Quelle: Blätter 1981 Heft 07 (Juli)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DIETER LATTMANN: WARUM ICH DEN KREFELDER AUFRUF UNTERSTÜTZE
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       (Wortlaut)
       
       1. Das Wort "Nachrüstung" verharmlost, was tatsächlich geschieht:
       Das Wettrüsten in West und Ost steigert die Kriegsgefahr.
       2. Wenn  die vorhandenen Atomwaffen ausreichen, um die Menschheit
       fünfzehnmal zu  vernichten,  geht  es  bei  der  Diskussion  über
       Nachrüstung um das sechzehnte Mal.
       3. Wer  die Wirkung  der A,  B, C-Waffen  kennt und  dennoch  be-
       hauptet, die Bevölkerung der Bundesrepublik könne einen Krieg mit
       diesen Waffen überleben, ist kein Realist.
       4. Bisher  funktionierte die Abschreckung, doch niemand weiß, wie
       lange noch.  Immer mehr Menschen können nicht weiter glauben, daß
       immer mehr  Atomraketen auf deutschem Boden immer mehr Sicherheit
       bedeuten.
       5. Der Krefelder Appell wird von Hunderttausenden in der Bevölke-
       rung getragen,  nämlich von Mitgliedern aller Parteien im Bundes-
       tag, von  der Friedensinitiative in den Kirchen, von unabhängigen
       Bürgern, von  Angehörigen der  Gewerkschaften und  Verbände,  der
       Schumacher-Gesellschaft und der Heinemann-Initiative, von Grünen,
       Alternativen und  natürlich der  Friedensgesellschaft. Den Appell
       ablehnen, weil  auch einige  Kommunisten ihn  mittragen, ohne ihn
       vorherrschend zu beeinflussen, entspricht reaktionäres Tradition.
       Als einmal  dem Bundestag sechzehn kommunistische Abgeordnete an-
       gehörten, ging die Demokratie dadurch keineswegs zugrunde.
       6. Die  neue Friedensbewegung  paßt in  kein Links-rechts-Schema,
       sie geht alle an.
       7. Die Behauptung, die Sowjetunion sei stärker als der Westen ge-
       rüstet, entspricht  nicht den Tatsachen. Die Wirtschaftskraft und
       folglich die  Rüstungsmöglichkeiten der  USA und der NATO-Staaten
       sind dem Warschauer Pakt überlegen.
       8. Heute  gibt es zum erstenmal mit einem Grad an Gewißheit neben
       dem Pazifismus  des Gefühls  und der  religiösen  wie  sittlichen
       Überzeugung auch  den Pazifismus  der Klugheit  und der rechneri-
       schen Vernunft  - für ihn kennt das Grundgesetz noch keine Formu-
       lierung, aber seinem Geist nach gewiß Handlungsspielraum.
       9. Diese  Entschiedenheit zur Friedenspflicht kann niemand, außer
       er sei  böswillig oder  töricht, ins Lager der Weltfremdheit ver-
       weisen und als Phantasterei abtun. Denn sie beruht auf der Kennt-
       nis alles  vernichtender Waffen wie auf Ergebnissen der Friedens-
       forschung. Sie zu ignorieren, wäre deswegen - vor allem unter Po-
       litikern - ein Mangel an Intelligenz wie an Menschlichkeit.
       10. Die  neue Friedensbewegung  ist nicht so kurzsichtig, einsei-
       tige sprunghafte  Abrüstung zu fordern. Sie erkennt jedoch in der
       stufenweisen Abrüstung  beider Supermächte  und ihrer Paktstaaten
       unsere einzige langfristige Lebensaussicht.
       11. Entweder  werden die Industrienationen lernen, ohne Kriege zu
       leben, oder  es besteht die konkrete Gefahr, daß wir uns alle ge-
       genseitig umbringen. Das ist das wirklich Neue auf der Welt.
       Niemals zuvor wurde Menschen aus eigener Machtvollkommenheit eine
       so absolute Grenze gesetzt.
       12. Deswegen  sollten die  Kirchen den Krieg ächten und nicht nur
       die Politiker  zur Ächtung  der Atomwaffen auffordern, wie es der
       Papst in Hiroshima getan hat.
       13. Alle Rechenexempel, die Experten uns vormachen, indem sie nur
       begrenzte Anwendung  der Vernichtungswaffen  mutmaßen,  schließen
       vielerlei aus:  den Irrationalismus  ideologischer Systeme in Ost
       und West, den Zynismus mächtiger Greise in der Politik, die Toll-
       wut der  Diktatoren und  die Wahrscheinlichkeit technischer Kata-
       strophen.
       14. Es  ist verständlich, daß der Sinneswandel so vieler Menschen
       auf jede  herkömmliche Politik  und ihre  Politiker  beunruhigend
       wirkt. Aber sie sollten ihn nehmen als das, was er ist: nicht als
       Antiamerikanismus, sondern  als Ausdruck vitaler Lebensinteressen
       in unserem Land wie überall in Europa in West und Ost. Das Umden-
       ken erfordert soviel Nüchternheit wie politische Phantasie.
       15. Der  Frieden kann  nur noch durch den Frieden verteidigt wer-
       den. Die  soziale Spannung zwischen Nord und Süd wird niemand lö-
       sen, ohne  in allen  Gegensätzen zwischen  Ost und  West  dennoch
       Frieden zu halten.
       
       Bonn, 14. Mai 1981
       

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