften Abschreckung  mehr als ausreichendes Nuklearpotential
       "in und für Europa" verfügt.
       Das "Gleichgewicht des Schreckens" setzt eben allein eine Gleich-
       wertigkeit der  angedrohten Schäden,  nicht eine  Gleichartigkeit
       der dafür bereitgehaltenen Kriegsmittel voraus.
       Gestützt auf  das uns  bewiesene Vertrauen  von mehr  als 800 000
       Mitbürgern und in deren Auftrag appellieren wir daher an Sie, bei
       Ihren Gesprächen  mit dem  amerikanischen Präsidenten deutlich zu
       machen, daß  eine Stationierung  nuklearer  Mittelstreckenraketen
       der USA  auf deutschem  Boden nicht in Frage kommen kann, daß au-
       ßerdem unverzüglich  und ohne Vorbedingungen Rüstungskontrollver-
       handlungen mit  dem Ziel  einer beiderseitigen  Reduzierung aller
       sogenannten eurostrategischen Waffen aufgenommen werden müssen.
       Wir richten  diesen Appell  an  den  Kanzler  der  Bundesrepublik
       Deutschland, weil er von Bürgern nur dieses Landes getragen wird,
       die deshalb  auch nur von der Regierung dieses Landes die Berück-
       sichtigung ihrer Wünsche und Befürchtungen verlangen können.
       Doch auch Millionen Menschen in anderen Ländern Mitteleuropas und
       auch in  den USA,  als deren Wo er Politiker, Wissenschaftler und
       Militärs von  Rang an die Öffentlichkeit treten, erwarten den er-
       sten Schritt gegen eine "Nachrüstung" ebenfalls von der Bundesre-
       publik Deutschland,  weil die Haltung der Bundesregierung für das
       Zustandekommen der  Brüsseler Beschlüsse vom 12.12.1979 entschei-
       dend gewesen ist.
       Sie selbst  haben früher  einmal gesagt, "im übrigen, glaube ich,
       wird man  mit großem Erfolg den Menschen vor Augen führen können,
       daß die  Opposition gegen  die atomare  Bewaffnung in einer Front
       steht mit  so hervorragenden  Führern der  Menschheit wie  Albert
       Schweitzer oder  Pandit Nehru, in einer Front steht mit über 9000
       Wissenschaftlern aus  40 Ländern  der Welt, die durch ihre Unter-
       schrift bezeugten, daß sie die atomare Bewaffnung für einen Wahn-
       sinn ansehen".
       Es ehrt  Sie,  dies  gedacht  und  ausgesprochen  zu  haben!  Für
       Deutschland und  seine Nachbarn bitten wir Sie, heute nach dieser
       unverändert gültigen Einsicht zu handeln!
       
       gez. Gert  Bastian, Petra K. Kelly, Martin Niemöller, Helmut Rid-
       der, Christoph Strässer, Gösta von Uexküll, Josef Weber
       

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