Quelle: Blätter 1981 Heft 07 (Juli)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUFRUF DER BERTRAND RUSSELL PEACE FOUNDATION
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       "FÜR EIN ATOMWAFFENFREIES EUROPA"
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       (Wortlaut)
       
       Am 11.  Juni 1981  stellte die  Bertrand-Russell-Friedensstiftung
       ihren "Aufruf für ein atomwaffenfreies Europa" in Bonn der Presse
       vor, Teilnehmer  der Pressekonferenz  waren u.a.  der Beauftragte
       der Bertrand Russell Peace Foundation für die Bundesrepublik, Ru-
       dolf Bahro,  General a.  D. Gert Bastian, Petra Kelly, Jo Leinen,
       Vertreter der  Inernationalen Liga für Menschenrechte und Vertre-
       ter von britischen und französischen Friedensbewegungen. Nachste-
       hend der Aufruf der Russell-Foundation im Wortlaut. D. Red.
       
       Wir stehen  an der  Schwelle des gefährlichsten Jahrzehnts in der
       Geschichte der  Menschheit. Ein  dritter Weltkrieg  ist nicht nur
       möglich, sondern er wird auch immer wahrscheinlicher. Ökonomische
       und soziale Schwierigkeiten in den entwickelten Industrieländern,
       Krisen, Militarismus  und Krieg  in der "Dritten Welt" bilden die
       Grundlage politischer  Spannungen,  die  einen  wahnwitzigen  Rü-
       stungswettlauf anheizen.  In Europa,  dem  geographischen  Haupt-
       schauplatz der  Ost-West-Konfrontation, tauchen neue Generationen
       immer mörderischerer Atomwaffen auf.
       Seit über  fünfundzwanzig Jahren  verfügen die  Militärmächte der
       NATO wie  des Warschauer  Vertrages über genügend atomare Waffen,
       um sich  gegenseitig zu vernichten und gleichzeitig die Grundlage
       des zivilisierten  Lebens überhaupt  zu gefährden.  Doch Jahr für
       Jahr hat  das atomare Wettrüsten ihre Anzahl vervielfacht und da-
       mit die  Wahrscheinlichkeit eines  katastrophischen Unfalls  oder
       Berechnungsirrtums erhöht.
       Während jede Seite sich bemüht, ihre Bereitschaft zum Einsatz von
       Atomwaffen unter Beweis zu stellen, um so deren Einsatz durch die
       andere Seite  zu verhindern,  werden neue "einsatzfähigere" Atom-
       waffen entwickelt  und wird  die Öffentlichkeit  mehr und mehr an
       die Vorstellung  eines "begrenzten"  Atomkrieges gewöhnt. Das ge-
       schieht in  einem solchen  Umfang, daß diese paradoxe Entwicklung
       logischerweise nur  zum tatsächlichen Einsatz von Atomwaffen füh-
       ren kann.
       Keine der  fahrenden Mächte  ist heute in einer moralischen Posi-
       tion, aus der sie kleinere Länder zum Verzicht auf Atomwaffen be-
       wegen könnte.  Die zunehmende Verbreitung von Kernkraftwerken und
       das Wachstum der sie betreibenden Industrie machen eine weltweite
       Verbreitung von  Atomwaffen immer wahrscheinlicher und vervielfa-
       chen somit die Risiken von atomaren Auseinandersetzungen.
       Seit Jahren  drängt die öffentliche Meinung auf atomare Abrüstung
       und Entspannung  zwischen den rivalisierenden militärischen Blöc-
       ken. Dieses  Bemühen ist  erfolglos geblieben. Ein wachsender An-
       teil des  weltweiten Wirtschaftspotentials  wird auf Rüstung ver-
       wendet, obgleich  die gegenseitige  Vernichtung längst im Übermaß
       gewährleistet ist. Diese ökonomische Belastung trägt im Osten und
       im Westen  zu wachsenden  sozialen und politischen Spannungen bei
       und setzt  einen Teufelskreis  in Bewegung, in dem das Wettrüsten
       von der  Instabilität der  Weltwirtschaft zehrt und umgekehrt ein
       tödliches Wechselspiel.
       Wir befinden  uns heute  in großer  Gefahr. Generationen  sind im
       Schatten eines  Atomkriegs aufgewachsen und haben sich an die Be-
       drohungen gewöhnt. Die Besorgnis ist der Apathie gewichen. Unter-
       dessen hat  sich in  unserer Welt,  die unterständiger  Bedrohung
       lebt, in  beiden Hälften  Europas Furcht  ausgebreitet. Die Macht
       des Militärs  und der  inneren Sicherheitsorgane  wird erweitert,
       freier Austausch von Gedanken und Verkehr von Personen werden Be-
       schränkungen unterworfen, und die Bürgerrechte unabhängig denken-
       der Menschen sind im Osten wie im Westen gefährdet.
       Es geht  uns nicht um eine Aufteilung der Schuld zwischen den po-
       litischen und  militärischen Führern  des Ostens und des Westens.
       Schuld trifft  beide Kontrahenten gleichermaßen. Beide haben eine
       drohende Haltung  angenommen und in verschiedenen Teilen der Welt
       Aggressionsakte begangen.
       Gleichzeitig müssen  wir das  Recht aller  Bürger in Ost und West
       verteidigen und  ausweiten, an dieser gemeinsamen Bewegung und an
       jeder Art von Meinungsaustausch teilzunehmen.
       Wir appellieren an unsere Freunde in Europa, gleich welchen Glau-
       bens und  welcher Weltanschauung,  intensiv darüber nachzudenken,
       auf welche Weise wir für diese gemeinsamen Ziele zusammenarbeiten
       können. Wir  stellen uns  eine gesamteuropäische Kampagne vor, in
       der die verschiedensten Formen des Austauschs stattfinden, in der
       Vertreter verschiedener  Länder und Meinungen miteinander beraten
       und ihre  Aktionen koordinieren  und in  der die mehr informellen
       Begegnungsformen zwischen Universitäten, Kirchen, Frauenorganisa-
       tionen, Gewerkschaften,  Jugendorganisationen, Berufsorganisatio-
       nen und  Individuen für ein gemeinsames Ziel genutzt werden: ganz
       Europa von Atomwaffen zu befreien.
       Es liegt bei uns, dagegen etwas zu tun. Wir müssen gemeinsam dar-
       auf hinarbeiten,  das gesamte  Territorium Europas, von Polen bis
       Portugal, von  atomaren Waffen, von Luft- und U-Boot-Stützpunkten
       und von allen Einrichtungen freizumachen, die mit der Erforschung
       oder Herstellung von Atomwaffen beschäftigt sind. Wir fordern die
       beiden Supermächte  auf, sämtliche  Atomwaffen  vom  europäischen
       Territorium abzuziehen.
       Insbesondere fordern  wir die Sowjetunion auf, die Produktion der
       SS-20-Mittelstreckenraketen einzustellen,  und ersuchen  wir  die
       Vereinigten Staaten,  ihren Beschluß  über  die  Entwicklung  von
       Marschflugkörpern (Cruise  Missiles) und  Pershing-II-Raketen zur
       Stationierung in  Westeuropa nicht  durchzufahren. Ferner drängen
       wir auf  die Ratifizierung des SALT-II-Abkommens, einem notwendi-
       gen Schritt  auf dem  Weg zur  Wiederaufnahme von effektiven Ver-
       handlungen über eine allgemeine und vollständige Abrüstung.
       Wir müssen  damit anfangen,  so zu handeln, als ob ein vereintes,
       neutrales und friedliches Europa bereits existierte.
       Wir müssen  lernen, nicht  gegenüber dem  "Osten" oder  "Westen",
       sondern untereinander  loyal zu sein, und wir müssen uns über die
       von den  Nationalstaaten verhängten  Verbote  und  Beschränkungen
       hinwegsetzen.
       Es liegt  in der  Verantwortung der Bevölkerung jedes Landes, auf
       die Beseitigung  von Atomwaffen  und Stützpunkten  in Europa,  zu
       Land und  zu Wasser,  hinzuarbeiten und über die ihrem Land ange-
       messenen Mittel  und Strategien  zur Erreichung  dieses Zieles zu
       entscheiden. Diese  werden von Land zu Land verschieden sein; wir
       sind nicht  der Ansicht, daß eine einheitliche Strategie durchge-
       setzt werden  muß. Aber  dies muß  Thema einer transkontinentalen
       Bewegung sein, in der alle möglichen Formen des Austauschs statt-
       finden können.
       Wir müssen  uns allen  Versuchen von  Politikern aus Ost und West
       widersetzen, diese  Bewegung zu  ihrem eigenen Vorteil zu manipu-
       lieren. Wir  wollen weder  der NATO  noch dein Warschauer Vertrag
       Vorteile verschaffen.  Vielmehr muß es unser Ziel sein Europa aus
       der Konfrontation  zu lösen, Entspannung zwischen den Vereinigten
       Staaten und  der Sowjetunion  durchzusetzen und  schließlich  die
       großen Machtblöcke aufzulösen.
       Wenn wir an unsere europäischen Landsleute appellieren, so bedeu-
       tet das  nicht, daß wir der übrigen Welt den Rücken zukehren. In-
       dem wir  für den Frieden in Europa arbeiten, arbeiten wir für den
       Frieden in  der Welt. Europa hat schon zweimal in diesem Jahrhun-
       dert seinen  zivilisatorischen Anspruch mit Füßen getreten, indem
       es zwei  Weltkriege angezettelt hat. Dieses Mal müssen wir unsere
       Schuld gegenüber  der Welt  begleichen, indem wir zum Frieden an-
       stiften.
       Dieser Appell  wird wirkungslos  bleiben, solange  er  nicht  von
       zielbewußten und  phantasievollen Aktionen  begleitet  wird,  die
       mehr Menschen für seine Unterstützung gewinnen können. Wir müssen
       der Forderung  nach einem atomwaffenfreien Europa überwältigenden
       Nachdruck verleihen.
       Wir wollen  der Bewegung  weder Uniformität  aufzwingen noch  den
       Überlegungen und  Entscheidungen der  zahlreichen  Organisationen
       vorgreifen, die  schon ihren  Einfluß zugunsten von Abrüstung und
       Frieden geltend  machen. Aber  die Zeit  drängt. Die Gefahr nimmt
       ständig zu.  Wir bitten um Ihre Unterstützung für unser gemeinsa-
       mes Ziel und wir begrüßen Ihren Rat und Ihre Hilfe.
       

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