Quelle: Blätter 1981 Heft 07 (Juli)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       "FRIEDEN SCHAFFEN OHNE WAFFEN" AUFRUF ZUR ZWEITEN
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       BUNDESWEITEN FRIEDENSWOCHE VOM 15. BIS 21. NOVEMBER 1981
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       (Wortlaut)
       
       Seit dem  Ende des Zweiten Weltkrieges, der mehr als 50 Millionen
       Menschenleben kostete,  hat es  127 Kriege  gegeben, an  denen 88
       Staaten beteiligt  waren. Ihre  Gesamtdauer betrug  mehr als  369
       Jahre. Sie forderten 32 Millionen Opfer.
       Etwa eine  Milliarde Menschen  in Asien, Afrika und Lateinamerika
       hungern, viele  davon ständig an der Grenze zum Tode. Sie sterben
       nicht erst  am Krieg, sie sterben schon an der Rüstung, die welt-
       weit jährlich  500 Milliarden  Dollar verschlingt.  Das sind mehr
       als 100 Millionen DM stündlich.
       Wir leben  in einem  Land, das  sich einst  schwor:  "Nie  wieder
       Krieg!", einem  Land mit den dritthöchsten Militärausgaben, einer
       schnell wachsenden  Zuwachsrate an Rüstungsexporten und der größ-
       ten Atomwaffen-Dichte  der Erde,  einem Land,  das  -  so  Helmut
       Schmidt -  nur um den Preis seiner Zerstörung zu verteidigen ist.
       Die Bundesregierung  befürwortet jedoch  den Plan  der USA,  neue
       Mittelstreckenraketen hier  zu stationieren,  obwohl diese Waffen
       die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges vergrößern.
       Bisher gilt der Satz: Die Angst, die ich meinem Gegner mache, si-
       chert meinen  Frieden. Dagegen  wächst die Erkenntnis: Die Angst,
       die ich  dem Gegner nehme, gewährleistet meine eigene Sicherheit.
       Deshalb treten  wir für kalkulierte einseitige Abrüstungsschritte
       ein.
       Wir dürfen  den Frieden nicht einigen wenigen "Experten" überlas-
       sen. Nur  durch die  Beteiligung möglichst vieler Menschen dieses
       Landes an der Meinungsbildung in Fragen von Rüstung und Abrüstung
       ist eine  Veränderung der augenblicklichen Situation denkbar. Das
       heißt: Wir  müssen uns  stärker unseres  Friedensauftrages bewußt
       werden, über  Formen und  Möglichkeiten nichtmilitärischer  Frie-
       densstärkung nachdenken,  uns der Frage stellen, wie Frieden ohne
       Waffen geschaffen  werden kann.  In diesem  Sinne muß es zu einem
       gemeinsamen Handeln aller Menschen kommen.
       Eine Möglichkeit dazu bietet die zweite bundesweite Friedenswoche
       unter dem  Motto FRIEDEN  SCHAFFEN OHNE  WAFFEN, die  die  Aktion
       Sühnezeichen/Friedensdienste und  die Aktionsgemeinschaft  Dienst
       für den  Frieden initiieren. Landeskirchen, Kirchengemeinden, Ju-
       gendorganisationen, Schulen, Gewerkschaften, Dritte-Welt-Gruppen,
       Bürgerinitiativen, Frauengruppen,  Seniorenkreise..., kurz:  alle
       sind auf  gefordert, sich  an den Aktivitäten vom 15. bis 21. No-
       vember 1981 in der ihnen möglichen Form zu beteiligen, sei es mit
       Gottesdiensten, Veranstaltungen,  Aktionen, Ausstellungen, Unter-
       richtseinheiten oder gar durch die Organisation einer Friedenswo-
       che vor Ort. Wir regen als gemeinsame bundesweite Aktionsform die
       Durchführung von lokalen Friedensmärschen am Samstag, dem 21. No-
       vember 1981, an. Wir rufen dazu auf, sich vor allem mit der bren-
       nenden Frage  der Stationierung  von US-Mittelstreckenraketen  in
       unserem Land  zu beschäftigen.  Wir bieten dazu einen "Vorschlag"
       an, der  sich gegen  ihre Stationierung  wendet und eine entspre-
       chende Selbstverpflichtung enthält.
       
       Anhang: Keine neuen Atomwaffen in der Bundesrepublik! -
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       Ein Vorschlag zur Auseinandersetzung
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       Die Zeit drängt
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       1983 beginnt  mit der  Stationierung von neuen atomaren Waffensy-
       stemen eine weitere Phase der Aufrüstung in Westeuropa. 108 Pers-
       hing-II-Raketen und 464 Marschflugkörper (Cruise Missiles) sollen
       stationiert werden,  die  meisten  davon  in  der  Bundesrepublik
       Deutschland. Dies hat der NATO-Rat am 12. Dezember 1979 beschlos-
       sen, verbunden mit dem Auftrag an die USA, mit der UdSSR Verhand-
       lungen über  diese neuen Mittelstreckenraketen zu führen. Erfolg-
       reiche Abrüstungsverhandlungen  sind dringend  nötig, bisher aber
       leider nicht in Sicht.
       
       Müssen wir "nach"rüsten?
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       Die Stationierung  neuer US-Mittelstreckenraketen  in  Westeuropa
       wird damit begründet, das militärische Gleichgewicht zwischen Ost
       und West werde mit der Einführung von SS-20-Raketen durch die So-
       wjetunion erheblich  gestört. Die  SS-20 soll  die alten sowjeti-
       schen Raketen  SS-4 und  SS-5 ablösen. Gegenüber ihren Vorgängern
       handelt es  sich zweifellos  um eine deutlich verbesserte Mittel-
       streckenrakete. Aber:  die SS-20  ändert nichts  an der Tatsache,
       daß die  Sowjetunion mit  diesen Waffen nur die europäischen Ver-
       bündeten der  USA bedroht  und nicht die USA selbst. Entsprechend
       bedroht die  NATO von  Westeuropa aus schon jetzt die Verbündeten
       der UdSSR mit Mittelstreckenraketen, aber nicht die UdSSR selbst.
       Bislang haben  weder die USA noch die UdSSR Mittelstreckenraketen
       auf dem  Boden ihrer  jeweiligen Verbündeten stationiert, die bis
       in das  Gebiet einer der beiden Großmächte reichen. Die neuen US-
       Mittelstreckenraketen aber schaffen eine neue Situation: sie wer-
       den den  westlichen Teil  der Sowjetunion  erreichen können.  Die
       Pershing II sogar in einer Flugzeit von noch nicht einmal 7 Minu-
       ten. Das bedeutet: der NATO-Ratsbeschluß stellt eine neue und zu-
       sätzliche Bedrohung  für die  UdSSR dar. Es entsteht eine ähnlich
       bedrohliche Zuspitzung wie in der Kuba-Krise 1962. Mit einer ent-
       sprechenden Antwort der UdSSR ist deshalb zu rechnen.
       
       Die neuen Waffen machen uns nicht sicherer
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       Das Gegenteil  ist der  Fall. Jede  technische  Verbesserung  der
       Atomwaffen steigert die Unsicherheit. Die neuen Waffen werden im-
       mer treffsicherer und können gezielter eingesetzt werden. Dadurch
       meint man  den Schaden  begrenzen zu können, die Hemmungen, Atom-
       waffen einzusetzen, werden geringer. Zugleich sind die neuen Waf-
       fen immer  schwerer von den Warn- und Abwehrsystemen zu erfassen.
       So erwarten  westliche Militärs,  daß die  Sowjetunion nicht ohne
       weiteres Marschflugkörper  selbst bauen  und  sich  vorerst  auch
       nicht gegen  sie schützen könne. Durch diese technischen Entwick-
       lungen wächst  auf beiden  Seiten die  Angst  vor  einem  Überra-
       schungsschlag. Zugleich  wächst auch  die Bereitschaft,  notfalls
       diesen ersten Schlag selbst zu führen. Die militärischen Möglich-
       keiten für einen solchen "Erstschlag" werden vorbereitet.
       
       Hauptzielgebiet der Atomwaffen: unser Land
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       Wenn ein  Krieg  in  Europa  ausbricht,  ist  die  Bundesrepublik
       Deutschland das  erste Ziel  der Atomraketen der UdSSR. Wenn grö-
       ßere militärische  Verbände eindringen,  wird unser Land auch zum
       Zielgebiet für  den atomaren Gegenschlag der eigenen Bündnispart-
       ner. Nach einem Atomkrieg ist es nicht mehr bewohnbar.
       
       Die Zerstörungskraft der schon gelagerten Atomwaffen
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       ist unvorstellbar
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       "In einem weltweiten Nuklearkrieg wurde mehr Zerstörungskraft als
       je im  gesamten Zweiten Weltkrieg freigesetzt werden, und zwar in
       jeder Sekunde des langen Nachmittags, den man für den Abschuß und
       Abwurf aller Raketen und Bomben benötigen würde; in jeder Sekunde
       würde ein  Zweiter Weltkrieg stattfinden, und in den ersten Stun-
       den würden  mehr Menschen  getötet als  in allen  Kriegen der Ge-
       schichte zusammen".  (Präsident Carter  in seiner letzten Fernse-
       hansprache.) Nur  76 Sprengköpfe genügen, um drei Viertel der Be-
       völkerung der  Bundesrepublik auszulöschen.  Allein in Westeuropa
       aber lagern mehr als 7 000.
       
       Aus all diesen Gründen wehren wir uns gegen die Stationierung der
       neuen US-Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik Deutschland.
       
       Jeder muß anfangen, vor seiner eigenen Tür zu kehren!
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       Wenn wir uns entschlossen gegen die neuen Atomwaffen wenden, wer-
       den wir  politischen Einfluß  gewinnen und die Stationierung ver-
       hindern helfen.  Anlaß zur Hoffnung gibt der starke Widerstand in
       Belgien, den Niederlanden und Großbritannien. Auch in den Kirchen
       wächst  der  Widerstand  gegen  die  atomaren  Waffen:  "Es  gibt
       schlechthin keinen  Wert, und  sei er  noch so  hoch, der  um den
       Preis von  einigen  hundert  Millionen  Toten  verteidigt  werden
       dürfte oder müßte", sagt das im Auftrag der evangelischen Kirchen
       der DDR  herausgegebene Glaubensbuch  "Aufschlüsse";  wir  müssen
       deshalb "zu  bedingungslosen Gegnern  der modernen Massenvernich-
       tungsmittel" werden.  In den Niederlanden hat der Interkirchliche
       Friedensrat mit seiner Kampagne gegen die Stationierung von Atom-
       waffen eine  große Breitenwirkung erzielt. Die Synode der Nieder-
       ländisch-Reformierten Kirchen  hat im November 1980 nicht nur die
       Anwendung, sondern auch den Besitz von und die Drohung mit atoma-
       ren Waffen  aus christlicher Verantwortung abgelehnt. Auch in der
       Bundesrepublik haben  mehrere Synoden  die Notwendigkeit  von be-
       grenzten Vorleistungen in der Abrüstung betont.
       Unsere Forderung  "Keine neuen  Atomwaffen in der Bundesrepublik"
       meint einen  ersten Schritt  zur Abrüstung Jede allgemeine Forde-
       rung nach  Abrüstung und  Ächtung der Atomwaffen wird unglaubwür-
       dig, wenn  wir nicht  in der  Lage und bereit sind, diesen ersten
       konkreten Schritt zu tun. Wir stellen unsere Forderung in der Er-
       wartung, daß die UdSSR ihrerseits mit wirksamen Schritten zur Ab-
       rüstung antwortet.
       
       Krisen der Entspannung dürfen uns nicht irre machen
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       Der NATO-Ratsbeschluß  beschleunigt nicht  nur den  Rüstungswett-
       lauf, sondern  erhöht auch  die Spannungen zwischen West und Ost.
       Deshalb ist  der Stationierungsbeschluß auch gegen die gerade für
       unser Land  notwendige  Entspannungspolitik  gerichtet.  Entspan-
       nungsgegner treiben uns in eine neue Phase des Kalten Krieges und
       schüren Angst, Mißtrauen und Kriegsbereitschaft. Wir setzen dage-
       gen auf  die wachsende Einsicht, daß es ohne Frieden kein Überle-
       ben gibt. Wir wissen, daß viele Menschen mit uns bereit sind, der
       Politik der  Bedrohung Einhalt  zu gebieten. Wenn wir Entspannung
       wollen, müssen  wir uns gegen die Stationierung der neuen Mittel-
       streckenraketen wenden.
       
       Deshalb bitten wir Sie um Ihre Mitarbeit
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       Wir wenden uns gerade auch an die Mitbürger, die meinen, auf eine
       militärische Verteidigung  nicht verzichten zu können. Wir können
       nicht länger  die Verantwortung für den Frieden allein Politikern
       und Militärfachleuten überlassen.
       
       Überall darüber reden
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       Machen Sie  die neuen US-Mittelstreckenraketen überall zum Thema:
       zu Hause,  unter ihren  Bekannten und Freunden, an Ihrem Arbeits-
       platz, in  der Schule  und Universität, in Ihrer Kirchengemeinde,
       in den Gruppen und Vereinen, deren Mitglied Sie sind, in der Par-
       tei, die  Sie wählen, an dem Ort und in der Stadt, in der Sie le-
       ben... überall.  Den Politikern  muß deutlich  werden, daß  große
       Teile der  Bevölkerung die  atomare Aufrüstung  nicht wollen  und
       nicht hinnehmen werden. Wenn Sie nicht zustimmen können, überden-
       ken Sie  doch noch  einmal, was  jedes Ihrer  Argumente wert ist.
       Bitte, prüfen Sie, ob die neuen Waffen nicht all das zu zerstören
       drohen, was sie verteidigen sollen. Wir sind zum Gespräch mit Ih-
       nen gern bereit.
       
       Helft die Atomwaffen aus der Welt zu schaffen!
       Beginnen wir damit auch in der Bundesrepublik!
       Keine neuen Atomwaffen in der Bundesrepublik!
       
       Sich selbst verpflichten
       
       Wir laden Sie ein, folgende Verpflichtung einzugehen:
       Ich werde  nach meinen  Kräften und Möglichkeiten dazu beitragen,
       die Stationierung neuer US-Mittelstreckenraketen in unserem Lande
       zu verhindern.  Ich bin  bereit, überall  in meiner  Umgebung die
       Frage der  Atomwaffen zur  Diskussion zu  stellen. Ich  will mich
       über diesen ersten Schritt für weitere kalkulierte einseitige Ab-
       rüstungsschritte einsetzen  auf dem  Weg  zur  Abschaffung  aller
       Atomwaffen.
       
       Kontaktanschrift:  Aktion  Sühnezeichen/Friedensdienste,  Jebens-
       straße 1, 1000 Berlin 12, Telefon: (030) 310261
       

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